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Gerd Irrlitz‘ Spurensuche nach einer fast vergessenen Leipziger Widerstandsgruppe

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    Man stolpert ja aktuell immer wieder über politische Erscheinungen, die fatal an die späte Weimarer Republik erinnern. Der Vergleich mag trügen. Vielleicht deutet man auch zu viele Parallelen in die um 90 Jahre verschobenen Geschichtsepochen. Aber dann liegt da so ein Buch über eine eigentlich gar nicht bekannte Widerstandsgruppe auf dem Tisch. Und es erzählt von einem Dilemma, das tatsächlich schon seit 100 Jahren dafür sorgt, dass linke Parteien sich lieber gegenseitig zerfleischen als zu regieren.

    Denn dass der alte Militarist Hindenburg 1933 Adolf Hitler mit der Regierungsbildung beauftragen konnte, hatte viele Gründe – vom Versagen der bürgerlichen Parteien und ihrem Hass auf die Demokratie über die irren Versuche der letzten bürgerlichen Minderheitenregierung, die Krise mit rigiden Sparprogrammen auf Kosten der Ärmsten zu lösen, bis hin zu den beiden völlig zerstrittenen linken Parteien SPD und KPD. Die eine immerhin bemüht, die von den Rechtskonservativen bekämpfte Weimarer Republik irgendwie zu retten, die andere Partei auf radikalem Moskaukurs. Die eine auf Revisionskurs, die andere auf dem Radikalisierungsweg.

    Was aber nicht unbedingt an den Mitgliedern dieser Parteien lag, sondern an Funktionären, die ihre Parteien eher wie Gefolgschaften behandelten (was auch ein Grund dafür war, dass die Nazis dann so leichtes Spiel hatten). Selbst die SPD zerstörte ihre innerparteiliche Demokratie und schloss – wie 1931 geschehen – sechs Abgeordnete aus, die dem Fraktionszwang nicht folgen. Keineswegs erstaunlicherweise alles Abgeordnete des linken Flügels, die die neuerliche Burgfriedenspolitik der SPD-Führung nicht mehr mittragen wollten.

    Sie gründeten daraufhin eine neue Partei: die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, SAPD oder SAP. Eine Partei, die es sich zum Ziel gemacht hatte, die linken Arbeiterparteien wieder zu sammeln. Und da ist man schon mittendrin in diesem Buch, in dem der Philosoph Gerd Irrlitz, der in der späten DDR-Zeit als einer der lebendigsten und unangepasstesten Philosophen an einer Hochschule der DDR galt, nicht nur ein Stück Familiengeschichte aufarbeitet, sondern sich auch diesem fast vergessenen Kapitel SAP nähert, das auch per Wikipedia so herablassend behandelt wird, als wäre es ein stinkender Fisch. Zitat: „Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) war eine linke Abspaltung der SPD …“

    War sie eindeutig nicht. Es war eine Neugründung. Und sie fand nicht nur bei vielen gerade jüngeren SPD-Mitgliedern Anklang, sondern auch bei den „Versöhnlern“ aus der KPD, auch das fast alles junge Leute, die die Abgrenzungspolitik der Parteifunktionäre nicht mehr mittragen wollten. Wikipedia: „Die SAPD setzte sich vehement für eine Einheitsfront von SPD, KPD, Gewerkschaften und anderen Massenorganisationen der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus ein; was aufgrund der Ablehnung dieser Strategie durch die leitenden Bürokratien wenig erfolgreich war.“

    Das Thema erstarrter Parteibürokratien ist also auch nicht neu. Und für die damalige Zeit war es fatal. Die beiden großen linken Parteien bekämpften sich sogar dann noch, als ihre Funktionäre von den Nazis verhaftet und ihre Parteiarbeit verboten wurde. So betrachtet, kam die Gründung der SAP 1931 zu spät. Sie konnte das Elend nicht mehr verhindern. Und die späteren Entwicklungen zeigten, dass sie ganz ähnliche Probleme der Funktionärsbürokratie übernommen hatte.

    Aber das änderte erst einmal nichts an der Begeisterung gerade junger Leute für die Idee einer wiedervereinigten Linken. Und es waren fast alles junge Leute, die dann 1933 auch in Leipzig die Parteiarbeit im Untergrund fortzusetzen versuchten. Ein Kapitel, das bislang auch in der Leipziger Geschichtsschreibung kaum thematisiert wurde. Über den kommunistischen, sozialdemokratischen und bürgerlichen Widerstand gibt es schon relativ viel Material – bis hin zur Überhöhung des stockkonservativen Oberbürgermeisters Carl Goerdeler, der die rigide Brüningsche Sparpolitik in Leipzig so hart durchsetzte, dass er deswegen sogar zum deutschen Finanzkommissar berufen wurde.

    Und die frühe Widerstandsgeschichte der SAP ist für Gerd Irrlitz Familiengeschichte, denn sein Vater Hans Irrlitz gehörte zu jenen SAP-Migliedern, die 1935 verhaftet und im Prozess in Dresden allein wegen der Mitgliedschaft in der SAP zu 4 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde. Seine Frau Elisabeth machte den Wechsel aus der SPD in die SAP nicht mit, weil sie schon die Abspaltung der KPD für falsch gehalten hatte.

    Aber Gerd Irrlitz geht auch darauf ein, dass viele SAP-Mitglieder sich in der Tradition der USPD sahen, die sich während des 1. Weltkriegs von der SPD abgespaltet hatte, weil sie die Burgfriedenspolitik der SPD-Führung nicht mehr mittragen wollte. Man hat es also mit einem seit 100 Jahren regelmäßig wiederkehrenden Phänomen zu tun, dass sich gerade linke Strömungen in der SPD immer wieder nicht mehr heimisch fühlen, manchmal auch regelrecht hinausgemobbt werden und dann fast zwangsläufig neue Parteien gründen müssen.

    In diesem Fall eine auch vom Mitgliederalter her sehr junge Partei, Irrlitz nennt das Durchschnittsalter von 21,8 Jahren. Das waren also junge Leute, gerade im Berufsleben angekommen, noch nicht durch Karrieren und Ämter verknöchert, aber zutiefst internationalistisch im Geiste. Und es waren nicht irgendwelche Unbekannten. Von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky gab es sofort kräftigen Zuspruch zu dieser Neugründung.

    Und zu ihren namhaftesten Mitgliedern gehörten Willy Brandt, die Leipziger Widerstandskämpferin Maria Grollmuß, der spätere Leipziger Literaturprofessor Hans Mayer, die Schriftstellerin Ruth Seydewitz und ihr Mann Max Seydewitz, der Nachkriegsministerpräsident von Sachsen (1947 bis 1952) war, nicht zu vergessen Fritz Sternberg, der vor allem als politischer Kommentator und marxistischer Theoretiker nach dem Krieg von sich Reden machte.

    Womit man schon in der Welt von Gerd Irrlitz ist, der sein Buch zwar eine Dokumentation nennt. Aber eigentlich ist es ein großer Essay, der das Entstehen und das Scheitern der SAP auslotet, die Chancen und Fehler dieser immer noch jungen Partei, als sie in den Untergrund gehen musste. Worauf sie – anders als KPD und SPD – nicht vorbereitet war. Was dann zu vielen verhängnisvollen Fehlern führte – bis hin zu jenem seltsamen Auftreten zweier Gestapo-Leute in Dresden, die sich als SAP-Mitglieder ausgeben und damit die Leipziger SAP-Zelle aufrollen konnten.

    Die umfasste 40 aktive Menschen, die aber ganz und gar nicht von Machteroberungen oder Sabotage träumten, nicht mal bewaffnet waren, sondern nur emsig Parteischriften vervielfältigen und verteilten. Ganz sicher Schriften, die die Märchenpropaganda der Nazis unterliefen und korrigierten. Aber man kennt ja die Nazis: Alles, was dem eigenen Meinen entgegenläuft, ist für sie „Lügenpresse“ und Staatsgefährdung.

    Und Gerd Irrlitz zeigt auf Grundlage der Gerichtsprotokolle recht detailliert, wie die Anklagen gegen die SAP-Mitglieder konstruiert und immer mehr verschärft wurden. Man kann die Parallelen zum Vorgehen der sozialistischen Tugendwächter in den 1950er Jahren nicht übersehen. Und man bemerkt natürlich eins der vielen, vielen Löcher in der deutschen Geschichte: Wie viele NS-Juristen und -Polizisten haben eigentlich im Osten nach 1945 weitermachen können? Oder kamen die Stalinisten von ganz allein auf dieselben Methoden, unbescholtene Menschen, die einfach eine andere Meinung hatten, wie Hochverräter zu behandeln?

    Die Verurteilungen der Nazis zielten ja auf denselben Effekt: Abschreckung. Mit rabiaten Urteilen gegen Andersdenkende sollte eine Abschreckungskulisse aufgebaut werden, die die Menschen davon abhielt, auch nur an ein anderes Verhalten diesem NS-Staat gegenüber zu denken. 35 Angeklagte wurden damals allein in Dresden verurteilt – in der Regel zu mehrjährigen Zuchthausstrafen. Aber besonders hart traf es die drei SAP-Mitglieder, die man als verantwortliche Funktionäre vor den Volksgerichtshof in Berlin-Plötzensee zerrte, wo sie zu besonders langen Haftstrafen verurteilt wurden.

    Mehrere der Verurteilten überlebten die Nazi-Zeit nicht. Und wer 1945 wieder neu anfing, musste meist schon bald wieder erleben, dass ehemalige SPD- und SAP-Mitglieder von ihren neuen Kampfgenossen in der SED mit höchstem Misstrauen betrachtet wurden. Auch und gerade, weil sie auch ein offeneres Denken pflegten. Und Gerd Irrlitz bekam nicht nur dieses sozialdemokratische Erbe seiner Eltern mit, sondern auch die Familiengeschichte, die auch noch einen besonderen tragischen Moment hat.

    Denn nach der Haftentlassung von Hans Irrlitz nahm die Gestapo ihre Verfolgung gegen die Familie wieder auf und holte auch Pauline Irrlitz, die Mutter von Hans, immer wieder zum Verhör. 1939 nahm sie sich – auch um den Sohn zu schützen – das Leben. Ein Blick auf die Leipziger Stolpersteine-Seite: Ein Stolperstein liegt vor der Josephinenstraße 17 in Reudnitz, wo Julius und Pauline Irrlitz lebten und wo sich auch die SAP-Gruppe manchmal traf, noch nicht.

    Aber das geht schon über das Buch hinaus. Gerade weil das Thema bislang so unbearbeitet ist, wünscht man sich eigentlich auch ein ordentliches Personen- und Ortsregister.

    Denn die dokumentarischen und biografischen Teile sind übers ganze Buch verteilt. Zwischendurch muss Gerd Irrlitz zwangsläufig immer wieder auch auf die Entstehung, das Denken, die Untergrund- und Auslandsarbeit der SAP eingehen. Und dazu kommt: Er versucht das ganze immer wieder einzuordnen und zu analysieren – von einem sehr linken Standpunkt. Was aber auch wieder zeigt, wie sehr wir uns längst daran gewöhnt haben, nur den bürgerlich-neoliberalen Standpunkt einzunehmen.

    Die SAP ist nach dem Krieg fast völlig aus der Geschichte verschwunden – genauso wie der internationalistische Gedanke, der viele ihrer Akteure angetrieben hat. Und genauso wie das unangepasste Denken, das Gerd Irrlitz bei seinen Studienjahren in Leipzig noch bei Ernst Bloch fand, der von 1948 bis 1957 an der Uni Leipzig unterrichtete und dessen „Prinzip Hoffnung“ bis heute wie ein Granitkoloss in der Landschaft steht und die linken und nicht ganz so linken Genossen daran erinnert, dass man Politik nicht ohne Hoffnung und eine positive Utopie machen kann.

    Jetzt hab ich aber was geschrieben.

    Aber es ist ein ganz ähnlicher Gedanke, der 1931 viele tausend junge Leute in die SAP getrieben hat, weil sie hier eine große Vereinigungsidee sahen, wo die beiden großen Arbeiterparteien nur verbal und gehässig aufeinander eindroschen.

    Und sage keiner, dass das heute nicht schon wieder ein bisschen so ist. Eifrig befeuert von einer großbürgerlichen Presse, die ihre Freude daran hat, diese Linken fröhlich übereinander herfallen zu sehen. So gesehen ein ganz und gar nicht unzeitgemäßes Kapitel der linken Parteiengeschichte, das Gerd Irrlitz hier aufrollt.

    Gerd Irrlitz Widerstand, nicht Resignation, Passage Verlag, Leipzig 2018, 14,50 Euro.

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