Musikstadt Leipzig: Ein paar überraschende Puzzle-Steine zur Geschichte einer Selbstlobpreisung

Für alle LeserIn den vergangenen Jahren gab es ja ein regelrechtes Feuerwerk, mit dem die Musikstadt Leipzig gefeiert wurde. Besonders die Jubiläen von Clara und Robert Schumann ragten heraus. Der Thomanerchor feierte 800 Jahre und der Musikverlag Breitkopf & Härtel 300 Jahre. Und dicke Bücher dazu gab es auch. Nun gibt es noch eins. Quasi nachträglich. Denn das Thema zum „Tag der Stadtgeschichte“ 2016 war die Musikstadt. Mit erstaunlichen Ergebnissen. Denn auch die „Musikstadt“ hat so ihre Tücken.
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Worauf gleich mehrere der Autorinnen und Autoren in diesem Band eingehen. Denn wer sich auf die Suche macht, merkt schnell, woher die Leipziger Mythen kommen. Leipzigs Selbstbild besteht zu großen Teilen aus Mythen. Mythen sind Marketing. Und es gibt Leute, die brauchen sie unbedingt. Die brauchen das Gefühl, in irgendeiner Wettbewerbsdisziplin unbedingt ganz oben an der Spitze zu sein.

Man merkt schon, wenn man den Gedankengängen der diversen Autoren folgt, dass hier der frühe Kapitalismus schon seine Wurzeln hat und wie früh das Leipziger Bürgertum begann, sich ein neues Elite-Denken zu schaffen.

Denn wo man sich vorher noch in bürgerlicher Beflissenheit mit den Fürstenhöfen und ihrem Glanz maß und versuchte, da irgendwie als selbstbewusste Bürgerstadt mitzuhalten (und dazu gehört auch die Gründung des Großen Konzerts und des Gewandhauses), klingen die Zitate aus den Zeitungen und Zeitschriften des 19. Jahrhunderts geradezu schrill, sind vollgestopft mit Superlativen, in denen die Autoren geradezu wollüstig baden. Und wenn man sich verglich, dann nur noch mit Paris und Wien. Drunter ganz bestimmt nicht.

Was insbesondere Martin Thrun in seinem Essay „Konzertstadt Leipzig als kulturelle Autorität“ thematisiert, wo er versucht, den viel zu unkonkreten Begriff Musikstadt durch den Begriff Konzertstadt zu ersetzen, um tatsächlich auch statistisch der Frage nachzugehen: Wo stand Leipzig mit seinem Gewandhausorchester als Muster tatsächlich? Denn wenn man die Zahl fest etablierter Konzerte festmachen kann, kann man auch vergleichen – mit Magdeburg, Berlin und Breslau zum Beispiel.

Dann kommt man auch zur Frage, ob die Leipziger Kaufleute mit dem Gewandhausorchester tatsächlich ein Muster für andere Städte etabliert haben und ob andere Städte tatsächlich so begierig waren, das Muster nachzuahmen, wie es die zumeist in Leipzig ansässigen Kritiker der wichtigen Musikzeitschriften immer beschworen. Manchmal auch nur deshalb, um dann wieder die Programmpolitik des Gewandhausorchesters bzw. des Direktoriums zu kritisieren.

Das Ergebnis ist so durchwachsen, wie es bei Forschungen immer sein muss: Die Einrichtung des Leipziger Gewandhauses galt tatsächlich für manche andere Stadt als Vorbild. Aber da es keine staatliche und auch keine kommunale Einrichtung war, wird in Thruns Rundreise deutlich, dass das reiche Bürgertum in anderen Städten genauso bestrebt war, sich Konzertreihen und Orchester zuzulegen, mit denen sie ihre kulturelle Bildung genauso zeigen konnten wie ihren Reichtum.Und auch dort wurden es fast immer geschlossene Veranstaltungen. Das Großbürgertum musizierte für sich selbst. Wie in Leipzig. Nur nach anderen Mustern.

Und es überrascht erst bei genaueren Hinschauen, dass nicht nur Thrun diagnostizieren muss: Von Musikstadt kann in keiner dieser Städte die Rede sein, auch nicht in Leipzig. Denn praktisch bis zur Wirkungszeit von Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch war auch das Gewandhaus eine hochgradig elitäre Einrichtung.

Was übrigens auch die zum Teil sehr konservative Programmgestaltung erklärt, worauf unter anderem Stefan Keym in seinem Beitrag „Komplementarität und Pluralisierung“ zu sprechen kommt. Denn dass spätestens mit Euterpe, Liszt-Verein und Winderstein-Orchester eine zweite Schiene von Konzerten neben dem Gewandhausangebot entstand, hat auch zu einem wesentlichen Teil damit zu tun, dass die Abonnements im Gewandhaus unter den reichen Bürgerfamilien vererbt wurden und selbst musikbegeisterte Bürger aus dem nachrückenden Mittelstand kaum eine Chance hatten, an die wenigen frei verkauften Karten zu kommen.

Was übrigens auch die Sitzanordnung im alten Gewandhaus bedingt, auf die Martin Thrun fast schelmisch eingeht. Denn die honorablem Damen und Herren (und meist sollen es zu 75 Prozent die festlich gekleideten Damen der feinen Gesellschaft gewesen sein) schauten nicht aufs Orchester, sondern sahen sich – wie in der Thomaskirche – von parallel laufenden Sitzreihen gegenseitig an. Man sah sich und man präsentierte sich. Und die einen hörten mit dem rechten Ohr, was vorn die Herren Mendelssohn und Reinecke dirigierten, und die anderen mit dem linken.

Es war also bis ins späte 19. Jahrhundert allein die großbürgerliche Leipziger Elite, die sich mit dem Gewandhaus einen regelrechten Tempel der Musik geschaffen hatte und ihn auch fast allein benutzte (und finanzierte). Der größte Teil der Leipziger (97 Prozent) konnte sich die Karten für die Gewandhauskonzerte gar nicht leisten.

Ein Argument, das natürlich deutlich gegen das selbst verpasste Label „Musikstadt“ spricht. Wirkliche Änderung gab es erst mit den Konzerten des Winterstein-Orchesters in der Alberthalle, wo man Beethoven, Sibelius und Mahler endlich auch zu volkstümlichen Eintrittspreisen hören konnte. Wobei Stefan Keym daran erinnert, dass es bis zur Erfindung der Tonträger für musikinteressierte Menschen nur in solchen Konzerten überhaupt möglich war, die Musik der berühmten Komponisten zu hören.

Mehrere solcher essayistischen Annäherungen an die „Musikstadt“ finden sich in diesem Band, dazu aber auch einzelne Untersuchungen, die sich durchaus mit spannenden Einzelfragen beschäftigen. Denn zu Recht bilanziert Herausgeber Helmut Loos, dass mittlerweile Berge von Büchern zur „Musikstadt“ Leipzig erschienen sind – besonders eindrucksvoll die dreibändige Serie aus dem Lehmstedt Verlag –, und dass trotzdem noch viele Aspekte unerforscht sind.

Oder erst detailliert untersucht werden müssen. So wie das Klaus Rettinghaus mit den Konzerten im extra eingerichteten Konzertsaal in der Thomasschule um 1800 tut und Doris Mundus mit dem Versuch, dem Gewandhausmusikdirektor Johann Philipp Christian Schulz wenigstens eine biografische Kontur zu geben, wo von diesem Mann, der augenscheinlich nicht so eitel war wie viele seiner Nachfolger, nicht einmal ein Porträt überliefert ist.

Michael Märker untersucht die Berufsfelder jener Männer, die im 18. Jahrhundert das Große Konzert gründeten und die zumeist lapidar als Kaufleute bezeichnet werden, obwohl sie oft auch gleichzeitig Bankiers waren, was mit der noch ausstehenden Trennung von Handel und Bankgeschäft im 19. Jahrhundert zu tun hat. Man hat es wirklich mit sehr reichen Männern zu tun, die es sich leisten konnten, ein eigenes professionelles Orchester zu unterhalten.

Später trifft man diese Leute nicht nur im Gewandhausdirektorium an, sondern auch in anderen Direktorien, die für Leipzigs wirtschaftlichen Aufstieg eine zentrale Rolle spielten – so dem Direktorium der Leipziger Bank und der Leipzig-Dresdner-Eisenbahn-Gesellschaft.

Hans Joachim Köhler macht sich in seinem Beitrag akribisch auf die Suche nach den (tatsächlichen) Wohnungen von Robert und Clara Schumann in Leipzig. Und Christoph Hust beschäftigt sich mit einem Mann, der fast vergessen ist, obwohl er mit seinen musiktheoretischen Büchern die Musikausbildung an den Konservatorien in aller Welt beeinflusst hat: Ernst Friedrich Richter, seines Zeichens Dozent am von Mendelssohn gegründeten Leipziger Konservatorium.

Seine „Schulbücher“ wurden bis weit ins 20. Jahrhundert immer wieder aufgelegt, galten über 100 Jahre als Maßstab, auch wenn wichtige Kritiker schon früh bemängelten, dass Richter hier im Gewand einer scheinbar objektiven Musiktheorie ganz spezielle (Leipziger) Sichtweisen als Standard verkaufte.

Was freilich auch begabte Musiker wie Edward Grieg (der Richters Theorie heftig kritisierte) nicht daran hinderte, darauf aufbauend einen eigenen Stil zu entwickeln. Manchmal entsteht Großes eben auch dadurch, dass sich ein Begabter rigoros vom Gelernten distanziert (und die gelernten Techniken trotzdem im Schlaf beherrscht).

Stephan Wünsche nimmt sich dann einer Musikergruppe besonders an, die meist in Musikkritiken überhaupt nicht erwähnt wird oder bestenfalls beiläufig – es sind die Sängerinnen und Sänger des Chors im Leipziger Stadttheater, die bis zum Ersten Weltkrieg geradezu mit Hungerlöhnen abgespeist wurden, und das in einer Zeit, wo die Chöre in den modernen Opern immer wichtiger und anspruchsvoller wurden. Und durchaus anekdotisch wird es auch in Claudius Böhms Beitrag „Richard Strauss und die Gewandhauskapellmeisterfrage“.

Denn nachdem die Nazis 1933 Bruno Walther aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Amt gedrängt hatten, versuchte ausgerechnet Richard Strauss als Chef der Reichsmusikkammer seinen Schützling Eugen Papst in Leipzig zu platzieren. Aber das Spiel wollten die Bürger im Gewandhausdirektorium so nicht mit sich spielen lassen. Und so erzählt dann der Briefwechsel mit Max Brockhaus und Anton Kippenberg, die beide im Gewandhausdirektorium waren, von den Strauss’schen Versuchen, Einfluss zu nehmen.

Und von der kalten Dusche, die ihm das Direktorium letztlich bereitete, als es lieber Hermann Abendroth nach Leipzig berief. Was auch ein wenig vom Anspruch des Direktoriums erzählt, eben nicht nur einen „guten Organisator“ in die Kapellmeisterstelle zu berufen, sondern Dirigenten, die schon ein hohes Niveau bewiesen haben.

Natürlich kann so ein „Tag der Stadtgeschichte“ nicht alle Facetten aufgreifen. Der Leipziger Musikinstrumentenbau hat es in einem Beitrag von Josef Focht noch geschafft. Da und dort wird auch auf die riesigen Archivbestände verwiesen, die man noch durchackern müsste. Und die Popularmusik kommt erst gar nicht vor. Die würde wohl eine eigene ausführliche Beschäftigung bedingen und würde auch in jene Regionen führen, die eben nicht zum elitären Konzertangebot des gehobenen Bürgertums gehören.

Wenn man freilich weiß, dass auf jeden Fall im 19. Jahrhundert die Konzertprogramme im Gewandhaus eben nicht für die vielen emsigen Musikkritiker in der Stadt zusammengestellt wurden, sondern für ein reiches Publikum mit wohl sehr konservativen Erwartungen, dann weiß man auch, warum um die Deutungsrolle der Musikstadt damals so heftige Kritikerkämpfe entbrannten und auch ein Wagner in den heiligen Hallen (und die Bürger redeten ja tatsächlich vom „Tempel der Musik“) eher keinen feurigen Empfang erlebte.

Da und dort deuten die Autor/-innen auch an, wo noch großer Forschungsbedarf besteht, weil wesentliche Fragen einfach noch nie gestellt wurden. Und so wird man auch künftig mit neuen, wohl auch überraschenden Veröffentlichungen zur Geschichte der „Musikstadt“ rechnen können.

Helmut Loos Musikstadt Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2019, 34 Euro.

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