Frank Kreisler meint das ernst. Er geht zu Lesungen in Schulen und Bibliotheken, denn er will, dass Kinder sich fürs Lesen begeistern, für Bücher und spannende Geschichten. Und damit die Sache zündet beim Vorlesen, schreibt er selbst auch Krimis und Gespenstergeschichten für die Kinder. So wie diese Geschichte, die in einer beliebigen kleinen Stadt hier irgendwo in der Gegend handeln kann. Wichtig ist nur: Es braucht ein schönes Gespensterhaus. Und ein lesebegeistertes Mädchen wie Filine.

Na ja, auch ein kleines Gespenst. Kinder lieben ja Gespenster, auch wenn sie sich dabei so schrecklich gruseln. Aber wenn das kleine Gespenst gar nichts Böses will? Was dann? In diesem Buch sucht es den Süßigkeitenladen von Filines Mutter heim. Der heißt sinnigerweise „Süßer Drops“ und befindet sich gleich am Markt der kleinen Stadt, wo auch die Apotheke von Filines Vater steht, die er passenderweise „Saurer Drops“ genannt hat. Denn Medizin ist meistens sauer. Und auch die Drops, die man da gegen allerlei Wehwehchen bekommt, sind es.

Aber dem kleinen Gespenst geht es nicht um süße und auch nicht um saure Drops, nicht um Lakritzschnecken, Schokobären und Zuckerherzen. Was für Filines Mutter die Lösung des Falles nicht so einfach macht. Denn von den Süßigkeiten im Laden fehlt nichts. Aber eins der Bücher, die Filine nach der Schule so gern im Laden liest, liegt Morgen für Morgen vor der Ladenwand. Als hätte es jemand dagegengepfeffert.

Was lieben kleine Gespenster?

Nur: Wer macht so etwas? Wer kommt nachts in den „Süßen Drops“, nur um Filines Buch über Burgen und Schlösser dann gegen die Wand des kleinen Ladens zu schmeißen? Oder schmeißt er gar nicht?

Alles ungelöste Fragen. Also wagt sich erst einmal Filines Mutter an eine Nachtwache, um den nächtlichen Eindringling aufzustöbern. Und als sie dabei einschläft, macht auch Filines Vater mit, der – mithilfe schöner saurer Drops – tatsächlich den Täter zu Gesicht bekommt. Zumindest das, was man als wissenschaftlich gebildeter Mensch zu sehen bekommt, wenn es nachts in einem Süßwarenladen nicht mit rechten Dingen zugeht.

Aber in Büchern geht so was. Da findet sich auch ein richtiger Geisterseher namens Hermann, der Bärmann, der – wie es sich gehört – ganz am Ende des Ortes wohnt, wo nur noch eine einzige Straßenlampe funzelt und sich Filines Vater durchaus etwas gruselig fühlt, als er ihn beim abendlichen Besuch darum bittet, die rätselhaften Vorkommnisse im „Süßen Drops“ aufzuklären.

Was der Bärmann dann auch in alle Gelassenheit tut. Denn mit Geistern kennt er sich aus, seit er mal einen eigenen Gespensterwald an der Ostsee besaß. Und sehen kann er sie auch. Dafür hat er ein Auge. Und er weiß, was kleine Gespenster lieben, wo sie am liebsten hausen und warum sie nachts so gern unterwegs sind. Nämlich gar nicht wegen des Leuteerschreckens, sondern mehr so aus Neugier. Wie Kinder.

Weshalb das schon alles gut zueinander passt – ein kleines, neugierigeres Gespenst, das sich natürlich für alte Burgen und Rittergeschichten interessiert. Und die pfiffige Filine, die schon lange prima schreiben und lesen kann und sehr schnell versteht, was Herrmann, der Bärmann, da herausgefunden hat. Denn ein kluges Mädchen kann seine Bücher einfach unterm Arm mitnehmen.

Ein kleines Gespenst kann zwar durch Wände gehen, aber keine Bücher mitnehmen. Jedenfalls nicht so, wie Bücher nun einmal für gewöhnlich sind: dick und schwer.

Eine Welt voller Geschichten

Was tun? – Das ist eigentlich klar, als alle Beteiligten das kleine Gespenst auf frischer Tat ertappt haben und nach Lösungen suchen. Und da spielt Filine, die auch gern mal nächtliche Abenteuer erlebt, die zentrale Rolle.

Und spätestens da dürften auch die kleinen Zuhörer im Publikum merken, dass es in dieser Geschichte eigentlich um sie selbst geht. Nicht zuletzt ihre kleine, noch zu päppelnde Neugier auf gute Geschichten, die in Büchern stecken. Gern auch mit Burgen, Rittern und Weißen Fräulein. Wer wie Filine weiß, was es alles in Büchern zu finden gibt, der meldet sich von ganz allein in der Bibliothek an und kennt auch den Buchladen im Ort. Und der weiß auch, dass man das, was in Büchern zu lesen steht, im Kopf mitnehmen kann. Einfach so.

Gespenstergeschichten und Rittergeschichten. Da kann das dicke Buch schon lange wieder im Regal stehen. Wer es gelesen hat, hat die ganzen Geschichten im Kopf. Und wer viele Geschichten im Kopf hat, der versteht mehr von der Welt.

Das steckt auch als Botschaft in Kreislers Buch, das er besonders für Grundschulkinder geschrieben hat. Also jene Rasselbande, die noch richtig scharf ist auf spannende Geschichten. Etwas, was bei viel zu vielen Kindern verloren geht, wenn ihnen die Freude am Lesen genommen wird. Oder zu Hause keine Bücher stehen, die man einfach mal schnappen kann, um für ein paar Stunden in aufregenden Geschichten zu verschwinden. So wie es Filine nach der Schule in Mamas Laden so gern macht.

Von allein steckt das leider nicht an. Man muss schon was dafür tun. Geschichten vorlesen und Bücher schenken. Und den Kindern zeigen, was für eine gewaltige Welt in den Büchern steckt. Manchmal mit kleinen Gespenstern, die genauso neugierig sind wie Mädchen in der 3. Klasse.

Frank Kreisler „Bücherdieb im ‚Süßen Drops’“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2024, 10 Euro.

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