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Die Einsamkeit der Kneipen, die Melancholie der Nacht und die Überraschungen des ganz normalen Lebens

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    Wenn man unsere Medien so Tag für Tag beobachtet, dann merkt man schon, wie sehr alles Richtung Westen fokussiert ist. Alles, was östlich von uns liegt, kommt bestenfalls mal vor, wenn sich dort einige Staatsmänner seltsam benehmen. Da braucht es ab und zu so eine aufmerksame Spurensuche in einer Literatur, die einem auch diesmal erstaunlich vertraut vorkommt.

    Was ja nicht das erste Mal ist bei Voland & Quist, wo man mit der Reihe Sonar seit Jahren auf der Suche ist nach den markanten Autoren, die unbedingt den Weg zu deutschen Lesern finden sollten. Manchmal geht das im positiven Sinne schief, dann werden diese Autoren auch von den großen Publikumsverlagen entdeckt und wandern ab. Also wird weiter gesucht, wanderte der Fokus vom ehemaligen Jugoslawien nach Weißrussland, wo man mit Viktor Martinowitsch („Paranoia“, „Mova“) einen echten Ausnahmeautoren vom Format eines Haruki Murakami fand.

    Das muss sich noch herumsprechen. Genauso, wie sehr man gleich nebenan in Tschechien fündig wird. Nicht unbedingt in der Prager Metro, wie der Herausgeber Martin Becker und die Übersetzerin Martina Lisa im Vorwort schreiben, das eher eine phantasievolle Eröffnung ist für eine Welt, die einem auch schon aus den „Alois Nebel“-Büchern von Jaromír 99 und Jaroslav Rudiš vertraut ist. Man landet in einem Land, das von den Veränderungen der vergangenen 50 Jahre genauso gebeutelt wurde wie das heutige Sachsen. Nur dass die Tschechen nicht auf einen vermeintlich reicheren und wohlgenährteren Westen schauen, sondern den Zustand – zumindest den materiellen – ihres Landes als gegeben nehmen. Die Gründe dafür, dass Berufskarrieren scheitern, Ehen zerbrechen, Menschen vereinsamen, die liegen nicht andernorts. Die liegen hier. Auch dann, wenn sie die Protagonisten dieser Kurzgeschichten und Gedichte nicht ändern können.

    Auffällig aber ist, dass sie die „Wende“ von 1989 nicht derart als Mauer zur Vergangenheit betrachten, wie das bei uns der Fall ist, wo blasierte Edelfedern aus dem reichen Westen nun seit 27 Jahren erklären, wie die Ostdeutschen ihr Leben und ihre Vergangenheit bitteschön zu betrachten haben. Es ist nur folgerichtig, dass das Neid erzeugt, Trotz und Hilflosigkeit. Und ein ziemlich lädiertes Selbstbewusstsein.

    Den Tschechen geht es zwar nicht besser. In den Geschichten begegnen dem Leser einige ziemlich abgewrackte Gestalten. Ziemlich einsame Typen, die am Ende (oder auch gleich zu Beginn) in der Kneipe landen. Die Metro spielt wirklich nur ganz am Rande eine Rolle. Aber ein Leben ohne Kneipe, das geht gar nicht. Hier werden Freundschaften gepflegt, werden die Reden gehalten, die man daheim niemals halten würde. Hier tröstet man sich bei Bier und Sliwowitz – entweder über das tatsächliche Alleinsein oder über den Frust daheim.

    Wobei auffällt: Das ist in all den Geschichten eigentlich kein Drama. Nicht mal bei den tatsächlich älteren und schon gestandenen Autoren, die in die Auswahl gefunden haben. Unter „Junger Literatur“ versteht Martin Becker durchaus etwas Umfassenderes, was auch namhafte Autoren wie Filip Topol, Vladimira Cerepkova, Irena Douskova, Emil Hakl und Petr Hruska mit einschließt.

    Denn Literatur ordnet sich eben nicht in Epochen oder Generationen (auch wenn Literaturwissenschaftler das immer behaupten), sondern in Verwandtschaften. In Welthaltungen, die auch in dieser Auswahl deutlich werden, die vor allem Geschichten einsamer Menschen umfassen. Geschichten verschiedenster Einsamkeiten, ohne dass darüber (wie das bei deutschen Dichtern meist der Fall ist) groß philosophiert wird. Denn irgendwann merkt man doch beim Schreiben, dass das Philosophieren jede Handlung zerstört und unglaubwürdig macht. Dabei ist alles, was uns wirklich passiert, reine Handlung. Auch wenn sich Vieles in den Kopf der Protagonisten verlagert. Da sind sie uns sehr vertraut: Man redet nicht viel und versucht nicht, irgendetwas darzustellen. Eher liegt ein leichtes Misstrauen über allen Begegnungen, eine permanente Furcht, man könnte anderen Leuten doch wieder zu nah kommen. Da hält einer selbst in der Kneipe auf Distanz – und landet trotzdem noch am selben Tag in einem Abenteuer (wie in „Fremdessina“). Ein anderer, der genauso scheu in seiner Kneipe sitzt, lernt das Geheimnis eines Nachbarn kennen. Manchmal scheinen die Geschichten abzuheben, bekommen etwas Traumhaftes. Aber nicht, weil jetzt märchenhafte Elemente auftauchen, sondern weil die Autoren und Autorinnen so erzählen: Zwischen der zumeist trivialen (und dennoch verwirrenden) Wirklichkeit und der Wahrnehmung der Helden auf das Geschehen liegt immer eine Distanz, eine Welt von Überlegungen, Erinnerungen, Vorsichtigkeiten.

    Oft genug sind es die leidigen Probleme zwischen Mann und Frau, ohne die man nicht durchs Leben kommt. Man entfremdet sich, lebt nebeneinander her – der Erzähler fast immer in der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben. Auch die gegenwärtige Welt wird thematisiert, diese oberflächliche Betriebsamkeit der modernen Büromenschen, „die das Geld ranschaffen“ und in ihrem eigenen Trott stecken, ohne zu merken, dass ihnen die Frau an ihrer Seite entglitten ist. Sie merken es erst, wenn auf einmal der Alltag hakt, die Dinge unverhofft nicht mehr funktionieren.

    Was auch kein neues Thema ist. Mancher dieser Helden hält auch lieber auf Distanz, weil er ganz bestimmt nicht selbst erleben will, was er bei seinen Eltern erlebt hat. Da widmet man seine Gefühle doch lieber einem treuen Hund – was dessen Tod nicht weniger tragisch macht.

    Trotzdem werden es keine tragischen Geschichten, sondern eher lauter Geschichten aus dem stilleren Abseits, jede mit einem Schuss abendlicher Poesie durchtränkt. Manche ein bisschen melancholisch. Denn das Leben geht ja trotzdem weiter, auch wenn die Zustände eher bescheiden sind, ein bisschen ärmlich. Den großen Reibach machen andere. Für die normalen Erdbewohner bleibt der Traum vom Abenteuer. Von einem Kuraufenthalt etwa, den sich Normalsterbliche gar nicht leisten können. Auch diese Geschichte endet mit einer Überraschung. Manche geht tatsächlich ganz anders aus als gedacht. Und selbst dieses Ding mit der Liebe tritt manchmal ein – aber völlig anders, als man es aus den üblichen Märchenfilmen kennt. Und gerade da merkt man, dass es eigentlich alles Geschichten vom Suchen sind, auch wenn die Heldinnen und Helden gar nicht wissen, was sie eigentlich suchen. So, wie das Leben eben ist: wirklich erstaunlich erst dann, wenn wir es zulassen, wie es uns passiert. So wie in „Langes Einatmen“, das mit einer zerschmetterten Glastür endet.

    Aber die Botschaft ist eigentlich durchgängig: Hier unten ist das Leben. Nicht immer strahlend, reich und schön. Aber voller Überraschungen. Wenn wir denn einen Moment lang aufmerksam genug sind, sie wahrzunehmen.

    Martin Becker, Martina Lisa (Hrsg) „Die letzte Metro. Junge Literatur aus Tschechien“, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 18 Euro

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