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Der Nahschuss: Wie der Ökonom und MfS-Offizier Werner T. zum letzten Hingerichteten in der DDR wurde

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    Kann man eigentlich einen ehemaligen Stasi-Offizier zum Untersuchungsobjekt eines ganzen Buches machen? Auch wenn Werner Teske vor 40 Jahren der letzte Hingerichtete in der DDR war? Doch, kann man. Denn dabei wird so manches sichtbar vom Menschsein, von der Unerbittlichkeit funktionierender Funktionäre und einem Irrweg, den eigentlich niemand besser vorhergeahnt hat als Franz Kafka.

    Denn das, wohinein der studierte Wirtschaftswissenschaftler Dr. Werner Teske da geraten ist, ist geradezu ein ideales Kafkasches Erzählmodell, wie man es zum Beispiel in „Der Prozess“ finden kann.Ob Werner Teske freilich Kafka gelesen hat, wissen wir nicht. Nach seiner Erschießung in der Hinrichtungsstätte in Leipzig in der Arndtstraße hat das MfS ja versucht, die Erinnerung an den Mann völlig zu tilgen. Auch Gunter Lange kann im Grunde nur auf die Verhörakten des MfS und die Gerichtsprotokolle zurückgreifen, die zwangsläufig einseitig sind. Am Menschen Werner Teske waren seine verhörenden Genossen nicht die Bohne interessiert. Auch nicht am Wirtschaftswissenschaftler, der Teske ja eigentlich war.

    Und seine Karriere deutet sehr wohl darauf hin, dass er bis 1969 auf dem Weg war, einer der führenden Ökonomen in der DDR zu werden, vielleicht als Dozent an der Humboldt-Universität, vielleicht sogar im Wirtschaftsministerium. 1942 geboren, gehörte er zu der ersten Generation, die in die 1949 gegründete DDR hineinwuchsen, die durchaus bereit war, zu glauben, dass hier eine neue Gesellschaft aufgebaut wurde und dass man sich dazu in FDJ und SED engagierte. Sich also nur einordnen und mitmachen musste und in der Arbeit dann das Beste geben musste.

    Wahrscheinlich musste er – wie alle DDR-Schüler – „Wie der Stahl gehärtet wurde“ lesen und hatte es auch so verinnerlicht, dass ein Kommunist da hinging, wohin ihn seine Partei beorderte, nicht widersprach oder gar individualistische Allüren entwickelte. Gunter Lange hat ja wirklich nur die Vorhörprotokolle und die Gerichtsunterlagen, um quasi in dem, was Teske dort im Verhör zugab, die Motive zu suchen für diesen Mann und sein so völlig entgleistes Leben.

    Und entgleist ist es schon 1969, vielleicht sogar schon vorher, als Teske sich bereiterklärte, für das MfS die Arbeit mit Informellen Mitarbeitern (IM) oder „Patrioten“ im Stasi-Sprech zu übernehmen. Worin er sich bewährte. Ein Doktorand, der nicht nur das wissenschaftliche Knowhow mitbrachte, Wirtschaftsspionage zu betreiben, sondern augenscheinlich auch befriedigende Ergebnisse lieferte. Wobei dieser erste Zugriff wohl auch die Probephase war, mit der das MfS Teske als künftigen festen Mitarbeiter prüfte.

    Und in der Auswertung beschäftigt sich Gunter Lange durchaus mit der Frage, ob nicht schon diese Werbung für den hauptamtlichen Dienst im MfS eine Erpressung war, in der das MfS mit seinen Möglichkeiten dafür sorgte, dass Teske dem Druck nachgab und in den Dienst der Stasi wechselte, wo ihm augenscheinlich in Aussicht gestellt worden war, er könnte weiter wissenschaftlich arbeiten und forschen.

    Gunter Lange sieht hier den entscheidenden Punkt, der dazu führte, dass Teske seine Arbeit ab Mitte der 1970er Jahre immer demotivierter ausführte. Wozu wohl auch noch kam, dass Teske ein eher zurückhaltender und gar nicht kontaktfreudiger Mensch war. Was es ihm schwer machte, die geforderten neuen Kontaktpersonen/IM zu rekrutieren. Freunde hatte er wohl auch keine. Logisch, dass er dann ziemlich allein war mit seinem Frust, sich in einem Job gefangen zu sehen, in dem er keinen Sinn (mehr) sah und in dem er keine Chance auf Erfolgserlebnisse hatte, während seine wissenschaftliche Karriere sich in Luft aufgelöst hatte.

    Eigentlich wundert man sich nicht, dass er an der Stelle begann zu trinken und Geld zu unterschlagen, auch Westgeld, das er eigentlich seinem IM aus der BRD übergeben sollte. Und dass er mit dem Gedanken zu spielen begann, in den Westen zu wechseln und dabei auch noch ein paar Unterlagen mitzunehmen. Die Unterlagen sammelte er zu Hause in seinem Kleiderschrank. Aber seine Flucht hat er nie verwirklicht, nicht einmal versucht, Kontakt zu westlichen Behörden oder Geheimdiensten aufzunehmen.

    Was Gunter Lange hier akribisch aus den Akten herausarbeitet, war natürlich auch schon Grundlage des Gerichtsprozesses gegen die Verantwortlichen für Teskes Verurteilung zum Tod, denn die Protokolle und Gerichtsakten belegen eindeutig, dass hier selbst die gummiartige Gesetzgebung der DDR, die für Spionage und Fahnenflucht drakonische Strafen vorsah, überdehnt wurde.

    Verurteilt wurde Teske am Ende, als wäre er tatsächlich geflüchtet und hätte die gesammelten Unterlagen tatsächlich einem feindlichen Geheimdienst übergeben. Doch Lange kann akribisch nachvollziehen, wie einerseits die Verhörleiter Teske dazu brachten, immer mehr von sich und seinen Gedanken preiszugeben und sich damit selbst zu belasten, aber auch, wie sie aus den immer wieder verworfenen Gedanken an eine mögliche Flucht eine vollzogene Tat konstruierten.

    Und zumindest lassen die Erkenntnisse über die Arbeitsweise des MfS und der DDR-Militärjustiz ahnen, dass hier vor allem der Wille von Armeegeneral und MfS-Chef Erfich Mielke vollzogen wurde, der immer wieder geäußert hatte, dass die Todesstrafe das einzige Mittel gegen „Verräter“ wäre.

    Denn auch die Männer, die das Urteil für Teske strickten, arbeiteten in einer straffen Hierarchie, in der selbst über dem obersten Militärrichter immer noch die Partei stand und ganz oben der Staatsratsvorsitzende, an den Teske ja – nachdem ihm das völlig unerwartete Urteil verkündet worden war – sein Gnadengesuch richtete.

    Man kann sich den Gefangenen in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen in seinen letzten Monaten tatsächlich wie einen K. in „Der Prozess“ vorstellen: Er weiß nicht wirklich, wie das Urteil lautet und auch nicht, wer es über ihn verhängt hat. Er weiß zwar, was er im Moralkosmos des Geheimdienstes falsch gemacht hat und dass er das so gern beschworene „Vertrauen“ seiner Genossen und Vorgesetzten schwer enttäuscht hat.

    Aber man darf bei Kafka ja nie vergessen, dass es ihm nicht um die geheimnisvollen Leute da in der unsichtbaren Spitze undurchschaubarer Hierarchien geht, sondern um die Verwirrung des fast charakterlosen K., der doch eigentlich nur alles richtig machen will und trotzdem ahnt, dass er weder die richtigen Spielregeln kennt noch die mögliche Strafe für das, was er tut oder unterlässt. Der sich also genau so in einer unfasslichen Situation wiederfindet, wie es den meisten Menschen geht, wenn sie doch eigentlich nur tun, was von ihnen verlangt wird.

    Eher verblüfft es, dass Teske das überhaupt so lange ausgehalten hat, denn dass ihm da eine Arbeit zugemutet wurde, für die er schlicht nicht der stahlgehärtete Typ war, das merkte er wohl schon früh, auch wenn er sich eine Zeit lang noch einreden konnte, dass es vielleicht doch der richtige Weg wäre – mit ein paar Orden, ab und zu einer dienstlichen Reise in den Westen (wie zur Fußball-WM 1974) und einem kleinen familiären Glück, das erst seine Risse bekam, als Teske zu trinken begann.

    Das ist die Stelle, an der man ihm eigentlich einen Vernehmer vom Format eines Maigret gewünscht hätte, einen, der die Schwächen der Menschen für gegeben nahm und nicht im Ansatz den Trieb hatte, selbst zum Richter zu werden über Menschen, die hilflos in den Verwicklungen ihres eigenen Lebens gelandet sind.

    Aber Teske hatte nur die geschulten Vernehmer der speziell dafür im MfS gebildeten Abteilung, die längst alle Tricks beherrschten, aus den Verhörten alle herauszuholen, was sie belasten konnte. Und zwar jeden Aspekt, der ihre Schuld schwerer machte, während Teske erst ganz zum Schluss überhaupt einen Verteidiger an die Seite bekam. Von rechtlichem Beistand konnte ja keine Rede sein. Denn zu dem Zeitpunkt hatten die Strippenzieher das Urteil längst gefällt. Und Lange geht auch zu Recht darauf ein, dass von einer unabhängigen Justiz gar keine Rede sein konnte.

    Eigentlich waren die Untersuchungsbehörden auch gleichzeitig noch Gericht und Henker. Und eigentlich wurde dann in Leipzig auch kein MfS-Offizier erschossen, denn den Dienstgrad hatte man Teske längst aberkannt. Erschossen wurde ein Mann, der eigentlich nicht mal wusste, wie ihm geschah, dem immer wieder falsche Hoffnungen gemacht worden waren und am Ende ein Verbrechen zur Last gelegt, das er nie begangen hatte.

    Es bräuchte eigentlich nur noch einen talentierten Autoren, der das, was Lange in den alten Akten, die einst im MfS unter Verschluss waren, gefunden hat, in eine Geschichte ganz im Geist von Kafka verwandeln würde. Denn von diesem K., der da nichtsahnend auf der Holzbrücke zum Schloss steht, unterscheidet sich dieser T. kaum.

    Er merkt nicht einmal in den Verhören, welches Spiel da mit ihm gespielt wird, redet sich seinen ganzen Frust von der Seele. Der Verhörtisch wird regelrecht zum Beichtstuhl. Nur dass er keinen Seelsorgern gegenüber sitzt, sondern Leuten, die ihr Handwerk beherrschen, jeden Verhörten zu einem Schuldigen zu machen und ihn vor den Richter zu bringen. Eine Maschine, die nach völlig anderen Regeln arbeitet, als es sich K. oder T. auch nur ausmalen können.

    Sie kommen aus einer anderen Welt, der Welt der nicht-stahlgehärteten Menschen, wo man schwach sein kann, ratlos, unsicher. Und vor allem menschlich, selbst wenn man schüchtern oder scheu ist und über jede freundliche Anerkennung glücklich.

    Und damit auch verführbar. Mit dieser Erpressbarkeit der schwachen Menschen spielen alle Diktaturen. Die nach stalinschen Muster erst recht, da sie ja auch gleich noch einen Hokuspokus vom parteilichen Verhalten produzieren, der – wie in „Wie der Stahl gehärtet wurde“ – Menschen zu Funktionären schleift. Also zu gehorsamen Befehlserfüllern, die nicht mehr auf sich selbst und auch nicht ihre geliebten Mitmenschen achten, sondern „die Sache“ über alles stellen, auch dann, wenn sich „die Sache“ nicht mal mehr greifen lässt, sich in eine Schimäre verwandelt hat.

    Oder gerade so gründlich wirtschaftlich in die Knie geht, wie es Teske ja als Wissenschaftler schon beobachten konnte. Seine paar Dienstreisen in den Westen zeigten ihm ja, dass „der Feind“ längst dabei war, die kleine, eingemauerte DDR wirtschaftlich abzuhängen. Während die Wirtschaftslenker in Ostberlin unübersehbare Fehler machten, was Teske dann in den Verhören auch so äußerte.

    Man bekommt so eine Ahnung, wie sich diese kleine DDR auch deshalb wirtschaftlich strangulierte, weil sie mit den eigentlich bestens ausgebildeten Köpfen so umging wie mit Teske. Erst sechs Jahre nach Teskes Erschießung schaffte die DDR die Todesstrafe ab, die es in der BRD schon lange nicht mehr gab. Aber das eigentlich auch nur wegen der politischen Anerkennung für das kleine Land, das eigentlich nie geschafft hat, auf eigenen Beinen zu stehen, politisch immer von Moskau abhängig war, ökonomisch am Ende völlig ausgebrannt und hoch verschuldet.

    Aber darüber, ob dieses Teilstück von Deutschland überhaupt jemals in der Lage gewesen wäre, aus eigener Kraft selbstständig zu überleben, können sich Ökonomen Gedanken machen, machen sie sich teilweise auch schon, auch wenn sie oft verzweifeln an der miserablen Datenlage.

    Eigentlich ist das Leben Teskes kein Rätsel. Seine Verurteilung und sein Tod erzählen letztlich von einem System, das den Menschen schon lange aus dem Auge verloren hatte, auch wenn es ihn permanent in Reden aufrief. Eigentlich wussten das die meisten Bewohner dieses Landes, als sie der herrschenden Partei am Ende den Gehorsam aufkündigten.

    Und auch Langes Resümee ist am Ende ziemlich deutlich, wenn er schreibt: „Der kurze Lebensweg des Werner Teske macht deutlich, wie dominant die Partei, die SED, das Leben in der DDR bestimmte, signifikant in Regeln, wenn zuerst die Partei und dann der Staat genannt wird. Werner Teske ist buchstäblich ein Opfer von ,Schild und Schwert der Partei‘ geworden. Das MfS hat den überzeugten Genossen erst seiner wissenschaftlichen Berufsentwicklung beraubt und ihm dann einen Arbeitsbereich übertragen, in dem er scheitern musste.“

    Das Urteil sieht dann tatsächlich wie eine unerbittliche Rache von Leuten aus, die Schwächen weder verstehen noch dulden mochten. Und deswegen auch kein Rechtssystem akzeptieren konnten, das Angeklagten Schwächen zugestand und in der Lage war, Urteile zu korrigieren. Lange zitiert zwar nicht Kafka, aber dafür Kurt Tucholsky, der zur Militärjustiz in der Weimarer Republik schrieb: „Im Übrigen ist Militärjustiz in allen Fällen von Übel: nicht nur, weil sie vom Militär kommt, sondern weil sie sich als Justiz gibt, was sie niemals sein kann.“

    Heute erinnert ein kleiner Grabstein auf dem Südfriedhof an Werner Teske, dessen Asche hier 1981 anonym beigesetzt worden war. Es steht nicht sein aberkannter MfS-Dienstgrad da, sondern sein Doktortitel. Was natürlich die Frage mit sich bringt: Wäre er als Ökonom in der DDR nicht genauso gescheitert an einer „zentralen Lenkung und Planung“, die mit den realen Wünschen und Bedürfnissen der Menschen immer weniger zu tun hatte? Eine offene Frage, die Gunter Lange natürlich nur anreißen kann.

    Gunter Lange Der Nahschuss, Ch. Links Verlag, Berlin 2021, 22 Euro.

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