5.444 Seiten aus 20 Jahren stapelten sich vor Peter Hinke, als er sich daran machte, ein Vorwort für die neue Ausgabe der „Tippgemeinschaft“ zu schreiben, der Publikation, mit der die Studierenden des Deutschen Literaturinstituts seit 2003 zeigen, worüber sie schreiben, was sie schon können und was möglicherweise demnächst auch in eigenen Büchern zu lesen sein könnte. Vorher gab es so etwas nicht. Immerhin sind die jungen Autorinnen und Autoren ja noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn. Oder doch nicht?

Das weiß man eben nicht. Das ist ja das Spannende. Erst später, wenn man nach Jahren ältere Ausgaben der „Tippgemeinschaft“ durchblättert, kann man sagen, wer dabei geblieben ist, wer eigene Bücher veröffentlicht hat und sich vielleicht sogar schon etabliert hat im Himmel jener Autorinnen und Autoren, die das große Feuilleton so gnädig ist wahrzunehmen. Oder die gar auf Bestsellerlisten landen, weil ihre Bücher den Nerv der Zeit getroffen haben.

Die Zeit am Literaturinstitut ist eine Zeit des Suchens. Das vor allem. Das merkt man auch den Texten der in dieser neuesten Ausgabe versammelten 48 Autorinnen und Autoren an. Auch sie wieder komplett in Eigenregie erstellt wie alle vorhergehenden Ausgaben. Denn die „Tippgemeinschaft“ ist eine Herausforderung. Die Schreibenden müssen alles selbst organisieren – Layout, Redaktion, Korrektorat, Finanzierung. Und auch die aktuelle Mannschaft kam an den bekannten Punkt, an dem sie kurz davor war, aufzugeben. Denn ein Buch auf den Weg zu bringen, ist ein Wagnis. Aber so lernt man auch die Praxis des Buchmarktes kennen. Wer das einmal mitgemacht hat, denkt anders über Verlage und deren Arbeit.

Jede Tippgemeinschaft etwas Besonderes

Und der kann doch stolz sein, denn die jährliche „Tippgemeinschaft“ ist nicht nur eine Zwischenbilanz, sondern auch etwas Vorzeigbares. Damit kann man auf Lesebühnen gehen oder einfach so Leute überfallen: Lies mal! Wie findest du das? – Denn wenn ein Text erst einmal gedruckt ist, fordert er seine Leserinnen und Leser. Funktioniert er? Berührt er? Erzeugt er Neugier? Ist der Weg richtig?

Denn am Ende geht es ums Finden: Wirklich festen Grund als Schreibende und Schreibender bekommt man erst unter die Füße, wenn man den Stoff gefunden hat, den man wirklich erzählen will, der einen selbst bewegt. Und damit eben auch die Leser. Das dauert manchmal lange. Das deutet auch Peter Hinke im Vorwort aus jahrelanger Erfahrung mit diesem turbulenten Projekt an, das seine Connewitzer Verlagsbuchhandlung ab der vierten Ausgabe betreute. Jede Ausgabe anders gestaltet, jede unverwechselbar.

Manche der darin Vertretenen veröffentlichten noch während des Studiums am Literaturinstitut ihre ersten Bücher. Andere brauchten noch viele Jahre bis zum Erstling. Was aber nichts über Qualität und Können aussagt. Dafür viel über den langen Weg und die oft intensive Arbeit am Stoff, der die Schreibenden bewegte. Und das ist oft nicht der Stoff, der dann in den ersten Texten in den Werkstätten des Instituts vorgelegt wird. Und oft auch nicht der Stoff, den die in der neuen „Tippgemeinschaft“ Vertretenen für so wichtig hielten, dass er mit ins Buch musste.

Wenn gar nichts (mehr) sicher ist

Was auch an den Lebensaltern liegt. Und man merkt den Texten an, wie jung die meisten der hier Vertretenen sind, wie sehr sie noch all die Dramen der Jugend beschäftigen, von denen man in den späteren Lebensaltern heilfroh ist, dass man sie hinter sich gelassen und überlebt hat. Und das schlimmste Drama ist nicht die Liebe in all ihren Facetten und Irrungen und Wirrungen, wirklich nicht. Das schlimmste Drama, das in Wort und Satz drängt, ist die Suche nach dem eigenen Ich, die Verunsicherung der eigenen Persönlichkeit, die man in dieser scheinbar immer längeren Übergangsphase vom selbstbewussten Kindsein zum vielleicht irgendwann mal Bei-sich-angekommen-Sein erlebt. Eine Phase, die einen wahnsinnig machen kann. Aber auch verdammt einsam.

Denn da steht alles zur Disposition – in sehr vielen Prosatexten und Gedichten in diesem Band sehr schön miterlebbar und fühlbar. Wo das Ich sich in einer verstörenden Fülle der Unsicherheit findet, wird jede noch so kleine Begegnung mit der Außenwelt kompliziert, schwierig, bedeutsam.

Da braucht es keine Abenteuer, um die Verunsicherung des eigenen Seins jeden Tag neu zu erleben, regelrecht dazu verdonnert, das eigene Ich immerfort zu reflektieren. Vielleicht ein wenig erweitert um den zweiten Teil des Wir, mit dem man dann gemeinsam mondhelle Nächte erlebt, Besuche in der Bar, einen Alltag, der am Ende immer schwieriger wird, weil das erzählende Ich alles hinterfragt. Auch das Du. So, wie das meist ist in einer Zeit, in der man mit aller Verzweiflung versucht, sich irgendwie richtig zu präsentieren in den Augen der Anderen. Zum geküssten Mädchen zu werden oder zum akzeptierten Jungen, der nicht jeden Augenblick in ein neues Fettnäpfchen tritt im hoffnungsvollen Werben um die Unnahbare, die am Ende in genau denselben Verunsicherungen steckt.

Eine Gesellschaft der einsamen Egos

Ein durchaus liebesuchender, zweifelnder und nur zu gern völlig verunsicherter Jahrgang. Gut möglich, dass die jungen Leute tatsächlich rauchend auf der Institutstreppe sitzen und darüber streiten, wie man das im Text ausdrücken kann oder sollte oder darf. Aber: Es ist auch ein sehr offener Jahrgang, der viele Themen aus dieser komplizierten Welt-Liebe-Beziehungskiste durchbuchstabiert. Mal in kurzen, trockenen Gedichten, mal in langen Prosastrecken, die dann nur als Ausschnitt ins Buch gepasst haben.

Es ist auch eine feinfühlige Generation, die sich auch emsig darum kümmert, im Sprechen und Schreiben möglichst nicht zu verletzen. Die aber auch eine Antenne hat für die Seltsamkeiten und Einsamkeiten unserer Gesellschaft, die immerfort auf das eitle Ego zielt und die fortwährende Spiegelung des verunsicherten Ich, das am Ende doch wieder allein in der Spiegelkabine landet (wie bei Lucia Hemker) oder von der Angst vor einer der vielen gesundheitlichen Katastrophen gepackt ist, mit denen Medien ihre Leser und Nutzer irre machen (so wie bei Antonia Hildebrandt).

Denn es ist ja nicht so, dass die Ängste, die einen – nicht nur in der Jugend – verrückt machen können, ganz allein aus unserem hormonellen Befinden entspringen. Viele Ängste sind gesellschaftlicher Skandal- und Unterhaltungsstoff, Werbematerial und das Futter, mit dem irr gelaufene Medien ihre Leserinnen und Leser versuchen, kirre zu machen.

Literatur aber macht sensibel. Das zeigen solche Texte in der Sammlung, in denen die Autorinnen und Autoren zeigen, dass sie bei aller Beschäftigung mit sich selbst eben auch sehen und beschreiben, wie eine irre laufende Gesellschaft eben bis in den Alltag und das Fühlen der Menschen hinein wirkt, den Ton verändert und die Gewichte verschiebt. Wie will man da noch heil und ganz bleiben, wenn selbst die öffentlichen Erwartungen und Behauptungen nur noch von Ausnahmetatbeständen beherrscht werden? Kein Ort nirgends ist, an dem man einfach mal aufatmen und zu sich selbst kommen kann. Oder selbst sein, so, wie man ist. So gesehen spiegeln viele der versammelten Texte diese Verunsicherung in einer Welt, in der selbst Krankheit und Selbstempfinden zur Ware gemacht werden. Mit fatalen Folgen.

Ein gut geölter Panik-Apparat

Wer bin ich also? Wer möchte und wer darf ich sein? Oder muss ich in eine Rolle passen, die andere von mir erwarten? Victor Sattler bringt dieses Erleben des eigenen Selbst in einer überdrehten Welt mit der Formel von „meinem gut geölten Panik-Apparat“ auf den Punkt. Denn so ist es ja – auch für Viele, die die manchmal gar nicht wilde Jugendzeit überlebt haben: Die Panik einer auf permanente Aufmerksamkeit getrimmten Gesellschaft hat sich längst eingenistet in unseren Köpfen, Albträumen und Beziehungskisten. Jede Abweichung von welcher auch wie immer gearteten Perfektion führt in die Verunsicherung. Da ist also was zu erwarten, wenn die eine oder der andere das dann mal talentiert in eine Romanfigur verwandelt. Aber das hat Zeit.

Jedenfalls hat es achtköpfige Herausgeber-Team geschafft, auch diese „Tippgemeinschaft“ rechtzeitig bis zur Leipziger Buchmesse fertigzustellen. Zum Vorlesen oder zum Bunkern für all jene, die mit Neugier in ein paar Jahren nachschauen, was draus geworden ist. Und welche Stimme sich tatsächlich gefestigt hat und ihren Platz gefunden hat in den Büchern, die sich Leute so kaufen, wenn sie mal wieder Muße haben für die ganzen Verunsicherungen des Lebens.

„Tippgemeinschaft 2023. Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig“, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2023, 18 Euro

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