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Warum die bekannteste Modezeitschrift der DDR noch heute berühmt und manchmal teuer ist

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    Es war mal ein Flaggschiff im Verlag für die Frau: die Modezeitschrift „Sibylle“, 1956 aus der Taufe gehoben und bis zum Ende der DDR eine der Zeitschriften, die an den Kiosken des Landes im Handumdrehen ausverkauft waren. Eigentlich ein guter Grund, den 60. Geburtstag dieses beliebten Heftes zu feiern – auch wenn es die „Sibylle“ heute nicht mehr gibt.

    1995 musste das Heft, nachdem sich die Macherinnen noch wacker den rauen Winden des freien Marktes gestellt hatten, eingestellt werden. Da ging es der „Sibylle“ wie so vielen Titeln aus dem untergegangenen Land der knappen Angebote und kurzgehaltenen Träume. Sie überlebten die ersten wichtigen Jahre nach der Wiedervereinigung nicht, in denen die einstigen Käuferinnen aus dem Osten natürlich erst einmal alles nachholten, was der nun freie Markt ihnen bereithielt. Und die Durststrecke, bis der Titel auch neue Käuferinnen im Westen fand, war einfach zu lang.

    Wobei vieles darauf hindeutet, dass auch die „Sibylle“ eine Chance gehabt hätte mit der Zeit, denn gerade durch ihre Geburt im Selbstversorgerland DDR hatte sie etwas mitbekommen, was heute längst wieder da ist und eine solche Zeitschrift deutlich abheben würde vom bunten Einerlei. Denn die Frage stand ja von Anfang an: Wie macht man eigentlich eine gefragte Modezeitschrift in einer Mangelwirtschaft, in der man weder die neuesten Pariser Modelle in Boutiquen kaufen konnte noch die neuesten Modetrends aus den Westkatalogen im Modegeschäft?

    Die Antwort: Man kooperiert mit echten Künstler-Profis – in diesem Fall aus dem Modeinstitut der DDR, wo junge Talente aus dem Land ihre Ideen und Träume vom schicken Aussehen verwirklichten. Und da sie keine überkandidelte High Society bedienen mussten, andererseits auch wussten, wie schwer im Land an einige Materialien heranzukommen war, entwarfen die dortigen Designer natürlich Klamotten, die auch die längst handarbeitsgewöhnte Frau im Osten mit der eigenen Nähmaschine selber nähen konnte. Aber weil man dennoch nicht wie Aschenputtel herumlaufen wollte, fanden die neuen Ideen aus dem Wesen natürlich auch hier Einlass, wurden verwandelt und oft genug vereinfacht, auch wenn „Sibylle“ anfangs keine Schnittmusterbögen veröffentlichte (so wie die ebenso beliebten „PraMo“ und „Modische Maschen“), sondern sich auf eine bunte Mischung aus (Kultur-)Feuilleton und lange Bilderstrecken mit den Entwürfen der Designer beschränkte. Eigentlich schon Anregung genug.

    Fürs Auge sowieso. Denn auch „Sibylle“ konnte die besten Fotografinnen und Fotografen des Landes an sich binden, die Modefotografie nicht als Inszenierung völlig weltferner Modells verstanden, sondern als eine Spielart der Alltagsfotografie – denn auch hier floss ja die „Feier des Alltags“ immer wieder mit ein, mit der in DDR-Medien das Leben der „Werktätigen“ als das eigentliche und richtige inszeniert wurde. Oder gezeigt wurde. Es kommt ja nur auf den Blickwinkel an. Wer die großen Fotobände aus dem Lehmstedt Verlag durchgeblättert hat, weiß ja, mit welcher dokumentarischen Genauigkeit diese Fotografinnen und Fotografen den Alltag der Menschen im Land einfingen. Und das floss natürlich auch in ihre Modeaufnahmen mit ein, sodass die abgebildeten Modelle manchmal einfach aus dem wiedererkennbaren Lebensumfeld der Leserinnen zu kommen schienen. Was noch durch die Haltung der Heftredaktion verstärkt wurde, die sehr wohl wusste, dass sie hier auch ein Frauenbild propagierte. Eines, das bis heute schattenhaft nachwirkt, auch wenn es in der großen Rührmaschine der heutigen (künstlichen) Frauenbilder fast verschwunden scheint. Ute Scheffler zitiert eine bekannte ostdeutsche Fotografin (deren Namen sie leider nicht nennt): „Wir haben versucht, das Frauenbild zu zeigen, das unserem Ideal entsprach. Schön, klug, sinnlich, selbstbewusst, stark.“

    Und so war dann auch die Mode, die das Heft zeigte: selbstbewusste, praktische und trotzdem schicke Kleidung für selbstbewusste Frauen.

    Ute Scheffler erzählt – in übersichtlichen Jahrzehnte-Kapiteln – die Entstehung des Heftes, die von Anfang an eng verbunden war mit der Modeentwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonders markant sind ja die 1950er Jahre, als noch die damenhafte Mode dominierte, die mit dem Aufkommen immer neuer Musik- und Lebensstile zunehmend aufbrach und immer bunter, verspielter, jünger wurde. Irgendwann tauchten dann die ersten Schnittmusterbögen auch im Innenteil der „Sibylle“ auf und gaben den selbstbewussten Schönen im Land alles in die Hand, was sie brauchten, um die in der Regel einfach zu nähenden Modelle mit eigenem Material und eigenen kreativen Einfällen zu gestalten.

    Und das Verblüffende für Ute Scheffler ist, dass diese doppelte Faszination – die des Selbermachens und die der Zeitlosigkeit der Modelle – bis heute anhält und bei Versteigerungen der alten Hefte regelrechte Rekordsummen einspielt. Ist das nur Nostalgie? Wahrscheinlich nicht. Mehrfach fällt der Begriff „Vintage“. Denn Kennzeichen der 2000er Jahre ist ja ihre immer neue Rückkehr zu den Stilen der jüngeren Vergangenheit. Augenscheinlich haben die 1950er, 1960er und 1970er schon alles an Formen und Accessoires hervorgebracht, was das 21. Jahrhundert zum Schönsein und Sich-Wohlfühlen braucht. Vielleicht sind ja die Modedesigner in London, Paris und Mailand deshalb so ratlos und suchen ihr Heil in Schmuddelmode, weil dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist. Und weil die Frauen von heute längst abtrünnig geworden sind und sich so kleiden, wie es ihnen am besten gefällt. Und da kommen die Klamotten aus Mutters oder Großmutters Kleiderschrank genauso wieder zu neuer Verwendung wie die klassischen Schnitte aus „Sibylle“. Denn was einfach ist, tendiert ziemlich schnell dahin, auch klassisch zu werden.

    Was ja bekanntlich gerade Modedesigner zur Verzweiflung bringt, die versuchen, Männer in exotische Gewächse zu verwandeln: Mit dem klassischen Jeansschnitt und den T-Shirts ist gerade Männermode längst auf klare, einfache Nenner gebracht worden.

    Natürlich geht Ute Scheffler auch auf die wesentlichen Modetrends der einzelnen Jahrzehnte ein, macht in diesem Punkt auch nicht im Jahr 1995 Schluss, als die „Sibylle“ ihr Erscheinen einstellen musste. Was noch einmal deutlich macht, dass dieses Heft eigentlich nach 2000 einen Platz mitten in der neuen Welt des Selbermachens, des einfachen und klassischen Modebewusstseins hätte finden können. Aber das war ja eben einigen Magazinen des Ostens, die eigentlich schon die richtige Mischung hatten, nicht beschieden. Die Durststrecke war zu lang.

    Deswegen ist das schmale Buch einerseits natürlich eine kleine Reminiszenz an die noch längst nicht vergessene Zeitschrift, andererseits auch ein kleines Geschenk für die Käuferinnen, die heute wieder selbst gestalten. Dem Büchlein liegt ein Schnittmusterbogen für ein typisches zeitloses „Sibylle“-Sommerkleid bei. Dazu gibt es noch eine Anleitung für einen „trendigen Kapuzenmantel“.

    Und ganz so einsam steht der Titel ja auch nicht im Programm des Buchverlags für die Frau. Denn nach dem scheinbaren Ende der Ich-näh-es-mir-selbst-Kultur in den frühen 1990er Jahren ist mittlerweile eine richtige Bewegung entstanden, die mit dem Selbstgestalten auch ihren Abschied vom billigen Konsumieren deutlich macht. Und entsprechend mehren sich auch wieder die Titel im Verlagsprogramm, die zeigen, wie es geht und wie viel eigene Kreativität sich wieder entfalten kann, wenn man sich nicht mehr dem Angebot im Laden überlässt, sondern sich die Sachen, die man haben möchte, selber näht.

    Tipp: Am 3. Mai eröffnet der Buchverlag für die Frau übrigens im Haus des Buches eine große Ausstellung „70 Jahre – Bücher für Generationen“. Da steht zwar nicht der 60. Geburtstag von „Sibylle“ im Mittelpunkt, sondern der 70. des Verlages. Aber ohne Mode und große Modefotografie aus dem einst verschlossenen Land geht das natürlich nicht ab.

    Ute Scheffler: Schick mit Sibylle, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2016, 9,95 Euro.

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