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Hermann Vogels Fotografien des Leipzigs um 1900 im handlichen Pocket-Format

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    In den letzten Jahren haben immer wieder große Geschichten über die diversen Gläsernen Schätze aus ehemaligen Leipziger Fotografenateliers die Medien bewegt - mal war es der Fotoschatz von Hans Lindner, mal der von Hermann Walter oder (zuletzt) der von Bertha Wehnert-Beckmann. Nun darf der nächste Fotoschatz entdeckt werden: der von Hermann Vogel. Christoph Kaufmann hat ihn ausgegraben.

    Lange graben musste er natürlich nicht, denn die Fotoplatten befinden sich seit 1927 im Fundus des Stadtgeschichtlichen Museums. Seinerzeit vom Museum eher mit einem Stöhnen angenommen, weil man meinte, von den rund 500 angebotenen Glasplatten müssten nach „Inhalt und Erhaltung“ viele ausscheiden. Eine Formulierung, über die Christoph Kaufmann, Leiter der Fotografischen Sammlung im Stadtgeschichtlichen Museum, heute nur den Kopf schüttelt. Denn das Archiv der Kunsthandlung Hermann Vogel gehört heute zu den wertvollsten Teilen der Sammlung. Man könnte sich zwar noch mehr wünschen – so einen neugierigen Fotografen wie den Weimarer Louis Held zum Beispiel, der sich auch vor 1900 schon für den Alltag und die Arbeitswelten der Weimarer interessierte. Aber so eine Type gab’s in Leipzig augenscheinlich nicht. Und wenn es sie gab, hat sich das Archiv nicht erhalten oder angefunden. Und das, obwohl sich in Leipzig ab 1890 die Fotografen schon gegenseitig auf die Füße traten.

    Und auch Hermann Vogel, der seine Kunsthandlung direkt an der Theaterpassage in der Goethestraße 2 hatte, stieg eher beiläufig in die Fotografie ein – bot anfangs fotografische Kunstreproduktionen an und begann dann augenscheinlich um 1890 selbst mit der Kamera loszuziehen und ganz ähnliche Bilderwelten einzufangen wie der viel gerühmte Hermann Walter. Bilderwelten, von denen man heute gar nicht genug bekommen kann, denn ab 1890 durchlebte Leipzig eine ganz ähnliche Zeitenwende wie in der Gegenwart. Binnen zehn Jahren stieg die Einwohnerzahl von 295.000 auf 456.000. Kurz vorm ersten Weltkrieg wurde die 600.000 überschritten. Und die Stadt wuchs nicht nur – ihr Inneres wurde in weiten Teilen umgekrempelt. Der Bauboom hatte schon kurz nach 1871 angefangen. Und bislang war es eher üblich, diese Phase in der Leipziger Stadtgeschichte die Gründerzeit zu nennen.

    Deswegen verblüfft das preußische Wort Kaiserzeit im Titel. Woher kommt das? Macht sich hier die Nostalgie einer Gegenwart bemerkbar, die sich wieder nach Kaisern und Reichskanzlern sehnt?

    Das wäre tragisch. Vor allem auch, weil Leipzig auch in dieser prosperierenden Phase nicht unbedingt den Abglanz des kleindeutschen Kaiserreiches brauchte (auch wenn es damals seine Bismarckdenkmäler, Bismarckstraßen und das protzige Siegesdenkmal auf dem Markt bekam, das in einer frühen Fotografie von Hermann Vogel auch zu sehen ist – aber eher beiläufig).

    Viel auffälliger ist, dass Vogel wohl dasselbe Gefühl wie seine fotografierenden Zunftgenossen hatte: dass es pressierte, schnell noch mal große Teile der Stadt zu fotografieren, bevor die Gebäude platt gemacht wurden und was Neues hingebaut wurde. Das ging ihm mit der alten Pleißenburg so, mit dem alten Burgkeller, dem Haus zum Silbernen Bären und dem Thüringer Bahnhof, dem alten Mittelpaulinum und dem Ensemble von Augusteum und Paulinerkirche am Augustusplatz, bevor beide von Roßbach umgebaut wurden. Und die Kunden in Vogels Kunsthandlung kauften die Fotografien wahrscheinlich gern – die Bilder des eben gerade verschwundenen Leipzigs genauso wie die neu erbaute Pracht, die Hermann Vogel ebenfalls im Bild festhielt (ohne zu ahnen, dass auch da so manches Gebäude 120 Jahre später nicht mehr existieren würde – das Panorama auf dem Roßplatz etwa, die Neue Börse, das Bankhaus Becker am Augustusplatz oder das Bildermuseum).

    Dass auch seine wohl beliebte Kunsthandlung neben der Theaterpassage weichen würde, konnte Hermann Vogel natürlich auch nicht ahnen. 1904 ist er gestorben. Sein Sohn Rudolf setzte das Geschäft fort, musste aber 1927 ausziehen, weil die alte Theaterpassage abgerissen wurde und an dieser Stelle das neue Bank(hoch)haus Kroch entstand. Der Umzug in die Goethestraße 7 war dann wohl auch der Anlass für Rudolf Vogel, dem Stadtgeschichtlichen Museum die Glasplattensammlung seines Vaters anzubieten.

    Und da mäkelten die Museumsleute auch noch an der Qualität herum.

    417 Glasplatten aus diesem Vogel-Bestand haben im Museumsfundus überdauert. Und sie ermöglichen natürlich – wie Christoph Kaufmann betont – „einen faszinierenden Blick auf eine Stadt, die sich im Umbruch befindet“. Das mit dem „auf“ hat seine Berechtigung, denn Hermann Vogel (wenn er denn die Bilder selbst fotografiert haben sollte) hat auch immer gern erhöhte Standorte gesucht, um sein Leipzig zu fotografieren. Da und dort muss er von Balkonen oder gar Dächern aus fotografiert haben (was mit den alten Plattenkameras nicht ganz so einfach war wie mit den winzigen Digitalkameras von heute). Zuweilen aber muss er auch eine ordentliche Leiter mitgenommen haben, um zum Beispiel das Gewühl auf der Kleinmesse auf den Frankfurter Wiesen von oben zu fotografieren oder das Messegedrängel in der Grimmaischen Straße. Und natürlich fällt auf, dass er für die emsig durcheinander wuselnden Leipziger irgendwie doch einen sehr modernen Blick hatte. Das Bedauern von Christoph Kaufmann, dass Leipzig ein früher Fotograf fehlt, der auch den Blick fürs Alltagsgeschehen hatte, ist nur zu verständlich, denn einige Bilder Vogels zeigen, dass er diesen Blick eigentlich hatte. Viele seiner Bilder wirken regelrecht modern, die Menschen stehen nicht steif da, weil sie für eine elend lange Belichtungszeit posieren mussten, sondern sind mitten im Eilen, Schreiten, Spazieren eingefangen. Manches Foto wirkt wie ein Standbild aus einem Film. Man sucht beinah nach dem Button, mit dem man die Filmsequenz wieder in Bewegung setzen könnte. Man möchte ja doch gern wissen, wohin die ganzen Herren mit Melone laufen und ob sich die Kinder tatsächlich alle so brav benehmen, wie sie angezogen sind. Und gehen die beiden fidelen Soldaten jetzt wirklich stracks ins „Thalysia“, um sich einen hinter die Binde zu gießen? Und kommt gleich die Straßenbahnlinie Nr. 2 aus der Plauenschen Straße?

    Nur der Button fehlt, mit dem man die Zeit wieder in Bewegung setzen könnte. Eine Wiederentdeckung ist es trotzdem, wenn auch erst einmal im Pocketformat für Leipzig-Liebhaber und Durchreisende, die sich das Leipzig der Gründerzeit einfach mal in die Tasche stecken wollen.

    Christoph Kaufmann; Hermann Vogel Leipzig zur Kaiserzeit, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2015, 9,95 Euro.

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