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Ohne dramatische Klimaveränderungen sind weite Teile der Menschheitsgeschichte nicht zu begreifen

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    In letzter Zeit tauchen immer wieder neue Buchtitel auf, die sich mit der Frage beschäftigen, wie sehr Wetter und Klima eigentlich die menschliche Geschichte beeinflusst haben. Wetter und Klima sind zwei verschiedene paar Schuhe. Und auch der Historiker Ronald D. Gerste kann sich nicht so recht entscheiden, welchem er den Vorzug gibt. Denn beide Einflussfaktoren zeigen beeindruckende (und erschreckende) Folgen.

    Sie sind auch nicht immer wirklich trennscharf auseinander zu halten. Denn im konkreten historischen Moment begegnet den Menschen ja immer nur das spezielle Wetter. Das kann so extrem sein, dass es nicht nur den Ausgang von Schlachten, Reisen, Aufständen und Attentaten beeinflusst, sondern im Gefolge auch historische Entwicklungen. Da Ronald D. Gerste als Wissenschaftskorrespondent in Washington D.C. lebt, sind es vor allem Ereignisse aus der frühen und der jüngsten amerikanischen Geschichte, an denen er anschaulich macht, wie ein paar wenige extreme Wetterphänomene genügen, um den Gang der Geschichte gründlich zu verändern. Oder – auch das ist möglich – den uns bekannten Gang der Geschichte erst ermöglichten, weil die eigentlich schwächeren Akteure durch Phänomene wie Nebel, Blizzards, extreme Kälte im entscheidenden Moment einen wichtigen Vorteil hatten, der es ihnen ermöglichte, den deutlich stärkeren Gegner (zu Washingtons Zeiten natürlich die Weltmacht Großbritannien) zu besiegen.

    Unberechenbare „Wetterfenster“

    Da und dort springt Gerste mit seinen Geschichten auch nach Europa, aber auch dort steht eher Großbritannien im Mittelpunkt seiner Sicht: Ob es um die Vernichtung der spanischen Armada geht (bei der tatsächlich Nordseestürme den größten Teil der Vernichtungsarbeit erledigten) oder den berühmten D-Day, der nur in einem winzigen und fast unberechenbaren „Wetterfenster“ vonstatten gehen konnte, ohne in ein Debakel auszuarten, oder um die Niederlage der englischen Ritter gegen die schottischen Freischärler 1314 am Bannock – eigentlich ist den Historikern sehr bewusst, welche entscheidende Rolle das Wetter bei vielen Entscheidungen der Geschichte gespielt hat. Doch erst in den letzten Jahren haben sie begonnen, sich damit systematischer zu befassen. Wohl auch angeregt durch die nun seit Jahrzehnten immer heftiger geführte Klimadebatte.

    Denn die Schlacht am Bannock führt Gerste in diesem Fall nicht an, um die Rolle des Wetters im konkreten Fall zu zeigen (die schwer gepanzerten englischen Ritter sind im aufgeweichten Boden regelrecht abgesoffen), sondern um den Beginn einer wichtigen Klimaperiode zu markieren, die die europäische Geschichte über 500 Jahre prägte. Der „große Regen“ aus der Zeit um 1315, der nicht nur Schlachten entschied, sondern auch Ernten verdarb und Hunger und Seuchen brachte, ist quasi der Auftakt zu dem, was nach den Meteorologen nun auch die Historiker recht  konsequent die Kleine Eiszeit nennen.

    Sie beendete eine Blütezeit der europäischen Kultur, die um das Jahr 950 begann und heute als Mittelalterliche Warmperiode bezeichnet wird. Damals stiegen die Temperaturen auf ein Niveau wie in unserer Gegenwart und nach Jahrhunderten waren auch Gewässer des Nordatlantik wieder befahrbar und Regionen, die selbst in unserer Gegenwart oft noch unter Schnee und Eis liegen, verwandelten sich in bewohnbare Landschaften. Island und Grönland wurden von den Wikingern besiedelt und mittlerweile ist auch ihre Siedlungstätigkeit an der nordamerikanischen Küste belegt in einer Region, die sie Vinland nannten. Wein wächst dort bis heute nicht.

    Aber das kann sich ändern. Denn genau das erlebten die Menschen des Hochmittelalters: Mit den steigenden Temperaturen wurden nicht nur immer größere Flächen für die Landwirtschaft erschlossen (die Ernteerträge stiegen, die Bevölkerung verdoppelte sich), der Weinanbau drang bis nach Skandinavien vor. Und es kam gerade in Deutschland zu einer regelrechten Gründungswelle von Städten. Auch Leipzig gehört dazu – als Stadt um das Jahr 1165, also am Höhepunkt der Warmperiode, gegründet.

    Europaweit kam es nicht nur zu einem Aufschwung der Produktion (fast alle großen Kirchenbauwerke, die heute Europa prägen, wurden damals begonnen – der neue, in den Himmel schießende Kathedralentyp wurde zur Norm), auch Kunst und Wissenschaft blühten. In Italien und Frankreich wurden die ersten Universitäten gegründet. Und die deutschen Kaiser kamen relativ bequem über die Alpen in das von ihnen so heiß umkämpfte Italien. Das erwähnt Gerste zwar nicht, das gehört aber auch dazu. Denn die Geschichte aller großen Reiche ist aufs Engste mit warmen Klimaperioden verbunden. Das gilt auch für das Römische Reich für die Zeit von 200 vor unserer Zeitrechnung bis 300 Jahre danach. „Römisches Klimaoptimum“ wird diese Periode genannt.

    Niedergang des Römischen Reiches

    Und es ist kein Zufall, dass der Niedergang des Römischen Reiches mit einer europaweiten Klimaverschlechterung um das Jahr 300 einherging. Es gehört mittlerweile zu den akzeptierten Tatsachen in der Geschichtsforschung, dass klimatische Verschlechterungen auch immer mit einer Zunahme gesellschaftlicher Krisen einhergingen. Denn wenn die Temperaturen dauerhaft fielen, extreme Winter, Dürren oder Regenfälle die Ernten vernichteten, dann bedeutete das für alle früheren Gesellschaften eine echte existenzielle Not. Hunger und Seuchen griffen um sich. Und wenn die Lage einfach nicht mehr auszuhalten war, dann packten ganze Völker ihre Siebensachen und brachen auf in Regionen, in denen die Lage noch besser war.

    Das hat auch mit dem großen Rätsel zu tun, warum die germanischen Stämme damals die ganze Region zwischen Elbe und Weichsel, zwischen Erzgebirge und Ostsee praktisch völlig menschenentleert zurückließen. Die gewaltigen Trecks der Goten und Vandalen wälzten sich über Südosteuropa hinein ins Römische Reich, verwüsteten Rom und gründeten dort neue Königreiche.

    Es war justament genau die entgegengesetzte Fluchtrichtung, die heute die Flüchtenden aus Syrien eingeschlagen haben. Ein Gedanke, der nicht ganz beiläufig ist. Denn Gerste diskutiert gerade in Prolog und Epilog auch die möglichen Folgen des heutigen Klimawandels und die mehr oder weniger wissenschaftliche Debatte dazu. Was die weitere Erwärmung des Planeten konkret für unsere heutigen Gesellschaften bedeutet, weiß niemand.

    Die Tatsache, dass sich das Klima auch in der erfassbaren menschlichen Geschichte oft drastisch geändert hat, belegt zwar, dass beim Klima gar nichts sicher ist. Aber Gerste schildert auch die Folgen dieser dramatischen Veränderungen. Und da sollte all jenen, die die Folgen des möglichen Klimawandels gern kleinreden oder ignorieren, zumindest ein wenig angst und bange werden, denn in der Regel hatten diese Umbrüche gewaltige Rückgänge in der landwirtschaftlichen Erzeugung zur Folge – wenn nicht sogar ganze Landstriche unbewohnbar wurden. Und im Gefolge starben durch Hunger, Konflikte oder Seuchen, denen die geschwächten Menschen keine Widerstandskraft mehr entgegensetzen konnten, bis zu 30, 40, 50 Prozent der Bevölkerung. Europa brauchte über 400 Jahre, um sich von den dramatischen Bevölkerungsverlusten durch den Ausbruch der Kleinen Eiszeit zu erholen.

    Dunkles Zeitalter

    Was nicht ausschließt, dass sich die Probleme zum Höhepunkt der Kleinen Eiszeit sogar noch verschärften. Viele Historiker neigen dazu, auch den Dreißigjährigen Krieg als einen Konflikt im Gefolge zunehmender wirtschaftlicher Probleme zu interpretieren – ganz ähnlich wie den Feuertanz der Inquisition. Nicht das eigentliche Hochmittelalter war finster, sondern die Zeitalter danach waren es. Was übrigens auch für das berühmte Dunkle Zeitalter gilt zwischen dem Niedergang Roms und der Entstehung des nächsten Großreiches in Europa, dem Frankenreich Karls des Großen. Dunkel nennt man das Zeitalter vor allem, weil in dieser Zeit augenscheinlich nirgendwo stabile Staatsgebilde entstanden, dafür Völkerstämme und Kleinfürsten in permanenten Kriegs- und Raubzügen unterwegs waren – so wie die Angeln und Sachsen, die damals die kraftlosen britischen Kleinkönigreiche vernichteten.

    Gerste macht (auch mit Ausflügen nach China, Japan, Russland, Mittelamerika) recht anschaulich, wie sehr menschliche Geschichte in den vergangenen 2.500 Jahren von klimatischen Veränderungen bedingt war, wie oft das Wetter selbst für historische Wendepunkte sorgte. Und natürlich steht am Ende die Frage: Hat sich an dieser direkten Abhängigkeit eigentlich etwas geändert? Ist unsere moderne, technisierte Zivilisation gefeit gegen solche Umbrüche? – Nein, ist sie nicht. In den letzten Kapiteln geht Gerste noch kurz auf den Hurrikan Katrina ein, der 2005 New Orleans verwüstete, und auf die dramatische Trockenheit im Sonnenstaat Kalifornien, der dem Traumstaat der USA das Allerwichtigste entzieht: das so dringend benötigte Wasser.

    Mit der Hamburg-Flut von 1962 benennt er auch die Gefahren, die mit zunehmenden Pegelständen der Weltmeere auf die dicht besiedelten Küstenregionen zukommen.

    „Jahr ohne Sommer“

    Und dabei hat er in seinem Buch gigantische Wetter- und Klimaphänomene aus der Frühzeit der Menschheitsgeschichte nur gestreift, konzentriert sich bei diesem Thema vor allem auf die nicht unwichtige Rolle von Vulkanausbrüchen, die immer wieder für heftige Einschnitte wie das berühmte „Jahr ohne Sommer“ (1815 / 1816) sorgten. Am Ende hat man schon ein ganz gutes Gefühl dafür, wie wandelbar Wetter und Klima auf der Erde sind und wie sehr beide direkt in die jüngere Menschheitsgeschichte eingegriffen haben.

    Wir haben es also keineswegs mit einer homogenen Klimageschichte der letzten 3.000 oder 10.000 Jahre zu tun. Wobei immer zu berücksichtigen ist: Die Klimaausschläge in und zwischen den Eiszeiten, die bis vor 20.000 Jahren die Erdgeschichte prägten, waren noch viel heftiger. Es ist also wirklich angebracht, sich auch historisch und politisch mit dem Einfluss des Klimas auf die menschliche Zivilisation zu beschäftigen. Denn es reicht natürlich nicht, sich damit zu beruhigen, dass es solche klimatischen Veränderungen alle schon mal gegeben hat. Denn das, was solche dramatischen Klimaveränderungen für die betroffenen Gesellschaften jedes Mal bedeuten, kann kein Politiker wirklich wollen. Wobei der Zweifel nagt, ob gerade in den Zeiten, in denen rational agierende Politiker an den wichtigsten Schaltstellen gebraucht werden, solche auch gewählt werden.

    Denn die psychologischen Auswirkungen der dunklen Zeiten streift Gerste ja nur. Doch gerade dann neigen viele Menschen zu irrationalen Handlungen, feiern Aberglauben, Angst und Untergangsstimmung Auferstehung. Ein Buch zum Nachdenken darüber, wie vernünftig menschliches Handeln überhaupt noch sein kann, wenn auch moderne Gesellschaften in existenzielle Nöte geraten.

    Ronald D. Gerste Wie das Wetter Geschichte macht, Klett Cotta, Stuttgart 2015, 19,95 Euro.

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