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Was dem Herrn Godot tatsächlich alles passiert ist, als er eines Tags mal die falsche Abkürzung nahm

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    Wo bleibt er nur? Er kommt nicht. Das ganze lange Stück nicht. Da können sich Wladimir und Estragon noch so sehr den Kopf zerbrechen über den abwesenden Herrn Godot. Und das Publikum sowieso. Das wartet ja jedesmal mit und grübelt: Was ist das nur für ein Bursche, dieser Godot? Was hat ihn aufgehalten? Oder ist er auch nur ein Großmaul, das zu viel versprochen hat?

    Beckets Bühnenstück ist ja nicht nur wegen der surrealen Situation, in der sich Wladimir und Estragon befinden, ein Klassiker geworden. Es ist wohl auch das Zeitstück, das die Ratlosigkeit der modernen Gesellschaften am prägnantesten auf den Punkt bringt – und das mit einer gewaltigen Hucke an Transzendenz. Oder dem, was davon zwangsläufig übrig bleibt, wenn Gott aus der Welt verschwunden ist. Dann wird Sinnsuche zur Daueraufgabe. Was herrlich sein kann, wenn man die Sache nicht schon wieder an andere Leute delegiert. Wie diesen komischen Herrn Godot.

    Dem in diesem Fall die Berliner Autorin Marion Brasch einfach mal nicht durchgehen lässt, dass er durch Abwesenheit glänzt. Und sich damit wichtig macht.

    Aber hoppla: Diesen Weg gehen wir hier jetzt nicht.

    Denn wenn man so anfängt, bekommt man einen anderen Herrn Godot als er in diesem Buch ganz unverhofft erscheint: „Er war plötzlich da und hat gesagt, er sei Godot.“ Denn eigentlich war er ja wirklich auf dem Weg zum Treffen mit Wladimir und Estragon. Aber Marion Brasch macht keinen Wichtigtuer aus ihm. Eigentlich ist er auch ein Mensch wie unsereins, dem unterwegs im Leben allerlei völlig unvorhersehbare Dinge geschehen. In diesem Fall eine ganze Menge. Denn irgendwie muss Godot tatsächlich einen völlig falschen Abzweig genommen haben – so etwas Ähnliches wie das Kaninchenloch, in das die berühmte Alice gefallen ist. Nur dass er es nicht gemerkt hat und auf einmal durch eine Welt läuft, in der man aufpassen muss, was man sagt und denkt oder sich anhört. Denn hier sind Dinge real, von denen andernorts immer nur geredet wird.

    Hier kann es tatsächlich Hunde und Katzen regnen. Oder Werte können fallen. Hier kotzen tatsächlich Pferde vor der Apotheke und der Reißwolf lauert im Keller. Wer die surrealen Meisterwerke des frühen 20. Jahrhunderts gelesen hat, wird sich wie zu Hause fühlen. Wie auch anders. So muss ja die Welt sein, in der ein Herr Godot unterwegs ist, auch wenn es sichtlich nicht seine gewohnte Umgebung ist. Denn dass er sich verlaufen hat, wird ziemlich schnell klar. Aber er macht kein Drama draus, sondern lässt sich drauf ein. So, wie unsereins sich drauf einlässt, wenn es im Traum mal wieder um eine Ecke geht und man unverhofft in einer völlig anderen Geschichte landet. Man versucht zu begreifen, was los ist und welche Bedeutung hinter dem steckt, was einem gesagt wird.

    Dass man dabei wie Godot dem Weihnachtsmann begegnet und mit einem Kaufhausdetektiv in einem völlig sinnfreien Dialog landet (was ja echte Kaufhausdiebe mit echten Kaufhausdetektiven auch manchmal erleben), nimmt Godot mit einer sehr vertrauten Gelassenheit. So ungefähr ist ja das Zeug in unserem Kopf gepackt, wenn es in der Nacht wieder ausgepackt und neu versendet wird. Unser Gehirn ist schon eine erstaunliche Welt. Und nicht nur Lewis Carroll hat ja versucht, die Sache erzählerisch fruchtbar zu machen. Ein gewisser Herr Hesse bekommt in diesem Buch sogar ein eigenes Kapitel. Immerhin hat er mit seinem „Steppenwolf“ ja genug Unfug angestellt und junge Leute närrisch gemacht, als könnte man auf Erden tatsächlich so leben, als wär’s ein erfüllter Traum.

    Nur ja nicht! Wo kämen wir da hin, wenn unser Herz bestimmen dürfte, welchen Weg wir nehmen, und nicht die üblichen Finanzämter, Ordnungsämter, Rentenversicherer, Gebühreneintreiber, Steuerbehörden und Steuerhinterzieher, Geiz, Gier und Mammon und wie die Herren Nimmersatt alle heißen. Diese Phantasielosen, gegen die bislang jedes Aufbegehren und Revoltieren nichts genützt hat. Sie sind schon immer da, wenn die Verträumten von anno Freud oder die Blumenkinder wieder ankommen, sonnengebräunt und erschöpft von der Reise: Die unbezahlten Rechnungen und der Gerichtsvollzieher warten schon auf sie. So ist unsere Welt. Ein zerstreuter Herr Godot würde hier echte Probleme bekommen.

    Aber er hat ja Glück. Er ist anderswo unterwegs. Auch wenn er nicht alles versteht. Auch nicht alles verstehen muss. Was auch mal schön ist: Rätselhaftes rätselhaft sein lassen zu können, ohne sich darüber aufzuregen. Die Sache mit dem Lackaffen etwa, dem Würfelmolch oder der Krähe, die so geheimnisvoll tut. Da streift die Geschichte natürlich ganz zärtlich ans Reich der (Kunst-)Märchen und der Fantasy. Würde Godot, der vom Herumlaufen schon ein bisschen müde ist, nur ein bisschen zu neugierig sein, könnte es passieren, dass er an dieser Stelle in den Brunnen fällt, den berühmten, und dann wieder in einer anderen Geschichte landet.

    Dabei könnte er eigentlich – beinahe – seinem Glück begegnen. Wie das so ist im Leben: Es streift einen als Frühlingslüftchen, schaut einen verträumt an – aus Frauenaugen zumeist. Der Moment ist so kurz, dass einem erst später auffällt, dass das ein Beinah gewesen wäre. Wenn man nur …

    In der Regel schreibt man dann verzweifelte Einträge auf Facebook oder Twitter oder hängt gleich verzweifelte große Plakate in die Straße: „Wo bist du! Du hast mich angeschaut! Ich will dich kennenlernen!“ Die Leute reden immer von Sex. Dabei geht es um ganz etwas anderes. Dieses Bin-ich-wirklich-gemeint?

    Man möchte ja da sein. Das geht nur zu zweit. Und so wird diese ein bisschen surreale Godot-Geschichte auch ein wenig zu einer Geschichte im Geiste des Herrn Hesse, so eine Beinah-Geschichte. Und nur die Erzählerin, die ziemlich kess erzählt und manchmal auch zugibt, dass sie Manches nicht weiß (oder so tut, als wüsste es keiner), kann zumindest erzählen, wie dicht dran Godot immer wieder ist. So dicht dran.

    So ist das ja mit der Liebe. Fast immer.

    Und in den richtig guten Liebesgeschichten. Deshalb sind sie ja so traurig.

    Und deswegen ist uns dieser Godot wohl auch recht vertraut. Denn diese kleinen Fehlstellen, an denen ein winziges Missverständnis dafür sorgt, dass die schöne große Geschichte schon in die Binsen geht, bevor sie richtig angefangen hat, die kennt man. Und fühlt sich meistens ziemlich elend danach, weil augenscheinlich nur ein falsches Wort, ein falscher Satz, eine belanglose Geste alles unmöglich gemacht haben. So fremd ist uns das Surreale im realen Leben gar nicht.

    Nicht nur Kaufhäuser sind surreale Orte, wie Godot feststellen darf, auch Waschsalons, Parkbänke und Keller sowieso. Und Verbotsschilder könnten Sinn machen, wenn sie vor echten Überraschungen warnen würden. Godot übrigens ignoriert eins und landet vor dem jüngsten Gericht (dessen namhafte Mitglieder wir hier nicht nennen, sonst verärgern wir noch ein paar irdische Immer-Ernstnehmer). Man merkt schon, dass die Autorin ihre Bibliothek gelesen hat, sich aber von den schnauzbärtigen Herren nicht allzu beeindruckt zeigen will. Er gibt eh schon zu viele, die das Schreiben wie eine Arbeit im Steinbruch angehen und unterwegs die besten Stellen verpassen. Die mit den Hüpfbären zum Beispiel oder den Maulaffen. Oder dem Wegweisen, der so klug ist, als hätte er schon mal in Wunderland rumgestanden, das ja nicht wegen der Spielkarten so fasziniert, sondern wegen der irren kleinen Dialoge, die – beim näheren Betrachten – hoch philosophisch sind. Aber das verstehen nur Kinder.

    Manchmal hat man ja noch eins in sich. Da, wo andere ihren Inwendigen Zensor, Nörgler und Besserwisser haben. Sie wissen schon. Dann hat man seine schöne Freude mit diesen burschikosen Abwegen des Herrn Godot, der am Ende tatsächlich eine Bekanntschaft macht, die es in sich hat. Zwischendurch gab es eine ganze Handtasche voll höchst grotesker Geschichten, die der Autorin sichtlich unverhofft in den Erzählfluss gerieten – so wie die von Dornfröschen oder Unterird und Dunkelmunk. Und schöne, stimmungsvolle Illustrationen vom Leipziger Grafiker Matthias Friedrich Muecke.

    Tipp: Am Mittwoch, 13. April, um 20 Uhr, ist die Autorin zu Gast in Leipzig im Horns Erben.

    Marion Brasch Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2016, 18 Euro.

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      1 KOMMENTAR

      1. Lange aufbleiben lohnt sich bei euch immer. Wunderschön. Mein Bücherregal wird noch platzen.

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