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Torgau als Residenzstadt der Lutherzeit, Ort der Begegnung und Wiege des leckeren Stollen

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    Vielleicht muss alles genau so beginnen: Als Reisender und Spaziergänger entdeckt man die prachtvollen sächsischen Städte wieder, rückt sie wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit - und dann kommen vielleicht ein paar Leute wieder auf Ideen, was man aus diesen Kleinoden in heutigen Zeiten machen kann. Aus Torgau zum Beispiel.

    Ein Kleinod ist die Stadt ja vor allem, weil hier noch die alte Wettinische Residenzstadt zu besichtigen ist – samt Schloss und Kanzlei. Jene Stadt, die in Luthers Zeit eigentlich auf dem besten Weg war, zur künftigen sächsischen Haupt-Stadt zu werden. Wäre da nicht die berüchtigte Leipziger Teilung von 1485 gewesen, die aus einem Sachsen zwei gemacht hatte, die sich 1547 im Schmalkaldischen Krieg dann ganz unbrüderlich gegenüberstanden. Danach war nichts mehr, wie es war. Nicht nur die Kurwürde wanderte von den Ernestinern zu den Albertinern, auch das stolze Torgau ging den Ernestinern verloren. Weil aber die Albertiner lieber Dresden zu ihrer Residenz ausbauten, blieb dieses Stück sächsischer Geschichte in Torgau bewart und erhalten. Bis in die Substanz der Bürgerstadt hinein.

    Deswegen kann man im Bürgermeister-Ringenhain-Haus heute noch (oder wieder) bürgerliche Wohnkultur des 16. Jahrhunderts besichtigen. Das Spalatin-Haus scheint gerettet, harrt nur noch der Restaurierung. Die Superintendentur erinnert ebenso an das luthersche Torgau wie das Kentmann-Haus, die Schlossstraße und die Katharinenstraße 11, wo die Katharina-Luther-Stube zum Besuch einlädt. Vom Renaissance-Rathaus, der Mohrenapotheke und der Nikolaikirche ganz zu schweigen, über deren Sanierung der Torgauer Rat emsig diskutiert. Und wo die Zeit Lücken in die alte Bebauung gerissen hat, werden diese phantasievoll geschlossen.

    Katharina, Luther und Spalatin sind hier allgegenwärtig. Selbst im Schloss, denn ohne die fürstliche Unterstützung hätte es die Reformation nicht gegeben. Auch wenn das Schloss inwendig die meiste Pracht verloren hat. Dazu wurde es zu lange fremdgenutzt. Das Übliche eben: Zuchthaus, Festung, Verwaltungsgebäude. Heute sitzt der Landrat hier. Im Zwinger tummeln sich wieder die Bären. Die Kulisse stimmt. Wendelstein, Schlosskirche und Erker erinnern an alte Pracht. Und mit zwei großen Landesausstellungen hat man schon gezeigt, wozu der Bau gut nutzbar ist in heutigen Zeiten.

    Das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) (wer denkt sich nur diese scheußlichen Namen aus?) erinnert daran, wie lange – unter wechselnden Mächten – Torgau Haft-, Zucht- und Korrektionsort war. Das 20. Jahrhundert quasi in seiner Reinkultur: die Erziehungs- und Bestrafungswut autoritärer Regime zum Erinnern. Damit man nicht vergisst. Es ist so schön gemeint. Und funktioniert, wie man heutigentags erlebt, so gar nicht. Autoritätsgläubige Menschen verlangen immer wieder nach den bewährten alten Mitteln obrigkeitlicher Liebe: Mauern, Kontrolle, Abschiebung, Knute.

    Man hat also guten Grund, traurig zu sein in Torgau. Obwohl es so schön ist und allerorten sichtbar ist, wie man sich bemüht, das historisch Schöne wieder instand zu setzen. Vom kleinen, eindrucksvollen Handwerkerhäuschen bis zum Braumuseum. Torgisch Bier war mal Exportschlager und hat die Torgauer einst reich gemacht. Auch die Leipziger bestellten eifrig, denn deren eigenes Bier war eigentlich nicht trinkbar.

    Torgau ist aber auch Schauplatz gewesen der berühmten Begegnung zwischen den amerikanischen und den sowjetischen Truppen im April 1945. Das Denkmal erinnert daran und ein Pfeiler jener berühmten Begegnungsbrücke. Was hier – mehr als nur symbolisch – geschah, war den Torgauern immer bewusst. Den Brückenabreißern nicht. Auch das gibt zu denken in einer Zeit, da wieder Generale und verbiesterte Generalsekretäre an der Aggressionsspirale schrauben. Lernen die es denn nie? Es sieht ganz so aus: Sie lernen es nie.

    Vielleicht sollte man sie verdonnern, jedes Jahr im April nach Torgau zu kommen und – damned! – ihre Hände zu schütteln und einen Wodka zu trinken. Aber wie man sie kennt, werden sie wieder lauter Ausreden haben, die nichtsnutzigen Herren der Welt.

    Da wünscht man sich fast die feierfreudigen Wettiner zurück, die ihren Köchen immer mal wieder Aufgaben verpassten, die ihr erfinderisches Talent anspornten. Und das scheint auch dazu geführt zu haben, dass 1457 der Hofküchenmeister Heinrich Drasdow in Torgau den ersten Christstollen buk. Der Stollen scheint dann 20 Jahre später nach Dresden gekommen zu sein. Seit 2007 vermarktet Torgau nun seine wesentlich ältere Stollentradition.

    Und da man von Leipzig mit der S-Bahn prima hinkommt, steht einem Stadterlebnis in Torgau eigentlich nichts im Weg. Dass es im Grunde eine Zeitreise von 500 Jahren ist, macht den Ausflug natürlich besonders. Auch für all jene, die so eine vage Vorstellung bekommen wollen, wie Leipzig damals ausgesehen haben wird, 1519, als Luther zur Disputation nach Leipzig kam. So betrachtet, ist die emsige Restaurierungsarbeit in Torgau auch die Wiedergewinnung einer alten Zeitschicht, die nur märchenhaft wirkt, wenn hier Märchenfilme gedreht werden. Die Stadt schwebt sichtlich zwischen den Zeiten, halb Dornröschenstadt, halb Gegenwart. Alles schön kompakt und an einem Tag gut zu durchlaufen, wenn man nicht hängen bleibt in dem ein oder anderen Museum oder in der „Bärenschenke“ beim leckeren Bier. Oder bei Claus Narr auf dem Markt.

    Doris Mundus: Torgau an einem Tag, Lehmstedt Verlag 2016, 4,95 Euro.

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