Nicht jeder fängt mal klein an. Manche fangen nie an. Andere fangen einfach an und machen sich nicht groß Gedanken über die Folgen. Was gab's da auch schon groß zu bedenken 1985, im tiefsten Sozialismus? Was der Verlag für die Frau druckte, wurde gekauft. Und wenn's auch noch was für die Westentasche war oder den Nikolausstiefel, erst recht.

Und so waren Koch- und Backbüchlein 1985 noch Exoten in einem breiten Verlagsprogramm, sozusagen das Sahnehäubchen in einem Spektrum, mit dem der Leipziger Verlag die notwendige Alltagsliteratur für den ganzen Osten produzierte. Neun Titelchen produzierte man so bis 1989, bis zu dieser Holperstelle der Geschichte, als auch der Verlag für die Frau alle Phasen der Not durchmachte, eben noch die absolute Nr. 1 in einem bedürftigen Land, und nun unverhofft der kleine Konkurrent gegen Giganten aus einer Branche, die den Markt schon längst unter sich aufgeteilt hatten. Die Zäsur zeichnet sich auch im Programm der kleinen Bücher ab. 1990 stand tatsächlich die Frage, ob die Leute die kleinen Bändchen doch noch kaufen würden. Und sie kauften. Die Büchlein wurden ziemlich schnell zum festen Bestandteil des neuen Verlagsprogramms.

Und sie wurden immer kreativer, griffen neue Themen auf, wurden sogar literarischer und manchmal sogar frecher. Wer die Reihe der Winzlinge aus dem nun in Buchverlag für die Frau umbenannten Verlag verfolgt hat, hat gemerkt, wie sich der deutlich kleiner gewordene Verlag nun auch mehr Lust und Spritzigkeit zutraute, auch mal experimentierte, was bei den Winzlingen nicht gar so risikoreich ist.

Und dann irgendwann waren die Winzlinge so fest im Programm, dass es einfach undenkbar wurde, dass es nicht ein halbes Dutzend Minis zur nächsten Buchmesse gab. 1995 war die Titelzahl schon auf erstaunliche 50 gewachsen. Das war der Zeitpunkt, als sich der Verlag entschloss, die Sache endlich auch Minibibliothek zu nennen und damit ernsthaftes Dranbleiben zu signalisieren. Denn damit wuchs die Serie so langsam in die Dimensionen auch wesentlich bekannterer Buchreihen aus deutschen Verlagen hinein.

Das feierte man noch klein, aber die nächsten “Jubiläen” kamen dann immer schneller heran. Und sie wurden auch bewusst so inszeniert: Die Nr. 100 erschien 1999 und war dem beliebtesten Fernsehstar des Ostens gewidmet – nein, nicht Goijko Mitic, sondern dem Sandmännchen, das 1999 auch zufällig 40. Geburtstag feierte. Die 150 wurde gleich als limitierte Sonderausgabe inszeniert: “Glanz des Schönen”. Das war 2004. Die 200 kam schon 2007 mit einem Bändchen für den Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer. Da hatten sich die Leser und Sammler der kleinen Bibliothek schon daran gewöhnt, dass es auch kleine Städtebändchen gab, Sprüche, Mini-Biografien und sogar Liebesgedichte. Die kleine Form zwang zur Kürze und entäußerte sich trotzdem in immer neuen kreativen Bildfindungen. Und immer deutlicher wurde, dass sich eigentlich fast alles anbot, im Kleinformat und komprimiert dargeboten zu werden. Manchmal wollen Käufer gar nicht mehr. Was man über Karl May wissen muss, steht in Nr. 201. Das Wetter hat in Nr. 202 stattgefunden. Und die begehrtesten Titel gibt es auch in eigenen englischen Versionen, wie Nr. 203, “The Ginkgo Myth”.

Die Nr. 250 kam – passend zum Jubiläum des Weißen Goldes – 2010 heraus: “Europas erstes Porzellan”.

Und 2014 sorgte Rolf Hochmuth dafür, dass der Verlag mit der Nr. 300 etwas Besonderes präsentieren konnte: seine erstveröffentlichte Erzählung “Frauen” als limitierte Sonderausgabe. Der Verlag betont es nun im Vorwort von Nr. 310 extra, dass man richtig glücklich ist, mit der Reihe die Sammlergemeinde der Mini-Bücher-Freunde für sich gewonnen zu haben. Sie kaufen die kleinen Ausgaben schon deshalb, weil sie so klein sind. Die Typographie stimmt auch, der Stoff ist in der Regel sauber gesammelt und gut verarbeitet.

Was eben nicht bedeutet, dass nur die Mini-Freunde die kleinen Bücher kaufen. Einige Titel sind zu Recht populär geworden und haben mittlerweile mehrere Auflagen erlebt. Vor 1999 waren es Kochbüchlein aus Sachsen und Thüringen, die bei den Käufern besondere Liebe fanden, seither führen Goethe-Zitate, der Ginkgo-Mythos und Sandmännchen die Verkaufsliste an.

In diesem kleinen Überschauband zur Minibibliothek findet man nicht nur alle bisher erschienen Titel und Varianten aufgeführt, rote und grüne Punkte verraten auch, ob das Büchlein nun längst vergriffen ist oder noch vorrätig ist. Was nicht bedeuten muss, dass die vergriffenen Titel nicht wieder kommen, denn so Manches, was fortgeht wie warme Semmeln erlebt immer neue Nachauflagen. Wobei selbst das einen erstaunlichen Einblick gibt in die Seele der Buchkäufer/innen: Liebesgedichte und Sanddornrezepte von 2006 erlebten flott mal vier Auflagen, die Holunderrezepte sogar sieben.

Das lässt ahnen, wie sehr diese Minis als kleines Geburtstagsgeschenk beliebt sind, wie sehr sie aber auch aus rein praktischem Interesse genommen werden. Vielleicht auch aus Platzgründen, denn wenn man allein hier in dieser Übersicht der Winzlinge sieht, welch ein breites Spektrum eigentlich die Küchen-, Garten- und Sammelkultur in heimischen Gefilden hat, dann kann man sich vorstellen, dass eine ordentliche Küchenbibliothek schnell aus allen Nähten und Angeln birst, wenn man sich nicht aufs kleine Format beschränkt. Eh man mit allen Kräuterrezepten durch ist, möchte man ja auch mal die Beeren-, Likör und Honigrezepte ausprobieren. Zwiebeln, Senf und Aronia haben sich sowieso längst in den Augwinkel gedrängelt nebst Fingerfood und selbstgebackenem Brot. Die Reihe regt im Grunde so richtig an zum Fremdgehen, Wildern und Probieren. Und jetzt kann auch jeder, der mag, nachlesen, welche Titel vielleicht noch in der eigenen Sammlung fehlen.

Und da auch dieser Band im gewohnten Format erschien, passt er natürlich auch in die Regalwand mit den schon erworbenen Minis.

Bibliografie 1985 bis 2015 Die Minibibliothek, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2015, 5 Euro.

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