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Weimar. A City Guide: Die besten Gründe für einen Weimarbesuch heißen Charlotte, Christiane und Anna Amalia

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    2019 – das ist nicht nur Bauhaus, das ist auch Weimarer Republik. Ob auch die Engländer das wissen, die sich derzeit mit ihrem seltsamen Brexit herumquälen? Der Lehmstedt Verlag jedenfalls sorgt vor und hat seinen erst 2018 komplett überarbeiteten Stadtführer für Weimar jetzt auf Englisch aufgelegt, gespickt mit lauter kleinen Erschrecknissen. Denn in Thüringen ist es nicht anders als anderswo: Wenn das große Jubiläum da ist, wird überall gebaut. Man muss sich sputen.

    Und zwar ganz egal, ob man nun wegen Goethe, der Nationalversammlung oder des Bauhauses halber nach Weimar fährt. Mit Goethe freilich geht es los. „It is anticipated that from the end of 2019, Goethe’s house will be closed until 2023 für urgent refurbishment; the museum section, however, will remain open“, kann man da lesen, gleich nachdem man erfahren hat, dass Goethes Domizil am Frauenplan im Februar 1945 nur knapp einer Katastrophe entgangen ist.

    Wie aber gehe ich mit diesem „however“ um? Ist das ein trotziges „Trotz alledem?“ Oder steckt da eher ein fatalistisches „Wie auch immer“ dahinter, so ein leichter, nun gedruckter Unglaube, dass sich die Sanierungsarbeiten doch etwas länger hinziehen und den Besuch des Herrn Geheimrats deutlich erschweren könnten?

    Aber der Stoßseufzer bereitet ja schon auf die nächsten Überraschungen vor. Denn Weimar ist nun einmal nicht mehr das verschlafene Städtchen, wo Friedrich Ebert einst hoffte, ungestört von der Welt die Nationalversammlung tagen zu lassen. Das Städtchen ist eine Schatulle der Sehenswürdigkeiten. Und die Hälfte davon ist nigelnagelneu. Das Schillermuseum genauso wie das „House of the Weimar Republic – Forum for Democracy“, das gleich gegenüber vom Nationaltheater steht, wo 1919 die Nationalversammlung tagte, und das – wenn jetzt auf den letzten Metern alles gutgeht – am 31. Juli eröffnet. Zumindest, soweit es begehbar ist. Völlig fertig wird’s erst 2020. Nagelneu ist auch das Bauhaus Museum Weimar, das am 5. April eröffnete und unter dem Besucheransturm fast in die Knie ging.

    Die Weimarer sind ja gewitzt, sie haben das Bauhaus Museum nicht in die Bauhaus Universität gesetzt, sondern in die Nähe des Gauforums, quasi als kleinen deutlichen und unübersehbaren Hinweis, wer eigentlich die besseren Bauideen hat und mehr Kunstverstand. Wobei der kleine Stadtführer ja nicht unterlässt, das gähnend langweilige Gauforum zu erwähnen, mit dem die Nazis versuchten, das alte Weimar in eine kleine Nazi-Prachtkapitale zu verwandeln.

    Fertig ist auch die neue permanente Ausstellung im Neuen Museum, das jetzt „internationally outstanding works of Impressionism, Realism and Art Noveau“ zeigt. Hier werden ganz speziell Graf Harry Kessler und Henry van der Velde gewürdigt, neben Grotius die herausragenden Protagonisten des „Silbernen Zeitalters“ in Weimar. Sie kommen zwar auch in Jörg Sobiellas großem Panorama „Weimar 1919“ vor – aber Sobiella schildert ja auch den kleinbürgerlichen Geist des Weimars von 1919, zumindest das, was davon in den Zeitungen von damals zu finden ist.

    Und es ist wie so oft: Man goethete und schillerte und verkaufte das Klassikerstädtchen als kotzebuesche Idylle – dass es eigentlich Schauplatz einer frappierenden Moderne war, gefiel den ehrwürdigen Kleinbürgern aber überhaupt nicht. Zeitungen und Bürger hinken, wie es scheint, immer um drei, vier Generationen der Zeit hinterher. Dass sie etwas Unvergleichliches als Zeitgenossen erlebt haben, begreifen sie erst viel später. Dann, wenn es zu spät und nicht mehr viel zu retten ist.

    Die Enkel und Urenkel können es heute besichtigen. Nicht alles. Das Stadtschloss ist noch Baustelle, „expected to be closed until 2023“, was natürlich erschüttert und erschreckt, nicht so sehr wegen der ganzen Herzöge, die hier residierten, sondern wegen jenes turbulenten Jahres 1919, als die provisorische Regierung der jungen Republik hier untergebracht war. Da kann man ja regelrecht froh sein, dass die 2004 vom Feuer verheerte Herzogin Anna Amalia Bibliothek wieder aufgebaut ist und besichtigt werden kann, auch wenn der Verlust von über 50.000 wertvollen Büchern bis heute schmerzt.

    Wo kann man dann aber seine Sehnsucht nach schönen Schlössern befriedigen? Natürlich im Schloss Belvedere und in Anna Amalias Sommersitz Schloss Tiefurt.

    Der Pflichtbesuch in der Gedenkstätte Buchenwald beschließt den Rundgang mit 45 Stationen, die man natürlich nicht an einem Tag schafft, wenn man kein Japaner ist, der weiß, wie man Europa in drei Tagen durchjagt. Die echten Liebhaber klassischer Schönheit besuchen sowieso noch Anna Amalias Wittumspalais, wo man wirklich sehen kann, wie nobel man als Aristokratin im 18. Jahrhundert die Gäste empfing.

    Und man verpasst auf keinen Fall das bezaubernde Palais Schardt, benannt nach Johann Wilhelm Christian Schardt, der beim Fürsten Hofmarschall war und reich genug, sich das Anwesen 1756 zu kaufen. Kennt kein Mensch mehr. Sollte man aber vielleicht doch kennen. Denn manchmal sind die Väter wichtig, weil ihre Töchter in die Weltgeschichte eingehen.

    Hier bringt Jutta Rosen-Schinz, die die eh schon flotten Texte Steffi Böttgers ins Englische übersetzt hat, wieder das erstaunliche „however“ an, das einen an dieser Stelle noch viel mehr staunen lässt: „However, what is of greater significance for the history of literature is that he (der oben genannte Herr Schardt, d.Red.) and his wife, who had the lovely name Concordia, had a daughter, who, when married, became Charlotte von Stein.“

    Oder mal mit weiblicher Deutlichkeit betont: „She, it may be presumed, was the real reason why Goethe decides to stay on in Weimar in 1776.“

    So machen Frauen Weltgeschichte. Sie überreden die flüchtigen Kerle dazu, einfach mal dazubleiben und die Zähne zusammenzubeißen und zu zeigen, dass sie auch ein bisschen Stehvermögen haben. Ohne solche Frauen (auch wenn sie einen nicht heiraten) gibt es keine Goldenen und auch keine Silbernen Zeitalter. Das musste jetzt mal gesagt werden. Was übrigens auch auf eine gewisse Christiane Vulpius zutrifft, die dieser Herr Goethe lange nicht heiraten wollte, weil sie nicht standesgemäß war. Aber sie war die praktische Seele in seinem Haus am Frauenplan. Ohne Christiane kein Besucherrummel und keine geschützten Arbeitsstunden für den Herrn Geheimrat.

    Klares Fazit: Wegen der Frauen schon lohnt sich die Reise nach Weimar. Die berühmten Herren gibt es als Zugabe.

    Steffi Böttger Weimar. A City Guide, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019, 6 Euro.

    Weimar 1919: Das ganze Drama der Geburt der ersten deutschen Demokratie

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