Wie Elisabeth Lanz die emotionale Wucht der trauernden Katharina Luther erlebbar macht

Für FreikäuferEs ist die Stimme. Diese Frau hat Stimme: Elisabeth Lanz. Etlichen Leipzigern als Dr. Mertens aus der gleichnamigen ARD-Zoo-Serie bekannt. Oder eben auch nicht. Dort ist die Schauspielerin aus Österreich so falsch platziert wie ein Pinguin in der Wüste. Oder ein Löwe auf Grönland. Sie gehört nicht in solche weichgespülten Vorabendserien für herzige Gemüter. Sie gehört eigentlich in starke Historienfilme. An die sich in Deutschland keiner traut.

Weil die Deutschen Angst haben vor ihrer Geschichte. Der richtigen, so, wie sie gewesen ist. Was auch in diesem seltsamen Reformations-Jubiläums-Jahr wieder sichtbar wurde: Es wurde eine Kindergeburtstagsparty, wieder keine richtige Auseinandersetzung mit diesem Luther und seinen Helfern, Schützern, Widersachern, seinen Alpträumen, Gewissensnöten und Leidenschaften.

Man könnte schreien: Was für ein piefiges Land ist das eigentlich geworden?

Liegt es an unseren TV-Sendern, die immer in den alten sentimentalen Schleifen drehen? Zum Teil wohl. Es liegt auch an einer Filmindustrie, die die richtig guten Stoffe meidet wie der Teufel das Weihwasser. Nur ja nichts Lebendiges, Kräftiges, Herzergreifendes drehen und dann auf die entwöhnten Zuschauer loslassen. Wo kämen wir da hin, wenn die Deutschen wieder leidenschaftlich würden?

Nein, nicht in die Jahre 1914 oder 1933. Das waren Jahre, da waren sie allesamt verklemmt, feige und verführt. Nicht bei sich. Das wollen heute wieder viele sein. Und die deutschen Wirklichkeits-Inszenierer haben eine Menge dafür getan.

Was hat das mit Elisabeth Lanz zu tun?

Man hört es. Fabian Vogts Geschichte über Katharinas Liebe zu Luther ist eigentlich eine ganz einfach erzählte Geschichte, der man beim Lesen noch anmerkt, dass sie eigentlich für ein Solo-Bühnenstück erdacht wurde. Oder besser: konstruiert. Denn Vogt greift ja auf Originaldokumente aus dem Leben von Katharina und Martin zurück. Und die Schauspielerin erzählt belegbare Ereignisse. Mit Akribie haben jüngere Forscherinnen gerade diese Ehe zwischen dem 40-jährigen Theologieprofessor und der jungen Nonne erforscht, haben versucht herauszukriegen, wie das wirklich war – jenseits der romantischen Familienbilder, die lange Zeit zur Luther-Ikonografie gehörten. Ganz im Zentrum die Frage: Was war die Lutherin für eine Frau? Was ist über sie noch zu entziffern aus dem, was wir wissen? Wie hat sie sich durchgeschlagen und behauptet – und wie ist sie mit diesem ewigen Junggesellen eigentlich umgegangen, dem in seinen Schriften die Beziehung zu Gott immer wichtiger war als alles andere?

Was Fabian Vogt draus gemacht hat, ist eine sehr einfühlsame Annäherung. Man merkt, dass er echte Frauen in seinem Leben kennengelernt hat. Die meisten Männer wissen nicht mal, was das heißt. Deswegen behandeln sie Frauen wie Flittchen und Objekte. Und nicht wie Menschen, die einem manchmal über sind.

Was auch manchmal ein Einsehen und Einlenken bedeutet. Und das ist gut so.

Ehrlich? Die Schwulen hatten alle schon ihr Coming Out, die richtigen Männer nicht.

Die Affären um diesen übergriffigen Medienmogul in Hollywood oder diesen aufgeblasenen Präsidenten-Ersatz in Washington zeigen es doch, was für unfertige Mannstypen bei uns das Sagen haben. Die unsrigen Obergescheiten sind keine Spur besser. Und das merkt man genau da, wo es um den Umgang mit Frauen geht, wo sie anfangen, sich abzuschotten, Frauen hübsch ruhigstellen – oder gar kalt. Damit die ja nicht fuchtig und furios werden. Denn davor haben diese Überkandidelten Angst.

Deswegen hab ich zu einigen der Luther-Bücher in diesem Jahr und im letzten auch geschrieben: Oha, diese Luther war tatsächlich ein Vorläufer. Er war abweisend, auch homophob, manchmal bösartig und wütend-verletzend. Aber er hat in seiner Ehe mit dieser Katharina etwas vorgelebt, was die meisten Männer bis heute nicht hinkriegen. Er hat sogar da das Maul aufgekriegt. Auch wenn es ihm diese Elisabeth-Katharina grollend vorwirft, weil er es spaßhaft tut, als sei es nur ein Witz, den er da gemacht hat über die mächtige Katharina, der er sich daheim unterordnen müsse. Obwohl er dankbar war (schriftlich belegt), dass sie ihm den riesigen Haushalt schmiss und ihm ein Leben ermöglichte, wie er es bis dahin nicht gekannt hat.

Er hat gesehen, wie sie sich auch um ihn bemüht hat. Aber natürlich hatte er die Sprache noch nicht dafür. Die gab es ja noch nicht. Über die Emanzipation des Mannes hat zu seiner Zeit noch kein Schwein nachgedacht, auch kein Erasmus und kein Philipp. Also war es wohl auch Luther, der als Erster versucht hat, aus männlicher Sicht über die Beziehung zu Frauen zu sprechen. Und zwar nicht so kitschig wie die üblichen Minnesänger. Sondern aus eigenem Erleben. Und das geht nah. Das weckt Gefühle. Man versteht ihn ja, wenn er sich dann doch immer wieder hinter Bibel und Gott versteckt.

Es gehört was dazu, wenn sich Männer wirklich mit selbstbewussten Frauen abgeben. Und Katharina von Bora war ganz bestimmt eine selbstbewusste Frau, kein Heimchen am Herd oder eine, die das „klassische Familienbild“ der heutigen AfD-Narren ausfüllen würde. Oder der Pegida-Latscher, die doch tatsächlich glaubten, Luther würde heute AfD wählen.

Wie käme er dazu? Seine Familie sieht nur für Narren „klassisch“ aus. Für seine Zeit war es eine moderne, sogar experimentierfreudige Familie, in der Luther selbst lernen musste, sich von den patriarchalischen Vorstellungen seines strengen Vaters zu lösen. Eine Frau wie seine unterwürfige Mutter war Katharina ganz bestimmt nicht.

Eher war sie eine Frau wie Elisabeth Lanz. Mit der kompletten Gefühlspalette von mädchenhaft verspielt bis schneidend streng (was Männer überhaupt nicht mögen). Das steckt alles in ihrer Stimme. Und sie schafft es, was man beim Lesen noch gar nicht so merkt, hörbar zu machen, wie sehr diese Katharina trauert nach Luthers sinnlosem Tod, wie sie mit ihm hadert, weil er nicht auf sie gehört hat. Weil er schon wieder mal die Welt retten wollte, kleiner machte der es ja nicht.

Kennen wir auch noch. Die Zeitungen sind voller enthusiastischer Kerle, die immerfort dabei sind, die Welt zu retten. Von ihren Frauen schreibt keiner. Die kommen da nicht vor, auch wenn sie diesen Weltrettern den Haushalt schmeißen und die Kinder großziehen und die Weltretter abends, wenn sie ausgelaugt von der Arbeit kommen, ins Kreuzverhör nehmen. Was selten gut ankommt – aber meist die schiere Not ist. Denn Frauen sind so: Sie wollen, dass sich die Männer mit ihnen ernsthaft unterhalten. Und zwar über die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Die eigene Beziehung zum Beispiel.

Das alles klingt an in Fabian Vogts Geschichte. Und Elisabeth Lanz gelingt es, diese Höhen und Tiefen hörbar zu machen. Diese Stimme geht nah. Das ist auch nicht vielen Schauspielerinnen gegeben. So wie eben leider vielen Schauspielerinnen auch keine richtig guten Rollen gegeben werden, weil das deutsche Filmbusiness eines von steifen Produzenten ist, die seit Jahren immerfort das goldig-verlogene Bild der „klassischen Familie“ verkünden. Die AfD, um es mal so zu sagen, ist ein legitimes Kind des deutschen Fernsehens. Herzlichen Glückwunsch zu diesem aufgeblasenen Sprössling.

Was fehlt, sind echte, starke, lebendige Frauenbilder (von Männern, die nicht sentimental-vertrottelt in die Kamera gucken, ganz zu schweigen).

Und was ebenso fehlt, ist die komplette Hälfte unserer gemeinsamen Geschichte. Die deutsche Geschichte, um das mal anzumerken, besteht nicht nur aus Hitler und Bismarck. Sondern auch aus eindrucksvollen Frauen wie Katharina von Bora, aus Millionen Frauen, die in der Regel den Laden schmissen und mit allen Gefühlen dabei waren, wenn sich ihre Männer wie Stoffel verhielten und eigentlich lieber die Welt retten wollten.

Gerade die Verwandlung von Fabian Vogts Geschichte in ein Hörspiel (170 Minuten Gesamtlänge) macht spürbar, was diese Katharina wirklich für eine beeindruckende Frau gewesen sein muss. Muss. Denn anders lassen sich die überlieferten Zeilen Martin Luthers nicht interpretieren. Vielleicht war sie ein bisschen anders beeindruckend als es im Timbre von Elisabeth Lanz hörbar wird. Kann sein. Aber es ist ihr gelungen, den Burschen aufzuschließen und wieder empfindungsfähig zu machen. Was natürlich auch wieder verletzbar macht. Männer sind so ungern verletzbar. Genau darum aber geht es in der ganzen Männer-Frauen-Kiste. Und in der Männer-Männer-Kiste übrigens auch. Was eine andere Geschichte ist. Aber letztlich entscheiden wird, ob wir überleben, oder ob gewählte Haudrauf-Trottel alles zerstören, weil sie Empathie nie begriffen haben, weil das in ihrer aufgeblasenen Macho-Welt nie Thema war.

Tja, kann man nur sagen: Das ganze Reformations-Jubiläum ist eine ganze Reihe verpasster Chancen. Gewesen, kann man ja fast sagen. Es ist ja bald vorbei. Vielleicht kommen dann ein paar Leute endlich ins Nachdenken darüber, was dieser Luthersche Thesenanschlag tatsächlich alles ins Rollen gebracht hat. Und zwar weit über diese beiden völlig introvertierten Kirchen hinaus, die heuer so tun, als hätten sie sich vertragen und wären modern. Sind sie alle beide nicht.

Sie hätten sonst anders gefeiert, völlig anders.

Fabian Vogt; Elisabeth Lanz Wenn Engel lachen, 3 Audio-CDs, Evangelische Verlagsbuchhandlung, Edition Chrismon, Leipzig 2017, 15 Euro.

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