Fake: Frank Rudkoffskys Roman über das Drama von Liebe und Menschlichkeit in einer gnadenlos gewordenen Welt

Für alle LeserMan staunt eigentlich, dass das Drama des niedergehenden Journalismus in Deutschland so wenig Aufmerksamkeit auch in Film und Literatur findet. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass die Menschen, die noch versuchen, irgendwie unabhängigen Journalismus zu machen, wie die Hamster im Laufrad rennen müssen, um überhaupt das Lebensnotwendige zu verdienen. So wie Jan in Frank Rudkoffskys Roman „Fake“.

Rudkoffsky selbst ist Autor, Literaturblogger und Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift „]trash[pool“ sowie Redakteur beim Stuttgarter Stadtmagazin „LIFT“. Sein Romanheld Jan träumt von mehr, nachdem er bei einer Stuttgarter Zeitung sein Volontariat absolviert hat, hinterher aber nicht übernommen wurde. Was ihn dazu zwang, einen Weg einzuschlagen, der zu den härteren und deprimierenden in der deutschen Medienwelt gehört. Denn wem so ein fester Arbeitsplatz verwehrt bleibt, der hat die Wahl zwischen der Arbeit als Freiberufler, bei der man das komplette Risiko an der Backe hat, nicht weiß, ob die Texte auch abgenommen werden, und am Ende auch damit rechnen muss, dass er damit nicht mal seine Brötchen verdient.

Die andere Alternative ist natürlich die, die dann die meisten (jungen) Journalisten einschlagen: Sie schreiben gut bezahlte Werbetexte für Agenturen, wechseln also die Seiten und verstärken das nervende Heer all derer, die die zusammenschmelzende Zahl reeller Medien mit immer mehr Werbetexten und Anfragen überfluten.

Diese Variante will Jan aber nicht wählen. Denn während sein Freund aus dem Volontariat mit großer Klappe und „Effizienz“ einen Platz bei der „taz“ ergattert, ist eigentlich Jan derjenige mit den Ideen, wo man Geschichten findet und was man dafür investieren muss. Er wagt sich im Jahr 2014 an eine der brisantesten Geschichten, die die Republik zu bieten hat: eine Reportage mitten aus dem Geschehen von PEGIDA in Dresden.

Was schon gefährlich genug ist und was ihm, als er den Text endlich in seinem Blog veröffentlicht, nicht nur große Zugriffszahlen beschert, sondern auch einen organisierten Shitstorm der Rechtsextremen, mit dem er so nicht gerechnet hätte und demgegenüber er ziemlich hilflos ist, denn die geballte Wut der Trolle nimmt ihn psychisch mit, macht ihn richtig fertig und fast arbeitsunfähig.

Was ja auch der Sinn ist hinter dem organisierten Hass in den Netzwerken, mit dem die neuen Rechten schon vor jenem berühmten Sommer 2015 versuchten, die Deutungshoheit in den gesellschaftlichen Debatten zu erlangen. Was sie auch geschafft haben. Nichts findet dort größere Resonanz als Hass, Verleumdung, Lüge und Fake. Ein Phänomen, das Jan eigentlich auch untersuchen will. Es ist ja so leicht, sich einen Fake-Account zuzulegen, mit dem man unter falscher Identität in den Chatgruppen für Stimmung, Zwietracht und Gebrüll sorgt. Etwas, was Jans Freundin Sophia gar nicht mal so schlecht findet.

Anders als Jan hat sie einen gut bezahlten Job bei Daimler, war immer Einsermädchen und hat versucht, die Erwartungen ihres Vaters zu erfüllen und überzuerfüllen. Etwas, was ausgerechnet zu dem Zeitpunkt schiefzugehen droht, als sie beschließt, das nicht geplante Baby auszutragen, obwohl Jan sichtlich meilenweit von einem einträglichen Job entfernt ist und bei ihr selbst die Karriere dranhängt.

Die Warnung sollte man vielleicht vorher aussprechen: Der Einstieg ins Buch ist hart. Denn die beiden erleben keine Idylle. Sophia stürzt in all jene Krisen hinein, die viele junge Frauen erleben, wenn sie auf einmal monatelang an ein Baby gefesselt sind, das schnell zum Schreien neigt, die Flasche verweigert, beim Stillen wenigstens einmal zur Ruhe kommt. Und die ganzen Eltern-Chats, in denen Sophie sich Rat holen will, helfen überhaupt nicht, machen sie mit all den sinnlosen Ratschlägen der anderen nur noch hilfloser und wütender.

So wütend, dass sie den sowieso schon aufgestauten Frust bald selbst als Troll unter falschem Namen in die Foren des Internets ergießt. Es ist wie eine Sucht, von der sie nicht mehr loskommt. Am Ende macht sie eine dieser Fake-Gestalten sogar zur Stimme ihrer Nöte, macht aus der gegen „Stuttgart 21“ kämpfenden Rita (die einst Jan erfunden hatte) eine an LSA erkrankte Frau, die bald das einsammelt, was das Internet auch zu bieten hat: schnelles Mitgefühl, Verständnis, Trost.

Sie ahnt nicht, wie ihr gerade dieser Fake-Account noch auf die Füße fallen wird, später, als sie gerade wieder mit viel Mühe von ihrer Troll-Sucht losgekommen ist, weil dieser tiefsitzende Wunsch, andere Menschen niederzumachen, wohl doch etwas mit ihrem eigenen Leben und ihrer Unzufriedenheit darin zu tun hat.

Man sollte wohl die Stelle nicht überlesen, die sie anfangs so richtig zum Ausflippen gebracht hat, als ihr eine Teilnehmerin im Eltern-Forum riet, doch mal über ihren eigenen Stress nachzudenken, ob der sich nicht auf das Baby übertrüge, das mit dieser inneren Unruhe der Mutter nicht umgehen könnte.

Auf einmal steckt man mittendrin im haltlosen Leben der jungen Menschen in dieser Gesellschaft, einerseits dem Erwartungsdruck ihrer Eltern ausgesetzt, die – wie Sophias Vater – nicht herauskommen aus ihrer eigenen anerzogenen Erwartung, die Kinder müssten Gewinnertypen werden und in der Gesellschaft noch weiter nach oben kommen. Man merkt schon, wie das Aufsteiger-Programm der 1950er-Generationen wirkt, ohne dass die je versucht hätten darüber nachzudenken, was das eigentlich für einen enormen Druck ausübt – während gleichzeitig die Arbeitswelt immer glatter, rücksichtsloser und rabiater geworden ist. Das von Darwin falsch übernommene „survival of the fittest“ herrscht überall. Für die, die wie Sophia fit sind für diesen Wettkampf, steht der Karriereweg offen – nur mit dem kleinen, boshaften Haken: Ihr Leben gehört dann der Firma. Eigentlich ist da kein Platz vorgesehen für Familie und Kinder.

Der Riss durch unsere Gesellschaft, über den Peter Maxwill jüngst schrieb, trennt nicht nur rechts von links, weltoffen von „Grenzen zu“ und Arm von Immer-Reicher. Vor allem trennt er die Berufswelten, in denen gerade die jungen Berufseinsteiger erleben, dass auf ihre eigentlichen Lebenswünsche und ihr Können keine Rücksicht genommen wird. Entweder lassen sie sich darauf ein, sich völlig für den Job zu opfern (wie Sophia) oder sie riskieren wie Jan, eine Arbeit zu tun, die niemand bestellt hat. Eine Arbeit, auf die auch Sophias Vater mit Verachtung herabschaut. So schnell wird einer, der eigentlich alles mitbringt für seine Arbeit als Journalist, zum Versager gemacht.

Das ist auch unsere Gesellschaft. Oder vielleicht ist sie das sogar in all ihrer Nacktheit. Auch wenn Jan Glück hat und scheinbar bei großen Zeitungen tatsächlich Aufmerksamkeit erzeugt hat. Es könnte klappen mit einem Leben als Freiberufler.

Man ahnt aber auch, dass das nur das Glück von wenigen ist. Einige wenige, die dann das ganze Risiko für das Recherchieren von Geschichten ganz allein auf sich nehmen und mittlerweile damit rechnen müssen, dass sie von rechtsradikalen Troll-Kommandos bedroht und fertiggemacht werden. Wenn Medien schrumpfen, werden auch Journalisten schutzloser. Und bei „PEGIDA“ wurden sie ja bekanntlich von Anfang an zur Zielscheibe. Als er zum zweiten Mal zum Ziel so einer Attacke wird, ist Jan kurz davor, alles hinzuschmeißen, auch wenn es nur sein Smartphone ist, das vorerst dran glauben muss.

Nur dass diese Attacke eigentlich nicht ihm gilt, was er nicht einmal ahnt. Er vermutet, als er den Erzeuger des Shitstorms stellen will, eher Sophia dahinter, die ihn zu verlassen droht, weil er über seine letzte Bewerbung bei einer kleinen Provinzzeitung gelogen hat. Die wollten ihn dort tatsächlich haben.

Doch es geht Jan genauso wie Sophia: Das, was sie beide wirklich wollen, verträgt sich nicht mit dem, was ihnen angeboten wird. Jedes Mal steht ihre kleine Familie auf dem Spiel, sieht alles wie ein unerbittliches Entweder-Oder aus: Wenn Jan an seinen Träumen arbeitet, kann Sophia keine Karriere machen. Wenn Sophia den nächsten Karriereschritt geht, kann Jan seine Träume vergessen. Sie verlieren nicht wirklich ihren „moralischen Kompass“, auch wenn es der Klappentext als Interpretation anbietet.

Im Gegenteil: Sie stürzen in tiefe psychische Krisen, weil sie nie vergessen haben, was ihnen wirklich wichtig ist in Beruf und Leben. Auch wenn Jan zuweilen wie ein Glückskeks wirkt, der gar nichts dafür kann, dass sich Sophia für ihn entschieden hat. Er ist kein Strahlemann oder Blender, also eigentlich denkbar schlecht geeignet für die üblichen Märkte, auf denen Sieger gesucht werden: dem Arbeitsmarkt und dem Liebesmarkt. Er liefert nicht, was die Erwartungen erfüllt. Er schreibt auch nicht so, dass ihm das abgelieferte Ergebnis letztlich egal ist. Noch so ein Punkt, an dem er so gar nicht passt in eine Zeit, da selbst Journalisten erleben, wie wenig Beharrlichkeit tatsächlich belohnt wird.

Alles muss schnell gehen, schnell Aufmerksamkeit erzeugen, Klicks erzeugen, durchflutschen und schnell weiter zum nächsten Hype. Man ahnt nur so am Rande, was für katastrophale Folgen die „social media“ mit ihrer Emotions-Maschinerie für die Arbeit der Zeitungsredakteure hatten, die – statt ihrem Sinn für gute Geschichten zu folgen – jetzt zu Lieferanten für schnelle und überzeichnete News gemacht wurden. Da ist es schon erstaunlich, dass Jan tatsächlich Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht auch deshalb, weil heute freie Journalisten den Stoff einsammeln müssen, den angestellte Redakteure aus blanker Zeitnot nicht mehr suchen dürfen.

In Rudkoffskys Roman verschränken sich also gleich mehrere Probleme unserer Gegenwart und im winzigen Kosmos von Sophia, Jan und ihrem quirligen Sohn Max zeigt er, dass all diese Phänomene miteinander verstrickt sind. Sie bedingen einander. Und sie werden gerade da, wo junge Menschen Zukunftsentscheidungen treffen, zu einem undurchdringlichen Gewirr, das es praktisch unmöglich macht, überhaupt noch Entscheidungen treffen zu können, die im ganz menschlichen Sinn gut sind. Auch wenn Sophia am Ende, nachdem auch sie ihre persönliche Krise durchlitten hat, Jan ein Angebot macht, das scheinbar doch die Lösung für das Unlösbare sein kann. Ein ein wenig unmoralisches Angebot – aber das weiß nur Sophia, die mit ihrem Vater wieder einmal erlebt hat, dass der sich nicht wirklich für ihre Sorgen interessiert. Zufrieden ist er nur, wenn Sophia Leistung bringt und funktioniert.

Und auch das kommt einem so fremd nicht vor. Kann es sein, dass viele junge Menschen solche Eltern haben und sich abstrampeln müssen, all den ausgesprochenen und nicht ausgesprochenen Erwartungen zu genügen? Erwartungen, die fast nie etwas mit den Fähigkeiten und Wünschen der Kinder zu tun haben, aber viel mit dem Status-Denken der Alten, die glauben, sie hätten mehr geleistet als alle vor und alle nach ihnen.

Kann das sein, dass auch diese Ignoranz unsere Gesellschaft zerreißt? Auch die ostdeutsche? Da wäre ja das Gebrüll bei PEGIDA nur ein Beispiel. Auch wenn Jan bei seinen Recherchen eher über jene stolperte, die in der unbarmherzigen Leistungsgesellschaft gescheitert sind und nun erleben, wie schnell ein Mensch dann zum Abfallprodukt und Wegwerfartikel wird.

Für ostdeutsche Leser schwingen also auch ein paar sehr interessante Aspekte mit. Und man kann sie nicht beiseite wischen, jedenfalls nicht, wenn man die Gefühlswelten von Jan und Sophia quasi direkt miterlebt. Rudkoffsky schont seine Leser nicht. Er bringt ihnen das Innenleben seiner beiden Haupthelden ganz ungeschminkt frei Haus – mit allen Ängsten, Nöten und dem quälenden Verschweigen, wenn einer die andere nicht verletzen will – und umgekehrt. Denn wenn es um dieses in unserer Gesellschaft allüberall platzierte „Versagen“ (und die zugehörigen Versagensängste) geht, wird es immer persönlich.

Dann stehen immer die ganzen persönlichen Schwächen und Unsicherheiten im Raum, wird das Nicht-Schaffen zu einer permanenten persönlichen Niederlage, ganz so, als berichte Rudkoffsky hier ganz und gar nicht aus zweiter oder dritter Hand, sondern aus eigenem Erleben. Wer sonst als die heute Jungen könnte erzählen, wie sie im Leistungsdruck-Mahlwerk unserer Gegenwart zerrieben werden, sich persönlich zerfleischen und dabei das eigentlich Wichtige zu verlieren drohen: die Menschen, die sie lieben.

Damit ist eigentlich genug gesagt. Es ist Hardcore aus der Wirklichkeit unserer Gesellschaft, in der keiner mehr die eigentlichen Antreiber und Einpeitscher sieht und jeder mit sich allein den Kampf ums Überleben in einer Arbeitswelt ausficht, in der das Nicht-Akzeptiertwerden jedes Mal zu einer völligen Infragestellung der persönlichen Integrität wird. Wundert sich einer, dass das unsere Gesellschaft zerreißt? Ich jedenfalls nicht.

Frank Rudkoffsky Fake, Voland & Quist, Berlin, Dresden und Leipzig 2019, 20 Euro.

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