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Guten Morgen, du Schöner: Greta Taubert porträtiert lauter ostdeutsche Männer, die einfach nicht ins Ossi-Bild passen

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    Die Leipziger Journalistin Greta Taubert war nicht die Erste, der auffiel, dass diese Männer da im Osten anders sind als die aus dem Westen der Republik. Man erkennt sie fast sofort. Sie benehmen sich anders, reagieren anders. Und sie sind auch anders als die ganzen Stereotype über den Ostmann, die in den letzten Jahren medial wieder aufgekocht wurde, diesem „Wutbürger“ und Hütchenträger. Aber was ist dran an diesem Gefühl? Das wollte Greta Taubert wirklich wissen.

    Und mit dem 1977 erschienenen Buch von Maxie Wander „Guten Morgen, du Schöne“ hat sie auch ein literarisches Vorbild, das nicht nur in der damaligen DDR für Furore sorgte. Denn so ungeschminkt wie in diesen Protokollen haben auch in Westdeutschland Frauen nie über ihr Leben erzählt. Trotz Emanzipation und 1968. Das wurde 1990 erst richtig spürbar, als westdeutsche engagierte Frauen versuchten, ihren Emanzipationsvorsprung auch noch in den Osten zu bringen und dabei merkten, dass ihnen ostdeutsche Frauen an Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit deutlich voraus waren.

    Das hatte Gründe. Ideologische und wirtschaftliche. Wobei das Wort ideologisch es nicht mehr packt, seit damit jede Abweichung von konservativem Denken gebrandmarkt wird. Frauen waren in der DDR auf vielen Ebenen nicht nur gleichberechtigt und hatten dieselben Aufstiegs- und Bildungschancen wie Männer. Die ostdeutsche Sozialpolitik ermöglichte ihnen auch die Unabhängigkeit vom Mann.

    Manchmal auch mit wirtschaftlichem Zwang, denn in der Regel mussten beide Elternteile arbeiten, um den Haushalt zu finanzieren. Da ging es gar nicht ohne Arbeitsteilung auch zu Hause. Und die Frauen nahmen die Chancen an, entwickelten berufliche Selbstständigkeit, finanzielle Unabhängigkeit und damit auch ein völlig anderes Verhältnis zum Mann. Mitten in einer vormundschaftlichen und patriarchalen Gesellschaft passierte etwas, was den Rahmen dieser Gesellschaft eigentlich sprengte.

    Und es waren die selbstbewussten jungen Frauen, die ab 1990 scharenweise die Chance am Schopf ergriffen und abwanderten aus einer Landschaft, in der fast alle ökonomischen Strukturen zusammenbrachen und niemand wirklich verschont wurde von Brüchen in der Lebensbiografie, die bis dahin nur die gekannt hatten, die sich mit den starren Strukturen angelegt hatten.

    Über diese selbstbewussten ostdeutschen Frauen, die im Westen mit Kusshand genommen wurden, wurde schon viel geschrieben. Da passte das Bild des nörgelnden, depressiven, gescheiterten Ostmannes nicht wirklich. Auch wenn dieses Bild seit fünf Jahren die Medien beherrscht. Ganz so, als wäre nun endgültig belegt, dass der in den 1990er Jahren erfundene „Ossi“ gescheitert ist und nicht mehr mitkommt. Quasi der absolute Verlierer und Versager vor der Geschichte.

    Aber Greta Taubert lebt in Leipzig. Aufgewachsen ist sie in Thüringen. Ihr Bild von Männern aus dem Osten ist ein anderes. Und deshalb entschloss sie sich, sich genauso wie einst Maxi Wander zu verabreden – aber eben nicht mit Frauen, sondern mit Männern aus dem Osten. Manche lernte sie durch Aufrufe im Internet kennen, andere durch Empfehlungen von Freunden, einigen war sie auch schon vorher im Verlauf ihrer journalistischen Arbeit begegnet. Was natürlich die Auswahl ein wenig fokussiert.

    Denn natürlich melden sich auf solche Aufrufe vor allem Männer, die auch bereit sind zu reden und über sich selbst nachzudenken. Das war übrigens bei Maxi Wander ganz ähnlich: Es waren vor allem kluge und reflektierende Frauen, die sich bei ihr zum Tonbandprotokoll bereiterklärt hatten. Und nicht anders ist es bei Greta Taubert. Da fällt eine Type wie der 48-jährige Heiko aus der Uckermark (arbeitslos, vier Kinder) schon aus dem Rahmen, „mein persönlicher Troll“, wie ihn Greta Taubert nennt, denn er hat die neugierige Journalistin zuvor tatsächlich getrollt.

    Sein Bild vom Mannsein, vom Kämpfen und von Identität fällt folglich ein wenig aus dem Rahmen. Aber es passt dennoch, denn es erzählt ja ein Stück weit auch die ganz normalen Erfahrungen ostdeutscher Männer seit 1990, mit gebrochenen Arbeitskarrieren, dem Wegbruch all dessen, was vorher tatsächlich Identität gegeben hat, wie auch Geta Taubert feststellt. Aber auch dem Verlust der Frauen. Die ostdeutschen Regionen haben bis heute einen gravierenden Männerüberschuss in den mittleren Jahrgängen, der auch zur Radikalisierung beiträgt.

    Und so mancher Gesprächspartner stellt im Gespräch verblüfft fest, wie sehr sich auch 20, 30 Jahre nach der Einheit die Lebensläufe ost- und westdeutscher Männer schon deshalb völlig unterscheiden, weil Männer aus dem Osten keinen finanziellen Puffer haben, keine reichen Eltern, kein Erbe zu erwarten. Sie starten immer von Null und müssen sich durchbeißen. Was die Grunderfahrung aller jüngeren Befragten ist.

    Und oft sind auch ihre Eltern Vorbild dafür, auch wenn eigentlich nur der Vater eines der Befragten für diese Elterngeneration spricht, einer, der nach dem Ende der DDR die Zähne zusammengebissen und neu angefangen hat. Um dann doch in einer Insolvenz zu stranden. Und dabei wagten viele ostdeutsche Männer nach 1990 den Sprung in die Selbstständigkeit. Denn das hatten sie von ihren Eltern gelernt: Dass man nicht barmt und bettelt, sondern sich am eigenen Schopf packt und sich durchkämpft.

    Denn zuerst kommt die Familie, muss es den Kindern gutgehen und Geld ins Haus kommen, erst dann kommt alles andere. Aber nicht alles. Auch das wird deutlich, wenn sich die erzählenden Ostmänner mit ihren Geschlechtsgenossen West vergleichen, so wie Micha aus Berlin im letzten Protokoll: „Der Osten hat mich auf eine Art lieb, zahm und feminin gemacht und mir damit die Voraussetzung gegeben, nicht mit der Industriegesellschaft, der westlichen Hegemonie und dem Patriarchat der alten weißen Männer untergehen zu müssen.“

    Er hat die Initiative Grundeinkommen mit gegründet, die inzwischen längst die Ebene der Politik erreicht hat, auch wenn selbst SPD-Politiker nicht begreifen, dass man das resolute Konkurrenzdenken (das in Hartz IV z. B. steckt) nicht wieder einbauen darf in so ein Grundeinkommen, sonst funktioniert es nicht. Und entlastet damit auch nicht die Gesellschaft, die unter dem radikalisierten Wettbewerbsdenken jetzt schon in die Knie zu gehen droht.

    Und fast alle Gesprächspartner von Greta Taubert bestätigen, dass die jüngeren Männer im Osten geprägt sind durch das Ergebnis von starken und selbstständigen Müttern, die nicht nur ihre (oft widerspenstigen) Ehehälften dazu zwangen, im Haushalt mit anzupacken und am Abendbrottisch den Mund aufzumachen, sondern auch ihren Kindern vorlebten, dass Frauen kluge, durchsetzungsstarke, ernst zu nehmende Menschen sind, kein Heimchen am Herd und schon gar nicht minderbegabt oder dem Mann untergeordnet. Und das hat einen verblüffenden Effekt: Jungen, die mit selbstbewussten Müttern aufgewachsen sind, wünschen sich auch selbstbewusste und selbstständige Frauen.

    Maxi Wander hatte recht, auch wenn sie mit ihrem Buch eine Generation zu früh kam, um auch die Folgen zu sehen: Ohne eine Emanzipation der Männer funktioniert die Emanzipation der Frauen nicht. Dann haben sie nämlich kein sensibles und gleichberechtigtes Gegenüber. Eins, das aus westlicher Perspektive irgendwie hilflos aussieht, nicht durchsetzungsstark, machtbewusst und karrieregeil.

    Im Gegenteil: Die Mehrzahl der Befragten betont, dass sie mit Geld und Karriere nicht viel anfangen können. Das sind keine bevorzugten Lebensziele, schon gar nicht das Hinaufschleimen und Sich-Vermarkten in den riesigen Konzernen, in denen sich am Ende nur die Rücksichtslosesten durchbeißen. Viel wichtiger sind ihnen Zeit mit Kindern und Frau und eine Arbeit, in der sie sich nicht nur kompetent fühlen, sondern mit der sie auch das Gefühl haben, etwas Gutes und Wichtiges zu tun.

    Auch wenn sich Greta Taubert in ihren zwischengestreuten Analysen nicht festlegt: Hier wird ein eklatanter Unterschied sichtbar, der nur in Missverständnissen enden kann. Auch in Missverständnissen zwischen Stadt und Land. Denn die modernen Männerbilder entstehen auch im Osten vor allem in den Städten, dort, wo emanzipierte Lebensentwürfe auch möglich sind. Und wo Männer, die gelernt haben, nach klugen und selbstbewussten Frauen Ausschau zu halten, auch die Chance haben, welche zu finden.

    Auch dann, wenn sie – wie einige der Porträtierten – so viel Hochachtung vor diesen Frauen haben, dass ihnen das Flirten und Anbandeln unerhört schwerfällt. Und sie regelrecht abgeschreckt sind, wenn sie die Draufgänger dabei beobachten, wie sie die Frauen „aufreißen“. Es ist ja nicht so, dass diese vorsichtigen, oft viel zu schüchternen Ostmänner die Regel sind. Es gibt auch im Osten die anderen, die so über Frauen denken wie ihre Kraftprotz-Konkurrenten im Westen. Auch weil sie das Sich-Durchsetzen-Müssen nicht anders gelernt haben.

    Aber der Verdacht liegt nahe, dass die Mehrzahl der jungen ostdeutschen Männer ganz ähnlich tickt wie in den von Geta Taubert aufgezeichneten Protokollen. Denn hier könnte ein Schlüssel dafür liegen, dass ostdeutsche Männer noch seltener in den Führungsetagen von Konzernen und Politik auftauchen als ostdeutsche Frauen.

    „Männliche Politiker aus den neuen Ländern sind weniger draufgängerisch oder aggressiv als ihre Kollegen im Westen“, zitiert sie den Soziologen Heinrich Best. „Die Politiker aus dem Osten erweisen sich als umgänglich, sogar furchtsam. Sie haben Eigenschaften, die eher als weiblich gelten denn als männlich.“

    Das eröffnet natürlich Karrierewege für „Draufgänger“ aus dem Westen. Und natürlich Debatten über Quoten-Ossis, die sich eigentlich, wenn man alle diese Protokolle liest, als falsch erweisen. Man verbessert ein auf Karriere und Ellenbogen angelegtes System nicht dadurch, dass man Menschen, die gar nicht in diesen Löwenkäfig wollen, nun per Quote hineinbefördert. Das behagt weder Frauen noch kompetenten Männern aus dem Osten, die gelernt haben, eine völlig andere Kommunikation zu führen.

    Was ja nicht nur Greta Taubert so liebt: Die jungen Männer aus dem Osten spielen sich nicht nur nicht auf, sie stellen auch Fragen, geben Schwächen zu, nehmen Frauen als Gesprächspartnerinnen für voll und versuchen auch gar nicht, eine bewundernswerte Rolle zu spielen. Alles – so aus westlicher Sicht betrachtet – echte Karrierenachteile. Und es führt in der Regel auch dazu, dass sie in schlechter bezahlten Berufen landen, andererseits auch lieber mehr Zeit mit Frau und Kindern verbringen, als das Leben für eine Karriere zu opfern, die nicht glücklich macht.

    Was nicht heißt, dass sie inkompetent sind. Sie schreiben sich nur nichts zu, was sie nicht können. Und bitten sogar um Entschuldigung, wenn sie Dinge zum ersten Mal machen und sich unsicher fühlen. Etwas, was Greta Taubert am Beispiel von Andreas (43, Bürgermeister von Tangerhütte) thematisiert, der sich just in seiner Heimatregion zur Wahl stellte, als eigentlich alles schon auf einen smarten Bewerber aus dem Westen hinauslief. Aber die Menschen in Tangerhütte wollten lieber „einen von hier“.

    Und brachten den aus dem Westen Zurückgekommenen in die Lage, für seine Bürger auf einmal ein Vorbild zu sein, einer, der zeigt, dass man den Kopf nicht hängen lassen darf. Oder bissig gegeneinander kämpfen darf, bloß weil man dem anderen (oder gar Fremden) das Wenigste nicht gönnt. Es ist ein sehr aufmerksamer Blick in die ostdeutsche Provinz: „Es ist eher wie ein Krabbeneimer. Alle hocken darin und versuchen herauszuklettern, ziehen sich dabei aber immer wieder gegenseitig runter. Anstatt dass mal einer voranklettert und etwas wagt, bleiben lieber alle hübsch im Eimer und verrotten dort. Wir könnten schon viel weiter sein, wenn wir uns einig wären. Das ist meine Aufgabe: mit den Krabben eine Räuberleiter anzufangen.“

    Also raus aus dem gepflegten Gefühl, immer benachteiligt, nur „Bürger 2. Klasse“ zu sein, sondern wieder gemeinsam anpacken, aus dem Vorhandenen was zu machen. Und das Wertvollste sind die Menschen. Und dazu käme eigentlich die Erfahrung, dass eine Gesellschaft gar keine Ellenbogengesellschaft sein muss, sondern eine sein kann, in der kooperiert wird.

    Natürlich ist das eine offene Geschichte. So wie alle Männergeschichten in diesem Buch, von denen keine einzige eine Heldengeschichte ist, eine von „Machern“, die „es geschafft haben“. Die, die es ganz offenkundig geschafft haben, staunen eher selbst darüber, dass ihre Idee gezündet und Mitstreiter gefunden hat. Andere, die eindeutig „Macher“ sind, machen davon aber nicht viel Aufsehen, nehmen sich lieber zurück und betonen, dass sie es einfach so von ihren Eltern gelernt haben: dass man sich nicht entmutigen lassen darf und – wenn man nur will – immer wieder von vorn anfängt.

    Greta Taubert will dabei die Männer gar nicht erklären, sondern lässt sie ihre Geschichten wertungsfrei erzählen, lässt auch jede gelten. Aber sie betont auch, warum diese ganz und gar nicht verwöhnten Söhne ostdeutscher Frauen so liebenswert sind. Und schon deshalb auffallen, weil die anderen nie aufhören können, sich aufzuspielen. Eigentlich ein sehr moderner Lebensentwurf, etwas, was auch in diesem Fall der Osten dem Westen voraus hat. Und was lange Zeit niemand so wirklich wahrnehmen wollte, weil die alten „Ossi“-Stereotypen so schön bequem und schlagkräftig sind.

    Greta Taubert Guten Morgen, du Schöner, Aufbau Verlag, Berlin 2020, 20 Euro.

    In der „Zeit“ ging Greta Taubert jetzt aus aktuellem Anlass auf die „Schnuffigkeit“ des ostdeutschen Mannes ein.

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