Wie Politiker und Waffenlobbyisten ein sinnvolles Waffengesetz für Deutschland verhindern

Spaß und Tod: 240 unschuldige Opfer, traumatisierte Eltern und der mühselige Kampf der Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“

Für alle LeserEs ist jetzt zehn Jahre her: Am 11. März 2009 geriet die Stadt Winnenden in Baden-Württemberg weltweit in die Schlagzeilen, als die Albertville-Realschule zum Schauplatz eines Amoklaufs wurde. 13 Schüler und Lehrer wurden Opfer des 17-jährigen Amokläufers Tim K. Danach erschoss er noch zwei weitere Menschen und dann sich selbst. Wenige Stunden nach dem Amoklauf gründete der Journalist Roman Grafe die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“.

Denn ohne die legal von seinem Vater erworbene „Sportwaffe“ Beretta hätte Tim K. seine Tat nicht vollbringen können. Und nicht nur Roman Grafe fühlte sich bei diesem Ereignis erinnert an den Amoklauf am 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, wo der 19-jährige Robert S. 16 Menschen tötete.

„Seit 2000 war S. Mitglied in einem Schützenverein, außerdem legte er die erforderliche Prüfung ab, um in den Besitz einer Waffenbesitzkarte (WBK) zu kommen. In den Monaten vor der Tat kaufte er sich die beiden Tatwaffen, Munition und verschiedene Ausrüstungsgegenstände (Magazine, Holster und Ähnliches)“, fasst Wikipedia zusammen, wie Robert S. an die tödlichen Waffen kam.

Und Grafe erinnerte sich 2009 nur zu gut daran, wie deutlich 2002 die Forderungen an die Politik waren, die deutschen Waffengesetze endlich zu verschärfen und vor allem dafür zu sorgen, dass keine Kriegswaffen und ähnlich tödliche Schusswaffen mehr legal in private Hände oder gar die von verzweifelten oder psychisch belasteten Menschen gelangen durften.

Und was 2002 geschehen war, wiederholte sich 2009: Die Forderungen sorgten für eine kurze Aufmerksamkeit, ein paar Anhörungen im Innenausschuss des Bundestages, und dann folgte die Bundestagsmehrheit doch wieder den Argumenten der deutschen Schützenverbände, die mit geballter Macht jede Verschärfung der Waffengesetze verhinderten.

Und die auch bis heute gern behaupten, die deutschen Waffengesetze seien die schärfsten der Welt – was sie eindeutig nicht sind. Und solche Fälle wie die beiden erwähnten Amokläufe seien Einzelfälle von „psychisch kranken Tätern“ und nicht zu verhindern. Was ebenfalls nicht stimmt.

Das Problem: Die deutsche Politik weigert sich bis heute, die Straftaten mit legalen und illegalen Schusswaffen systematisch zu erfassen. Eine Statistik über alle tödlichen Vorfälle mit sogenannten „Sportwaffen“ gibt es nicht. Denn mit Sportwaffen haben die gefährlichen Waffenarsenale, die einige deutsche Waffennarren legal besitzen, nichts mehr zu tun. Denn dazu gehören längst auch Schusswaffen, die eindeutig für die militärische Verwendung konzipiert wurden und hergestellt werden, die aber von ihren Herstellern auch als Freizeitwaffen direkt an Waffenbegeisterte auch in Deutschland verkauft werden.

Die oben erwähnte Militärpistole Beretta gehört genauso dazu wie die Glock, „Zivilvarianten“ der russischen MP Kalaschnikow oder der amerikanischen Armeewaffe AR 15. Immer wieder sind es halbautomatische Waffen wie die von Robert S. verwendete Pumpgun oder die von Anders Breivik auf Utoya verwendeten Waffen, die solche Massentötungen unschuldiger Menschen in kurzer Zeit erst ermöglichen. Und die – wenn der Schütze zuvor in einem Schützenverein einen legalen Waffenschein erworben hat – auch in Deutschland legal zu erwerben sind.

Noch am Tag vor Utoya veröffentlichte Horst Fulsche, dessen Tochter 2002 in Erfurt erschossen wurde, in der „Thüringischen Landeszeitung“ einen Artikel, in dem er die grundsätzlichen Fragen stellte: „Mich würde nach wie vor interessieren, warum ein demokratischer Staat privaten Besitz von Waffen, mit denen Menschen getötet werden können, erlaubt? Mit welcher Begründung erhebt ein normaler Bürger Anspruch auf Waffenbesitz? Wofür oder gegen wen will er diese einsetzen? Welche Ziele verfolgt eine Staatsmacht, die den Privatbesitz tödlicher Waffen erlaubt? Besteht hierfür eine allgemeine Notwendigkeit?“

Zum Erwerb des Waffenscheins gehören zwar eine Zuverlässigkeitsprüfung, eine Sachkundeprüfung und der Nachweis für das Bedürfnis, Schusswaffen erwerben zu wollen. Und die Sprecher der Schützenverbände betonen auch nur zu gern, dass die meisten Mitglieder der Schützenvereine zuverlässige und gesetzestreue Menschen sind, dass die Vorfälle mit Sportschützen, die zu Mördern werden, nicht ins Gewicht fielen. Aber je weiter man sich in das Buch hineinliest, umso mehr erscheinen einem all diese Behauptungen nur noch als zynisch und menschenverachtend – auch aus dem Mund von Politikern, die diese in der Regel falschen Behauptungen nur zu gern übernehmen.

Immer wieder werden die zu Mördern gewordenen Schützen als zuvor brave, anständige, freundliche Nachbarn und Vereinsmitglieder beschrieben, Menschen, denen man nie im Leben zugetraut hätte, dass sie die tödliche Waffe, mit der sie das Schießen trainiert haben, tatsächlich gegen andere Menschen einsetzen würden, gegen Familienmitglieder, Nachbarn, Polizisten, Unbeteiligte.

Von 18 Todesopfern durch „Sportwaffen“ in Deutschland erzählte eine Antwort des Bundesinnenministeriums an die Grünenfraktion, die damals schon falsch war. Und die Roman Grafe und seine Mitstreiter dazu animierte, selbst zu recherchieren, vor allem in den Meldungen der Medien, denn offizielle Zahlen haben weder Innenministerien noch Polizei. Und oft erfahren Lokaljournalisten erst auf Nachfrage, ob eine bei einer Straftat eingesetzte Schusswaffe nun legal war und ob der Täter gar Mitglied eines Schützenvereins war. So bekam die Initiative zumindest eine belastbare Zahl, auch wenn Grafe durchaus mit Recht annimmt, dass die Zahl der Straftaten mit legalen „Sportwaffen“ und auch die Zahl der dabei Getöteten wohl höher ist.

Allein für die Zeit seit 1990 kommt er auf die Zahl von mindestens 240 Menschen, die durch legale „Sportwaffen“ in Deutschland getötet wurden. Und da sind Selbstmorde noch nicht mitgezählt, die vielen hundert Vorfälle, in denen legale Schusswaffen zum Einsatz kamen, Menschen aber nur verletzt wurden, ebenfalls nicht. Wer da von Einzelfällen redet, der lügt.

Todesopfer durch Sportwaffen. Karte: sportmordwaffen.de

Todesopfer durch Sportwaffen. Karte: sportmordwaffen.de

Grafe macht es seinen Lesern nicht einfach. Schon beim Einstieg in sein Buch nicht, denn er lässt es mit dem Amoklauf von Winnenden beginnen, den er fast minutiös schildert, sodass man sich als Leser sofort hineinversetzt fühlt in die Verzweiflung und die Angst der Schüler und Lehrer in der Schule, in der der junge „Sportschütze“, Waffennarr und Killerspiel-Besessene nun seine Wut auslässt an Unschuldigen.

Immer wieder stellt sich nach Amokläufen heraus, dass die Schützenvereine, die dem Täter die Gelegenheit gegeben haben, an tödliche Waffen zu kommen, gar nicht in der Lage waren, wirklich festzustellen, ob der neue Schütze die persönlichen Voraussetzungen zum Waffenbesitz mitbringt. Oft kommen Täter an schlecht gesicherte Waffen im Elternhaus, oft nehmen auch Eltern die Alarmzeichen nicht wahr. Gerade die bekannten Amokläufer hatten zuvor exzessiv am Computer sogenannte Egoshooter gespielt, Computerspiele, in denen es – sehr realitätsnah – darum geht, möglichst viele Menschen zu erschießen.

Natürlich gibt es ein eigenes Kapitel, in dem sich Grafe auch mit der Rolle dieser Killerspiele beschäftigt und mit der Frage, wie sie eigentlich die Persönlichkeit der jungen Männer beeinflussen, die mit diesen ursprünglich mal für die amerikanische Armee entwickelten Spielen lernen, ihre Hemmungen zu überwinden und das (schnelle) Töten von möglichst vielen Mensche als erstrebenswerte Lösung aller Probleme zu sehen.

Denn der der Initiative eng verbundene Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat recht, wenn er über den Tätertypus bei Amokläufen schreibt: Es sind meist Jugendliche, „bei denen die Unfähigkeit, tragfähige Beziehungen einzugehen, durch eine narzisstische Verschmelzung mit Waffen kompensiert wird. Der Waffennarr ist ein harmlos wirkender junger Mann mit einem besonderen Spielzeug.“

Roman Grafe: „Tausende Schützen schützen sich mit schwerem Geschütz vor ihrer Entwaffnung – aus Angst, sonst (wieder) schutzlos dazustehen. Es geht um Angst, Selbsterhöhung, Überlegenheit, Spaß und Macht. Waffen sind Machtverstärker.“

Da wundert es dann auch nicht, dass die Schützenvereine auch für Rechtextremisten und „Reichsbürger“ attraktiv sind, Menschen, die ihre Überlegenheitsphantasien nur zu gern mit Gewalt und Einschüchterung zelebrieren. Hunderte Rechtsextremisten besitzen auch heute noch ganz legal tödliche Schusswaffen. Die Behörden tun sich, wenn es um Entwaffnung gefährlicher Menschen geht, denkbar schwer. Was auch daran liegt, dass die Waffenbehörden in den Kommunen völlig unterbesetzt sind und gar nicht leisten können, was von ihnen erwartet wird: Tatsächlich regelmäßig und unangekündigt zu kontrollieren, ob die Menschen mit Waffenschein tatsächlich noch die Voraussetzungen für den Waffenbesitz erfüllen, überhaupt noch im Schützenverein trainieren und ihre Waffen gesetzeskonform lagern.

Von der Behauptung, Deutschland hätte ein scharfes Waffengesetz, bleibt am Ende nichts übrig. Und auch die Diskussionen um Erfurt und Winnenden haben daran nichts geändert. Auch weil die Lobby der Schützen bestens organisiert ist und genau weiß, wie man Kampagnen organisiert, die auch Politiker einschüchtern. Und dabei wird auch gern mit Zahlen gearbeitet, die eindrucksvoll klingen, die aber nirgendwo wirklich belastbar nachgewiesen sind. Da wird von 1, 1,5 oder gar 2 Millionen aktiven Schützen schwadroniert und auch gleich mal gedroht, diese vielen Schützen würden Wahlen beeinflussen können, wenn sie geschlossen eine Partei mal nicht wählen. Scheinbar nehmen das diverse Politiker tatsächlich für bare Münze.

Aber laut deutschem Waffenregister besitzen nur 350.000 Sportschützen privat tödliche Waffen. Das ist die zwar große, aber im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung kleine Gruppe von Leuten, die immer wieder behaupten, Waffenbesitz sei ein Menschenrecht und selbst halbautomatische großkalibrige Kriegswaffen wären ganz selbstverständlich Sportwaffen. Die auch gern behaupten, die Morde mit Schusswaffen würden nicht zurückgehen, wenn die Waffengesetze verschärft werden.

Aber gerade die drei Länder, in denen die Politik tatsächlich den Mut hatte, die Waffengesetze zu verschärfen – Großbritannien, Australien und Japan – stehen für das Gegenteil. Auch in Großbritannien und Australien waren es blutige Amokläufe, die für ein großes Entsetzen sorgten und die Gesellschaft bzw. die Politik dazu brachten, die allerschlimmsten Schusswaffen in Legalbesitz zu verbieten.

Denn dass die Initiative sich „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ nennt, hat genau damit zu tun: Schießspaß kann man in Schützenvereinen auch mit Luftdruckwaffen oder Laserpunktwaffen haben. Es gibt keinen einzigen belastbaren Grund, warum Waffen, mit denen viele Menschen in kurzer Zeit getötet werden können, in Privatbesitz deutscher Schützen sein müssen, erst recht nicht, wenn es sich dabei um Waffenmodelle handelt, die extra für das Militär entwickelt wurden.

Roman Grafe hätte sich gewünscht, dass es nach Winnenden tatsächlich nur zehn Jahre dauern würde, bis die deutsche Politik den Mumm haben würde, die tödlichsten Waffen zu verbieten und wenigstens die schlimmsten privaten Waffenarsenale aufzulösen. Dass der Kampf lange dauern würde, war ihm durchaus klar – und wurde ihm auch immer klarer, je länger er sich mit der Geschichte der Amokläufe beschäftigte. Dabei kann er historisch bis ins Kaiserreich zurückgehen, aber in einzelnen Kapiteln wird auch die blutige Geschichte der Amokläufe insbesondere in den USA, aber auch in Finnland, Frankreich, der Schweiz geschildert.

Allein die Fülle der Vorfälle macht betroffen, jeder einzelne eigentlich schlimm genug, um den legalen Vertrieb von Faustfeuerwaffen und Großkaliberwaffen komplett zu untersagen. Und zwar mit Verweis auf das Grundrecht auf Leben, das aber jedes Mal unter die Räder kam, wenn der Bundestag wieder meinte, das Recht der Sportschützen auf ihr Hobby stehe höher als das Recht der friedlichen Bürger auf Sicherheit und Unversehrtheit.

Grafe erzählt natürlich auch von den zehn Jahren engagierter Arbeit in der Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“, die oft genug aufreibend und kräftezehrend war. Und auch bleiben wird, wenn die Initiative nicht wirklich breite Unterstützung aus der Politik und von möglichst vielen Bürgern bekommt, die den Aufruf der Initiative unterstützen. Denn der größte Feind einer Änderung zum Friedlichen ist die Lethargie, das schnelle Vergessen, gern befeuert durch die feigen Politikerreden nach jedem Amoklauf, es sei so unfassbar und unbegreiflich, man verstehe einfach nicht, wie es dazu kommen konnte.

Alles Phrasen und faule Ausreden, die Grafe mit Zitaten aus Reden von Barack Obama widerlegen kann, der geradezu verzweifelte an der Sturheit der Abgeordneten, Amerikas tödliche Waffengesetze nicht zu verschärfen, obwohl in keinem anderen Land so viele Menschen durch legale Waffen getötet werden wie in den USA. Der Zusammenhang ist nicht zu widerlegen.

Genauso wenig wie der enorme Druck von Waffenlobby und Waffenproduzenten auf die Politik. Auch in Deutschland.

Immer wieder kommen in Grafes Buch auch Betroffene zu Wort, immer wieder auch die Eltern der Kinder, die bei den Amokläufen getötet wurden. Ihre Schilderungen machen tief betroffen und stehen im scharfen Kontrast zum Zynismus der Sprecher der Waffenlobby und einiger bekannter Politiker, die augenscheinlich lieber Politik für 350.000 Waffenbesitzer machen als für die 80 Millionen Bürger, die mit der Angst leben müssen, dass sich wieder ein „Sportschütze“ als unberechenbar erweist und Menschen tötet mit einer Waffe, wie sie sonst nur Armee und Polizei benutzen.

Das Buch wird an vielen Stellen zwangsläufig sehr emotional. Am Ende gibt es auch noch eine Deutschlandkarte, auf der die Initiative alle nachweisbaren Tötungen mit „Sportwaffen“ in Deutschland seit 1990 eingetragen hat. Wobei es ja nicht nur bei diesen Tötungen blieb. Die Fälle, wo „nur“ schwere Verletzungen Folge des Schusswaffenmissbrauchs waren, kann Grafe nur kurz anreißen. Auch sie führen in der Regel zu lebenslangen Traumatisierungen. Und um wenigstens irgendetwas zu tun, haben die Kommunen Millionen Euro in Amok-Alarmsysteme in Schulen investiert.

Grafe hat recht: Die Folgen ihres uneinsichtigen Tuns wälzen die Sportschützen auch in diesem Fall auf die Allgemeinheit ab, die sich freilich nur unzureichend gegen Leute schützen kann, die meinen, dass sie das, was sie in blutigen Filmen im Fernsehen oder in gnadenlosen Killerspielen gesehen haben, jetzt in der Realität ausüben müssen … Was sie nicht können, wenn tödliche Waffen nicht mehr legal und einfach zugänglich sind. Auch da weichen ja die einschlägigen Politiker gern aus und holen die illegalen Waffen als Gegenbeispiel aus der Versenkung und behaupten, die seien ebenfalls leicht zugänglich. Was auch nicht stimmt.

Nur eines stimmt: Die Zahl der tödlichen Schusswaffenattacken nimmt deutlich ab, wenn kriegstaugliches Waffengerät eben nicht mehr einfach für jedermann zugänglich ist. Genau darum kämpft die Initiative. Und das dicke, mit Fakten und Ereignissen gespickte Buch, ist ein vehementes Plädoyer dafür, Deutschland wirklich einmal ein Waffengesetz zu geben, das die Friedlichen tatsächlich schützt.

Roman Grafe Spaß und Tod, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, 30 Euro.

 

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