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Der begnadete Theatermann, Heine-Freund und Erfinder des Jungen Deutschland: Heinrich Laube

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    Es gibt eine ganze Reihe berühmter Leipziger, die in der Erinnerungskultur der Stadt so gut wie keine Rolle spielen. Dazu gehört auch Heinrich Laube: Schriftsteller, Herausgeber, Theaterintendant. Und die zentrale Gestalt in einem Phänomen, das sich mal „Junges Deutschland“ nannte. Eine zerrissene Gestalt, genauso zerrissen wie das Deutschland der Metternich-Zeit.

    Jetzt ist der Mann, dessen Karriere als Autor und Journalist in Leipzig begann, Thema eines Sammelbandes zu einem Kolloquium, das 2014 nicht in Leipzig stattfand und auch nicht in Wien, wo Laube fast 20 Jahre lang der Direktor des Burgtheaters war, sondern in Wroclaw, dem einstigen Breslau, veranstaltet am dortigen Institut für Germanistik – und das auch nicht zufällig. Denn mit emsigem Fleiß erkunden die dortigen Germanisten im Verein mit deutschen Kollegen die Beziehungen der eigenen, schlesischen Literatur zur deutschen. Dieses hier ist schon der achte Band der dazu erscheinenden Reihe „Schlesische Grenzgänger“. Und um welche literarische Welt es dabei geht, sieht man, wenn man allein einige der Schriftsteller nennt, die bislang schon mit eigenen Titeln gewürdigt wurden: Joseph von Eichendorff, Karl von Holtei, Max Herrmann-Neiße und Gustav Freytag. Den Letzteren verschlug es ja genauso wie Heinrich Laube nach Leipzig.

    Und Laube taucht in der Reihe natürlich auf, weil er im schlesischen Sprottau geboren wurde, in Glogau und Schweidnitz zur Schule ging und nach den ersten Studiensemestern in Halle an die Universität Breslau wechselte, wo er dann einem anderen Berühmten seiner Zeit begegnete: Heinrich Hoffmann von Fallersleben, dessen Deutschlandlied heute unter völlig falschen Prämissen die Nationalhymne der Bundesrepublik ist – von den verbotenen Strophen abgesehen – aber die sind auch nur verboten, weil sie in eine andere Zeit gehören, nicht in unsere. Aber wer sagt das den Ewiggestrigen? Und wer sagt das den Politikern, die unfähig sind, dem Land eine zeitgemäße Nationalhymne zu besorgen?

    Dabei fing alles damals an. Das ist eigentlich das Spannende an Laubes Biografie und auch an der (Nicht-)Begegnung der beiden Autoren, die neben Gutzkow, Wienbarg und Heine zu den Gallionsfiguren des „Jungen Deutschland“ gehörten, einer literarischen Gruppierung, die sich so zwar nie gründete, die aber trotzdem mutig daran arbeitete, eine Literatur zu schaffen, die die erstarrten Verhältnisse in Deutschland aufbrechen sollte. Laube hatte den Begriff im Grunde als Erster benutzt, um das Neue und Verbindende dieser jungen Autoren zu umreißen, Heine würde diese Gruppe später regelrecht feiern. Mit Laube war er eng befreundet. Und beide standen dann auf der Verbotsliste, die der Deutsche Bundestag 1835 gegen das „Junge Deutschland“ verhängte.

    Dieser Bundestag ist natürlich nicht mit dem heutigen zu verwechseln, denn er war im Grunde eine Gesandtenvertretung des deutschen Bundes – und damit im Grunde der Fürsten aus all den zusammengewürfelten Klein- und Mittelstaaten, die hier die alten Verhältnisse konservierten und sich auch nicht scheuten, jede auch nur im Ansatz kritische Literaturströmung zu verbieten und zu zensieren. Kennt man ja alles. Das ist deutsche Geschichte pur.

    Die betroffenen Autoren gingen damit völlig unterschiedlich um. Heinrich Laube kommt dabei natürlich eine Sonderrolle zu, denn seit er mit seinen Büchern und auch als Herausgeber der „Zeitung für die elegante Welt“ (seit 1833 in Leipzig) zur scheinbaren Führungsgestalt der Gruppe geworden war, hatten ihn die sächsischen und preußischen Behörden natürlich im Visier. Schon 1834 wurde er „wegen burschenschaftlicher Bestrebungen“ verhaftet und saß neun Monate lang in Haft in der Berliner Hausvogtei. Eine Zeit, die den Mann gezeichnet hat. Vielleicht auch gebrochen. Einige der Autoren in diesem Sammelband, der immerhin 18 Beiträge zu Leben und Werk Laubes enthält, gehen auf diesen Umbruch in Laubes Leben ein, auch wenn sich kein Beitrag speziell mit dem beschäftigt, was da in Laube vorgegangen sein muss.

    Denn mit der Berliner Haft war ja das behördliche Vorgehen gegen ihn noch nicht beendet – ein Vorgehen, das man aus heutiger Sicht nur als staatliche Willkür bezeichnen kann. Denn einen fairen Prozess (selbst nach damaligen Maßstäben) bekam Laube nie. Stattdessen bekam er noch ein weiteres Urteil auf sieben Jahre Zuchthaus, auch wenn er diese Strafe dann – verkürzt – auf dem Gut von Herrmann von Pückler-Muskaus „absitzen“ durfte, weil die Gefängnisse überfüllt waren. Und das Verbot des „Jungen Deutschland“ 1835 muss ihm endgültig den Mut genommen haben, weiter so wie Heine in Paris für ein anderes, erneuertes Deutschland zu trommeln. Immerhin ging es dabei auch um das tägliche Brot und die Chance, überhaupt noch in deutschen Landen etwas veröffentlichen zu dürfen.

    Den ersten Knacks in der Freundschaft mit Heine gab es schon 1835, als Laube sich öffentlich von seinen „Irrtümern“ distanzierte. Den zweiten und im Grunde endgültigen dann 1849, als Laube sein dreibändiges Werk „Das erste deutsche Parlament“ herausgab, in dem er die konservativsten und reaktionärsten Kräfte in der Frankfurter Versammlung regelrecht hofierte. Das Buch lasse sich „auch als Bewerbungsschrift für das Wiener Hofburgtheater lesen“, schreibt Tobias Weger in seinem Beitrag zu Laubes politischem Engagement im Umfeld der Revolution von 1848 / 1849. Denn Laube war – genauso wie Robert Blum und Karl Biedermann aus Leipzig – Mitglied in der Nationalversammlung, auch wenn er sich den böhmischen Wahlkreis, über den er ins Parlament kam, regelrecht herbeischlawinert hat. Und wo man ihn anfangs noch ganz selbstverständlich im linken Flügel der Versammlung sah, entpuppte er sich mit seinem dreiteiligen Buch als etwas Anderes. Das Wort Opportunist fällt.

    Aber die Sache ist wohl im Fall Laube deutlich komplexer. Immerhin war an ein politisches Parteienspektrum, wie wir es heute kennen, noch lange nicht zu denken. Wer sich als Demokrat oder Republikaner zu erkennen gab, musste mit staatlichen Repressionen rechnen. Und auch die Frage der deutschen Einheit war ungeklärt. Und blieb es noch für Jahrzehnte, was im Grunde all das erst begünstigte, was wir heute als deutschen Nationalismus begreifen, der so eng verquickt ist mit Verachtung für andere Völker.

    Gerade am Beispiel Laube wird deutlich, wie sehr der Mut anderer Völker damals, um ihre nationale Freiheit zu kämpfen, in Deutschland nicht nur Solidarität und Begeisterung auslöste, sondern auch Gefühle des Neides, auch der Bedrohung und der Angst, den eigenen schönen Platz an der Sonne zu verlieren. Laubes Verhalten gegenüber den tschechischen Separationsbestrebungen erinnert erstaunlich an die grassierende Panik heutiger „besorgter Bürger“, die Europa gern wieder auseinandernehmen und vor allem die Südländer und die Osteuropäer wieder an den Katzentisch verbannen würden. Was da geistert, ist augenscheinlich 200 Jahre alt und war zu Laubes Zeiten das Schmierwerk, mit dem die Anhänger der damaligen Kleinstaaterei darum kämpften, dass die Verhältnisse so blieben, wie sie waren und die Fürsten, Könige und Kaiser weiter als Symbol der eigenen kleinen Überlegenheit auf den Thronen blieben.

    Ob das ein Bruch in Laubes Biografie war, bestreiten natürlich andere Autoren wieder. Denn zeitlebens blieb er Befürworter der nationalen Einheit, möglichst als konstitutionelle Monarchie.

    Und dass auch so ein braver Patriot schizophren sein konnte, zeigte Laubes Verhältnis zu Polen, denn den dortigen Aufstand bejubelte er genauso wie viele andere Sachsen. Der richtete sich aber auch nicht gegen den Kaiser in Wien oder den König von Preußen, sondern gegen den russischen Zaren.

    Und seine Möglichkeiten als Herausgeber und Autor nutzte Laube auch nach 1835, um die Autoren populär zu machen, die ihm wichtig waren. Immerhin unter permanenter Zensur. Und zu den Autoren, die er populär machte, gehörte auch dieser Hoffmann von Fallersleben, der heute mit Leuten wie Herwegh und Freiligrath schon zum „Vormärz“ gezählt wird. Aber die Grenzen sind fließend. Und in diesem Laube steckte deutlich mehr als ein Mann, der sich verbog, um eine Stellung zu bekommen. Denn den Job als Direktor des Wiener Burgtheaters bekam er ja nicht nach der gescheiterten Revolution, sondern genau in der Umbruchzeit, als auch in Wien auf einmal Unerhörtes möglich schien und der starre Kanzler Metternich hatte fliehen müssen. Und die Wiener wählten ihn auch, weil sie ihn auch schon als begabten Dramatiker und Regisseur erlebt hatten. Dieser Laube hatte eine Menge Talente. Und wie man ein populäres Theater machte, wusste er auch.

    Dass er dabei Autoren wie Grillparzer und Heyse zu Erfolgen ihrer Stücke verhalf, gehört natürlich genauso in seine Lebensgeschichte wie seine späte Wortmeldung zum von Heinrich Treitschke ausgelösten „Berliner Antisemitismusstreit“. Und das wollte schon eine Bedeutung haben, als das deutsche Bürgertum in der Bismarckära zunehmend chauvinistischer wurde und der Antisemitismus regelrecht zur Modeerscheinung wurde.

    Tatsächlich lernt man in diesen Beiträgen einen Heinrich Laube kennen, der in viele Schubladen einfach nicht passt. Der immer zu changieren schien, hochtalentiert, vor allem ein begabter Theatermann, der auch den jungen Wilhelm Richard Wagner auf die Spur brachte, auch wenn er das Spätwerk des Komponisten nicht wirklich prickelnd fand. Natürlich spürt der ein oder andere Beitrag auch den schlesischen Spuren in Laubes Werk nach – und die gibt es natürlich, denn insbesondere seine Reisenovellen zehren vom Stoff insbesondere seiner Studienzeit in Breslau.

    Der Band beschließt mit einem Ausflug von Marek Halub in die heutige Wahrnehmung Laubes in polnischer Fachliteratur, in Lexika und Interneteinträgen. Gerade bei Letzteren merkt man, wie unzuverlässig viele Quellen sind, wenn kenntnislose Abschreiber aus dubiosen Quellen zitieren. In Sprottau, Laubes Geburtsstadt, könnte aus einem sehr zufälligen kleinen Heimartmuseum durchaus auch mal eine Erinnerungsstätte für Heinrich Laube werden. Da denkt man an Leipzig, wo dieser Heinrich Laube zwar mit einem Straßennamen geehrt wird – aber mehr ist auch hier nicht zu finden. Doch da geht es Laube ja genauso wie Gerstäcker und Freytag und anderen Autoren, die in Leipzig versuchten, sich ihr täglich Brot mit der Feder zu verdienen. In Leipzig scheint es nur Musik zu geben. Das ist schön unverbindlich und man muss sich mit den geistigen Absichten der Künstler nicht weiter beschäftigen.

    Und so fand auch dieses Kolloquium eben in Wroclaw statt und nicht in Leipzig, wo Laube seine dollsten Beiträge zum „Jungen Deutschland“ schrieb und später auch noch mal kurz als Schauspieldirektor tätig wurde, bevor er doch lieber wieder zurückging nach Wien.

    Leszek Dziemianko, Marek Halub, Matthias Weber (Hrsg.): Heinrich Laube (1806 – 1884). Leben und Werk, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2016, 36 Euro.

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