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Francis Neniks münzgesteuerte Geschichte gibt es jetzt für Hardcore-Leser als gedrucktes Buch

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    Francis Nenik ist der große Experimentierer unter den Leipziger Autoren. Als Kleinbauer, so liest man, sichert er sich seine Existenz in einem Dorf bei Leipzig. Dabei hat er, wie man so liest, auch Latein, Archäologie und Ästhetik studiert. Seine Biografie liest sich wie eins seiner Bücher. Wer wäre besser gerüstet, eine Fiktion über eine Fiktion zu schreiben? Die Vinland-Karte zum Beispiel?

    Die Karte gibt es tatsächlich und der Leser darf den Hinweis auf diese möglicherweise größte Fälschung des 20. Jahrhunderts durchaus ernst nehmen. Wirklich zurückverfolgen lässt sich diese Karte, die scheinbar die Entdeckungen der Wikinger in Nordamerika abbildet, nur bis ins Jahr 1957. Davor wird’s ganz finster, tauchen lauter obskure Gestalten auf, bekommt man es mit einer Geschichte zu tun, die auf erstaunliche Weise der Fälschung der Hitler-Tagebücher ähnelt. Die Bruchstücke dieser Vor-Geschichte tauchen allesamt irgendwann auf in diesem Roman, der eigentlich vom trostlosen Leben der jungen Archivarin Amanda Hollis erzählt, die in der Untergrundbibliothek von Harvard die simple und sonnenlose Aufgabe hat, die Nachlässe einstiger Professoren und Mitarbeiter der Universität aufzuarbeiten, zu verschlagworten und damit für die Forschung zugänglich zu machen.

    So trist der Job ist: Eigentlich ist das Buch eine Würdigung für diese fleißigen Menschen, die niemand sieht, deren Arbeit aber die Forscher aller Fächer stillschweigend  nutzen. Dass Nenik den Roman 2016 zuerst unter dem Titel „Münzgesteuerte Geschichte“ frei zugänglich unter fiktion.cc veröffentlichte, betont natürlich den fiktionalen Aspekt der Geschichte noch extra. Aber in gewisser Weise ist ja der Begriff Fiktion verbrannt durch seine langjährige Verwendung in der „Science Fiction“, die ja bekanntlich meist mehr Western als Science ist, wie schon Stanislaw Lem so schön herausarbeitete.

    Was es Autoren, die sich tatsächlich ernsthaft mit Fiktionen beschäftigen, nicht leichter macht. Denn viele Leser sind gründlich verdorben, sind in einer Welt aufgewachsen, in der das alles restlos verschmilzt, haben auch nie das Rüstzeug erlernt, richtig von falsch, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Ein hochaktuelles Thema, mit dem sich Historiker und Kunstwissenschaftler freilich seit Jahrzehnten herumschlagen, denn abseits aller wissenschaftlich gesicherten Gelände gibt es ein dunkles Reich, in dem (scheinbar) wertvolle historische Relikte zu exorbitanten Preisen gehandelt werden und die Tresore und Schatzkammern der Sammler füllen, oft genug aber auch in den Sammlungen staatlicher Museen oder großer Hochschulen wie Harvard landen. So wie die Vinland-Karte.

    Über die Amanda Hollis ganz und gar nicht stolpert, denn das ist gar nicht ihre Aufgabe. Sie hat nur den etwas dürftigen Archivbestand eines gewissen William Croswell auf dem Tisch, einst selbst Archivar/Bibliothekar in Harvard, aber irgendwie auch eine gescheiterte Existenz, der nach Jahren des Müßiggangs und der zunehmenden Abstinenz von seiner Aufgabe, einen Bibliothekskatalog zu schaffen, gefeuert wird. Das Material gibt also nicht wirklich viel her für wirklich sinnvolle Schlagworte oder gar zur Rekonstruktion einer interessanten Biografie, die auch noch einen aufsehenerregenden Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift anregen könnte.

    Aber einige Spuren in dem Material deuten eben auch an, dass Crosswell möglicherweise doch eher verkannt wurde und sein Leben eher ein Opfer der verloren gegangenen Belege ist. Man hat also gewissermaßen den schon zermürbenden Versuch der Archivarin vor sich, ein Leben zu rekonstruieren, wo die wichtigsten Puzzle-Steine fehlen. Oder zu fehlen scheinen. Was übrigens das Schicksal fast aller historisch greifbaren Personen ist. Nur von den Allerwenigsten werden wirklich nach ihrem Tod alle Lebenszeugnisse aufbewahrt. Harvard scheint da sogar schon eine Ausnahme zu sein, weil man sogar die Papiernachlässe eines scheinbar in Ungnade gefallenen Bibliothekars des 19. Jahrhunderts aufbewahrt.

    Was für die Geschichte wahrscheinlich völlig irrelevant ist, aber den Archäologen Nenik sichtbar macht, der um die Fragwürdigkeit vieler historischer Rekonstruktionen weiß. Denn von vielen grandiosen Heldenerzählungen würde nicht viel übrig bleiben, wenn man alles wegnimmt, was spätere Generationen von Historikern, Kopisten und Archivaren dazu erfunden haben. Und Nenik würdigt hier eigentlich die staubtrockene Arbeit von Menschen, die solche oft genug frustrierend langweiligen Restbestände aufarbeiten und der Nutzung für Forscher, die zufällig mal über einen Namen wie Croswell stolpern, zugänglich machen. Und er zeigt vor allem, wie schon diese Aufarbeitung der Reste eine Rekonstruktion ist, fast schon Detektivarbeit, weil das heterogene Material eher zeigt, wie groß die Lücken sind.

    Amanda Hollis ist schon frühzeitig frustriert von dieser Aufgabe, bei der sie nicht weiß, was der allgegenwärtige Bibliothekschef in diesem Fall eigentlich von ihr erwartet. Sie flieht immer öfter aus ihrem tageslichtlosen Büro ins Archiv des Archivs noch eine Etage tiefer und bekommt dort von einem erstaunlich gesprächigen Lüftungsrohr dann die Vinland-Karten-Geschichte in Bruchstücken erzählt, die sie dann eifrig auf ihren Karteikarten sortiert und versucht, mit der Hollis-Geschichte und ihrer eigenen Geschichte irgendwie in Deckung zu bringen.

    Was natürlich erst recht in eine Welt der Fiktionen führt – Liebhabern kühner Geschichtskonstruktionen aber gefallen wird. Denn mit diesen Mitteln arbeiten ja auch viele berühmte Buchtitel, die schon mal ganze Teile der Geschichte zur Fälschung erklären oder ganze Verschwörungen quer durch die Jahrhunderte zusammenbasteln, bis den Lesern der Atem wegbleibt – man denke nur an all die Legenden um den Heiligen Gral oder Verschwörungstheorien rund um den Templerorden. Immer wieder tauchen dann erstaunlich viele, erstaunlich geheimnisvolle und gut gemachte Dokumente auf, die etwas aufzudecken scheinen, was der Welt bis dahin verborgen war. Und im Grunde passiert dann jedes Mal, was auch mit der Vinland-Karte geschah: Es bilden sich Parteien – hier die Wissenschaftler, die die Provenienz der Dokumente mit guten Argumenten infrage stellen, dort die Verteidiger des sensationellen Fundes, die auf die grandiose Geschichte auf keinen Fall verzichten wollen.

    Wer möchte schon auf sensationelle Geschichten verzichten? Man muss sich nur die Bücherstapel in der historischen Abteilung jeder Buchhandlung anschauen: 99 Prozent aller Titel beschäftigen sich nur mit all den tollen Geschichten, die alle kennen, walzen sie in immer neuer sensationeller Aufmachung aus oder geben gleich noch ordentlich Schmand dazu – wenn man nur an die Dänikenschen Außerirdischen denkt, von denen es auf einmal in der ganzen menschlichen Geschichte wimmelt.

    Man taucht also mit der frustrierten Amanda Hollis auch in eine Welt ein, die natürlich viel aufregender zu sein scheint als diese trockene Verschlagwortung toter Bibliothekare. Da lauscht sie nicht nur einem gesprächigen Lüftungsrohr, sondern auch einer alten, ausrangierten Münzschreibmaschine. Man erlebt also regelrecht mit, wie die Fiktion wächst und gedeiht – aber nicht aufhört, rätselhaft zu bleiben. Nicht nur, weil Hollis nicht herausbekommt, wer da eigentlich mit ihr redet, auch wenn man den Tonfall kennt, dieses Andeuten, Mutmaßen, Spurenlegen, das scheinbar in der Summe dann die Echtheit der Geschichte zu beweisen scheint.

    Aber da bleibt nicht nur die studierte Archivarin skeptisch: Wenn sich trotzdem alle greifbaren Verbindungen wieder auf ein Häuflein geschäftstüchtiger Dokumentenhändler beziehen, dann fehlt der Geschichte eindeutig die gesicherte Quellenlage.

    Es ist also ein Buch, das sich auf eher spielerische Weise mit einem Grundthema der Zeit beschäftigt: der scheinbaren Ununterscheidbarkeit von Original und Kopie, von echt und gefälscht, mit jener Grauzone, in der sich heute tausende Verschwörungstheoretiker tummeln, Falschnachrichten-Verbreiter, die sich geradezu einen Spaß daraus machen, die Welt in die Irre zu führen. Oder die es auch verdammt ernst meinen und auch vor der direkten Fälschung von Geschichte nicht zurückschrecken.

    Aufräumen müssen in der Regel graue Mäuse wie Amanda Hollis. Die in diesem Fall sogar noch ein übersichtliches Arbeitsfeld hat. Die jüngsten Nachrichten aus dem Facebook-Universum zeigen ja, dass es dort keinerlei wirksame Instanz mehr gibt, die verbreiteten Fakten und Fiktionen zu kontrollieren. Da versagen auch die ausgeklügelsten Algorithmen.

    Und deswegen wird es auch keine Siegesmeldung geben aus diesem Kampf gegen Fakenews. Die Schlacht hat Mark Zuckerberg schon längst verloren, auch wenn er tausende Amanda Hollis’ aussendet, diese Fake-Berge zu durchwühlen und zu sortieren.

    Auch die Geschichte von Amanda Hollis geht ohne Sieg aus. Zumindest keinem hollywoodmäßigen, eher mit einem kleinen, der William Crosswell ein bisschen Gerechtigkeit widerfahren lässt. Auch wenn das dann keine Sensation in der Welt wird, so wie der Fund der Vinland-Karte, bei der die Zweifel an ihrer Echtheit größer sind als alle sensationellen Gewissheiten.

    Und am Ende darf sich der Leser auch noch Gedanken machen, wie fest der Untergrund des heutigen Amerika ist, wenn schon die älteste Karte sich als Fälschung erweisen mag. Womit Nenik ganz unverhofft auf eine Geschichte kommt, die bis heute ebenso exemplarisch Teil der Verschwörungslegenden ist: die Ermordung Kennedys. Aber dann macht er wirklich Schluss mit dieser Geschichte über Fiktionen, die auch dann weiterleben, wenn ihnen der Unterbau fehlt. Herzlich willkommen in der Gegenwart.

    Francis Nenik Die Untergründung Amerikas, Ed Cetera, Leipzig 2017, 14 Euro.

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