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Going Green: Janine Steeger ermutigt ihre Leser/-innen, einfach anzufangen mit einem umweltfreundlichen Leben

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    Dass heute so viele Leute so aggressiv reagieren, wenn über den Klimawandel und die Folgen für unserer eigenes Handeln debattiert wird, hat mit einem Phänomen zu tun, das auch die einstige RTL-Explosiv-Moderatorin Janine Steeger kennengelernt hat, als sie 2011 – im Fukushima-Jahr – begann, ihr Leben völlig umzukrempeln. Wäre sie nicht schwanger gewesen, so erzählt sie, so hätten sie die Bilder aus Fukushima wohl nicht so bis ins Innerste betroffen gemacht.

    Muss man erst so tief betroffen sein, dass man beginnt, über seinen eigenen Beitrag zur Umweltverschmutzung und der Klimaerwärmung nachzudenken? Oder muss man überhaupt erst betroffen sein? Eigentlich erzählt Janine Steeger eine Geschichte des Loslassens. Denn wer drin ist in der alten Wohlstandsblase, der hat Angst auch nur vor dem kleinsten Schritt heraus aus dieser Blase. Vor der simpelsten Veränderung.

    Denn er (oder sie) hat sich das alles ja hart erarbeitet, hat in der Schule gebüffelt, hat sich im Job hochgedient, hat mit Lebenszeit bezahlt für die große Wohnung, das Eigenheim, das Auto, den Urlaub mit dem Flieger, die tollen Luxusgeräte in der Wohnung, die Luxuseinkäufe und die rauschenden Feste. So tickt ja unsere Gesellschaft: Sie lockt mit Luxusangeboten, die man sich „verdienen“ muss. Und ein hohes Gehalt gilt als Leistungserweis. Und wer im Rampenlicht steht, wie es Janine Steeger einst bei RTL tat, hat es ja eigentlich geschafft.

    Aber: Um welchen Preis?

    Fukushima machte der Autorin mit erschreckenden Bildern klar, dass der Preis verdammt hoch ist. Und dass ihn eben nicht nur die Menschen in jenen armen Ländern bezahlen, aus denen wir uns unsere Billigklamotten schicken lassen.

    Vielleicht ging es Angela Merkel ganz ähnlich und das blanke Entsetzen brachte sie dazu, den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft zu widerrufen. Aber sie ahnte wohl nicht, dass sich noch viel mehr änderte. Dass sich in den nächsten Jahren die Zeichen verdichten würden, dass alle Vorhersagen der Klimaforscher stimmten und die Folgen der Erwärmung auch Deutschland heimsuchen würden.

    Die beiden vergangenen Dürrejahre erzählen davon. Das Insektensterben ist mittlerweile in aller Munde, die Verseuchung der Weltmeere mit Plastik ist bekannt. Und seit über einem Jahr demonstriert auch „Fridays For Future“. Denn auch wenn Angela Merkel 2011 erschrocken sein sollte – sie hat nicht getan, was sie versprochen hat. Das Land wirkt wie erstarrt, weil das Drängende nicht getan wird.

    Aber was kann denn der Einzelne tun?

    Taste the Waste – Trailer (Deutsch)

    Das ist eine Frage, die schon viele Menschen beschäftigt. Es gibt mittlerweile viele kluge Bücher zum Thema, geschrieben von Wissenschaftlern, Öko-Aktivisten, Ökonomen. Und in deutschen Großstädten wachsen die Angebote für alle, die ihr Leben bewusst ändern wollen – vom Bio-Markt über Unverpackt-Läden, Selbermach-Werkstätten bis hin zu Läden, die fair gehandelte Produkte anbieten.

    Denn wenn man sich erst einmal mit dem Thema beschäftigt, merkt man schnell, wie viele Lebensbereiche es betrifft. Und Janine Steeger ist das Thema angegangen wie eine Journalistin, hat sich kundig gemacht, Gesprächspartner gesucht und gegoogelt, wenn sie Lösungen für ihre vielen kleinen Fragen suchte.

    Denn den einen goldenen Weg gibt es nicht.

    Was mit einem der größten Irrtümer unserer Gesellschaft zu tun hat: unserem Perfektionismus. Schule, Job und Werbung vermitteln uns den festen Glauben daran, dass wir immer und überall perfekt sein müssen. Dass wir nicht genügen, wenn wir nur 90 Prozent schaffen. Dass wir keine Fehler machen dürfen. Die meisten Fälle von Burn Out haben genau damit zu tun: Dass die Betroffenen krank werden an diesen Erwartungen an sich selbst. Denn sie können dem nicht genügen.

    Perfektion, das schreibt Janine Steeger ganz bewusst, ist kein menschlicher Maßstab.

    Und das gilt auch für unser Umdenken hin zu einem anderen, nachhaltigen Leben. Den Begriff Nachhaltigkeit erklären wir hier nicht noch einmal extra. Da kann man bei Wikipedia nachlesen. Wer ihn verinnerlicht hat, der begreift, dass er an die Kinder denken muss und an die Welt, die sie vorfinden werden, wenn wir ihnen den Dreck und die zerstörten Landschaften hinterlassen.

    Deswegen fühlten sich einige gerade im Kopf alte Menschen so angepisst, als der WDR Kinderchor das Lied von der Oma als Umweltsau sang. Das Wort Umweltsau kommt übrigens im Buch mehrfach vor. Es bezeichnet Janine Steegers eigenes Gewissen immer an den Stellen, an denen sie merkte, wie belastend ihr bisheriges Konsumdenken für die Umwelt war.

    Dieses Erschrecken erzeugt eben nicht nur die mittlerweile wie ein Fähnchen herumgetragene „Flugscham“, sondern jeder Moment, in dem vor allem ältere Menschen auf einmal merken, welche Folgen ihr gedankenloses Konsumieren für die Welt und für die Kinder hat. Doch sie sind alle als Perfektionisten erzogen. Und das Erschrecken ist gewaltig: Muss ich jetzt auf all das verzichten? Muss ich jetzt hungern, darben, zum Büßer werden?

    Muss man nicht. Janine Steeger kann ja auch auf ein paar Diät-Erfahrungen zurückblicken und weiß wie das ist, wenn man bei solchen Dingen, die direkt ins eigene Leben eingreifen, perfekt sein will: Da ist das Scheitern programmiert. Das schafft kein Mensch.

    Und so schrieb sie nach acht Jahren Erfahrung dieses Buch auch aus einem Moment der Erleichterung: Es ist egal, wo eine anfängt. Niemand muss von heute auf morgen zum perfekten Umweltschützer werden. Manche Änderungen im Leben sind ganz einfach. Da muss man nur ein paar (schlechte) Gewohnheiten ändern.

    Andere kosten Kraft und Überwindung. Doch wenn man diese Schritte erst einmal gegangen ist, erobert man sich völlig neue Lebensqualitäten. Am Beispiel des Autoverkaufs und des Umstiegs auf ein richtig tolles Lastenrad macht es Janine Steeger sehr plastisch.

    Aber womit fängt man an? Denn wenn man etwas ändern will, muss man ja wissen, was man ändern kann und wo das eigene Verhalten bislang die größten Schäden anrichtet. Einige dieser Änderungen rauschen ja derzeit gerade als große Welle durch die Republik – vom Verbot von Strohhalmen und Plastiktüten bis hin zum Ende des Einweg-Bechers. Die Politik ist also durchaus in der Lage, wichtige Rahmen zu setzen.

    Aber einen ersten Überblick über den eigenen CO2-Abdruck bekommt man zum Beispiel, wenn man den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes nutzt.

    Der zeigt einem sehr deutlich, welch große Rolle das Mobilitätsverhalten (Auto, Flugzeug) spielt, aber auch das Heizverhalten zu Hause, die Größe der Wohnung und der Fleischverzehr. Wer sich mit all den Themen beschäftigt, merkt erst, wie klimaschädlich viele Grundstandards unseres Lebens sind.

    Und wie der eigene CO2-Fußabdruck regelrecht zusammenschnurrt, wenn man – wie Janine Steeger – das Auto gegen ein Fahrrad austauscht, sonst lieber mit der Bahn fährt, die Flugreisen drastisch zusammenstreicht (oder gar ganz darauf verzichtet).

    Über alle diese Dinge schreibt sie, über ihre Sorgen, dass es zu einer Belastung für die Familie werden könnte, auch über negative Erfahrungen, aber auch über den Gewinn an Lebensqualität, der sich im Nachhinein einstellte. Und sie erwähnt auch das, was mittlerweile auch immer mehr Menschen wissen: Was für eine Verschwendung unser Essverhalten geworden ist, seit wir uns darauf verlassen, dass uns die Lebensmittelkonzerne schon gut beliefern. Tun sie nicht. Weshalb die Autorin den Lesern den Film „Waste Land“ sehr ans Herz legt. Genauso wie den Film „Plastic Planet“, der davon erzählt, was unser Plastik-Rausch dem Planeten antut.

    Plastic Planet Trailer (deutsch)

    Wer einmal anfängt, sich mit all diesen Folgen einer bequemen Konsumwelt zu beschäftigen, merkt schnell, wie viele Veränderungen da auf einmal vor uns stehen. Das kann einen erschlagen. Oder entmutigen. Und dann gar in Abwehr ausarten: Das alles ist so übermächtig, dass man verzweifeln möchte. Logisch, das sich viele Menschen da erst einmal einigeln und alles abwehren.

    Aber Abwehr macht blind. Und handlungsunfähig. Und so erzählt Janine Steeger auch von ihrem Nichtgenügen, dem Nicht-Perfektsein. Denn alles lässt sich nicht auf einmal ändern. Da ist es besser, erst einmal mit einfachen Dingen anzufangen, die sich schnell und schmerzlos ändern lassen, Bei Janine Steeger war es der Stromlieferant. Fünf Minuten, und sie hatte ihren Stromvertrag auf einen Anbieter wechseln lassen, der 100 Prozent Öko-Strom garantieren konnte. Und das war nicht einmal teurer. Warum auch?

    Beim nächsten Mal ändert man sein Einkaufverhalten, holt sich das Fleisch nur noch vom Fleischer des eigenen Vertrauens, der wirklich sagen kann, wo das Rind stand und was es zu fressen bekam. Dann holt man sich nicht mehr das Kunstobst aus dem Supermarkt, sondern holt sich regionales Gemüse vom Markt. Und so weiter. Für alles gibt es schon Alternativen.

    Und wer sie ausprobiert, merkt, dass sie oder er gar nicht so abhängig ist von den industriellen Produkten aus dem Supermarkt. Auf einmal weiß man nicht nur wieder, was wirklich im selbst zubereiteten Mittagessen ist, man weiß auch, was in den selbst gemachten Kosmetika ist und woher die Kleidung kommt, die man ganz bewusst in einem Laden kauft, wo fair gehandelt wird.

    Das Leben wird zu einer Entdeckungsreise. Auf einmal merkt man auch, dass man als so heftig umworbener Konsument eigentlich immer nur ausgeliefert war. Man kann mit den kleingedruckten Inhaltsangaben auf der Packung nichts anfangen, weiß nichts über die Herkunft des Fleisches in der Theke, die Produktionsbedingungen der 2-Euro-T-Shirts und den Wasserverbrauch unserer vollen Winter-Gemüse-Regale.

    Es waren ja vor allem die beeindruckenden Filme, die Steeger empfiehlt, die vielen erst die Augen geöffnet haben dafür, was Globalisierung wirklich heißt – und auf welchen schäbigen Produktionsbedingungen unsere Billigprodukte im Laden beruhen. Die teuren Produkte freilich oft genug auch.

    Müssen wir denn Verantwortung für das übernehmen, was die großen Konzerne da hinten in Asien oder Afrika anrichten?

    Das ist eigentlich das Berührende an Steegers Buch. Denn sie schafft es, auch das Berührtsein zu vermitteln. Wir müssen uns nicht kümmern. Natürlich nicht. Wenn wir dumm sind, ziehen wir uns die Decke über den Kopf und tun so, als würden die Fische, die Eisbären, die Afrikaner und Indios alle auf einem anderen Planeten leben, uns also gar nicht angehen, wie es ihnen geht.

    Doch wenn uns – wie Janine Steeger – bewusst wird, dass es uns alle betrifft, wenn der Planet zur Müllkippe wird, die Wälder verdorren, das Trinkwasser knapp wird, dann lassen wir in der Regel auch zu, dass wir uns berührt fühlen. So, wie uns das Leben berührt. Da wird uns bewusst, dass wir wirklich auf diesem Planeten leben und dass es eine Schande und eine Katastrophe ist, wie wir mit ihm umgehen. Wir müssen uns nicht für alles verantwortlich fühlen.

    Aber wir dürfen etwas bemerken, was wir sonst nicht merken, wenn wir all den falschen Symbolen eines Karriere-Lebens hinterherhecheln: dass wir dadurch tatsächlich nur zu Konsumenten unseres Lebens gemacht wurden. Dass wir nicht mehr wirklich die Handelnden sind – was in vielen Menschen genau die Ohnmacht und Panik auslöst, die sie auch äußern. Sie spüren genau, wie hilflos sie den gigantischen, global agierenden Konzernen und ihrem eigenen Dasein in dieser Welt gegenüberstehen. Und sie wissen nicht, wie sie da herauskommen. Sie fühlen sich wirklich hilflos.

    Und das ist wohl auch so gewollt, stellt Janine Steeger aus ihrer Arbeit als Journalistin fest. Denn das hat mit der Art von sensationsheischender (und angstschürender) Medienberichterstattung zu tun, die heute alle Kanäle füllt und die Nutzer regelrecht anfixt mit Gefühlen permanenter Angst und tief empfundener Ohnmacht: Gegen all das Schreckliche kannst du ja doch nichts tun.

    „In der Psychologie wird dieses Phänomen als erlernte Hilflosigkeit bezeichnet, weil wir durch den Negativ- und Problemfokus ,lernen‘, dass wir nichts ausrichten können.“

    So funktionieren die großen Medien – die asozialen vorneweg. Sie versetzen ihre Nutzer in einen Dauerzustand der Überforderung. Der sie tatsächlich lähmt und handlungsunfähig macht. Wenn alles so schrecklich ist, kann ich doch auch nichts tun?

    Doch. Sogar ganz viel und immer mehr. Man muss nicht warten, bis die große Politik endlich den Mut hat, den Irrsinn zu reglementieren. Man kann bei sich zu Hause anfangen. In vielen kleinen Schritten. Jeder bedacht und überschaubar. Und wenn man den bewältigt hat und die Sache ganz einfach läuft, nimmt man den nächsten, packt den Stoffbeutel ein, wenn man einkaufen geht, kauft gesündere Klamotten ein, teilt teure Geräte mit den Nachbarn, verschenkt die, die man sowieso nie benutzt.

    Janine Steeger erzählt, dass man das selbst in einer kleinen Familie packt. Dass man freilich manchmal auch konsequent sein muss, so wie sie selbst, als sie ihren Job bei RTL kündigte. Denn wenn sich das eigene Gewissen sträubt gegen das, was man da jeden Tag tun muss, dann ist es wirklich besser, auszusteigen, auf Ruhm und Geld zu verzichten und dafür wieder Qualität und Sinnlichkeit ins eigene Leben zurückzuholen. Dieses herrliche Gefühl, dass all das, was man tut, wieder sinnvoll ist. Und der Welt guttut. Und sich selbst natürlich auch.

    Janine Steeger hat sich mittlerweile einen Namen gemacht als Gesicht einer klimabewussten Bewegung. Als eine, die nicht perfekt sein mag, weil das nicht immer durchzuhalten ist. Und die dennoch andere animiert, einfach anzufangen und das eigene Leben bewusst zu ändern, auszusteigen aus dem Hamsterrad, das uns alle so hilflos und abhängig macht. Obwohl fast alles in unserer Hand liegt.

    Janine Steeger Going Green, Oekom Verlag, München 2020, 16 Euro.

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