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Leipzig. Im Fokus: Daniel Köhlers Fotografien einer Stadt im Bühnenlicht

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    Eine Zeit lang dominierten vor allem die gestandenen Leipziger Fotografen die Welt der Bildbände über die Stadt. Sie konnten ihre großen Archive, die oft aus Sammlungen eindrucksvoller Schwarz-Weiß-Aufnahmen auch aus der DDR-Zeit bestanden, nutzen und damit bis heute einen riesigen Hunger stillen, Leipzig als eine Stadt der permanenten Veränderung greifbar zu machen. Doch jetzt melden sich immer öfter jüngere Fotografen zu Wort, die zu Leipzig eine völlig andere Beziehung haben.

    Jüngst haben wir dazu den Fotoband „Leipzig in neuem Licht“ von Philipp Kirschner vorstellen können. Jetzt legt auch der 1982 in Schmölln geborene Wirtschaftsinformatiker und Fotograf Daniel Köhler einen Band mit Fotografien vor, der natürlich auch zeigt, was mit moderner Fotoausrüstung heute in so einer Stadtkulisse einzufangen ist.

    Er gehört – genauso wie Anne-Katrin Hutschenreuter, die den Vortext geschrieben hat – zu jenen jüngeren Leipzigern, die es nach dem Jahr 2000 nach Leipzig gezogen hat – erst zum Studium eines spannenden Studienfaches an einer der hiesigen Hochschulen. Und dann sind sie dageblieben, weil die Stadt sie gepackt hat, die besondere Atmosphäre, die man so in deutschen Großstädten eher selten findet. Auch wenn man es kaum richtig in Worte fassen kann. Anne-Katrin Hutschenreuter versucht es in ihrem Geleit, das eigentlich der Versuch eines Liebesbriefes an die Stadt Leipzig ist, der einfach nicht enden will, weil sich diese nun seit 20 Jahren wieder wachsende Stadt nicht auf einen Nenner bringen lässt.

    Selbst das Stadtmarketing tut sich schwer, konzentriert sich ja aktuell wieder auf die Musikstadt, was aber immer wieder auch bedeutet, dass andere Aspekte, die genauso junge und ältere Menschen in die Stadt ziehen, zumindest im Marketing hinten runterfallen. Denn es ist natürlich ein Unterschied, ob man wie die steigende Zahl der Städtetouristen wegen Gewandhaus, Oper und Schumann-Haus nach Leipzig kommt.

    Oder ob man als Studienanfänger beginnt, die Überwältigung einer Stadt zu entdecken, die nicht nur im Zentrum voller Leben ist, sondern auch in ihren noch immer jungen Stadtteilen, die Anne-Katrin Hutschenreuter versucht aufzuzählen und dabei atemlos wird, weil einfach zu viele Ortsteile mittlerweile von jungem und kreativem Leben übersprudeln. Vor 20 Jahren hätte man vielleicht nur Südvorstadt und Connewitz erwähnt, vor zehn Jahren vielleicht noch Schleußig, Plagwitz und Lindenau. Aber junge Leute mit mutigen Ideen bereichern mittlerweile fast das ganze Stadtgebiet, holen alte Gebäude aus dem Aschenputtelschlaf, ziehen neue Kulturorte auf und bringen Leben in die Kneipenszene.

    Und was findet Daniel Köhler an der Stadt?

    Ihm geht es ganz ähnlich wie Philipp Kirschner: Er hat das Licht der Stadt entdeckt. Das graue, verrußte Leipzig hat er nicht mehr kennengelernt. Auch nicht das schnell angemalte und zumindest in hellem Braun leuchtende Leipzig der 1990er Jahre, als die Kohleöfen aus waren und der Himmel endlich wieder richtig blau, bevor die große Sanierungswelle begann, die Leipzig wieder sichtbar in eine bestaunenswerte Gründerzeitstadt verwandelte. Was übrigens laut allen Stadtbesucher-Umfragen des Leipziger Kulturdezernats der Hauptgrund der Reisenden ist, nach Leipzig zu kommen: die „alte Stadt“ mit ihrer Kompaktheit.

    Aber Köhler liebt die Morgen- und Abendstunden, wenn die Sonne tief steht und in der Stadtkulisse etwas anrichtet, was viele Leipziger in ihrem Alltagstrott gar nicht wahrnehmen: Sie entflammt die Stadt, taucht sie in lauter warme Gelb- und Rottöne. Und sie verwandelt selbst bekannte Orte in Bühnen, fertig für den ganz großen Auftritt. Jeder kann hineingehen und verwandelt sich in einen lichtumloderten Star. Und einer steht am richtigen Punkt nahebei und drückt auf den Auslöser seiner Kamera.

    Denn Köhler weiß, wie es geht. Er hat ein Auge dafür, wo einer mit seiner Kamera sich platzieren muss, um die Kulisse eines Platzes, einer Straße, eines Parks im richtigen Licht so richtig zur Wirkung zu bringen. Und die ganz frühe Morgenstunde hat noch einen Vorteil: Man trifft selbst Straßen völlig menschen- und autoleer an, auf denen tagsüber das Chaos brodelt.

    Köhlers Aufnahmen sind eine sehr schöne Einladung, das heutige Leipzig mit seinen architektonischen Besonderheiten mit aufmerksamem Blick neu zu entdecken. Wobei auch hilft, dass Köhler für etliche Ein- und Durchblicke auch eher ungewöhnliche Orte aufgesucht hat, so wie die frisch modernisierte Alte Hauptpost, deren Fenster völlig neue Blickwinkel auf den Augustusplatz ermöglichen. Er entdeckt mit seiner Kamera die architektonische Majestät der S-Bahn-Stationen, des Hauptbahnhofs und der Deutschen Bücherei.

    Aber auch bei prächtigen Wolkenhimmeln im Sonnenuntergang treibt es ihn auf die Plätze der Stadt hinaus, erst recht, wenn noch große Pfützen auf dem Pflaster stehen und Spiegelungen ermöglichen, den gewählten Ort geradezu in ein Gemälde verwandeln. Nicht in einen Postkartenblick. Diese Ästhetik meidet er gründlich. Aber er hat einen Blick dafür, welche ästhetischen Reize viele Innen- und Außenräume der Stadt tatsächlich haben. Reize, die man im Vorbeigehen oft übersieht, auf die man sich einlassen kann, so, wie es sich die Architekten eigentlich gewünscht haben – etwa im Neubau der Uni am Augustusplatz, im Opernhaus aus den 1960er Jahren oder selbst in der Nikolaikirche, die noch heute einzigartig wirkt mit ihrer Innenarchitektur des 18. Jahrhunderts.

    Und selbst scheinbar gewöhnlichen Orten gewinnt Köhler Bilder ab, die zeigen, dass diese Stadt eigentlich aus lauter Situationen besteht, in denen der spazierende Mensch eine Bühne findet. Meist eine Bühne, auf der er sich wohlfühlt und – etwa beim Durchschreiten der Fernheizungsrohre am Lene-Voigt-Park – immer neue Einsichten gewinnt und immer neue, andere Welten entdeckt.

    Eigentlich – das ist so die unterschwellige Botschaft dieser Bilder – ist Leipzig eine Stadt, in der es (mal vom stressigen Autoverkehr des Alltags abgesehen) richtig Freude bereitet, zu Fuß zu gehen und die wechselnden Orte auf sich wirken zu lassen. Denn die Architekten – sowohl die der Vergangenheit als auch die neueren, die nach der „Wende“ die riesigen Lücken im Straßenbild auffüllten – haben nicht allzu viel falsch gemacht, haben Baulösungen gefunden, die sich meistens nicht nur recht harmonisch einfügen ins Bild der Stadt, sondern selbst auch Raumerlebnisse ermöglichen, die selbst den Profi-Fotografen ansprechen.

    Und auch vor Orten jenseits der belebten Routen hat sich Köhler nicht gescheut, hat sich zum Lindenauer Hafen, in die Kneipenszene Lindenaus und zum Cospudener See auf den Weg gemacht, um auch dort zu entdecken, dass Leipzig eigentlich ein ziemlich menschlicher Ort ist. Einer, den man nicht nur aushalten muss, sondern in dem es auch ein Erlebnis fürs Auge ist, wenn man sich drin aufhält. Was dann einen Großteil genau jener Faszination ausmacht, die gerade die jungen Leute so anzieht, die seit zwei Jahrzehnten nach Leipzig kommen und zunehmend auch selbst das Klima und die Atmosphäre der Stadt bestimmen.

    Daniel Köhler; Anne-Katrin Hutschenreuter Leipzig. Im Fokus, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, 16 Euro.

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