Man stolpert regelrecht über den ersten Satz: „Leipzig gilt als die hippste Großstadt Deutschlands“. Denn eigentlich erzählt Susanne Gatz von etwas völlig anderem, nicht von dieser hippen Marketing-Blase. Sie erzählt vom stilleren Leipzig, dem, wo die vom hippen Klamauk genervten Leipziger auch mal Ruhe finden. Ähnliches hat sie auch schon für Berlin gemacht.

Wobei man das „geheim“ nicht ganz so wörtlich nehmen muss. Die Orte, die Susanne Gatz erkundet, sind keine Verschlusssache. Manche sind sogar allseits bekannt und beliebt. Aber kaum jemand achtet darauf, was da alles blüht und wächst. Das Geheimnisvolle ist oft das Offensichtliche, das jeder übersieht, weil er es für normal hält, für beiläufig und nicht so wichtig.

Man denkt eigentlich die ganze Zeit an die Fleißigen aus dem Amt für Grünflächen und Gewässer, die für die vielen Blumenrabatten, Dahlienterrassen, Gewürz-, Arznei- und Rosengärten in Leipzig zuständig sind. Und es sind sehr viele – in der ganzen Stadt. Emsig gepflegt, oft im Frühjahr immer wieder neu bepflanzt wie die vielen Blumenbeete rund um den Promenadenring, die das Promenadengrün tatsächlich stellenweise in ein kleines Gartenerlebnis verwandeln.

Und in eine Ruheinsel. Denn darum geht es ja bei den meisten Gärten, egal, ob sie gepflegte historische Gärten sind wie der Barockgarten am Gohliser Schlösschen, kleine Bauerngärten, Erinnerungsorte wie im Friedenspark oder Gemeinschaftsunternehmen, in denen Leipziger gemeinsam wieder die Freude am Grünen finden.

Von letzterem gibt es ja immer mehr – der Gemeinschaftsgarten Annalinde steht dafür, der Kir(s)chgarten in Connewitz, der Plagwitzer Bürgerbahnhof oder der Stadtgarten des Ökolöwen. Immer mehr Leipzigern wird es immer wichtiger, wieder selbst zu erleben, wie man Dinge zum Wachsen und Gedeihen bringen kann, wie Nahrung unter unseren Augen wächst. Manches Projekt ist sehr versteckt – so wie der Viele-Arten-Garten des BUND Leipzig oder der Bürgergarten am Palmengarten.

Das hat mit dem hippen und oberflächlichen Leipzig alles nichts zu tun. Dafür viel mit dem Bedürfnis der Großstädter nach einer intakten Umwelt und lebendigen grünen Orten, an denen sie sich ausklinken können aus dem täglichen Rauschen.

Dass die städtischen Gärtner selbst jedes Jahr aufs Neue die bunten Inseln bepflanzen und pflegen, die den Platz nehmenden Großstädtern Stunden der Entspannung verschaffen, wird oft nicht mehr wahrgenommen. Aber mit Susanne Gratz lernt man auch wieder hinzuschauen und die Pracht der Dahlienterrasse im Clara-Park, der Blütenpracht im Mariannenpark oder die versteckten Schönheiten im Lene-Voigt-Park zu bestaunen.

Dass sie auch etwas verstecktere Kleinode findet und empfiehlt, macht das Buch natürlich zu einem richtigen Entdeckungs-Tipp: So lässt sich Leipzig auf eine besondere Weise entdecken. Abseits vom Getümmel, dafür auf den Spuren emsiger Gärtner und berühmter Gartenkünstler – man denke nur an Peter Joseph Lenné.

Man lernt den kleinen Bauerngarten am Schillerhaus zu schätzen und den Skulpturengarten am Heinrich-Budde-Haus, die Blütenpracht im Bretschneider-Park und den Kolonnadengarten in Grünau. Man merkt schnell, wie riesig der Wunsch der Leipziger nach blühenden und ruhigen Oasen ist in einer zunehmend hektischer werdenden Stadt. Sie kämpfen um ihre Oasen – man denke nur an den Abtnaundorfer Park. Und manchmal sind sie froh, wenn die grünen Kleinode gar nicht so leicht zu finden sind – wie der Zickmantel’sche Mühlpark in Großzschocher.

Man sieht schon: Die Grenzen zwischen Park und Garten sind fließend. Erst recht, wenn jemand wie die Autorin botanisch bewandert ist und auch das Seltene und Besondere in zum Teil sehr alten Parks entdeckt. Sie lässt auch Leipzigs große Kleingarten-Geschichte nicht aus, und sie lädt zu Ausflügen ein. Denn einige der von ihr entdeckten Kleinode befinden sich am Stadtrand oder ein wenig darüber hinaus – vom Agra-Park in Markkleeberg über den Apothekergarten im Oberholz bis zum Kees’schen Park, wo man Ruhe findet, wenn’s am Cospudener See zu laut wird.

Da und dort entdeckt sie auch die opulenten Angebote von Händlern, die in ihren Schaugärten zeigen, wie phantasievoll man seinen heimischen Garten gestalten kann, manchmal wird es auch beinahe privat – etwa wenn sie den Hortus Vivus in Günthersdorf besucht oder den Samengarten von Janet Glausch im Leipziger Osten.

Am Ende sind es 60 Empfehlungen, die kleinen und großen blühenden Reiche in Leipzig zu entdecken, den Botanischen Lehrgarten der Stadt genauso wie die tropische Pracht im Gondwanaland oder den Botanischen Garten der Universität. Immer mit den Augen der Botanikerin. Man schaut hinterher ganz anders auf all die besuchten Orte – mehr mit den Augen derer, die hier liebenswerte kleine Landschaften mitten in der Stadt geschaffen haben.

Mal wild blühend, mal gezähmt, mal mit Schloss wie in Machern, mal ohne wie in Leutzsch. Eine Umschlagkarte zeigt ungefähr, wo all diese blühenden Oasen zu finden sind. Beim Text gibt es dann in kleinen Kästchen Hinweise, wo man sie straßengenau findet und wie man mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt.

Denn es ist tatsächlich eine Einladung, die blühende Jahreszeit einfach mal mit offenen Sinnen zu genießen und die Stadt von ihrer (hoffentlich) summenden Seite zu entdecken. Etliche dieser Orte laden natürlich dazu ein, hier auf einer Bank tatsächlich die Zeit verstreichen zu lassen und die Ruhe zu genießen. Und natürlich ist es eine andere, liebenswerte Art für alle Besucher, Leipzig zu entdecken. Ein völlig anderes Leipzig, überhaupt nicht hipp, nicht „rekordverdächtig“. Aber dafür den stillen Sehnsüchten der Großstadtbewohner viel näher.

Susanne Gatz Leipzigs geheime Gärten, Jaron Verlag, Berlin 2018, 12 Euro.

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