Mathematiker sind schon eine besondere Spezies. Aber Informationstechniker erst recht. Denn Letztere berechnen ja nicht nur die Welt, sie programmieren auch all die kleinen Programme, die uns suggerieren, dass man die Welt auch einfach auf einen Bildschirm packen kann. Ein paar Klicks - und der Nutzer von bunten Oberflächen kommt sich vor wie der Beherrscher unendlicher Weiten. Aber gehört das tatsächlich in die Schule?

Man darf wirklich daran zweifeln. Erst recht, wenn zwei gestandene Informationstechniker, die sich seit Jahrzehnten schon mit Programmierung beschäftigen, so tun, als sei das eigentlich alles ganz easy. Man muss nur lernen, sich das nötige Development Kit runterzuladen und damit die ersten kleinen Java-Programme zu programmieren. Alles kinderleicht.

Möglich.

Doch es ist wie mit all den Dingen, die innerhalb einer Fachwissenschaft irgendwann die kinderleichte Grundlage sein müssen: Sie sind nur kinderleicht innerhalb einer bestimmten Denk-Logik. Deswegen macht die Aufnahme des Titels in die  Reihe „EAGLE-Starthilfe“ natürlich Sinn: Wer später mal in einen Beruf will, in dem Programmieren zum Grundhandwerk gehört, der muss da durch. Wahrscheinlich sind auch erst einmal alle Züge abgefahren, die anderen Logiken in der Programmierung unserer Welt möglich sein ließen. Jetzt gilt erst mal die eine. Und sie gilt quasi überall, wo irgendwelche kleinen Programme zum Einsatz kommen.

Und so lernt auch der Starter, der sich in dieses Anfänger-Buch hineinarbeitet, erst einmal die Art des Denkens, das für Programmierer so typisch ist: an einer Perlenschnur. Heutige digitale Programme kennen kein nebeneinander oder gar „alles gleichzeitig“. Der größte Teil der Rechenkapazität wird beim Ablaufen von ellenlangen Perlenketten verbraucht, auf denen ein Programm sich durch strickt definierte Befehlsketten arbeitet, ab und zu verfügbare Zusatzprogramme abruft, auf die es mit Befehlen geleitet wird. Wenn die Kette irgendwo ein falsches Zeichen enthält, eine falsche Zuweisung, eine falsch gefüllte Zeile, läuft sich das Ganze fest.

Man kann sich gut vorstellen, dass ein paar Schlauberger schon in der Schule hinter diese Art des Denkens steigen und den beiden Autoren auch folgen können, wenn sie von Datentypen, Operationen und Sequenzen reden und leicht auch die Verwendung der englischsprachigen Befehle lernen – oder ihre Nichtverwendung, denn die Welt der Programmierung ist auch gespickt mit den Fehlern, die die frühen Pioniere der Programmierung mal gebaut haben, weil sie entweder zu viel hinschrieben. Oder zu wenig.

Wahrscheinlich werden sich große IT-Konzerne in der Zukunft mal mit dem großen Aufräumen beschäftigen und eine Grundmatrix neu schaffen, die der alten in der Logik zwar ähnelt, aber die ganzen alten Webfehler ausmerzt.

Zuweilen wirkt dieses Starter-Buch für den völlig unbeleckten Leser, der schnell merkt, dass das nun wirklich nicht seine Art des Denkens ist, wie die Bausatz-Anleitung für ein Modellflugzeug, bei dem man weder die Blumenvase im Cockpit noch den Ticketschalter auf der Bordtoilette vergessen darf, damit das Ding am Ende auch fliegt. Fehlt irgendwas  (zum Beispiel die selbst gehäkelte Mütze für die Klopapierrolle), hebt der Vogel nicht ab.

Deswegen kann ich es hier nur als Wahrscheinlichkeit angeben, dass die Studierer dieses kleinen, mit Programmier-Termini gespickten Büchleins, tatsächlich lernen, erst ganz kleine, einfache Programme zu schreiben (und dabei an der richtigen Stelle auch eifrig auf die alles vereinfachende JAVA-Tool-Box zugreifen zu können) und später auch erste grafische Elemente, die an die Frühzeit des Internets erinnern, als Buttons noch wie Buttons aussahen und sich lauter Fensterchen öffneten, bis der Computer abschmierte.

Es ist also irgendwie zweierlei: Vielleicht wirklich ein Buch für Einsteiger in die Materie – auch wenn es wohl in der Schule eher nichts zu suchen hat. Genauso wenig wie Computer und die ganzen anderen Technikspielzeuge, mit denen heutige Politiker die Schulen vollstopfen, weil sie dem Irrglauben verfallen sind, technische Geräte könnten beim Lernen helfen. (Was wohl wie eine Art Krückendenken ist: Wo das Verständnis für pädagogische Konzepte fehlt, muss eben Geld für anfällige Technik ausgegeben werden). Dafür umso eher in Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen, da, wo eben die klugen Köpfchen ausgebildet werden, die in ihrem Berufsleben mit dem Bau, der Wartung und der Reparatur von Software zu tun bekommen.

Oder mit ihren Macken. Deswegen bin ich ziemlich sicher, dass unter den klugen Köpfchen, die sich hier in die Denkweise der Programmierer der 1980er Jahre hineinarbeiten (denn das ist ungefähr der Zeithorizont, wo diese Grundlagen manifest wurden), auch ein paar sein werden, in deren Köpfchen die ersten Ideen reifen, wie man den ganzen Bembel auch anders und vor allem weniger störanfällig machen kann.

Die Autoren betonen zwar extra die Formel „Strukturierte Programmierung“. Aber es ist immer dieselbe Struktur gemeint: die zwingend einzuhaltende Perlenkette mit einem Start und einem Ergebnis. Höchstens mal ein bisschen aufgeheitert durch zwischengeschaltete Wahlmöglichkeiten (die eigentlich keine sind), denn statt „true“ und „false“ gibt es dann auch die möglichen „if“-Varianten, die aber für das Rechenprogramm genauso zwingend sind.

Und das andere ist eben der Eindruck, den man so hat, als hätte man hier so eine Anleitung vom Meister, wie man die alte Dampfmaschine zum Laufen bringt, obwohl man doch das seltsame Gefühl hat, dass man eigentlich einen Elektromotor braucht. Man landet eigentlich im frühen Windows-Kosmos und bekommt so eine Ahnung, was unten in der ganzen Rechen-Matrix die ganze Zeit abläuft, während wir oben an der Oberfläche wie wild durchs Web klicken, Fotos bearbeiten, Artikel schreiben, Grafiken erstellen, auf fliehende Saurier ballern, den Highscore zu knacken versuchen oder seltsame Pixel-Städte bauen, die eigentlich zusammenkrachen müssten, wären sie aus Stein gebaut.

Und da glauben doch tatsächlich ein paar Leute, man könnte mit Computern irgendwann mal menschliches Denken nachahmen, obwohl Programmierer und Techniker nur in einem wahnsinnigen Wettrennen gefangen sind, bei dem die einen die Prozessor- und Speicherleistung permanent puschen, damit die immer fetteren Rechenprogramme der anderen (in denen immer mehr Perlenketten auf immer mehr Perlenketten aufbauen) immer schneller laufen können. Man erzeugt den Schein einer zunehmenden Komplexität, indem man einfach immer mehr Rechenprozesse immer schneller hintereinander ablaufen lässt (und die Betreiber der Server müssen immer mehr Geld in Strom und Kühltechnik stecken).

Das System ist klar. Augenscheinlich muss man nur all die englischen Spezialbegriffe, Sonderzeichen und Setzungsregeln für Zeichen lernen und bimsen, bis der Schädel raucht und das Ganze sitzt (so wie der Bewegungsablauf beim Flicflac oder beim Stabhochsprung) und dann geht das irgendwann automatisch, schreiben sich die Befehlsketten wie von allein.

Aber wie gesagt: Ich kann das nur von außen bewundern. Das Buch schenk ich nachher unserem Programmierer, der beim Lesen wahrscheinlich kichern wird  – so wie erwachsene Leute, die sich über die spaßigen Texte in ihrer ersten Fibel bekringeln können.

Manchmal hat man ja beim Lesen das Gefühl, dass Politik genauso abläuft, immer hin und her zwischen „true“ und „false“, und wenn hinter dem „if“ ein Komplexitätslevel größer als 1 auftaucht, gibt das System automatisch den Befehl auf Anfang und die selbe Rechenoperation läuft immer und immer wieder ab.

Was vielleicht auch daran liegt, dass es irgendwo im Regierungsapparat ein Handbuch gibt, in dem unmissverständlich steht: „Um auf ein Ereignis reagieren zu können, muss man die Operation aus dem Interface in einer Klasse als Methode implementieren. Diese Methode enthält die Anweisungen, die ausgeführt werden sollen, wenn das zugehörige Ereignis eintritt.“

Wahrscheinlich tritt dann einer hervor und sagt: „Das ist alternativlos“ („true“ eben, und nicht „false“). Oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“ (Die Perlenkette also bitteschön von vorn.) Oder: „Der Speicher ist voll. Mehr passt nicht rein.“ Und dann wird der Bildschirm schwarz. Und die Technikbude, der man den Kasten zur Durchsicht bringt, erklärt einem dann mit Verwunderung, dass in Zeile 456 ein „if“ hätte stehen müssen und kein „true“. Jetzt könne man die Dateien leider nicht mehr retten, weil die ganze Speichereinheit im Eimer sei. Aber man habe da noch ein preiswertes Modell mit der neuesten Software drauf. Noch leistungsstärker, noch größer und noch schneller. Aber das Beste sei wohl, die Daten lieber ab und zu auszudrucken und in Papierform zu sichern, man weiß ja nun …

Bernd Steinbach/Christian Posthoff EAGLE-Starthilfe. Java-Programmierung für Anfänger, Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2016, 14,50 Euro.

- Anzeige -

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar