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Weltwärts, um die Enge der Heimat zu begreifen: Die Menschen kennenlernen, die hinterm Bretterzaun des weißen Hotelstrandes leben

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    Die meisten Reisenden der Vor-Corona-Zeit haben eigentlich nichts von der Welt gesehen. Sie waren mit Kreuzfahrtschiffen unterwegs, in betreuten Pauschalpaketen und in Urlaubsressorts. Aber mit der realen Welt der Menschen in den bereisten Ländern kamen sie kaum in Berührung. Auch das ist der Baustoff für Vorurteile. Deswegen sind die sechs Berichte von Kevin Riemer-Schadendorf auch eher keine Reiseerzählungen.

    Eher etwas ganz Ähnliches, wie es Claudia Hildenbrandt und Daniel Mathias in ihrem Buch „Jesus liebt Radfahrer – Navid auch“ gemacht haben. Sie haben es Reisesplitter genannt. Von ihrer Radreise um die Welt haben sie lauter Begegnungen mit Menschen mitgebracht – gastfreundlichen, hilfreichen Menschen, die sich meist einfach gefreut haben, dass Menschen aus dem reichen Norden auch bei ihnen vorbeikamen – und zwar nicht im Touristenbus, sondern ganz ohne klimatisierte Distanz auf dem Rad. Das Verhältnis zur Welt ändert sich völlig, wenn man schutzlos unterwegs ist und die Hostels, Cafés, Garküchen und Krankenhäuser erlebt, wie sie für die Menschen abseits der Touristen-Hotspots Alltag sind.

    Kevin Riemer-Schadendorf ist zwar nicht mit dem Rad gereist, hat sich aber – auch berufsbedingt – immer wieder auf solche Begegnungen eingelassen. In seinen sechs Geschichten erinnert er sich an das, was ihn besonders frappiert. Das Wort „beeindruckt“ mag man ja kaum noch verwenden, so plakativ ist es geworden. Als müsste die Welt nur aus lauter Sensationen bestehen. Aber die Realität in Ländern wie Ghana oder Togo ist nicht sensationell.

    Schon gar nicht dort, wo Kevin Riemer-Schadendorf selbst bei seinen berufsbedingten Reisen von den üblichen Pfaden abweicht. Es ist nicht appetitlich, was hier hinter dem Bretterzaun zu sehen ist, der den Strand des Hotels von den benachbarten Hütten der armen Bevölkerung in Togo trennt. Es ist auch nicht appetitlich, was er nahe der Hauptstand von Ghana sieht und riecht, wo er eine Müllhalde besucht, auf der elektronischer Schrott aus Europa von den Einheimischen auseinandergenommen wird, um an die enthaltenen Metalle zu kommen.

    Und auch das Erlebnis einer Malaria-Erkrankung nahe der ghanaischen Grenze wird keine Begegnung mit steriler Krankenhausgeborgenheit, wie man sie in Europa kennt. Aber die Geschichten sind auch keine Bloßstellungen, denn Scheu vor der Begegnung mit den Menschen, die dort leben, hat Kevin Riemer-Schadendorf nicht.

    Er macht sich nicht zum europäischen Besserwisser, sondern versucht herauszubekommen, was vor Ort normal ist, lässt sich auch in Mama Lucies Hüttenrestaurant nahe Abidjan von ihr auftischen, was die Jungs am Nachbartisch, die gerade eine Fußballübertagung schauen, auch nehmen würden.

    In Laos lässt er sich überreden, über den Mekong zur Grenzstation nach Kambodscha zu fahren, um dort dann nicht die berühmte Tempelanlage Angkor Wat zu besuchen, sondern das Minenmuseum von Aki Ra. Kambodscha ist – nach drei Bürgerkriegen – das Land mit den meisten vergrabenen Landminen. Und einige dieser besonders gefährlichen Sprengfallen kommen aus Deutschland. So, wie auch etlicher Elektronikschrott auf der Müllhalde bei Accra aus Deutschland kommt.

    Jenem Deutschland, in dem bräsige Bürger mit Verachtung auf die Menschen herabschauen, die versuchen, aus den Bürgerkriegsländern des Nahen Ostens ins sichere Europa zu gelangen. Als Riemer-Schadendorf just im Jahr 2015, kurz nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, als die AfD mit 20,8 Prozent einen ihrer frühen Triumphe feierte, von seinem Vater den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag bekommt, doch einfach mal Urlaub in Bulgarien zu machen, sich kurzentschlossen ins Flugzeug setzt und nach Bulgarien fliegt, ist dieses seltsame Jahr wieder präsent.

    Denn gerade wurde die sogenannte Balkan-Route dichtgemacht, die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak und Libyen sitzen in Bulgarien fest. Endstation. Eine bedrückende Endstation, wenn man weiß, wie sehr Europa sich seitdem – auch auf Druck der Bundesregierung – eingemauert und abgeschottet hat. Ganz nach dem alten Affen-Motto: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

    Als ginge uns das alles da draußen nichts an und wäre Deutschland an nichts, was auf anderen Weltteilen die Menschen in Armut stürzt, schuld. Aber es sind europäische Fangflotten, die den afrikanischen Fischern die Lebensgrundlage rauben, weil sich die EU von den Ländern Afrikas die Fischfangrechte gekauft hat. Überall kommen auch die besonders geschätzten deutschen Waffen zum Einsatz, verdienen deutsche Konzerne mit.

    Doch Corona hat dem blinden Pauschalreisen in die Welt erst einmal eine Grenze gesetzt. Vorzeitig, könnte man meinen, denn all die klimatischen Probleme, die der klimatisierte Massentourismus mit sich bringt, würden sich in den nächsten Jahren sowieso derart verschärfen, dass ein „exotisches Land“ nach dem anderen nicht mehr in der Lage gewesen wäre, die nötige Schein-Sicherheit zu geben. Auch nicht die, die darauf angewiesen sind, dass zahlkräftige Touristen ins Land kommen.

    Gibt es den Urwald überhaupt noch, in dem Riemer-Schadendorf eigentlich eine große Fledermauspopulation erkunden wollte? Bekam Bulgarien eine Unterstützung aus Deutschland, um die Flüchtlinge menschenwürdig unterbringen zu können? Die fläzigen Wohlstandsbürger, die keine Scham mehr kennen, wenn sie über Türken und Araber reden, gibt es noch.

    Sie treiben mit ihrer Ignoranz die Politik vor sich her. Nie im Leben werden sie sich als Rucksackreisende auf den Weg machen, um die von ihnen so verachteten Länder so zu bereisen wie die Einheimischen – in vollgestopften Bussen, auf Lkw-Ladeflächen, mit Übernachtungen in einfachen Hütten und immer auf die Hilfe und Ratschläge der dort Lebenden angewiesen.

    Im Titel klingt es ein wenig an, als könne man so „die Heimat begreifen“. Aber das trifft es nicht ganz, auch wenn der Autor die Enge der Heimat betont. Wenn man so die Menschen anderswo wirklich kennengelernt hat,verlässt man tatsächlich den Wohlstandskokon, der auch unsere Vorstellungen über andere Menschen und Länder prägt. Die meisten deutschen Diskussionen verlassen diesen Kokon nie. Und so schauen wir Wohlstandsbürger voller Vorurteile und Besserwisserei auf die so fremde Welt, die wir am liebsten draußen lassen würden, in jenem Raum der ausgemalten Exotik, der uns unserer Verantwortung scheinbar enthebt.

    Aber die anderen sind nicht schlechter und verantwortungsloser als wir. Sie leben mit anderen Zwängen, versuchen oft aus Müll noch ein tägliches Brot zu machen. Doch wir wissen fast nichts über sie und ihre Geschichte. In Laos wird es Riemer-Schadendorf so richtig bewusst. Auch so beginnt man, über Hilfsprojekte und Umweltschutz (anders) nachzudenken, hält sich nicht mehr vornehm zurück, weil man glaubt, alles sowieso besser zu wissen.

    Denn es sind nicht die Kreuzfahrten, auf denen man lernt, wie eng verflochten alles ist in der Welt, sondern diese Reisen in die unkomfortablen Regionen am Rand, da, wo Menschen ihr Dasein in oft genug geschundenen Landschaften fristen und dem Reisenden dennoch freundlich und offen begegnen. Das erweitert tatsächlich den Horizont – nicht durch falsche Sightseeing-Erlebnisse, sondern durch die Begegnung mit richtigen Menschen in ihrem ungeschützten Alltag, oft an Orten, wo man schon glücklich ist, wenn es keinen neuen Bürgerkrieg gibt oder wenigstens ein paar Ärzte in der Nähe sind, die bei den schlimmsten Erkrankungen tatsächlich helfen können.

    Kevin Riemer-Schadendorf Weltwärts, um die Enge der Heimat zu begreifen, I.C.H. Verlag, Leipzig 2020, 14,40 Euro.

    In Buxtehude ist noch Platz: Michael Schweßingers tieftraurige Reisenotizen von den Rändern Europas

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