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Natalie von Anrep rekonstruiert das tragische Leben von Mahidevran, der ersten Frau an der Seite Suleiman des Prächtigen

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    Manchmal muss man, um die Gegenwart zu verstehen, tief in die Geschichte tauchen. Denn ein großer Teil unserer Gegenwart baut auf den Mythen der eigenen Vergangenheit auf. Das geht den Deutschen nicht anders als den Türken. Wo die einen ihre alten Könige und Kanzler verklären, machen es die anderen mit ihren Sultanen. Mit Suleiman dem Prächtigen zum Beispiel.

    Man findet ihn auf Wikipedia. Man findet auch seine Gemahlin Hürrem alias Alexandra Lisowska alias Roxelane – mit einem ausführlichen Artikel übrigens, in dem auch Mahidevran, die erste Gemahlin Suleimans erwähnt wird. Aber wenn man deren Namen anklickt, bekommt man das nette Angebot, den Artikel zu ihr doch bitte selbst zu schreiben.

    Die türkische Geschichte hat Löcher. Löcher, die geradezu das Einfallstor für Verklärungen sind – auch solchen auf Wikipedia, die die regierenden Frauen im Osmanischen Reich regelrecht als „Starke Frauen“ verklären, auch Roxelane.

    Und die Verklärung führt natürlich auch dazu, dass viele Persönlichkeiten aus der türkischen Geschichte entweder völlig aus den Geschichtsbüchern verschwunden sind oder dort nur als Marginalie auftauchen. Als hätte es keine Rolle gespielt, dass die junge tscherkessische Prinzessin Malhurub mit dem jungen osmanischen Thronfolger Suleiman vermählt wurde, ihm als Mahidevran Kinder gebar und dann – mit dem Aufstieg der aus Ruthenien stammenden Roxelane – regelrecht verbannt wurde und Jahre des Leids erlebte. Ein Schicksal, das die Autorin seit drei Jahren nicht nur in die noch existierenden Familienarchive der tscherkessischen Verwandschaft von Mahidevran führte, sondern auch in die türkischen Archive. Im Nachwort stöhnt sie ein wenig über die Schwierigkeiten, überhaupt an vorhandene Dokumente zu kommen. Der Zugang zu den Dokumenten in türkischen Archiven ist nicht leicht. Selbst die aktiven Historiker der modernen Türkei tun sich schwer damit, die Schattenseiten des  Sultanats zu beleuchten oder am Lack der angehimmelten Sultane zu kratzen.

    Denn damit würden sie auch das tun müssen, was Natalie von Anrep getan hat: Aus den alten Dokumenten die Persönlichkeiten zu rekonstruieren, ihre Motive und Handlungen. Aber auch die Beleuchtung der politischen Szenerie gehört dazu. Wer weiß schon, dass zu Luthers Zeiten am Schwarzen Meer sowohl die Tscherkessen als auch die Krimtataren eigenständige Reiche hatten, die sich sehr wohl zu behaupten wussten zwischen den Russen im Norden und den Türken im Süden? Wer weiß, warum Suleiman eigentlich dreizehn Feldzüge organisierte, immer wieder Richtung Ungarn zog, sich aber auch mit den Persern anlegte?

    Für europäische Gesandte war dieses Türkenreich sowohl bedrohlich als auch faszinierend. Und viele Nachrichten rund um den Sultanspalast haben sich nur erhalten, weil Gesandte aus Spanien oder Venedig darüber berichteten. Und anders, als es Wikipedia darstellt, berichteten sie nicht nur über Suleimans Lieblingsfrau Roxelane, sondern auch über Mahidevran und ihr Schicksal, das von Anrep auch deshalb fesselte, weil es Aufstieg, Glanz und tiefen Sturz in sich vereinigt. Schnell wird deutlich, wenn sie aus den Quellen versucht, die Geschichte ihrer Heldin zu rekonstruieren, wie sehr Frauen in den Adelsfamilien des Nahen Ostens immer auch ein politisches Faustpfand waren. Sie wurden mit den mächtigen Fürsten vermählt, die für die Geschichte des eigenen Landes wichtig waren – mal als Versuch, sich starke Verbündete zu schaffen, mal als Versuch, selbst Einfluss zu nehmen.

    Doch früh erfährt der Leser auch, dass die Thronfolge im Osmanenreich blutig geregelt ist, dass sogar ein Gesetz bestimmte, dass der Thronnachfolger berechtigt war, sämtliche Personen zu töten, die seine Macht gefährden konnten. Da werden Brüder, Söhne und Enkel ermordet. Der Leser weiß es eigentlich und hofft natürlich, dass Mahidevran und ihren Kindern dieses Schicksal erspart bleibt. Es liest sich wie ein Roman. Immerhin wird Suleiman in den frühen Passagen als durchaus zu Gefühlen und Liebe fähiger Mann dargestellt, der sich vom grausamen Vater, Selim I., deutlich zu unterscheiden schien. Vielleicht sogar ein moderner Herrscher ist, der sich den europäischen Einflüssen zu öffnen wagt – immerhin wird der berühmte Ibrahim von Parga sein Großwesir. Sein Harem ist gefüllt mit Sklavinnen aus aller Herren Länder. Doch auch Mahidevran muss bald erfahren, dass Suleiman nicht der Mann ist, der mit seinen Gefühlen souverän umzugehen weiß.

    Manches deutet darauf hin, dass er von der blutigen Geschichte seiner Familie und der Angst ums eigene Leben selbst gezeichnet ist. Früh zeigt er Spuren von Depression. Und vielleicht war es zu erwarten, dass er irgendwann sein Gefühlsleben einfach in die Hände einer Frau legen würde, die bereit wäre, ihn völlig zu usurpieren. Was der stolzen Mahidevran augenscheinlich nicht lag, während Roxelane alias Hürrem die Gelegenheit ergriff und sich den mächtigen Man regelrecht gefügig machte. Dass sie wohl auch früh begriffen hatte, dass im System der osmanischen Thronfolge nur so das Leben ihrer Kinder gesichert werden konnte, kommt hinzu.

    Dem kurzen Höhepunkt ihres Lebens an der Seite Suleimans folgt für Mahidevran schon bald die Verbannung und die beständige Angst um ihre Kinder, immer durchwoben von der Hoffnung, Suleiman würde gerade seinen talentierten Sohn Mustafa verschonen und zu seinem Nachfolger machen.

    Es ging den Berichterstattern des 16. Jahrhunderts wohl nicht anders als den Berichterstattern des 21. Jahrhunderts: Sie erhofften von den Mächtigen vernünftige und menschlich verständliche Entscheidungen – bekamen aber (man darf durchaus auch an Shakespeare und seine Königsdramen denken) grausame Kriege, Hinrichtungen, Morde an den Hoffnungsträgern des ganzen Landes. Und je weiter die Zeit fortschreitet, je erniedrigender Mahidevrans Verbannung wird, umso mehr Morde hat Suleiman auf dem Gewissen, augenscheinlich unfähig, das alte Thronfolgesystem außer Kraft zu setzen, vielleicht auch unfähig, Roxelane irgendetwas zu verweigern.

    Im Nachwort geht Natalie von Anrep kurz darauf ein, dass wohl ausgerechnet die Herrschaft Suleimans den Anfang bildete für den stetigen Niedergang des Osmanenreiches, auch wenn die Türken immer wieder mit ihren Armeen vor Wien standen und die europäischen Fürstenhöfe mit ihrer Prachtentfaltung beeindruckten. Die sächsischen Kurfürsten legten sich eine regelrechte türkische Schatzkammer zu, August der Starke brillierte im prächtigen Sultanskostüm – und selbst der Leipziger Coffeebaum erinnert noch an die damalige Begeisterung für die als exotisch empfundene orientalische Kultur.

    Mit dem Blick vor allem der Frauen aus dem Umkreis von Mahidevran, die in Briefen an ihre Angehörigen über die Vorgänge berichteten, gelingt Natalia von Anrep aber auch der Blick hinter die Kulissen der Pracht, macht sie das seelische Leid der Betroffenen sichtbar, wird die ganze Angst in einer Welt sichtbar, in der Alle von den Launen und Entscheidungen eines einzigen Mannes abhängig sind. Ganz so prächtig erscheint da auch Suleiman nicht mehr, auch wenn er nach Hürrems / Roxelanes Tod augenscheinlich wieder Verständnis zeigt für die erniedrigte Mahidevran.

    Aber die Schuld an den geschilderten Tragödien allein Roxelane anzulasten, würde wohl dem Phänomen nicht gerecht werden. Denn man kennt es ja auch aus anderen Staatsgeschichten – auch wenn die europäischen Herrscher die Thronfolgen weniger blutig geregelt bekamen. Aber es sind nicht immer nur die eigenen Kinder und Verwandten, die als Gefahr für die Macht betrachtet wurden, oft waren es die Ansprüche aus verwandten Königshäusern, benachbarter Groß- oder Kleinmächte. Unzählige Thronfolgekriege durchziehen die europäische Geschichte. Und dann war da auch immer die Bedrohung aus dem Volk, wurden Ketzer, Aufrührer, Kanzler hingerichtet oder lebenslänglich eingesperrt, um die Gefahr für die Macht zu bannen (und besonders fleißig im Einsperren war ja August der Starke).

    Natalie von Anrep weist darauf hin, dass diese Schönmalerei der Vergangenheit die Türkei bis heute hindert, sich mit den Verwerfungen ihrer Geschichte (sie nennt insbesondere den Umgang mit den Armeniern) zu beschäftigen. Und wer die neueren Entwicklungen in der Türkei sieht, der sieht darin durchaus das alte, machtzentrierte Denken, das auch die seit 1923 mühsam bewahrte Demokratie gefährdet.

    Aber man denkt nicht nur an die Türkei. Augenscheinlich gelten viele dieser alten, blutigen Prinzipien des Machterhalts auch in modernen Staaten noch. Nicht Rationalität bestimmt die Politik, sondern die zum Teil archaischen Gesetze von ungeteilter Macht und moralischer Überhöhung der Mächtigen. Mechanismen, an denen derzeit auch die EU zu zerbrechen droht.

    Irgendwie also nicht nur für die Türkei ein sehr aktuelles Buch – immerhin wird die Frage der Frauenemanzipation ja auch angeschnitten. Auch das erlebt Mahidevran ja als Verlust, wie schnell sie aus einer gleichberechtigten Partnerschaft mit dem Sultan in tiefste Abgründe stürzt, nur weil er die Favoritin wechselt. Der Leser erfährt eine Menge über die Funktionsweise von Harems – und da bleibt nicht viel übrig von der okzidentalischen Verklärung. Und schon früh merkt man, was für eine labile Hoffnung das sein muss, wenn Frauen ihre Rolle ganz und gar über den guten Willen eines unberechenbaren und undurchschaubaren Herrschers definieren müssen.

    Mit erstaunlicher Akribie hat Natalie von Anrep das Schicksal Mahidevrans rekonstruiert, die nicht nur alle ihre Kinder überlebte, sondern auch Suleiman und Roxelane alias Hürrem. Der Leser, der die Weltgeschichte fast nur aus deutscher Perspektive kennt, bekommt hier einen sehr farbenreichen und emotionalen Blick hinter die Kulissen der türkischen Geschichte im 16. Jahrhundert. Und vielleicht auch etwas mehr Verständnis für das, was heute in der Türkei passiert. Es reicht eben nicht, Demokratie in irgendeiner Form einzuführen – jedes Volk muss sich (im Grunde zwangsläufig) auch gründlich mit seinen eigenen Mythen und Verklärungen beschäftigen, sonst führen sie immer wieder dazu, dass sich längst überwunden Geglaubtes in immer neuer (und zumeist sehr grausamer) Form manifestiert und der heutigen Entwicklung eine geradezu bedrohliche Richtung gibt.

    Aber das trifft eben nicht nur auf die Türkei zu, sondern auf jedes einzelne Land dieser Erde. Gerade in Krisenzeiten macht sich bemerkbar, was an uralten Ressentiments und Glaubenssätzen unter der Decke kochte und jetzt wieder mitreden will mit den Lösungen aus längst vergangenen Zeiten.

    Natalia von Anrep: Mahidevran. Die Frau des Sultans, Lychatz Verlag, Leipzig 2016, 19,95 Euro.

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