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Stille Post: Ein Adventskalender, der das Warten zum Erlebnis macht

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    Bald hängen sie wieder überall, einige völlig sinnloserweise mit Süßigkeiten gefüllt. Meistens heißen sie Weihnachtskalender, obwohl es eigentlich Adventskalender sind. Sie begleiten uns beim Warten. Einfach so, auch wenn der Verlag natürlich betont, dass es um das Erwarten der „weltbewegendsten aller Nächte“ geht. Es geht tatsächlich um mehr.

    Und das zeigen Susanne Niemeyer und Matthias Lemme mit diesem Umklapp-Abreiß-und-Verschicke-Kalender. Denn alle 24 Motive sind auch Postkarten und können so, wie sie sind, verschickt werden. Auf der Vorderseite zeigen sie die Botschaft, die die beiden Kalendergestalter dem jeweiligen Tag zugeordnet haben.

    Für den ersten Tag zum Beispiel die ganz simple Botschaft „Warten“, bebildert mit einem goldenen Sofa, das an der Hauswand steht und entweder selbst darauf wartet, abgeholt zu werden, oder auf jemanden, der sich hier hinsetzen und warten will. Und vielleicht darüber nachdenken, was Warten für sie oder ihn eigentlich bedeutet.

    Denn unser Leben kennt viele Momente des Wartens – auf geliebte Menschen, auf den Morgen, den Abend, ein schönes Fest. Manchmal können wir es (scheinbar) gar nicht erwarten. Kinder kennen die Hochspannung an den Tagen vor Weihnachten. Aber Advent bedeutet eben auch, sich das Warten zu vergegenwärtigen.

    Was uns auch dazu zwingt, innezuhalten, nicht immer zu rotieren und zu funktionieren. Wer wartet, ist für diesen Moment nicht mehr Teil der großen Maschine, die uns verschlingt und gedankenlos macht. Und uns unserer Besinnung beraubt, sodass wir gar nicht mehr merken, dass wir unser eigenes Leben nicht mehr wahrnehmen.

    Und so geht das weiter, Blatt um Blatt, Tag um Tag. Manchmal mit humorvollen Anleihen in der Bibel. Besonders schön gelungen an den Tagen, an denen die beiden sich mit den doch sehr eigentümlichen und so modern wirkenden Frauen- und Männerbildern von Maria und Josef beschäftigen.

    Oder wer denkt beim Lesen der Weihnachtsgeschichte daran, dass diese beiden Menschen bei ihrer Wanderung nach Bethlehem genau in den gleichen Zwickmühlen stecken wie unsereins – die schwangere Maria, die aber genau weiß, dass das Kind nicht von Josef ist, an Josef aber einen Haufen Erwartungen hat. So wie jede Frau an ihren Mann, der so oft den Erwartungen nicht genügt.

    Und Josef? Wie geht er um mit der Situation? Verweigert er sich oder füllt er seine Rolle als sorgender Mann trotzdem aus und steht zu der Frau, die ihn zwar ständig kritisiert, die er aber von Herzen liebt? Wofür der Beweis in der Bibel ja ist, dass Jesus dann noch einen Haufen Brüder und Schwestern bekam – deren Vater ja eindeutig Josef ist.

    Es ist, als hätten Lemme und Niemeyer die ganze Geschichte mal ihrer altertümlichen Feierlichkeit entkleiden wollen und das darin gesucht, was Menschen tatsächlich bewegt im Leben. Und dann in diesen Tagen der Erwartung sowieso, wenn sich ganze zerstrittene Familien doch wieder zu einem gemeinsamen Fest zusammenraufen, wenn der Wunschzettel (ans Leben) immer länger wird und man auch nicht nur lauter schöne Geschenke erwartet, sondern auch mal peinliche Fragen oder Veränderungen, von denen man nicht weiß, was sie wirklich bringen.

    Oder wie ist es mit unserer modernen Angst vor richtigen Gefühlen? Holen sie uns nicht gerade dann alle ein, wenn wir endlich mal zur Ruhe kommen? Und: Fürchten wir uns davor? Und wie sehen eigentlich die Engel und Heiligen Könige von heute aus? Kann es sein, dass es ein paar farbige Menschen aus dem Nahen Osten oder aus Nordafrika sind, eine Krankenschwester in der Nachtschicht oder ein Taxifahrer, der sich in der Burger-Bar aufwärmt, um auch noch die spätesten Gäste heil nach Hause zu bringen?

    Da werden die alten Bibelgeschichten auf einmal Alltagsgeschichten. Wir leben mittendrin, erleben ganz ähnlich – vielleicht keine Wunder. Aber wenn man genau hinschaut, braucht es keine Wunder. Nur Menschlichkeit, die Bereitschaft, sich anderen wieder zu öffnen. Wieder zu merken, was Liebe ist. Denn das ist Gott ja aus Sicht der beiden Künstler, die mal kurze Geschichten erzählen, mal Wunschlisten schreiben, mal kleine Gedichte. Das Warten bis zum Tag 24 wird auf einmal zu einer Beschäftigung mit den eigenen Erwartungen.

    Ganz freundlich stupsen die beiden die Umblätterer da hin, sich wirklich einmal aus dem Flitterkram der Zeit herauszunehmen und darauf zu besinnen, dass dieses Fest aus dem christlichen Kalender weder eine „Hygge-Gala noch Deko-Leistungsschau“ ist. Dass wir gar nichts leisten müssen, nur wieder lernen, ein Fest zu feiern. So, dass es wirklich wieder für alle ein Fest wird, auch für die Frauen, die an die Kraft einer guten Choreografie glauben.

    Und an die Kraft der Liebe, die nicht nur unsere Stärke ist, sondern auch unsere Schwäche. Der Punkt, an dem wir verletzlich sind, weil wir hier merken, was uns wirklich berührt im Leben. Elf Monate lang reden uns die Konkursverwalter der Welt ein, dass wir nichts lieben dürfen und alles nur Müll ist und Wegwerfware.

    Erstaunlich. Das Fest im zwölften Monat ist so modern wie vor 2.000 Jahren.

    Und am 24. Tag ist dann auch noch der Bursche verhindert, auf den alle so fleißig gewartet haben. Was tun? Na gut, die letzte Karte trägt dann nur noch die Botschaft: „Gerade geboren!“. Das kann auf echte Babys genauso zutreffen wie auf all die, die sich in diesen erwarteten Nächten wieder darauf besinnen, dass sie auch Menschen sind. Auf einem erstaunlichen Planeten. Dass sie bitteschön auch wieder zu den Sternen hinaufschauen möchten, steht gleich am Anfang dieses Kalenders, mit dem wir auf seltene Gedanken kommen – so beim Warten.

    Matthias Lemme, Susanne Niemeyer „Stille Post. Der Adventskalender zum Ankommen“, Edition Chrismon, Leipzig 2018, 15 Euro

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