Ferdinand Stolles Leipzig-Buch: Eine biedere kleine Stadt mit Zensoren, ein bisschen Freiheit und zwei kleinen Revolutionen

Für alle LeserEs ist erstaunlich, dass noch kein Leipziger Verlag sich dieses Autors angenommen hat. Vielleicht aber auch nicht. Denn irgendwie stimmt ja Ferdinand Stolles Feststellung noch immer – womit er es ganz ähnlich sieht wie Lessing und Andreas Reimann: Für kluge Köpfe ist Leipzig kein einträgliches Pflaster. Und zu seiner Zeit war es sogar ein gefährliches. Aber da wundert man sich doch, warum sich noch kein Leipziger Verlag drum gekümmert hat. Es ist eine Geschichte des rebellischen Geistes.

Und deshalb vermisst man einen Mann doppelt in Stolles ironischer Beschreibung des Leipzigs von 1834: Robert Blum. Doppelt deshalb, weil Stolle mehrfach augenzwinkernd auf die beiden Leipziger Revolutionen eingeht.

Stimmt schon: Leipzig hat ein paar mehr als nur drei Revolutionen erlebt. Um die Septemberunruhen von 1830 und die Augustunruhen von 1831 machen Schnellflieger der Stadtgeschichte meist einen großen Bogen, erwähnen bestenfalls, dass Leipzig damit zu seiner ersten richtigen Selbstverwaltung kam und Sachsen mal kurz auf einen demokratischen Weg kam.

Aber erst recht kaum erwähnt wird, dass Leipzig zu diesem Zeitpunkt ein Sammelpunkt liberaler Köpfe war. Robert Blum war seit 1832 in der Stadt und machte auch schon als Schriftsteller von sich Reden. Er hätte also bei Stolle im Kapitel zu den Leipziger Schriftstellern zwischen E. W. Boecker und Ed. Boenecke auftauchen müssen.

Aber das wäre aufgefallen. Denn gerade mit dem Theologen Eduard Boenecke hatte Stolle ein (kleines) Hühnchen zu rupfen. Der war ihm nämlich vor die Nase gesetzt worden als Redakteur der in Leipzig erscheinenden „Sachsenzeitung“, die 1834 trotzdem verboten wurde. Obwohl Dr. Boenecke, wie Stolle schreibt, „dem Audiatur et altera pars über Gebühr und ohne den erforderlichen Takt huldigt“.

Hinter dem schönen Latein steckt der journalistische Anspruch, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen und damit ein ausgewogenes Meinungsbild zu schaffen. Der aber meistens in Beliebigkeit endet, wenn die einen sagen und die anderen sagen. Und dann irgendwie alle Recht behalten, schon gar die Obrigkeit, wenn die auch was sagt.

Was in der „Sachsenzeitung“ natürlich ein anderes Gewicht hatte, da sie eines der wesentlichen Produkte jener hübschen kleinen sächsischen Revolution von 1830 war, die dem Land endlich so etwas wie Pressefreiheit verschaffte und eine (kurzzeitige) Abschaffung der Zensur. Die wurde dann schon ab 1831 schleichend wieder eingeführt, was dann auch Heinrich Laube, dem Redakteur der „Zeitung für die elegante Welt“, die ebenfalls ein Revolutionsprodukt war, die Ausweisung aus Leipzig bescherte.

Auch Stolle drohte die Ausweisung. Stolle wich dann lieber nach Grimma aus und schrieb dort „Sachsens Hauptstädte – Ein humoristisch-politisches Doppelpanorama“, von dem dieser Band der Leipziger Teil ist.

1853 wurde Stolle Mitbegründer der „Gartenlaube“ und fungierte lange Jahre auch als deren Herausgeber, weil sein Kompagnon Ernst Keil (wegen staatsgefährdender Umtriebe) nicht als Herausgeber fungieren durfte.

In Stolles Leipzig-Beschreibung spiegeln sich noch die vergangenen zwei Jahre. Eigentlich war der gebürtige Dresdner ja nach Leipzig gekommen, um hier Jura zu studieren. 1832 – auf dem Höhepunkt der Leipziger Pressefreiheit nach den zwei durchaus erfolgreichen kleinen Revolutionen – gab er sein Studium auf und schlug sich fortan als Journalist und Autor durch.

Wikipedia verrät, dass er mit seinen Romanen zu seiner Zeit durchaus Erfolg hatte. Er hätte sich also in die Liste der Leipziger Schriftsteller ebenfalls mit einreihen können. Hinter Ortlepp und Pölitz. Man merkt schon: Die meisten damaligen Autoren – jedenfalls die, die Stolle aufzählt – kennt kein Mensch mehr. Von Ortlepp hat man noch gehört und nach Herloßsohn ist auch eine Straße benannt.

Laube erwähnt Stolle natürlich. Und auch dessen erzwungenes Fortgehen aus Leipzig nach einer preußischen Requisition, also einem offiziellen Verlangen. Wenn Sachsen schon mal kurzzeitig seine Zensur aussetzte, dann übernahm halt Preußen diese Rolle und machte Leute mundtot.

Und deswegen ist es auch eine schöne Provokation, wenn Stolle in seiner nur scheinbar humorvollen Schilderung des Leipzigs im Jahr 1834 immer wieder zwei Namen mit Ehrfurcht nennt: Heine und Börne. Die saßen damals ja bekanntlich im Pariser Exil und schossen von dort ihre spöttischen Pfeile auf Deutschland und die preußisch-metternichsche Zensur ab.

Das heißt: Mit dieser Schrift lernen wir auf einmal ein Stück jenes geistigen Rebellentums kennen, das im Gefolge von 1830 in Leipzig entstand und nicht nur von mehr geistigen Freiheiten träumte, sondern auch zahlreiche Periodika über das neue Reich der Freiheit schrieb. Und diese Periodika – die „Sachsenzeitung“ genauso wie die „Zeitung für die elegante Welt“ – hatten ihre Leser.

Es muss ein wenig wie im Herbst 1989 gewesen sein: Auf einmal gab es gleich mehrere liberale Zeitschriften und Zeitungen, die die eben noch reglementierte und zensierte Welt anders, mit bürgerlichem Freisinn betrachteten. Man diskutierte wieder. Und zwar auch ein bisschen öffentlich in Reclams berühmten Literarischen Museum, das Stolle natürlich auch erwähnt, auch wenn er mit Namen an dieser Stelle lieber sehr zurückhaltend ist. Denn die neuen Publikationen wurden vom Leipziger Zensurkollegium noch viel aufmerksamer gelesen.

Deswegen vermisst man einige Namen wohl zu Recht.

Andere tauchen an unverhoffter Stelle auf – etwa die jungen Komponisten Wagner und Schumann, die gerade ihre Karriere begannen. Anderes vermisst man völlig. Denn während die sächsische Restauration den Redakteuren und Autoren wieder einen Zensur-Maulkorb verpasste, beschäftigte sich Leipzig längst mit einem anderen Thema: der Eisenbahn nach Dresden.

Aber das hat dann wieder mit dem Leipziger Kaufmannsgeist zu tun. Und auf den ist der abgebrochene Studiosus Stolle überhaupt nicht gut zu sprechen. Denn die Kaufleute standen auch bei den Leipziger Unruhen auf der anderen Seite, finanzierten und unterstützten die Bürgergarde, die dann beim zweiten Aufstand schon brav auf dem Rossplatz angetreten war, um das angekündigte Bürgerpicknick niederzukartätschen. Aber das Leipziger Gemetzel an dieser Stelle sollte es erst 1845 geben, im Vorfeld der dritten Leipziger Revolution.

Also lässt Stolle die Projektemacherei der schwerreichen Leipziger Kaufleute einfach weg. Man glaubt einfach, mit ihm durch ein nettes und biederes sächsisches Städtchen zu spazieren und die üblichen Kamellen erzählt zu bekommen, die noch heute die meisten Stadtführer wiederkäuen – mit hübschen Wanderungen zum Kuchengarten, nach Connewitz und zur Gohliser Mühle, durchs Rosental und zum Gasthaus Zum heiteren Blick.

Man erfährt was zum Tauch’schen, das Stolle für ein ziemlich sinnfreies Volksfest hält, zum Neubau der Universität und zum rot ausgemalten Gewandhaussaal. Eine regelrecht ironische Stelle, an der man merkt, dass Stolle seine geistige Verwandtschaft mit Heinrich Heine durchaus zu pflegen weiß (und seine stille Verachtung für das aufgeputzte Bürgertum). Und er macht es wie Heine: Er versteckt seine Bijouterien unter allerlei Krimskrams, den man zu seiner Zeit in solchen Stadtbeschreibungen erwartet.

Der heutige Leser fragt sich natürlich zu Recht, was all die Aufzählungen von Gastwirten, die heute niemand mehr kennt, zu ebenso unbekannten Professoren, Schriftstellern und Verlegern eigentlich soll. Es mutet wirklich stellenweise wie eine besserwisserische Beschreibung ganz nach dem Muster der Zeit an, als müsste jeder Leser anderswo sofort eine Vorstellung davon haben, wie es in Kinschys Konditorei am Thomaskirchhof aussieht – wobei Stolle gerade das sehr plastisch beschreibt. Stellenweise liest sich seine Stadtbeschreibung, als hätte er einfach mal das Adressbuch von 1832 abgeschrieben, wenn er die Leipziger Schulen aufzählt, die Kirchen, die wissenschaftlichen Gesellschaften und bekanntesten Hotels.

Die Stadt lebt also fröhlich weiter, auch wenn die Zensur wieder eingeführt wurde und dafür sorgt, dass kritische Schriften gleich wieder verschwinden. Die „Sachsenzeitung“ wurde auch gleich 1834 verboten. Da half auch Dr. Boeneckes Anbiederei an die Macht nicht mehr.

Stolles Leipzig-Beschreibung ist wie ein Trojanisches Pferd. Seine Spitzen hat er überall untergebracht, wo man sie erst nicht vermutet. Etwa wenn er über Leipzigs Kirchhöfe schreibt. Das Buch ist erstaunlich aktuell, schreibt der Steffen Verlag, der es nun nach der 1834er Erstauflage wieder aufgelegt hat.

Das liegt an solchen Stellen wie dieser: „Wer sich aber von dem Namen verleiten lassen und glauben wollte, es wohnten auf den Leipziger Kirchhöfen nur gottesfürchtige Leute, würde sich wiederum sehr irren. Es geht auf manchem nur allzu weltlich her, abgesehen von den Beefsteaks und Schweinsknöchelchen. Auch sind die Wohnungen wegen der etwas freiern Aussicht nicht die wohlfeilsten. Der Deutsche muss einmal die Freiheit überall teuer bezahlen.“

Dieser Stadtbeschreiber rechnet damit, dass die Leser zwischen den Zeilen lesen. Und dass sie denken wir er – auch wenn er sich locker und witzig gibt. Das Jahr 1834 muss für das geistige Leipziger Leben wie eine dumpfe Glocke gewirkt haben. Die alten Mächte saßen wieder fest im Sattel und nahmen die so tapfer erkämpften Errungenschaften alle wieder weg. Zwei, drei Jahre Freiheit wurden wieder einkassiert.

Und erstaunlicherweise hat tatsächlich noch niemand über das Leipziger Zeitpanorama dieser Jahre geschrieben. Es könnte sehr lehrreich sein. Bis hin zu den hochgebildeten Leuten, die baldigst wieder bereit sind, in ehrwürdige Zensurdienste zu treten und das Denken und Schreiben der anderen zu reglementieren.

Und da nimmt Stolle dann kaum noch ein Blatt vor den Mund. „Als ein Hauptdämpfer des Leipziger Buchhandels, so wie des geistigen Lebens überhaupt, kommen wir jetzt denn leider auch auf die …“ Da macht er drei Kreuze, wie man sie in Todesannoncen macht. „… Leipziger Zensur!“

Ausführlicher wird er da lieber nicht. Wer genaueres wissen wolle, solle sich an die Herren Laube, Barkhausen, Boenecke, Bülau und Weiske wenden, Redakteure diverser Blätter, die erfahren hätten, wie die Leipziger Zensur funktioniert.

Da fragt man sich schon: Wie hat er so eine Stadtbeschreibung überhaupt in Druck bekommen? Erschienen ist sie übrigens zuerst beim Leipziger Verleger Otto Wiegand. Den hat er kurz zuvor als Verleger gelobt und unter die großen Leipziger Verleger (Barth, Brockhaus, Teubner …) eingereiht. Was schon verblüfft, denn Wiegand (Wigand) war ja erst 1833 nach Leipzig gekommen, weil er vor den Metternichschen Zensurgesetzen aus Budapest geflohen war. In gewisser Weise berühmt sollte Wiegand ja werden, weil er dreißig Jahre später den ersten Band des „Kapital“ von Karl Marx drucken sollte.

Hinter der biederen Fassade einer auf Äußerlichkeiten bedachten Stadt wird also ein Stück von jenem Leipzig sichtbar, das 1834 noch einmal die ganze verbieterische Macht des alten Regimes zu spüren bekam und ins Exil gehen oder verstummen musste.

Da liest es sich eher brav, wenn Stolle auch davon erzählt, dass es in den Konditoreien Napoleonskuchen zu kaufen gab oder dass die Straßen der Stadt sonntags mit Ketten abgesperrt wurden, damit der Lärm der Räder nicht die Gottesdienste stört. Und zwischen allerlei scheinbar braven Ausflügen tauchen dann lauter Anekdoten auf, in denen Stolle beschreibt, wie die gewitzten Bürger dennoch das Verbot zur gemeinsamen Betätigung unterlaufen (alles Staatsverrat!), indem sich 150 von ihnen zum Beispiel in einer öffentlichen Petition für einen Gastwirt in Lindenau zusammentun.

Und wieder ist das so ein Blitz in die heutige Zeit: „Damit aber der Rat keine staatsverräterischen Pläne unter dieser Assoziation argwöhne, so sprachen sie am Schlusse noch von Steuern und Abgaben, welche der neue Wirt, ‚wie sich von selbst mit Recht verstehe‘, bezahlen werde.“

Wer also dergleichen ahnte in Stolles Buch, der wird seinen Spaß beim Lesen gehabt haben. Heute liest es sich auch nur oberflächlich wie ein typisches Stadtporträt der Zeit. Denn wenn man die Namen und Schlüsselsätze nicht überliest, bekommt man ein Stück jenes Leipzigs in der Metternich-Zeit zu fassen, das auch in der heutigen Stadtgeschichtsschreibung meistens unter den Tisch fällt, weil sich bislang augenscheinlich keiner mit der Leipziger Zeitungslandschaft in dieser Zeit wirklich beschäftigt hat.

Ferdinand Stolle Geist ist in Leipzig aber etwas Rares, Steffen Verlag, Berlin 2018, 10 Euro.

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