Die biblischste aller Bibelgestalten mal gründlich unter die Lupe genommen

Im Jahr 2001 hat die Evangelische Verlagsanstalt ein Riesenprojekt gestartet, das all jenen, die wirklich wissen wollen, was in der Bibel steht und was es bedeutet, so richtig Lese-Futter gibt. Denn kenntnisreiche Autoren beschäftigen sich ausführlich mit den wichtigsten Figuren aus diesem "Buch der Bücher". Mit Josef ging es damals los. Jetzt ist die Reihe bei Abraham angekommen – dem "Vater der Völker". Und beim Ursprung dreier Weltreligionen.
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Es geht, wie man sieht, nicht unbedingt der Reihe nach. Es muss sich ja erst mal einer finden, der sich wirklich mit dem Stoff, der Zeit und den Quellen auskennt. In diesem Fall ist es der Berliner Theologe, Alttestamentler und Professor für Exegese Matthias Köckert, der sich mit der Gestalt Abrahams beschäft. Exegese hat jetzt nichts mit Exorzismus zu tun, sonden bedeutet schlicht: Auslegung. Denn dass eine solche Geschichte wie die um den aus Ur in Chaldäa stammenden Abram so eine gewaltige Wirkung entfalten konnte, liegt daran, dass sie von ganzen Generationen von Priestern und Propheten immer wieder neu ausgelegt und interpretiert wurde.

Und wenn einer dann auch noch die Ur-Texte kennt und die riesigen Berge von Literatur, die zur Genese dieser alten Bücher aus der Tora bzw. dem 1. Buch Mose mittlerweile geschrieben wurden, dann kennt er sich auch mit den verschiedenen Schichten aus, in denen die alte Legende entstand. Und auch damit, wer und wann diese alten Texte geschrieben und immer wieder neu zusammengesetzt haben muss. Dass die meisten Geschichten aus der Bibel die realen Ereignisse in Judäa und Umgebung nicht wirklich historisch korrekt abbilden, hat sich zumindest unter kritischen Köpfen herumgesprochen.

Die anderen spielen noch immer mit Storys à la „Die Bibel hat doch recht“ auf klug.

Aber als Geschichtserzählung wurde die Bibel nie geschrieben. Und so haben die Priester und Gläubigen sie wohl auch nie verstanden, einmal ganz zu schweigen davon, dass es 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung noch niemanden gab, der Geschichte als Wissenschaft betrieben hätte und historisch korrekte Historien erzählt hätte. Es war noch immer die Zeit der großen Mythen und der mythischen Heldenerzählungen. Wer es sich vorzustellen versucht: In Griechenland dominierten noch Götter- und Heldenerzählungen vom Stile Homers – das philosophische und naturwissenschaftliche Denken begann dort gerade erst aufzublühen. Und zwar nur dort. Die babylonischen Heldenlegenden um Gilgamesch waren im Zweistromland noch aktuell. Jede Stadt hatte dort im Grunde ihren Stadtgott. In Galiläa gab es ein ganzes Gewimmel von lokalen Göttern – bis hin zu jenem legendären Baal, von dem auch in der Bibel die Rede ist.

Köckert nimmt seine Leser sehr geduldig an die Hand und mit in die sogenannte Perserzeit. Denn in dieser Zeit irgendwann um das Jahr 500 v.u.Z. entstanden die Abram-Erzählungen – und zwar als Geschichten einer Identität als Volk. Zum zweiten Mal binnen weniger Jahrzehnte war Judäa von einer Großmacht aus dem Osten besetzt worden. Beim legendären Babylonischen Exil waren es die Babylonier gewesen, die einen Großteil der judäischen Oberschicht verschleppten und das winzige Königreich seiner Eigenständigkeit beraubten. Beim zweiten Mal war es das Perserreich, das sich das kleine Land am Mittelmeer einverleibte und auch diesmal wieder einen Teil der Bevölkerung ins Exil verschleppte.

In dieser Zeit entstanden die Abram/Abraham-Erzählungen als Gründungsmythos für ein Volk, das unter fremder Vorherrschaft nach einer eigenen Identität suchte. Und das war damals immer aufs engste verquickt mit der Schaffung eines eigenen Gotteskultes. Und einer Stiftungsgeschichte, die quasi auch gleich noch die göttliche Berechtigung auf ein besonderes Stück Land beinhaltete. Hier findet man das „auserwählte Volk“, auch wenn am Anfang erst einmal ein auserwählter Mann war, der bei den sternkundigen Chaldäern aufwuchs und den Ruf seines Gottes erhielt, auf gut Glück loszuziehen in ein Land, das dieser Gott ihm zeigen und für immer geben würde.

Dass diese Gründungslegende mit der tatsächlichen Vorgeschichte der beiden kleinen jüdischen Reiche nichts zu tun hatte, darauf muss Köckert gar nicht weiter eingehen. Dafür wird umso deutlicher, welche Rolle die damalige Priesterschaft bei der Entstehung der Abraham-Legende spielte. Denn nicht nur bei den Judäern war es so, dass man Volk, Königtum, Gott und Religion als Einheit dachte. Wenn ein Volk derart in Bedrängnis geriet, dann musste das zwangsläufig mit Gott zu tun haben – einem zürnenden und rachsüchtigen Gott zum Beispiel, wie ihn Heinz-Werner Kubitza schildert.

Und natürlich mit der richtigen Religionspraxis. Ist nicht der Abfall der Judäer vom „richtigen Glauben“ die Ursache für alle Drangsal? Augenscheinlich sahen die damaligen Priester in dieser Interpretation einen guten Zugriff auf die Gläubigen, denn das gab ihnen neue Macht. Denn wenn das falsche Verhalten der Menschen die Ursache für Gottes Unwillen ist, dann brauchen diese Menschen ein Vor-Bild, dem sie nacheifern sollten. Einen Mann, der sich am Anfang aller Dinge „richtig“ verhalten hat und gezeigt hat, was echter Gottesgehorsam ist. Einer, der nicht fragt und nicht zögert, wenn Gott ihn anweist, seine Heimat zu verlassen und in ein fremdes Land zu ziehen, der auch getreulich aushält, auch wenn ihm der von Gott versprochene Nachwuchs bis ins hohe Alter versagt bleibt. Und der auch ohne Murren loszieht, als Gott ihm aufträgt, seinen Lieblingssohn Isaak zu opfern. Eine Geschichte, die auch die Juden damals schon nicht aushielten. Denn das ist eine Prüfung, die weit über jedes menschliche Verständnis hinausgeht: auf Gottes Geheiß den eigenen Sohn zu schlachten.

Viele Spuren auch im 1. Buch Mose zeigen noch heute, wie diese Geschichte immer wieder redigiert wurde, wie die diversen Autoren und Redaktoren (und Köckert geht davon aus, dass es Priester waren) immer wieder neue Wege suchten, den Gläubigen diese Gnadenlosigkeit Gottes plausibel zu machen – annehmbar gar. Womit man dann schon im Bereich der Exegese ist, denn dieses Opfer ist interpretierbar, Abrahams Bereitschaft ist so vielfältig auslegbar, dass sich heute vier Weltreligionen auf diesen mythischen Urvater berufen können. Den Protestantismus kann man dabei durchaus eigenständig betrachten, denn das „sola fide“, das Luther bei Paulus gefunden hat und das ihm wie eine Erlösung war, hat seine Wurzeln in der Abraham-Geschichte.

Was deutlich wird, wenn Köckert auf die diversen Beschäftigungen späterer jüdischer Autoren mit der Abraham-Geschichte eingeht, die ja neben der Geschichte einer mythischen Landschenkung und einer stellvertretenden Opferung auch noch die mythische Abstammungsgeschichte enthält – nur wer von Isaak abstammt, gehört zum richtigen Volk. Und dann ist da auch noch die Proselyten-Geschichte. Denn bevor Abram zum Gesprächspartner des einen, „richtigen“ Gottes wurde, wuchs er ja in einer Familie mit lauter falschen Göttern auf.  Einwanderer ist er auch noch. Was aber Gründe hat, denn diese Abraham-Geschichte sollte ja nicht nur Identifikation schaffen, sondern auch Integration: Sie sollte die Judäer im Exil einbinden. Gleichzeitig sollte sie ausschließen – nämlich alle Völker, die nicht dazugehörten. Zum Beispiel all jene in Arabien, die von Ismael abstammen, dem Sohn, den Abraham mit seiner Sklavin Hagar hatte.

Irgendwie wurden also gleich mal Völkerverwandtschaften begründet – und gleichzeitig Grenzen gezogen.

Und dann ist da noch der einst nur jüdische Streit darüber, warum Abraham von Gott auserwählt und am Ende doch irgendwie belohnt wurde: War es wirklich nur sein unbedingter Glaube? Oder war es seine bedingungslose Erfüllung des „Gesetzes“, der Tora, die es zu Abrams Zeiten noch gar nicht geben konnte, weil sie ja parallel zur Abraham-Legende entstand? Viele Stellen verraten eben die Kenntnis der Redaktoren von Texten, die eindeutig weit nach der mythischen Abraham-Zeit entstanden sind – manche sogar erst in der Griechenzeit. Wer zu viel weiß, verrät sich bei seinen Text-Verbesserungen.

Wobei auch das nicht tragisch ist, denn auch die frühen Gründungsmythen der Juden wurden über Jahre nur mündlich weitergegeben und wurden erst spät mit ihrer Sammlung in der Tora zum gültigen Musterbuch. Samt all den Grausamkeiten, die Kubitza kritisiert, die so auch nicht stattgefunden haben. Aber augenscheinlich fanden es die frühen Priester nötig, verbal immer wieder mit den schlimmsten Strafen zu drohen, wenn einer sich nicht an die Regeln hält. In die Abraham-Geschichte eingeflochten ist ja auch die Lot-Geschichte samt der Vernichtung Sodoms. Aber warum wird ausgerechnet Sodom vernichtet, aber Hebron nicht? Da wird Köckerts Analyse zu einem Ausflug in die Welt der orientalischen Gastfreundschaft und der gelebten Gottesfurcht – denn gerade Abrahams Aufenthalt in Hebron erzählt davon, dass die meisten Regeln für das richtige Verhalten, die wir in der Bibel finden, alle schon vorher existiert haben. Die ganze Region war kein moralisches Niemandsland. Im Gegenteil: Was die Gesetzestafeln später auflisten würden, war in den Ländern des Orients schon längst anerkannte Regel. Die frühen Juden unterschieden sich darin kaum von den Philistern, Ammonitern, Moabitern und wie die Stämme alle hießen.

Und später, wenn Köckert auf die Rezeption Abrahams im Koran zu sprechen kommt, erfährt man, dass es mit den Stämmen auf der arabischen Halbinsel nicht anders war. Weshalb es Mohammed leicht fiel, in Abraham den ersten richtigen Muslim zu sehen – den Mann, der sich „Gott ganz hingab“, ganz „unterwarf“. Diese Bedingungslosigkeit macht noch heute einen wesentlichen Teil des Islam aus. Und sie ist, wie man weiß, missbrauchbar. Aber sie ist auch der ursprüngliche Kern der jüdischen Selbstvergewisserung. Oder besser: des priesterlichen Anspruchs zu definieren, was wirklich ein gottgefälliges Leben ist. Auch das bis ins Extrem auslegbar. Da geht es dann um die richtige Geburt, um die Beschneidung, den Umgang mit Fremden usw. Bekanntlich ein ganz weites Feld, das dann die Judenchristen wieder ganz anders interpetierten.

Der Leser dieser kenntnisreichen Analyse lernt also nicht nur eine Menge über die Abraham-Geschichte und den zentralen Gründungsmythos der Juden, er erfährt auch, wie gründlich die Bibelforscher die alten Texte mittlerweile gelesen und auf ihre Entstehungsgeschichte hin abgeklopft haben. Da fällt es dann leichter, die Bibel einzuordnen in die Frühgeschichte der großen Mythen, die gar nicht so sehr dazu dienten, die Welt zu erklären, sondern eine Gemeinschaft in einem Gründungsmythos zu binden. Ein gottgefälliges Leben wird damit zur Grundbedingung für die weitere Existenz von Volk, Staat und Tempel – bekantlich alle drei immer wieder verlorengegangen in der Geschichte der Juden. Dass dieser Urmythos eines winzigen Königreiches dann zu drei (vier) großen Weltreligonen wurde, ist dann schon eher das Verblüffende. Aber gerade das bündelt sich in der vielfach deutbaren Abraham-Geschichte. Oder auch nicht, wenn man bedenkt, welche Macht Priestern und Predigern zukommt, wenn der bedingungslose Glauben zum Gesetz einer Religion gemacht wird. Ein Glauben an dem ja Luther bekanntlich verzweifelte, bis er bei Paulus die andere, friedliche Intepretation der Abraham-Legende fand.

Das richtige Buch also zum Reformationsjahr. Und wer sich dann auch noch die anderen 30 Bände dieser Bibliothek der „Biblischen Gestalten“ besorgt, bekommt die Bibel quasi als wachsende Bibliothek, voller Hinweise auf Entstehungsgeschichte und religiöses Umfeld. Der lernt auch, wie Religion ursprünglich „gemacht“ wurde, wie die benötigten Heldengeschichten entstanden und so lange geformt wurden, bis sie ihre Rolle in der gesellschaftlichen Normsetzung ausfüllten. Oder übererfüllten – wie eben bei Abraham. Da waren ein paar Priester ganz unübersehbar zu begierig darauf, dem Volk ein richtig deftiges Beispiel für das richtige Opfer beizubringen. Ein Beispiel, über das auch Generationen von Künstlern noch entsetzt waren – beispielhaft illustrieren Rembrands Kupferstiche zu Abraham das Buch.

Matthias Köckert „Abraham. Ahnvater – Vorbild – Kulturstifter“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 24 Euro

BibelKulturgeschichte
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