Entmachtet die Ökonomen! Teil 1 der Buchbesprechung

Das Buch ist überfällig. Und es ergänzt ein mittlerweile schon recht breites Programm von Büchern im Tectum Verlag, die sich mit der Kritik an der aktuellen Art, Wirtschaft zu denken, beschäftigen. Die Frage, die Frank Niessen beschäftigt hat, dürfte Vielen vertraut sein: Warum haben die Ökonomen der westlichen Welt die großen Krisen der letzten Zeit nicht vorhergesehen? Und: Warum haben sie eigentlich keine Lösungen dafür?

Das sollte man doch eigentlich von Wirtschaftswissenschaftlern erwarten können, die praktisch jeden Tag mit Prognosen, Umfragen und Analysen in der Öffentlichkeit präsent sind, die mit dem Rat der „Wirtschaftsweisen“ sogar direkt das Ohr der Bundeskanzlerin haben und damit Politik mitbestimmen. Und es kommt – nichts. Nur Blasen.

Warum das so ist, weiß Frank Niessen. Er hat Volkswirtschaft und Politologie studiert, hat auch noch seinen Doktor gemacht über das Thema Ökonomie und Ökologie. Und dann hat er schleunigst den Hochschulbetrieb verlassen mit dem beklemmenden Gefühl, eigentlich über die reale Wirtschaft nichts gelernt zu haben.

Im ersten Teil seines Buches begründet er das an einigen allbekannten Beispielen recht sinnfällig. Die meisten Leute, die sich manchmal in die Wirtschaftsseiten der Zeitungen verirren oder Politikern beim Reden über Wirtschaft zuhören, kennen die Phrasen: „Wir brauchen mehr Wachstum“, „Wir müssen mehr Arbeitsplätze schaffen“, „Wir müssen Schulden abbauen“. Er beschäftigt sich mit der Verliebtheit der heutigen Ökonomen in wissenschaftlich anmutende Modelle. Und kommt schon beim leichten Kratzen am Lack zur Erkenntnis, dass von der Wissenschaftlichkeit nicht viel übrig bleibt. Die Modelle sind trügerisch und keineswegs so objektiv, wie sie scheinen. Im Lauf des Buches nimmt Niessen die wichtigsten  Thesen aus den Standardlehrbüchern der Wirtschaftswissenschaftler auseinander. Und schnell stellt sich heraus: Unabhängig und objektiv werden die Wirtschaftswissenschaften schon lange nicht mehr betrieben.

Die wichtigsten „Gesetze“, die tatsächlich bis heute völlig unbewiesene Thesen sind, sind nichts als versteckte Ideologie. Sie zementieren nicht nur die Verhältnisse, sie zementieren auch Macht. Und sie sind in ihrer Stupidität immer wieder die Vorlage gewesen für all die politischen Einschnitte, die die westlichen Gesellschaften in den vergangenen Jahren immer krisenanfälliger gemacht haben: Steuersenkungen für Vielverdiener und Vermögende, Schaffung von Niedriglohnsektoren, Deregulierungen, Liberalisierungen … immer mit dem Heilsversprechen dahinter, so würden die „Selbstheilungskräfte“ des Marktes zur Geltung kommen, würden Wettbewerb und Wirtschaftswachstum angekurbelt.

Dumm nur, dass die Heilsversprechen nur für Wenige aufgegangen sind. Reihenweise sind die Staaten des Westens 2008 in die Staatsschuldenkrise marschiert, die vorher „nur“ eine Bankenkrise war. Und die Rezepte zur Gesundung waren noch schlimmer als die Krankheit.

Tja, wo waren sie da alle, die berühmten Ökonomen? Geredet und gefordert haben sie viel. Gelöst haben sie gar nichts.

Denn ein Problem der heutigen Wirtschaftswissenschaften ist: Sie tun zwar mathematisch und wissenschaftlich, aber sie untermauern ihre Modelle nicht mit handfesten Beweisen. Und die Modelle – Niessen demonstriert es z.B. am üblichen Arbeitsmarktmodell – sind primitiv und haben nicht ansatzweise die Komplexität der Wirklichkeit, in der eben nicht nur Angebot und Nachfrage darüber entscheiden, wie viele Menschen Arbeit bekommen und am Ende auch noch davon leben können.

Im Grunde hätte es Niessen an der Stelle bei einer Forderung, endlich wieder verschiedene Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften in den Hochschulen zu implementieren, belassen können. Denn seit Jahrzehnten  gibt es quasi nur noch eine Denkschule, die man – grob gesagt – als neoliberale bezeichnen kann: ein Wirtschaftsdenken ganz allein im Sinne und zum Vorteil der Superreichen. Seit Reagan und Thatcher massiv umgesetzt in Wirtschaftspolitik, mit dem Ergebnis, dass die westlichen Gesellschaften immer weiter auseinanderdriften, sich der Anteil der (Einkommens-)Armen immer weiter erhöht, während das reichste 1 Prozent immer größere Teile des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums besitzt. Und nicht nur besitzt, sondern auch zur Sicherung seiner Macht einsetzt. Keine Bevölkerungsgruppe hat größeren Einfluss auf die Politik und die gesellschaftliche Meinungsbildung. Es sind die Lobbygruppen dieser Superreichen, die in Brüssel, Washington und Berlin ein und ausgehen, die mitbestimmen, was in Gesetzen steht und was Politiker als ihre Meinung dem Volke verkaufen.

Niessen ist übrigens nicht der Einzige, der wieder eine echte, forschende und plurale Wirtschaftswissenschaft fordert, die sich endlich von den ideologischen Vorgaben der Politik oder gar der sogenannten „Wirtschaft“ löst, sondern wirklich unabhängig untersucht, wie alles zusammenhängt, die die alten Denkbarrieren ablegt und sich vor allem mit den Rahmendaten ihrer Wissenschaft beschäftigt. Es gibt längst eine Gruppe junger deutscher Wirtschaftswissenschaftler, die sich wieder mit den sozialen und ethischen Dimensionen der Wirtschaftswissenschaft beschäftigen, denn die Gesellschaft ist ja nicht dazu da, die starren Modelle der üblichen Ökonomie zu erfüllen, sondern die Existenz der Menschheit und das Funktionieren ihrer Gesellschaften zu sichern. Wer solche Aspekte in den Analysen der üblichen Wirtschaftsinstitute sucht, wird sie nicht finden. Sie kommen in der gängigen Wirtschaftswissenschaft nicht vor. Genauso wenig wie die Grenzen unseres Wirtschaftens, 1972 vom Club of Rome erstmals klar benannt: Grenzen des Wachstums.

Gleich geht’s weiter mit der Frage: Aber was wäre jetzt zu tun?

Frank Niessen Entmachtet die Ökonomen!, Tectum Verlag, Marburg 2016, 17,95 Euro.

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