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Blutige Revolutionen sind kein Gesetz, nur ein schlechtes Vorbild

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    Ein provokanter Titel? Geschichte nichts als ein Werk Gottes? Oder gar als großer Heilsplan, in dem Menschen nur die Spielfiguren sind? - Nicht ganz. Auch wenn die Autoren dieses Buches durchaus der Meinung sind, dass es ohne Gottes Wirken nicht geht. Und die Französische Revolution mögen sie auch irgendwie nicht. Oder nur einen Teil davon? - Es darf gestritten werden.

    Und es wurde gestritten – 2009 schon bei einem „Erfurter Gespräch“ der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden. Die hat ihre Wurzeln in der ehemaligen DDR, denn Gründer waren vor allem Männer aus dem ostdeutschen Widerstand, vor allem aus dem evangelischen Teil der Kirche, die vor 1989 in den Westen gelangten und dort auf eine – aus ihrer Sicht – sehr linke evangelische Kirche stießen, stark geprägt von der 1968er Bewegung und einer starken Verklärung der kommunistischen Regime. Darüber staunten ja bekanntlich auch etliche ostdeutsche Bürgerrechtler, die hier blieben und dann im Fernsehen die Demonstranten mit Mao-Bibeln und Che-Guevara-T-Shirts herumlaufen sahen.

    Da vergisst man ja gern, dass linker Widerstand in Ost und West sich in den 40 Jahren der Trennung völlig unterschiedlich entwickelt hat. Während er sich im Westen teilweise auch verbal radikalisierte – auch bei Adorno, Marcuse oder Sartre – erfuhren linke Dissidenten in den osteuropäischen Ländern mit echter staatlicher Drangsal, was es bedeutet, gegen ein etabliertes Parteienregime auch nur Kritik zu üben (man denke an die ganzen Prozesse etwa gegen Janka, Harich usw.) oder gar den Weg eines anderen, menschlichen Sozialismus zu suchen. Das war dann Prag 1968.

    Und da ist man schon mittendrin in diesem Buch, dessen Grundthese natürlich ist: Mit den friedlichen Revolutionen von 1989 ging ein ganzes gewalttätiges Zeitalter zu Ende, das mit der Französischen Revolution 1789 begonnen hatte, einer janusköpfigen Revolution, wie seinerzeit schon etliche Deutsche Kritiker bemerkten. Schiller wird eifrig zitiert. Denn die Faszination einer neuen Herrschaft, die die Menschenrechte proklamierte und scheinbar ein neues Zeitalter bürgerlicher Freiheiten einleitete, wich ja spätestes 1792 dem Entsetzen, als die Revolution sich immer weiter radikalisierte und Gewalt zum dominanten Mittel der Schaffung eines „neuen Menschen“ wurde. Das Blutbad hatte Folgen und fand Nachahmer. Bis heute.

    Immer wieder arteten Revolutionen in Blutbäder aus und die neuen „Sieger der Geschichte“ verwandelten die frisch erworbene Staatsmacht in eine blutige Hinrichtungsmaschine. Als exemplarische Beispiele kommen die Autoren in diesem Band immer wieder auf die Oktoberrevolution von 1917 und die Machtübernahme der Nazis 1933 zu sprechen, eine Machtübernahme, die für sich auch als moderne und blutige Revolution interpretiert werden kann.

    Die meisten Texte im Band basieren direkt auf den 2009 gehaltenen Reden, Ulrich Schacht hat das Bändchen noch um einen eigenen sehr ausführlichen Essay bereichert. Aber die besten Stücke stehen tatsächlich in den Reden von 2009. Denn die eingeladenen Redner haben sich wirklich ernsthaft Gedanken gemacht darüber, warum es 1989 nicht nur in der DDR zu einer friedlichen Revolution kam (auch wenn es die einzige Revolution ist, die dann auch diesen Namen bekam), warum sie nicht ähnlich gewalttätig wurde wie die Französische Revolution von 1789 (oder die von 1830 oder 1848, die im Band überhaupt nicht erwähnt werden).

    Die Autoren wären keine widerständigen Protestanten, wenn sie nicht auch auf Leute wie Bonhoeffer zu sprechen kämen und natürlich auch auf die Rolle der Kirche in den Jahrzehnten vor dem Herbst 1989. Und da rückt natürlich nicht nur die Szene der DDR-Bürgerrechtsbewegung ins Bild, die nach Helsinki ziemlich schnell Schutz suchen musste in den noch verbliebenen Freiräumen der Kirche, wo ja dann die besondere Form der Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre ihren Lauf nahm und aus Friedensgebeten im Lauf der Zeit die berühmten Mahnwachen und Montagsdemos wurden.

    Aber das allein erklärt das Phänomen der friedlichen Revolutionen nicht. Deswegen gehen die Autoren sehr ausführlich auf die linken westlichen Philosophen ein, die bis in die 1970er Jahre, teilweise (wie Habermas) bis Anfang der 1990er Jahre maßgeblich waren für eine ganze intellektuelle Kultur, die sich als links, alternativ und modern begriff und durchaus auch martialische Revolutions-Erlösungen für denkbar hielt (ein Phänomen, das ja bekanntlich der Radikalisierung der RAF zugrunde lag). In den letzten zwei Jahrzehnten ist es sehr still geworden um diese philosophische Schule. Deswegen verblüfft es schon, mit welcher Vehemenz einige der hier versammelten Autoren gegen dieses verlassene Bollwerk anrennen.

    Aber das hat natürlich auch damit zu tun, dass auch die Intellektuellen der Republik mittlerweile wacher geworden sind, was andere Denkrichtungen und Weltgeist-Interpretationen betrifft. Dafür haben auch die erfolgreichen Revolutionen im Osten gesorgt, die schlicht nicht mehr ins alte, blutige Revolutionsschema passten und noch dazu oft genug eine religiöse Unterströmung hatten, nicht nur in der DDR.

    Was ist da also passiert?

    „Geschichte als Schicksal ist zwar für uns alle etwas Gemeinsames, aber es ergibt keinen für alle gemeinsamen Sinn“, schreibt Sebastian Kleinschmidt in seinem Beitrag „Am Punkt der äußersten Utopie“. Und es ist tatsächlich ein geschichtstheologischer Ansatz, mit dem die Autoren dem Webfehler der radikalisierten Revolutionen zu Leibe rücken. Denn so seltsam es klingt: Auch die religionsfeindlichsten Revolutionen hatten ihren eigenen religiösen Furor. Und die blutigsten haben jedes Mal an die Stelle Gottes die Vergottung des Menschen (oder, was in diesem Buch nicht thematisiert wird: die Vergottung des Staates) gesetzt. Und es ist mit den menschlichen Göttern auf Erden nun einmal so: Sie wollen nicht nur angebetet werden, sie wollen auch allwissend und allmächtig sein. Und sie vertragen keinen Gott neben sich.

    Man muss wahrscheinlich ein nicht nur philosophisch geschulter Kopf sein, um diese Hybris wahrzunehmen, sondern auch ein bisschen theologisch bewandert sein. Denn natürlich ist es ein Faszinosum, sich vorzustellen, man müsse die Welt nur umstürzen, alles Alte ausmerzen, und dann käme das „Himmelreich auf Erden“ von ganz allein. Doch selbst Heinrich Heine, der die Idee ja durchaus als beeindruckend befand, hatte seine Gänsehaut vor den „Doktoren der Revolution“.

    Natürlich kommt man, wenn man über den friedlichen Ausgang von 1989 spricht, nicht um Gorbatschow und Dubcek herum, nicht um Walesa und nicht um die Akteure der „Charta 77“. Die Machthaber hatten ja längst gezeigt, dass sich mit ihnen nicht würde reden lasen. Die berühmte „chinesische Lösung“ war ja immanenter Bauteil einer Ein-Parteien-Herrschaft, die weder zu Diskussionen noch zu Kompromissen bereit war. Die Jahreszahlen 1953, 1956, 1961, 1968 sprechen für sich. Aus der Berufung auf die Revolution (in der Regel die von 1917, die aber irgendwie wohl doch nur ein Staatsstreich war) bezogen die Mächtigen das Recht, ihren Machtanspruch auch blutig zu verteidigen und jede Abweichung ebenso blutig zu verfolgen.

    Und da kommt das ins Spiel, was die Autoren mehr oder weniger dem Wirken Gottes zuschreiben (auch wenn sie völlig unterschiedlicher Ansicht sind, wie man das beweisen und interpretieren könnte).

    Dazu hier mehr in Teil 2 der Besprechung.

    Ulrich Schacht, Thomas A. Seidel (Hrsg.) … wenn Gott Geschichte macht!, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2015, 16,80 Euro.

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