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Blinde Flecken: Ein Roman über die Tragödie eines kaputt-optimierten Fürsorge-Systems

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    Immer wieder erschüttern Fälle von Kindesmisshandlung die Republik. Die Medien stellen dann meist die suggestive Frage: „Wie konnte das geschehen?“ Meist stellt sich heraus, dass eine Menge Leute einfach weggeschaut haben. Oder nicht gehandelt haben, obwohl sie gewarnt waren. Und genau darum geht es in Wolfgang Ehmers Buch: Es ist die Geschichte eines kollektiven Versagens.

    Diesmal wirklich so gemeint, auch im doppelten Sinn. Denn er macht nicht nur aus der Perspektive der Nachbarn, des Arztes, der Staatsanwältin, der Jugendamtsmitarbeiterin und ihres Vorgesetzten sichtbar, wie jede/-r Einzelne in diesem Fall Schuld auf sich lädt, sich die Gefahr kleinredet oder Dienst nach Vorschrift macht und von der eigenen Karriere völlig eingenommen ist. Er zeigt auch, warum all die Rettungssysteme, die wir ja eigentlich geschaffen haben, um das Elend der Kinder zu verhindern, immer wieder ins Leere laufen, regelrecht blind werden, wo sie hellwach sein müssten.

    Mit Anna Schäfer zeigt Wolfgang Ehmer die Pflegemutter, die den dreijährigen Philipp auf Gerichtsbeschluss hin an die leibliche Mutter abgeben muss, die das Kind gleich nach der Geburt weggeben hat, auch weil sie keine gefühlsmäßige Beziehung zu dem Kind aufbauen konnte.

    Die Mutter hat eine neue Partnerschaft, hofft wohl auch, jetzt die Basis für eine kleine Familie zu haben. Doch schon nach wenigen Wochen gibt es die ersten Warnsignale. Anna Schäfer erstattet Anzeige. Die Kontrollmaschine aus Jugendamt und Staatsanwaltschaft müsste eigentlich anlaufen.

    Doch Ehmer belässt es nicht bei der Betrachtung aus der Außensicht. Mit der Staatsanwältin Feysa Kormaz, dem Notarzt Thomas Michaelsen, der Jugendamtsmitarbeiterin Lena Ambrowski und ihrem Chef Jens Garsting zeigt sie auch die Arbeitswelt der Menschen, die von den Alarmsignalen Kenntnis bekommen. Michaelsen registriert sehr wohl, dass es wohl kein Sturz war, der den kleinen Philipp in die Notaufnahme brachte. Doch er steckt mitten in einem dieser typisch deutschen Beförderungsverfahren, in dem auch mit Gerüchten und Unterstellungen der Wettbewerb um die Leitungsposition angefeuert wird.

    Also vergisst er den Anruf beim behandelnden Kinderarzt erst, gerät dann in Zweifel, denn wenn er nun einen Falschverdacht in die Welt setzt und sich irrt? Verbaut ihm das dann nicht alle Aufstiegschancen?

    Willkommen in Deutschland, könnte man sagen.

    Wir müssen uns nicht wundern darüber, dass unser Land so erstarrt ist, zerfressen in einem Wettbewerb um Aufstiegschancen, von Neid und Feigheit. Man könnte auch Laurence J. Peter und sein Peter-Prinzip zitieren: Hierarchien sind, was Erhalt und Pflege von Kompetenz betrifft, zerstörerisch. Sie sind der ideale Nährboden für Intriganten und Opportunisten, die sich die Arbeit vom Leibe halten und ihre ganze Energie auf ihre Beförderung konzentrieren. Und wenn das dann auch gleich noch das Klima in der Abteilung vergiftet, verlieren wichtige Institutionen ihre besten Leute.

    Und da geht es im Krankenhaus, in dem Michaelsen arbeitet, noch relativ zahm zu. Wesentlich schamloser bastelt Jugendamtsleiter Garsting an seinem Aufstieg, denn parallel will er auch noch in seiner Partei auf einen Landesposten gewählt werden. Liiert ist er außerdem mit der Kulturdezernentin. Und Arbeit delegiert er deshalb gern zu 100 Prozent nach unten. Wo es sein Abteilungsleiter auf eine geradezu perfide Art genauso macht.

    Beide Herren sichtlich eitel bis in die Haarspitzen und auf Lob und Bewunderung versessen, sodass sie auch gleich noch eine große Konferenz ins Haus holen, die Organisation aber Lena Ambrowski machen lassen, die das ja prima kann. Die aber auch nicht „Nein“ sagen kann und folglich genau in der Woche, in der sie sich eigentlich um Philipps Wohlergehen sorgen müsste, mit der Organisation für die Herren Vorgesetzten beschäftigt ist. Und das eigentlich in einer Situation, in der sie selbst längst überlastet ist.

    Denn die Konferenz ist ja nur die Verschärfung ihrer Situation. Auch die Rahmenbedingungen, die Ehmer schildert, erzählen von einer dauerhaften Unterbesetzung, Überstunden und Mehrarbeit allein schon durch das neuestes Spielzeug des Chefs: eine neue Software, die nicht eingespielt ist und zusätzliche Zeit frisst. Zusätzlich zu den Bergen von Protokollen und schriftlichen Belegen, die längst schon die halbe Arbeitszeit fressen. Denn Deutschland ist auch ein Land, in dem das Misstrauen wuchert. Also wird sich doppelt und dreifach abgesichert.

    So geraten die eigentlich zu Beschützenden völlig aus dem Blick, beschäftigen sich Ämter immer öfter nur noch mit sich selbst.

    Was übrigens nicht „in der Natur der Sache“ liegt. Das deutet Ehmer auch an, der sich mit seinem Thema sehr gründlich beschäftigt hat. Denn diese schöne neue Arbeitswelt ist das Ergebnis von mehreren Jahrzehnten „Optimierung“ und „Effizienzsteigerung“. „Managerisierung“ nennt es Ehmer an einer Stelle: Unter dem Vorwand, Prozesse flüssiger und personalsparender zu gestalten, sind in Wirklichkeit neue bürokratische Schleifen entstanden, permanentes Controlling, immer neue Leistungserhebungen, die alles Mögliche messen, aber nicht die eigentlichen Bemühungen um das Wohl der anvertrauten Schützlinge.

    Ehmer nennt keine konkrete Stadt, in der er seine Geschichte spielen lässt. Aber es könnte jede beliebige deutsche Stadt sein. Überall wurde auf dieselbe Weise „optimiert“ und auf die Spartaste gedrückt, weil eifrige Beratungsunternehmen für ihre Personaloptimierungen überall denselben Baukasten benutzen. Und gar nicht überraschenderweise verschwindet dabei immer ausgerechnet die Zeit, die Fürsorgebeauftragte eigentlich mit ihren Anvertrauten verbringen müssten. Darin ähnelt das Schicksal des Notarztes dem der Jugendamtsmitarbeiterin.

    Am Ende – nach dem tragischen Ausgang – lässt Ehmer seine Held/-innen über die eigene Schuld an Philipps Tod nachdenken. Die Eltern, die für viele Jahre ins Gefängnis müssen, sind sich nicht mal einer Schuld bewusst. Sie bleiben so gefühllos, wie sie sich dem Jungen gegenüber verhalten haben. Aber die Partnerschaft der Nachbarn zerbricht. Sie bezahlen tatsächlich dafür, dass sie im entscheidenden Augenblick zu feige bzw. zu egoistisch gewesen sind.

    Und die anderen, die hätten handeln können und müssen? Sie sind eher besorgt, dass sie im Moment richtig entschieden haben. Die Aktenlage gab nicht mehr her. Der Mensch, um den es eigentlich ging, ist hinter einer Wand aus Papier verschwunden.

    Und man versteht sie auch irgendwie, zumindest die Staatsanwältin, die selbst in einer von „Optimierern“ völlig disfunktional gemachten Gerichtswelt gelandet ist, auch den Notarzt, dessen Befund ja doch irgendwie in die Akten kam, und auch die Jugendamtsbetreuerin, die zur Strafe versetzt wird. Wie man das gern macht, wenn der Fall draußen in den Medien für heftige Aufregung sorgt. Dann wird eben nicht untersucht, ob die Arbeitsbedingungen in der Verwaltung wirklich noch stimmen und überhaupt die Fürsorge ermöglichen, zu der man eigentlich verpflichtet ist.

    Der aalglatte Abteilungsleiter, der Lena Ambrowski mit Zusatzaufgaben zuschüttete, bekam leider kein eigenes Kapitel. Es wäre wohl auch – wie bei Garsting – das eines eitlen Mannes geworden, dem sein „guter Ruf“ wichtiger ist als ein echtes Interesse für seine Mitarbeiter/-innen und die ihnen Anvertrauten. Und Garsting denkt erst recht nur daran, wie er aus diesem Vorfall möglichst unbeschadet herauskommt und vielleicht doch noch weiter Karriere macht. Denn auch das scheint mittlerweile zur Grundsubstanz unserer Gesellschaft zu gehören – dass sich die Eitelsten und Faulsten auf die Karrieren konzentrieren und damit auch noch Parteien und Politik moralisch völlig entkernen.

    So betrachtet ist Ehmers Buch eine beinahe nüchterne Analyse einer Gesellschaft, die vor Jahren auf die falsche Spur geschickt wurde und die falschen Werte geheiligt hat: Karriere und Geld. Während das Zentrale – die wirklich geleistete menschliche und zwischenmenschliche Arbeit – völlig entwertet wurde. Beiseite gedrängt von gefühllosen Controllern, Absicherern, Steuersparern und „Manageristen“, die auch schon lange nicht mehr wissen, was ein richtiges Familienleben mit Kindern ist.

    Die „blinden Flecken“ entstehen nicht nur, weil die hier Handelnden im entscheidenden Moment nicht bereit sind hinzusehen. Die blinden Flecken haben System. Und von so einem blind gewordenen System erzählt Ehmer letztlich. Was nicht bedeutet, dass nicht verantwortungsvolle Menschen in unserem Fürsorgesystem arbeiten. Doch die Aufmerksamkeit für die ihnen Anvertrauten wird ihnen systematisch erschwert, oft auch der geliebte Beruf regelrecht verleidet, weil sie überlastet werden oder mit bürokratischen Absicherungen überladen, die zu nichts anderem dienen, als die Controller in den Etagen über ihnen abzusichern.

    So treibt man natürlich auch das Mitleid aus einer Gesellschaft und die Achtsamkeit, die Menschen normalerweise füreinander haben. Wenn sie nur einmal aufblicken und hilfsbereit sein dürfen.

    Wolfgang Ehmer Blinde Flecken, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2020, 14,40 Euro.

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