Es gibt immer einen Haufen Gründe, Leipzig zu verlassen und die nähere und weitere Umgebung zu erkunden. Dazu braucht es nicht einmal einen Himmelfahrtstag. Das kann man an jedem Wochenende machen und in alle Himmelsrichtungen. Und erst recht, wenn man dabei die ausgetretenen Pfade meidet, sondern so wie Bernd Hoffmann das Besondere in dieser Landschaft sucht und entdeckt. Und mit Landschaft ist wirklich Landschaft gemeint.

Denn das ist die Profession von Bernd Hoffmann, der in Plaußig lebt und von 1990 bis 2008 die Naturschutzstation in Plaußig betreut hat. Da lernt man, die landschaftlichen Besonderheiten wahrzunehmen, wenn man nicht vorher schon ein Auge dafür hatte.

Und sein Buch mit 52 Ausflugstipps – also wirklich ein ganzes Jahr mit Wochenendausflügen füllend – lenkt den Blick auf diese Besonderheiten, die in der Regel keine touristischen Hotspots sind. Man ist also meistens allein auf der Tour oder zumindest eher in Gesellschaft mit Leuten, die gern wandern und die sich Quellen, Steinbrüche, Berge und Mühlen als Wanderziel nehmen.

Denn das Schönste am Wandern ist das Wandern auf ein Ziel zu, das meist auch noch einen eigenen sehenswerten Reiz hat. Deswegen sind die kleinen Beiträge im Buch auch reichlich mit eindrucksvollen Fotos gespickt, die man nun einmal nur sammelt, wenn man regelmäßig mit Rucksack und Kamera loszieht.

Die Landschaft hinter der Stadt

Und das mit Zielen, bei denen Erdkundelehrer vor 100 Jahren noch gesagt hätten: Jawohl, das ist es. Da lernen die Schüler was. Auf geht’s. Und die Eltern packen ihre Sprösslinge in wetterfeste Kleidung, stecken Proviant für unterwegs ein und freuen sich, dass die Kinder auch mal an die frische Luft kommen und was über die eigene Heimat lernen. Heimat begriffen als genau das, was mal mit dem Wort Heimatkunde gemeint war: Wissen, was hinter der Stadt noch für eine schöne Landschaft liegt.

Zum Beispiel das Wermsdorfer Wäldchen, mit dem Hoffmann den Reigen der Orte eröffnet, „die der Leipziger gesehen haben muss“. Wo man – welche Überraschung – auf eine alte sächsische Poststraße stößt, das alte Jagdschloss der Wettiner findet und Hügelgräber, mitten im Wald, die davon erzählen, wie lange Menschen hier schon siedeln, leben und starben.

Und so geht das munter weiter. Etwa wenn Hoffmann nach Nimbschen zu den Ruinen des Klosters Mariathron fährt, aus dem einst eine Nonne namens Katharina von Bora (zusammen mit anderen mutigen Schwestern) floh, nur um dort auf die Ersterwähnung seines Heimatortes Plaußig zu stoßen.

In Kossa/Friedrichshütte findet er einen alten Pechofen, der daran erinnert, dass Pech mal der Schmierstoff der Logistik in Zeiten war, als das Meiste mit großen Fuhrwerken durch die Lande und zur Leipziger Messe transportiert wurde. Da war so mancher Kutscher froh, an der Ausspannstation eine ordentliche Kanne Pech zu bekommen.

Krokusse, Schlösser, Mühlen

Natürlich sind es immer wieder die kleinen und etwas größeren Wälder, die Hoffmann aufsucht. Den Thümlitzwald etwa, wo er auf ein altes Kohlebergwerk trifft, oder der Staditzwald bei Taucha, der mit seinem Artenreichtum dem Leipziger Auwald Konkurrenz macht.

Um sein Thema einzugrenzen, hat sich Hoffmann auf Ziele beschränkt, die in einer Stunde Umkreis um Leipzig erreichbar sind, zu denen man sich also wirklich am Sonntagmorgen kurzerhand entschließen kann aufzubrechen. Oder auch unter der Woche, denn da hat man an einigen Wanderzielen natürlich mehr Ruhe. Im Hohen Fläming etwa an der Burg Eisenhart oder an der Kirche in Seegeritz, wo im Frühjahr ein Meer von Krokussen blüht.

Die sind einem so vertraut, dass man gar nicht weiß, dass es der Pfarrer David Rebentrost im erzgebirgischen Drebach war, der diese Pflanze aus dem Orient einst als Geschenk des Kurfürsten Johann Georg II. in seinem Garten anpflanzte. Ein Einwanderer also, dem es spielend leicht gelang, über den Gartenzaun zu entkommen und sich überall im Land anzusiedeln. Wenn man es nicht weiß, geht man achtlos vorüber.

Und deswegen lenkt Hoffmann die Aufmerksamkeit immer wieder auf die seltenen und besonderen Tiere und Pflanzen, die man an seinen Erkundungsorten finden kann. Wenn man langsam läuft und sich nicht mit elektronischem Klimbim ablenkt. So klettert er mit den Lesern auf den Collm, wo nicht nur sächsische Erdbeben gemessen werden, besucht Püchau, den ältesten erwähnten Ort in Sachsen, und das Schloss Püchau.

In Thallwitz und Höfgen sind es Wassermühlen, die den Neugierigen anlocken, und am Gossenborn lockt ihn die Parthequelle. Manchmal muss man das erst erzählen, um die Großstädter auf die Idee zu bringen, man könnte ja auch mal zum Usprung der Parthe wandern.

Artenreiche Refugien

Hofmann zeigt, was in Beucha und Lützschena zu entdecken ist und warum der Floßgraben nicht nur im Leipziger Auwald eine Attraktion ist, sondern weiter südlich noch viel mehr. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte, die mit dem einst sehr wertvollen Salz zu tun hat. Natürlich steht auch die Parthenaue mit ihrer Blütenpracht im Kalender, genauso wie das Schloss Altranstädt, wo der Schwedenkönig einst den starken August demütigte. Man klettert mit Hoffmann auf die Halde Trages mit ihrem Artenreichtum, erklimmt in Taucha den Schwarzen Berg und entdeckt – Artenreichtum.

Natürlich ist das der fachkundige Blick des Mannes, der seine Ecke Heimat kennt und liebt. Aber auch Hoffmann hat die Angst der Jüngeren verinnerlicht, dass dieser Reichtum verschwinden kann, und zwar schneller, als wir denken. Es sind meist von Menschen aufgegebene Refugien, wo sich all die Insekten, Vögel und seltenen Orchideen angesiedelt haben, die in der von Menschen übernutzen Flur keinen Platz mehr haben.

Zwischen Grimma und Grethen entdeckt Hoffmann den „großen Sumpf“, bei Sermuth findet er den Ort, an dem sich die beiden Mulde zur Vereinigten Mulde zusamenfinden.

Es ist wirklich alles drin – tausendjährige Linden, liebevoll sanierte Burgen, etliche Aussichtstürme mit Blick auf Wald oder Tagebausee und auch ein Stück Völkerschlachtgeschichte, das sich auch rund um Leipzig an vielerlei Orten erkunden lässt. Finale ist dann beim Riesen von Groitzsch, der an die Eiszeitgeschichte dieser Landschaft erinnert.

Es ist also wirklich das Büchlein, das man sich am besten auf den Schuhschrank gleich neben der Haustür legt, in dem man, wenn einen wieder die Lust auf Entdeckungen packt, einfach blättert, bis einen ein Foto regelrecht anspringt und man muss gar nicht lange überlegen und fährt dann eben mal nach Zwochau oder Gräfenhainichen oder Liehmena, in Orte, von denen man vorher gar nicht gedacht hätte, dass es sie da draußen gibt. Sogar in erreichbarer Nähe.

Regenjacke, Hut und festes Schuhwerk, und auf geht es. Da draußen gibt es was zu erkunden.

Bernd Hoffmann „Leipzig Drumherum“ Pro Leipzig, Leipzig 2024, 19 Euro.

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