Das hat noch gefehlt. Die Nummer 2 kam vor der Nummer 1 bei uns an. Tatsächlich hat Mark Lehmstedt, seine neue Reihe „Buchgeschichte(n)“ mit diesem Sammelband mit dem Titel „Von Ladenhütern und Paukenschlägern“ begonnen. Aber die „Uebersetzungsmanufactur“ und „proletarische Scribenten“ traf früher bei uns ein. Wurde also auch als erstes besprochen. Aber vielleicht sind es ja sowieso Bücher für einen sehr speziellen Leserkreis?

Natürlich sind sie das. Nicht nur, weil hier der Germanist und engagierte Dozent der Buchwissenschaft, Mark Lehmstedt den Stoff veröffentlicht, der ihm besonders am Herzen liegt. Gerade die über Jahrzehnte in verschiedenen Publikationen veröffentlichten Texte des Buchhandelshistorikers Reinhard Wittmann erzählen auch davon, dass Lesen eigentlich immer das Bildungsprojekt einer kleinen, wissbegierigen Elite war. Und zwar gerade in der Zeit, die wir heute als Zeit der Aufklärung und der ersten Leserevolution kennen.

Gleichzeitig war es eine Revolution im Buchvertrieb, ausgelöst durch Philipp Erasmus Reich und seine Leipziger Verlegerkollegen, die vom Tauschbuchhandel zum Nettobuchhandel übergingen und damit den deutschen Buchmarkt geradezu im zwei Hälften schnitten – mit dem dominanten Osten und Norden und dem eher konservativen Süden, der sich abgehängt und ausgebootet fühlte, denn jetzt bestimmten die Sachsen die Preise und süddeutsche Buchhändler verdienten kaum noch etwas an der in Leipzig gehandelten Ware. Was viele Folgen hatte, mit denen sich Wittmann in mehreren Beiträgen sehr aufmerksam beschäftigt. Wohl wissend, dass es in der Forschung zur deutschen Buchgeschichte und selbst zur Buchgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts gewaltige Löcher gibt.

Luxusgut Buch

Löcher, die sichtbar werden, wenn Wittmann sich zum Beispiel mit der Geschichte der Nachdrucke beschäftigt. Eigentlich ein gefährlich vermintes Terrain, haben doch einige Verleger seinerzeit gewaltige Tiraden gegen die Nachdrucker veröffentlicht, die ihnen augenscheinlich das Geschäft schädigten.

Aber fast beiläufig erzählt Wittmann eben auch, dass die heute so berühmten Erstdrucke der großen Autoren der deutschen Klassik, der Aufklärung und der Romantik für damalige Verhältnisse richtig teuer waren und nur eine wirklich kleine Elite sich diese Bücher tatsächlich leisten konnte. Eine Elite, die auch frühe Formen der Buchfinanzierung unterstützte – etwa mit Subskriptionen und Pränumerationen, frühen Akten von (Selbst-)Verlegern und Autoren, die damit ihre Bücher regelrecht vorfinanzierten und sich ein Auskommen sicherten, noch bevor das Buch bei seinen Lesern war.

Was ja sehr modern anmutet. Manches kommt augenscheinlich immer wieder. Auch, weil Buchhandel nie ein wirklich krisensicheres Geschäft war. Die Subskriptionen waren andererseits auch die Vorboten für eine neue Art Buchhandel, der sich am Ende des 18. Jahrhunderts herauszubilden begann und wie wir ihn auch heute noch kennen. Einen mit einem deutlich erweiterten Leserkreis, einer deutlich erhöhten Buchproduktion und einer zunehmenden Anonymität. Während die großen Dichter des Sturm und Drang ihre Leser praktisch noch beim Namen kannten, entwickelte sich ab dem späten 18. Jahrhundert eine völlig neue Lesekultur, an der immer mehr Menschen teilhatten. Noch längst nicht alle. Schätzungen gehen davon aus, dass ja noch um 1840 nur 40 Prozent der in deutschen Landen Lebenden lesen und schreiben konnten.

Wie schlimm es gerade jenseits der Städte war bei all den in Dörfern lebenden Menschen, macht Wittmann in einem Beitrag genauso deutlich. „Der lesende Landmann“ ist der betitelt. Aber vom lesenden Landmann konnte gar keine Rede sein. Es lag gar nicht im Interesse der Grundherren, dass das Landvolk lesen konnte und dabei gar auf rebellische Gedanken kam. Die Angst davor, dass aufklärerische Schriften die Leute auf widerspenstige Gedanken bringen könnten, war nicht nur ein literarischer Topos. Sie war in das damalige Ständewesen fest eingebaut. Und korrespondierte mit der veritablen Unkenntnis derjenigen Aufklärer, die glaubten, mit speziellen Schriften für den Landmann die Aufklärung auch auf die Dörfer bringen zu können.

Der Brotberuf des Schriftstellers entsteht

Geradezu lustvoll zerpflückt Wittmann viele etablierte Thesen über die Wirkung und Ausbreitung der heute so hochgelobten Literatur des 18. Jahrhunderts. Er wertet Subskiptionslisten aus, die Listen alter Antiquariatsbestände und auch die bis heute noch immer unvollständigen Verzeichnisse der damals veröffentlichten Buchtitel. Listen, die auch deshalb unvollständig sind, weil die Literaturwissenschaft jahrzehntelang am liebsten nur den hohen Grad der Literatur bewunderte und beleuchtete – die Klassiker und ihre Verlage. Und der Rest interessierte nicht.

Aber genau diese „Rest“ interessierte Wittmann. Denn da stecken Fragen drin wie: Wer kaufte damals eigentlich Bücher? Wer konnte sie sich leisten? Wer las sie tatsächlich? Und wer gehörte tatsächlich zu dieser lesenden Elite? Die Bauern jedenfalls nicht. Auch wenn es um 1800 tatsächlich so etwas wie eine Leserevolution gab, die – wer hätte das gedacht – mit der Entstehung eines (Klein-)Bürgertums und der Auflösung alter Abhängigkeitsverhältnisse zu tun hatte. Es waren – man staunt oder staunt auch nicht – lauter Leute, die an deutschen Hochschulen ihren Magister gemacht hatten, aber partout keine Anstellung fanden, die ihnen einen Lebensunterhalt gab, die dann anfingen, Bücher zuj schreiben oder zu kompilieren. Daher auch bis heute die weit verbreitete Verachtung für den Hungerleider, der sich mit Bücherschreiben sein Geld verdient.

Obwohl genau in dieser Zeit überhaupt erst einmal der Brotberuf des Schriftstellers entstand. Wider all die Vorstellungen davon, die selbst unter Aufklärern verbreitet war, dass der Mensch eine bürgerlich geachtete Stellung zu haben hatte und nebenbei moralisch wertvolle Schriften verfasste.

Was Wittmann auch dazu bringt zu untersuchen, was die Leute, die damals (schon) lesen konnten, tatsächlich lasen. Und siehe da: Es taucht die bis heute fast unbeleuchtete Welt der belletristischen Romane auf, die um 1800 einen regelrechten Boom erlebte. Denn die nunmehr lesenden „Frauenzimmer“ und Beamten und sonstigen Angestellten, die da ihre freie Zeit nun auf einmal mit und in Büchern verbrachten, lasen eben nicht Goethe, Schiller, Lessing, Nikolai und wie sie alle hießen. Jedenfalls nicht zum Zeitvertreib und zur Unterhaltung. Oh, welch böses Wort.

Subversion und Zensur

Aber damit hatten auch die klugen Streiter der Aufklärung nicht gerechnet, dass die Leute, wenn sie dann erst mal Zeit und Muße zum Lesen hätten, doch eher nicht zu den Klassikern griffen, sondern lieber zu Lafontaine (empfindsame Romane), Benedikte Naubert (Romanautorin aus Leipzig) oder den Räuberromanen von Goethes Schwager Christian August Vulpius.

Und noch etwas befeuerte die Leselust: die Französische Revolution. Auf einmal waren nämlich Gazetten interessant und das interessierte selbst „ungebildete“ Bauern. Denn auf einmal passierten Dinge, die die erstarrte Welt der Feudalzeit ins Rutschen brachten. Und etliche Verlage brachten mit Lust und Eifer auch Titel auf den Markt, die nun auf einmal auch die erstarrten Zustände in deutschen Ländlein infrage stellten. Was Wittmann unter anderem an der Fehde zweier Münchener Aufklärungsverleger untersucht. Überhaupt, die Zensur. Die begleitete deutsche Verleger und Autoren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Erstaunlicherweise immer eifrig unterstützt von Vereinigungen ach so besorgter Bürger, die sich um die Reinheit der Jugend und anderer unschuldiger Wesen immerfort Sorgen machten und nichts lieber taten als zu denunzieren. Gottchen, ist das heute immer noch so?

Es ist nicht wirklich so, dass man mit Wittmann einer völlig anderen Welt begegnet. So einfach ändern sich Menschen nicht. Schon gar nicht die, die ihre eigenen Moralvorstellungen für die Norm für alle halten. Und dann nur zu gern Vorschriften machen wollen, was andere Leute so lesen und angucken dürfen. Wenn sie sich die Bücher leisten können und wissen, wie sie drankommen.

Wofür im 18. Jahrhundert erstaunlicherweise eben auch die Nachdrucker sorgten, welche eben die berühmten Titel, die in den renommierten Verlagen Nord- und Ostdeutschlands erschienen, meist viel billiger nachdruckten und auch in Gegenden verfügbar machten, in denen die Bücher aus Leipzig, Weimar oder Berlin schlicht nicht erschwinglich waren. So kommen auch einige der berühmtesten Nachdrucker ins Bild, die auf ihre Weise dafür sorgten, dass die Literatur dieser Zeit Verbreitung und Wirkung entfaltete. Einer Zeit, in der es eben noch keine Buchpreisbindung gab und auch kein funktionierendes Urheberrecht.

Wer las da eigentlich und was?

Und in der Menschen, die tatsächlich viel lesen wollten, ihren Nachschub in Lesekabinetten und Leihbibliotheken fanden. Die von der Forschung lange unterschätzt wurden. Auf manche Themen kommt man nur, wenn man – wie Wittmann – selbst Antiquar ist und auch eifrig alles sammelt, was es zum eigenen Forschungsgebiet auf dem Markt zu finden gibt. Da tauchen dann etliche Buchtitel, die man aus den alten Verlegerkatalogen kennt, gar nicht mehr auf, haben sich scheinbar völlig in Luft aufgelöst. Dafür tauchen andere Titel auf, die von der reichen Romanwelt um 1800 erzählen. Da und dort sogar ein Exemplar aus einer Leihbibliothek, das von den Ausleihenden erzählt. Und genau da wird Wittmanns Spurensuche sehr interessant, weil er sich für die Menschen interessiert, die damals Bücher produzierten und konsumierten. Was man aber nur erfährt, wenn man solche Leselisten in die Hand bekommt oder alte Subskriptionslisten.

Und weil sich Wittmann Steinchen für Steinchen anschaut, macht er sichtbar, wie radikal sich die Buchwelt um 1800 veränderte, wie sie tatsächlich immer mehr zu einem Markt wurde, auf dem die Autoren und Verleger es mit einem anonymen Publikum zu tun hatten, bei dem sie nicht wussten, ob der nächste Buchtitel auch genug Käufer finden würde. Auf einmal brasuchte es auch Werbung – „Trompeter“ und „Paukenschläger“.

Und der Markt beschleunigte sich rapide. Waren einst bekannte Titel über Jahre und Jahrzehnte lieferbar, füllten sich mit dem rasant ansteigenden Ausstoß ab 1800 die Lager zusehends und Bücher wurden tatsächlich zu Ladenhütern, wenn sie nicht binnen kurzer Zeit ausverkauft wurden. Auf einmal bekamen es die Herren Verleger mit der Vergesslichkeit ihrer Leser zu tun, die es bald nicht mehr interessierte, was vor drei oder fünf Jahren im Katalog gestanden hatte. Jetzt wollten sie am liebsten das neueste Lesefutter, das der Markt zu bieten hatte. Und das waren eben um 1800 herum vor allem Ritter- und Räuberromane. Die sich dann die lesehungrigen Männer und Frauen lieber ausliehen, als sie sich zu kaufen.

Was liest das Volk?

Ein Katalog von 1855 erzählt dann geradezu Bände über die Ladenhüter dieser Zeit. Das Volk las zunehmend – aber es las nicht alles. Und schon gar nicht all die anspruchsvollen Sachen, die ihnen die sich so um den gesunden Geist der Leser sorgenden Autoren gern offeriert hätten. So entstand dann auch der sehr elitäre Frust darüber, dass die Leute Bücher einfach nur zur Unterhaltung lasen. Womit man aber, wie Wittmann berechtigtermaßen feststellt, ins nächste, nicht erforschte Gebiet vordringt.

Denn auch diese Romane richteten ja etwas an im Denken und Weltverstehen ihrer Leser/-innen. Indem man sie einfach für unwürdige Forschungsobjekte erklärt, tut man der Wissenschaft jedenfalls nicht Gutes, eher pflegt man damit die alten, knöchernen Vorurteile, die auch schon die älteren Aufklärer hegten, die am liebsten ihre eigenen Schriften in jeder Bauernhütte gesehen hätten, ohne jegliches Verständnis für die tatsächliche Not und die Lebenswelt der Menschen, die sich Bücher gar nicht leisten konnten.

Und auch ohne Verständnis dafür, wie klein tatsächlich die Welt der Lesenden und in die gesellschaftlichen Debatten der Zeit eingebundenen Menschen war. Wittmann bestätigt im Grunde die auch schon von Jean Paul für die Zeit um 1800 angenommene Zahl von gerade einmal 300.000 Menschen in Deutschland, die sich tatsächlich für die literarische Produktion der Zeit interessierten und auch Bücher kauften. Das waren rund 1,5 Prozent der damaligen Bevölkerung in den deutschen Ländern.

Ist Bücherlesen ein Elitenprojekt?

Und auch die Blicke ins späte 19. Jahrhundert zeigen, dass das Lesen von Büchern – gar von anspruchsvollen – trotz zunehmender Bildung und Lesefähigkeit ein Minderheitenprojekt war. Die Zahl der Buchhandlungen wuchs – aber viele hielten sich nur über Wasser, weil sie auch noch andere Dinge verkauften. Und wahrscheinlich ist das bis heute so, wo die Menschen es noch viel leichter haben, auf andere Unterhaltungsangebote auszuweichen, zu denen die Schwellen noch viel geringer sind.

Was natürlich die Frage in den Raum stellt, wie sich eigentlich gesellschaftliche Debatten weiter entwickeln, wenn es doch wieder nur eine kleine, hochambitionierte gesellschaftliche Gruppe ist, die noch intensiv Bücher liest und sich tiefgründig mit den darin verhandelten Themen beschäftigt.

Diesem Buch zum Beispiel, das so manche eingefahrene Vorstellung über die Verlagswelt des 18. und 19. Jahrhunderts infrage stellt und dadurch deutlicher macht, wer da eigentlich für wen Bücher machte und wie eigentlich gesellschaftlicher Zündstoff in gedruckter Form unter die Leute kam. Und eben unter welche Leute. Und dass das dann eben doch die Leute sind, die dann anfangen, die Gesellschaft zu verändern. Und überhaupt erst einmal als veränderbar zu denken.

Und die damit letztlich die These der Konservativen und Reaktionäre bestätigen, dass Bücher rebellische Geister hervorbringen. Also höchst gefährlich sind für die alten, erstarrten Selbstverständlichkeiten.

Reinhard Wittmann „Von Ladenhütern und Paukenschlägern. Beiträge zur deutschen Buchgeschichte 1600 – 1900“, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2023, 64 Euro.

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