Ein Buch fast ohne Worte

Tanja Székessys Reise in die unausgesprochene Welt der guten und der nicht so schönen Gefühle

Für alle LeserEs ist ein Buch fast ohne Worte. Und gerade deshalb erzählt es etwas, was für gewöhnlich nicht erzählt wird. Auch, weil es viele gar nicht wahrnehmen. Dabei funktioniert der größte Teil unserer Kommunikation über Gesten und Haltungen. Das lernen schon Kinder. Wenn auch nicht bewusst. Es ist ein Aufmerksamkeitsbuch.

Eines, das auch großen Leuten wieder bewusst macht, wie viel eigentlich Körpersprache aussagt, was sie alles erzählt und wie sie Teil eines ständigen unausgesprochenen Zwiegesprächs ist. Zwischen Großen und Kleinen, zwischen Mädchen und Jungen. Oder – wie hier – zwischen der kleinen blonden Heldin, die sich auf den ersten Seiten des Buches sehr, sehr eigensinnig benimmt, und ihrem Lieblingsspielgefährten – dem Plüschhasen.

Da werden sich auch Große wiedererkennen, auch wenn es eher nicht die Kekse sein werden, die sie mit niemandem teilen wollen, sondern z. B. das Auto, ihren Wohlstand oder das Geld in ihrem Portemonnaie. Teilen fällt schwer. Wenn man es nicht gelernt hat. Wenn man immer nur die Kekse gesehen hat und nicht die erschütternde Reaktion des anderen, der gern auch ein bisschen davon abhaben wollte.

Das Du im Titel bezieht sich weniger auf das Mädchen, das eigensinnig seine Stellung behauptet, sondern auf das durchaus ausdrucksvolle Plüschhäschen. Was auch schon etwas Wichtiges ist, was man wieder sehen lernen muss. Denn wenn wir immer nur auf uns und auf „Meins! Meins! Meins!“ fixiert sind, verlernen wir, die Enttäuschung im Ausdruck und in der Haltung des anderen zu erkennen. Es ist uns egal. Oder wir übersehen es wirklich, weil der andere gelernt hat, dass man Enttäuschung und Frustration nicht (mehr) zeigt.

Vielleicht, sagt der kleine Nervzwerg im Hinterkopf.

Vielleicht … sind die Sachsen heute deshalb so sauer. So offensichtlich sauer, dass die Brüderchen und Schwesterchen im Westen regelrecht beleidigt sind deswegen.

Wie kann man nur!

Aber ist es denn nicht ein Kinderbuch? Eines, mit dem Eltern ihre kleinen einzelgängerischen Sprösslinge darauf aufmerksam machen können, dass andere Menschen auch Gefühle haben. Und dass sie mit eigensinnigen Aktionen immer auch Gegenreaktionen auslösen und andere verletzen. Auch jene, die ihnen eigentlich wichtig sind?

Natürlich ist es ein Kinderbuch. Ein wunderbares, weil es genau das zeigt und das Häschen sehr ausdrucksstark reagiert. Es muss sich nicht verstellen. Es muss keine gute Miene zum bösen Spiel machen. Es darf traurig und verletzt sein – und das auch zeigen.

Warum macht mich das dann so wütend?

Kann es sein, dass ich zu viele groß und grau gewordene Häschen sehe, denen es „sogar so“ gegangen ist. Seitenzahlen stehen ja nicht da. Die Szene darf jeder selber suchen. Und wer unaufmerksam geblieben ist in seinem Leben, weiß auch nicht, dass man sich „sogar so“ fühlen kann, wenn man nicht wirklich getreten wurde. Sondern nur eben das Gefühl hat, schon wieder einen Tritt in den Hintern bekommen zu haben. Wieder einen. Das Häschen kann einem leid tun. Und die meisten Kinder dürften auf der nächsten Seite ganz ähnlich erschrocken wie das Mädchen wirken: „Hast du gesehen?“

Und daneben sind noch einmal alle traurigen Reaktionen des Häschens abgebildet. So niedlich und herzerwärmend, dass man es in den Arm nehmen und knuddeln möchte. Stellvertretend. Denn ändern kann die Situation nur das kleine blonde Mädchen. Was auf den nächsten Seiten an mehreren Beispielen gezeigt wird. So schöne Beispiele, dass man merkt, dass Teilen und Freundschaft zeigen ein echtes Geschenk sind. Es erwärmt das Herz. Es braucht keine Bestechung. Nur Hinwendung. Gezeigte Zuneigung. Gesten des Trostes, der Hilfe und des Anerkennens.

Also so ziemlich all das, was es in vielen Erwachsenenleben nicht mehr gibt. Kein Wunder, dass so viele mit hängenden Ohren, Schniefnase und beleidigtem Gesicht herumlaufen. Wobei einem, schon wo man das schreibt, dieses allgegenwärtige „Selber schuld!“ in den Ohren klingelt, das man viel zu oft gehört hat. Oder nur herausgehört hat. Denn die meisten Egoisten sind ja nicht nur groß, sondern auch in bestimmenden Positionen. Sie urteilen nur zu gern. Und sie verurteilen auch gern.

Aufmerksam sind sie nicht. Einfühlsam auch nicht. Und darum geht es ja in dem Buch eigentlich: Wenn Kinder nicht lernen, die Reaktionen ihrer kleinen Freunde zu verstehen, lernen sie auch nicht, sich in deren Position zu versetzen und sich einzufühlen. Wie fühlt man sich, wenn man nicht mitspielen darf, wenn man aus heiterem Himmel für etwas ausgescholten wird, wenn man nicht zur Gruppe gehören darf und jedes Malheur eine Katastrophe ist, über die sich andere nur lustig machen?

Da merkt man schon: Das Buch ist zwar für Kinder gedacht. Es erzählt (fast) ohne Worte, wie wir miteinander umgehen und wie wir es doch besser nicht tun sollten. Aber so manche Eltern werden sich beim abendlichen Durchblättern auch ein bisschen selbst ertappt fühlen. Und manche werden ihrem kleinen Stupsnäschen vielleicht auch mal sagen, dass sie sich entschuldigen.

Denn was im ersten Teil des Buches passiert, passiert uns oft aus lauter Gedankenlosigkeit und Unaufmerksamkeit. Auch unseren kleinen und großen Lieblingen gegenüber. Was im zweiten Teil zu sehen ist, macht vieles wieder gut.

Und dass die Gedanken über diese kleinen Szenen mit Häschen hinausschweifen, liegt eindeutig in der Natur der Sache. Viele von uns haben es vergessen. Oder tief vergraben, weil wir nachher, nach der Häschenphase, alle ordentlich lernen mussten, dass man Gefühle nicht mehr zeigt. Egal, wie mies es einem geht.

Was tun?

Häschenbuch angucken, zusammen. Und dabei wieder ein bisschen merken, wie wir so sind, wenn wir so sind.

Tanja Székessy Wie du bist, wenn du so bist, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2018, 13 Euro.

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 59 ist da: Zwischen Überalterung und verschärftem Polizeigesetz: Der Ostdeutsche, das völlig unbegreifliche Wesen

 

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