Ein Tagungsband zu einem brandaktuellen Thema

Nach Auschwitz: Warum die Geschichtsforschung zur DDR sich gründlich ändern muss

Für alle LeserAuf den ersten Blick ist das wieder so ein Buch mit schwerer Kost: 21 Beiträge von Historikern, Politik- und Sozialwissenschaftlern zu einem Thema, das einem eigentlich erledigt schien: die DDR und ihr Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus. Im Januar 2017 fand dazu eine Tagung statt – eben mit diesem eher verwirrenden Titel „Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR“. Hatte denn die DDR nicht ihren staatlich verordneten Antifaschismus?

Stand das Land damit nicht hübscher da als die westliche Hälfte Deutschlands, irgendwie unschuldiger, ein braver Musterknabe, der nicht nur offiziell jeden Faschismus verdammt hat, sondern auch in bekannten Gedenkstätten wie Buchenwald die Erinnerung wachhielt, stets unter der allgegenwärtigen Mahnung: Das darf nie wieder passieren?

Die Infragestellung dieses Bildes gab es ja gleich nach der sogenannten „Wende“, die ja alles Mögliche war, nur keine „Wende“ – mit aufflammenden rechtsradikalen Übergriffen in Leipzig, Rostock, Jena, Hoyerswerda, um nur eine Auswahl zu nennen … als wäre der neue Faschismus einfach so aus dem Nichts aufgeflammt. Und die braven Bürger hingen am Fenster und klatschten auch noch Beifall.

Das Erstaunliche ist, dass das bis heute nicht wirklich reflektiert wurde in der gesamtdeutschen Geschichtswissenschaft. Die Tagung fand 2017 ja nicht umsonst statt. Und sie wirkte sehr seltsam in einer Landschaft, in der die Ostdeutschen schon wieder mit ganzen Serien rechtsradikaler Übergriffe und einem massiven Rechtsrutsch ganzer Gesellschaftsteile konfrontiert wurden. Woran lag das? War das die nicht verdaute Diktaturerfahrung? Die nicht gelernte Demokratie? Oder doch nur das Trauma der „Nachwende“-Zeit mit ihren massiven wirtschaftlichen Einbrüchen?

Es ist, als steckte der deutsch-deutsche Diskurs in einer Dauerschleife fest, unfähig zu erklären, was da geschah und geschieht.

Und das hat Gründe. Anetta Kahane geht in ihrem Beitrag „Von der ideologischen Schuldabwehr zur völkischen Propaganda“ darauf ein. Denn während westdeutsche Historiker ab den 1970er Jahren tatsächlich endlich darangingen, die Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und die Schuldabwehr der beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte aufbrachen, ist das in der DDR nie geschehen. Man stutzt natürlich zuerst, wenn Kahane das so sagt.

Gab es denn nicht massenhaft Literatur über den heldenhaften Kampf der Arbeiterklasse gegen die Faschisten? War selbst der Unterricht in den Schulen der DDR nicht oft monatelang ein einziges Wühlen in dunkler Vergangenheit, aus der das „neue Deutschland“ am Ende wie Phönix aus der Asche entstieg? Antifaschistisch von Anfang an?

Aber je weiter man liest, umso mehr verstärkt sich die Zustimmung: Anetta Kahane hat recht. Der Antifaschismus war nur verordnet, eine Totalverweigerung der Beschäftigung eines ganzen Landes mit der eigenen Verstrickung in Schuld und Verbrechen. Das delegierte man einfach via Propaganda an den Westen ab: Die alten Nazis machten ja dort Karriere, aber nicht in der DDR. Da kamen die „Kämpfer gegen den Faschismus“ an die Macht, eine Truppe echter Widerstandskämpfer, die entweder im Exil oder im KZ gelitten hatten dafür, dass sie (als einzige) widerstanden hatten gegen das Aufkommen der Faschisten. So weit die Legende.

Dass dieses kleine Häuflein um Pieck und Ulbricht ganz und gar nicht das war, was das Bild verhieß, darauf geht der Historiker Patrice G. Poutrus ein, der sich nicht scheut, sein eigenes Leben zu erzählen, das einst als Kind staatstreuer Eltern begann und in den 1980er Jahren in der Rolle eines FDJ-Funktionärs gipfelte. Er erzählt, wie ihn das, was im Herbst 1989 geschah, verstörte, verunsicherte und dazu brachte, alles zu hinterfragen – auch sich selbst und seine Blauäugigkeit. Im Grunde schildert er, wie stark gesellschaftliche Schutzbehauptungen wirken, wie sie Menschen auch davor bewahren (oder davon abhalten), sich mit den realen Zuständen der eigenen Gesellschaft zu beschäftigen.

Und er erzählt auch keine Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte, denn der Prozess, der ihn mittlerweile zu einem der wichtigsten ostdeutschen Historiker gemacht hat, dauerte Jahre, angefangen mit dem Studium an der Humboldt-Universität, das ihm vorher verwehrt gewesen war, über den Streit mit ostdeutschen und westdeutschen Professoren und Kommilitonen bis hin zu seiner Abschlussarbeit, in der er sich eigentlich nur mit einem schillernden ostdeutschen Phänomen beschäftigen wollte, dem Goldbroiler. Denn irgendwie war ihm doch so, dass er sich genötigt sah, den Osten „wie er war“ gegen die stereotypen Sichten der westdeutschen Historiker zu verteidigen.

Das Ergebnis war ein anderes. Denn bei der Erforschung der Geschichte des Goldbroilers tauchte er zum ersten Mal tief in die Welten der Zwänge, Abhängigkeiten, Opportunisten und Selbsttäuschungen der DDR ein. Nicht einmal dieser goldgelb gebratene Vogel war das, was man so dachte über ihn. Und auch die Legende von einem Land der Widerstandskämpfer zerplatzte. Nicht einmal das Märchen erwies sich als belastbar, die Genossen, die wirklich im KZ gesessen hatten, hätten das Land regiert.

Sie landeten oft genug nur in der 2. und 3. Reihe, aufs Heftigste beargwöhnt von jenem kleinen stalinistischen Häuflein, das das Exil in Russland überlebt hatte und all die stalinistischen Säuberungen, über die in der DDR nie berichtet werden durfte. Deswegen wurde ja ausgerechnet jener „Sputnik“ zum Skandal, der 1988 über Stalins Machenschaften berichtete.

Und es war nicht das einzige Tabu, das im Osten galt. Akribisch betrachtet Poutrus auch die Rückkehr jener Kommunisten in die Ostzone, die nicht in der Sowjetunion Asyl gesucht hatten, sondern im Westen. Und augenscheinlich siebte das Ulbrichtsche ZK gnadenlos aus, wer überhaupt in die Ostzone zurückkehren durfte und wer nicht. Und wer kommen durfte, wurde in ein gründliches Überwachungssystem eingesponnen und bekam den Unwillen der Parteiführung sofort zu spüren, wenn er von der Parteilinie abwich.

Weshalb viele dieser Rückkehrer aus dem Westen sich lieber Posten weitab von den Machtzentralen suchten, als Autoren, Verleger, Dozenten versuchten zu überleben. Leute wie Ernst Bloch, der für ein paar wenige Jahre in Leipzig zu einer schillernden Gestalt wurde, bevor er nach heftigen Anfeindungen lieber in den Westen ging.

Poutrus holt weit aus. Aber das ist wichtig, sonst versteht man nicht, was im Osten tatsächlich geschah. Denn er erwähnt auch zu Recht: Wer regierte dann eigentlich im Osten, wenn nur ein kleines Häuflein aus dem Moskauer Exil die Fäden in der Hand hielt und die eigenen Genossen mit Misstrauen auf Abstand hielt? Der Schluss liegt auf der Hand. Denn die meisten Deutschen hatten das Hitlerreich eben nicht nur erlebt, sondern mitgetragen, genauso, wie sie den Krieg mitgemacht hatten. Und viele von ihnen hatten sich schuldig gemacht. Indem der neu entstehende Staat sich einfach von Hitler, Faschismus und Krieg distanzierte und die Schuld quasi abschob auf den Westen, produzierte er genau das, was Anetta Kahane Schuldabwehr nennt.

Und da das im Westen ganz ähnlich funktionierte – man war ja nun über Nacht quasi lupenreiner Demokrat und mit der Einbindung in die demokratische Staatengemeinschaft per definitionem schon auf dem richtigen Weg – fand eine wirkliche Auseinandersetzung der Deutschen mit der Schuld, dem Leid und der Grausamkeit dessen, was man zwölf Jahre lang getan hatte, nicht statt. Oder im Westen dann eben mit über 20-jähriger Verspätung und mit heftigen Abwehrschlachten. Es dauerte sogar noch eine ganze Generation länger, bevor sich auch die staatlichen Institutionen endlich intensiv mit ihrer Nazi-Vergangenheit beschäftigten.

Etwas, was in der DDR nie passierte. Man verweigerte die Beschäftigung mit Schuld und Sühne einfach komplett. Weshalb dann in den 1970er Jahren der Roman „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf so eine Furore machen konnte. Eine kluge Autorin formulierte hier erstmals die bis dahin tabuisierte Frage: Haben wir denn nicht alle mitgemacht? Und was bedeutet das für unser Leben und unsere Erinnerung? Dürfen wir diese Erinnerungen einfach wegschließen und so tun, als wären wir das nicht gewesen? Wie verführbar waren wir eigentlich?

Aber diese Debatte erreichte – trotz riesiger Auflagenzahlen – doch wieder nur einen kleinen Kreis interessierter Leserinnen und Leser. Die öffentliche Diskussion blieb aus. Auch diese Chance, die eigene ostdeutsche Geschichte endlich einmal ohne Tabus zu diskutieren, wurde verpasst. Was auch für die Geschichtsschreibung Folgen hat.

Denn 1990 standen die ostdeutschen Historiker nackt da. Nur die wenigsten hatten sich überhaupt getraut, die Themen Nationalsozialismus und Holocaust aus ostdeutscher Perspektive zu bearbeiten. Die meisten bedienten den offiziellen Selbstbetrug von einem Staat, der „die Lehren aus der Geschichte gezogen“ hatte und damit schon per definitionem vorbildlich war.

Auch deshalb dominierten ab 1990 einzig und allein die westdeutschen Sichtweisen auf den Osten – bis hin zu dieser faden Gleichsetzung der „beiden deutschen Diktaturen“, die selbst in der politischen Debatte bis heute dominiert. Und damit versucht, die DDR in ein westdeutsches Korsett zu zwingen – auch das wieder eine Schuldabwehr. Denn damit wird die historische Verantwortung wieder nur ein paar stählernen SED-Bonzen und einem finsteren Überwachungsapparat zugeschrieben. Das „Volk“ war mal wieder unschuldig.

Obwohl es darum in der Geschichte ja nicht geht. Aber gerade solche Fragen werden ja gern moralisierend zur Schuldfrage gemacht, statt mit historischer Distanz zu erkunden, was wirklich geschehen ist – und was es bewirkte. Das geht bis hin zu der Erkenntnis, die Anetta Kahane zu Recht betont: Beide deutsche Staaten, auch die DDR, waren eine direkte Folge von Nationalsozialismus, Holocaust und Weltkrieg. Ohne Hitler hätte es auch keine DDR gegeben.

Wer sich aber seiner Geschichte nicht stellt, der sieht auch nicht die Folgen dieses Verschweigens. Kahane: „Was aber weder vor noch nach dem Mauerfall in der DDR und in den anderen sozialistischen Ländern besprochen wurde, waren Antisemitismus und Hass auf Minderheiten.“

Die Diskussion hat wirklich nie stattgefunden. Was vielen Ostdeutschen die Möglichkeit gab, sich in die Opferrolle zu flüchten, statt sich den großen Fragen zu stellen: Was hat eigentlich der Faschismus mit uns angerichtet? Warum war es Hitler und seinen Helfern so leicht, Millionen Menschen dazu zu bringen, sich unmenschlich zu verhalten? Denn nur wenn das benannt werden kann, kann man lernen, sich dagegen zu wappnen. Ein Land wird nicht per Parteibefehl antifaschistisch. Erst recht nicht, wenn Ausgrenzung, Abwertung und die Verachtung von Minderheiten weiter gepflegt werden.

Und wenn Historiker genauer hinschauen, sehen sie, wie stark gerade in der DDR nationalistische „Traditionen“ gepflegt wurden, wie die Erinnerung an den Holocaust regelrecht aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wurde, wie sogar Menschen aus anderen Ländern nicht nur abgeschottet und kaserniert waren und „das Volk“ regelrecht als Topos gepflegt wurde, gern in Verbindung mit einem Hohelied auf die „kämpferische Arbeiterklasse“, die gar dem Faschismus „heldenhaften Widerstand“ entgegengesetzt hatte.

Auch so entstand das Bild einer homogenen und abgeschotteten Volksgemeinschaft, das bis heute augenscheinlich bei vielen Ostdeutschen lebendig ist – aufs Engste verbunden mit vielen rechtsextremen Sichten auf die Welt, was jede neue „Autoritarismus-Studie“ aus Leipzig belegt.

Und statt ab 1990 den Stier bei den Hörnern zu packen und die ostdeutsche Geschichte gründlich und professionell aufzuarbeiten, übernahmen auch die neuen ostdeutschen Eliten die Deutungsmuster des Westens, ignorierten regelrecht, dass es im Osten nie eine breite gesellschaftliche Debatte über die eigene faschistische Vergangenheit gab. Die durchaus hätte entspannend sein können. Denn die Last auf den eigenen Schultern wird nicht leichter, wenn man nicht darüber redet.

Und im Fall DDR war es ja eine doppelte Last: Zur fehlenden Aufarbeitung der eigenen Faschismus-Geschichte kam das Tabu über die stalinistischen Verbrechen, die natürlich nichts von dem entschuldigten, was vorher geschehen ist. Kahane: „So schrieb sich die Opfernarration für die Ostdeutschen fort, ohne dass auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus eingegangen werden sollte.“

Es ist fatal, dass dieses Opfernarrativ selbst von den dominierenden Politikern der „Nachwende“-Zeit übernommen wurde. Nicht nur von Schuld und Verstrickung in Bezug auf das NS-Regime entlastete man sich so, sondern schuf gleich noch ein neues Opfernarrativ. Kahane: „Nicht nur als Opfer der Nazis, nein, auch noch als Opfer ihrer Gegner, der Kommunisten, kann man sich nun in den neuen Verhältnissen einrichten.“

Und das hat Folgen. Genau die, die nun bei Wahlen, in Internetforen oder auf der Straße zu beobachten sind. „Vorerst, so scheint es aber, haben diejenigen – und nicht nur im Osten der Bundesrepublik – immer mehr Erfolg, die fast lückenlos an die Behauptung anschließen können, die deutsche Arbeiterklasse sei unter Hitler ein Opfer von Faschismus, Imperialismus und Finanzkapital geworden“, schreibt Kahane. „Sie buchstabieren diese These heute völkisch und beziehen sie auf die Gegenwart, auf Kapitalismus, Marktwirtschaft und Demokratie.“

Wer aus seiner Geschichte nicht lernen will, ist tatsächlich verdammt, dieselben fatalen Fehler zu wiederholen. Oder so formuliert: Das Nicht-Wissen-Wollen macht verführbar. Die Opferrolle ist wie ein Schutzpanzer: Man lädt die Schuld an allem, was geschah (und geschieht) bei anderen ab. Irgendwelche Fremdlinge sind dann immer schuld. „Dunkle, international agierende Mächte und die Flüchtlinge sind angeblich verantwortlich für den Untergang Deutschlands“, so Kahane.

Die Verschwörungsmythen funktionieren noch immer genauso gut wie in Zeiten des Nationalsozialismus. Sie geben der Welt einen Anstrich finsterer Machenschaften.

Poutrus geht auch noch auf etwas anderes ein, was natürlich auffällt. Denn mittlerweile gibt es durchaus einige profunde Arbeiten zur Aufarbeitung der ostdeutschen Geschichte sowohl im Faschismus als auch im Stalinismus. Doch die „wissenschaftliche Arbeit der Zeithistoriker“ findet so gut wie keinen Widerhall in den „Vergangenheitsdebatten der Öffentlichkeit“. Woran ganz sicher auch die dominierenden Medien im Osten eine gehörige Aktie haben. Sie bestätigen nur zu oft und zu gern die Opferrolle der DDR-Bürger, bestärken den Mythos der zwei Diktaturen. Und damit die passive Rolle des Staatsbürgers, dem sozusagen Dinge immer nur angetan werden, der nie an etwas schuld ist und der sich immer nur als Objekt der Geschichte betrachtet.

Ich habe nur zwei prägnante Beiträge aus dem Sammelband ausgewählt, der natürlich thematisch viel weiter streut. Aber in diesen beiden Beiträgen wird im Grunde schon deutlich, welche fatalen Folgen die fehlende gesellschaftliche Debatte nach 1990 hatte. Im Ergebnis gibt es tatsächlich bis heute keine gemeinsame deutsche Geschichtsschreibung, die den Nationalsozialismus als gemeinsames Geschichtskapitel begreift, aus dem auch die gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte entstand, mit allen Verrenkungen, Verleugnungen und Tabus.

Und solange auch nicht wirklich ohne Scheuklappen über die Geschichte der DDR als direktes Ergebnis des Weltkrieges diskutiert wird, kommt die Sache auch nicht ins Gleichgewicht, wächst nichts zusammen, was eigentlich zusammengehört, bleibt der Osten eine Art Klagemauer und wird nicht mal in der Geschichtsschreibung der Bundesrepublik zu einem historisch belastbaren Territorium.

Enrico Heitzer, Martin Jander, Anetta Kahane, Patrice G. Poutrus (Hrsg.) Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR, Wochenschau Verlag, Frankfurt 2018, 42 Euro, als PDF 33,99 Euro.

Das Buch zur neuesten „Autoritarismus-Studie“ aus Leipzig

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