Dresden hat seine Krimi-Reihe, selbst Halle hat eine. Auch für Leipzig gab es einmal eine Krimi-Reihe mit einem markanten Ermittler: die Lars-Kohlund-Serie, die Henner Kotte zwischen 2006 und 2010 veröffentlichte. Mancher fragte den 2024 viel zu früh Verstorbenen: Wann kommt eigentlich der nächste Band? Aber die Zeit war (noch) nicht reif. Und so wird es keinen weiteren zutiefst frustrierten Kohlund geben. Dafür gibt es jetzt in einer neuen Reihe eine Ermittlerin, wie sie die sächsische Krimi-Welt noch nicht erlebt hat.

Und vielleicht war es jetzt tatsächlich an der Zeit, dass Kriminalkommissarin Janne Thomanek die Bühne betritt. Dr. Janne Thomanek, bitteschön. Auch wenn die Kollegen lästern. Eine Kommissarin mit Doktortitel? Auch noch recht frisch im Geschäft, denn studiert hat sie eigentlich etwas völlig anderes. Doch Staatsanwalt Dr. Gert hält große Stücke auf sie.

Und traut ihr auch zu, den seltsamen Fall zu klären, der sich an der Universitätsbibliothek ereignet hat: In einer der Transportkisten, mit denen ausgeliehene Bücher zurück ins Depot fahren, taucht auf einmal eine abgetrennte Hand auf, die ein Buch in Händen hält, das vor Jahren schon aus dem Bibliotheksarchiv verschwunden sein muss. Eine Dissertation mit einem wirren Kauderwelsch zu Marx und Hegel, die vor Jahrzehnten an der Uni Tübingen eingereicht wurde.

Tatsächlich hat Hanka Kross die Urfassung dieses Kriminalromans schon 2010 bis 2012 geschrieben. Das war die Zeit, als auf dem Krimi-Markt fast gar nichts ging. Das Manuskript blieb liegen und im Sommer 2025 setzte sich die Leipziger Autorin daran und überarbeitete es komplett. Aber die Handlung beließ sie in dieser Zeit, in der zugleich auch jene kurze Epoche in der Leipziger Stadtgeschichte begann, in der die Stadt nicht nur wuchs, sondern finanziell endlich ein bisschen Luft schnappen konnte.

Ein kurzes goldenes Zeitalter, das erst jetzt so richtig baden geht, weil die verpeilte deutsche Steuerpolitik den Kommunen die Luft zum Atmen nimmt.

Eine mysteriöse Dissertation

Und gleichzeitig werden – so scheint es – die Menschen immer murriger, verbissener und aggressiver. Nur auf eine andere Art als seinerzeit der Lars Kohlund von Henner Kotte. Sie wüten gegen die Schwächsten in der Republik, nicht gegen verkrustete Strukturen, die ehrlichen Kommissaren in ihrer Ermittlungsarbeit das Leben schwer machen.

Mit solchen Strukturen bekommt es auch Janne Thomanek zu tun, mit grollenden Kollegen, lähmender Bürokratie, deutscher Kleinstaaterei, die Ermittlungen an Ländergrenzen behindert, und einem Typen namens Jo Rijkaard alias Hans-Joachim Schwarz.

Der ist Teilhaber eines obskuren Unternehmens, das Unternehmen aufkauft und weiterverkauft und gerade auch Ärger mit einem Leipziger Unternehmen hat, dessen Geschäftsführer sich kantig und erfolgreich gegen einen Weiterverkauf an einen südkoreanischen Konkurrenten wehrt. Das könnte ein triftiger Grund sein, warum hier nach dem Täter zu suchen wäre, der möglicherweise den Tod von Rijkaard auf dem Gewissen hat. Nur: Was hat es mit dessen alter, zusammengeschluderter Dissertation auf sich?

Und so richtig wohl fühlt sich Janne Thomanek auch nicht, als sie nun in der Universitätsbibliothek die Fäden dieses Falles aufdröseln muss, einem Ort, der sie an einige deprimierende Zeiten des Studiums und der Arbeit an der eigenen Doktorarbeit erinnert. Aber sie lässt sich von ihren eigenen Gespenstern nicht einschüchtern.

Und unterscheidet sich damit gravierend nicht nur von Lars Kohlund, sondern von einer ganzen Reihe von berühmten Kommissaren in Film, TV und Buch. Sie betrachtet den Fall als eine große Herausforderung, folgt jedem Einfall, reist quer durchs Land, lässt ihre Vermutungen zu und schreckt auch schon mal nachts aus dem Schlaf, weil sich in ihren Kopf wieder zwei Puzzlestücke zusammenschieben.

Konkurrenz und Überforderung

Und weil Hanka Kross genau das zulässt, wird der ganze verzwickte Fall auch für die Leserinnen und Leser ein Rätselvergnügen. Nicht der bedrückende Zustand der Gesellschaft wird zur Leitmelodie, sondern die ungebrochene Neugier der jungen Kommissarin, die eher das Gefühl hat, nicht alle Einfälle und Verdachtsmomente verfolgen zu können, immer wieder in Sackgassen zu landen und Leute, die eben noch als Hauptverdächtige galten, wieder von der Liste streichen zu müssen. Das nagt am Selbstbewusstsein.

Und gleichzeitig merkt sie, dass sie mit ihrer Art bei den Menschen, die sie vernimmt, dennoch gut ankommt, einige sogar flugs dabei sind, sich in sie zu verlieben. Und auf einmal ist man in einer Welt, die einem auf einmal sehr vertraut vorkommt. Nein, es sind nicht die großen gesellschaftlichen Friktionen, die uns mürbe, einsam und wütend machen.

Es ist unsere Dummheit, den ganzen Zirkus viel zu ernst zu nehmen. Und dabei zu übersehen, dass unsere Welt in Wirklichkeit aus echten Begegnungen mit echten Menschen besteht. Die unterschiedlich auf uns reagieren. Und zur heutigen Wahrheit gehört wohl auch: Das verwirrt uns.

Gerade, wenn diese Reaktionen herzlich sind und uns signalisieren, dass wir in all unserer gefühlten Überforderung (oder dem aktuell so heiß diskutierten Münchhausen-Syndrom) auf andere vielleicht doch kompetent und attraktiv wirken.

Wir zweifeln nur ständig daran. Und da ist Janne Thomanek nicht die einzige. Unsere ganze Gesellschaft mit ihren starren Hierarchien, ihrem eingepflanzten Konkurrenz- und Neiddenken ist so konstruiert, dass gerade hoch kompetente Menschen immer wieder das Gefühl eingepflanzt bekommen, nicht zu genügen, am falschen Platz zu sein, sich zu viel anzumaßen und so weiter.

Unsere Gesellschaft wertet nicht auf und fördert auch nichts (auch wenn das Jubelmeldungen immer wieder behaupten), sie bremst eher, verhindert und wertet ab. Und das Gefühl haben nicht nur Akademikerinnen wie Janne, die mit der Leipziger Polizei in eine neue Welt gerät, in der Status- und Hoheitsdenken tief verwurzelt sind.

Einsame Zeitgenossen

Während andere Krimi-Autoren ihren Fällen dadurch Druck machen, dass sie den Ermittlern die Zeit, die Vorgesetzten und eine wild gewordene Presse auf den Hals schicken, lebt man mit Janne ein doppeltes Leben. Denn neben ihrer Arbeit als Kommissarin hat sie auch noch ein richtiges Familienleben, auch wenn sie mit Piet schon seit drei Jahren vergeblich auf ein Kind wartet.

Sie lässt sich von Gefühlen beeindrucken (und manchmal auch ausknocken), versteht aber auch, dass es ihre Ermittlerkollegen manchmal auch aus den Latschen haut.

Denn natürlich sind die Orte, an denen sie mit den Verdächtigen spricht, oft nicht wirklich angenehm. Manchmal gerät sie auch mittenhinein in die Trauer und Einsamkeit von Zeugen, die mit ihren eigenen Verlusten im Leben nicht fertig geworden sind. Sie lässt das alles an sich heran, ist noch nicht abgebrüht, wie es so schön heißt.

Und gerade weil sie Mitgefühl zeigt und den Gesprächspartnern das Gefühl gibt, respektiert zu werden, findet sie an unverhoffter Stelle weitere Hinweise, die das Bild des Falles ergänzen. Manchmal scheinbare Durchbrüche, die sich dann doch wieder in Luft auflösen.

Aber ihre Hartnäckigkeit wird belohnt, denn sie geht den Fall wie eine wissenschaftliche These an, überprüft jede Vermutung, beleuchtet jede mögliche Verstrickung. Und die Leser werden immer mitgenommen. Alles liegt klar zutage, jeder Ermittlungsschritt. Bis sich der Fall tatsächlich zu einer Lösung zuspitzt, die man bei all den Begegnungen mit der Familie des offensichtlich Getöteten so nicht erwartet hätte. Eine Familie voller Verwundungen, Verleugnungen, unaufgearbeiteter Vergangenheit.

Kaltschnäuzigkeit und stille Wut

Es überrascht nicht, dass Hanka Kross auch das deutsch-deutsche Dilemma streift, das Ost-West-Gehacke, das auch 2010 schon nervte. Aber das kommt ja nicht von ungefähr. Es hat mit all den Gefühlen von Zurücksetzung und Nichtbeachtung zu tun, den tatsächlichen Dissonanzen mit zuweilen aalglatten Geschäftsleuten, wie Rijkaard einer war.

Er ist zwar der Tote, aber so richtig Mitleid hat ganz offensichtlich kaum jemand für ihn. Eben auch, weil er für eine gefühllose Kaltschnäuzigkeit steht, die nicht nur in der deutsch-deutschen Malaiuse so viel Schaden angerichtet hat, sondern auch in der Wirklichkeit unserer heutigen Gesellschaft, in der Menschenverachtung zum neuen Habitus geworden ist.

Und so hat man am Ende viel mehr Empathie für jene Person, die Janne verhaften muss, nachdem sich die Indizien immer mehr verdichtet hatten. Auch weil sie gehandelt hat, wie so viele von uns handeln würden, wenn Gefühle wie Wut und Zurücksetzung die Regie übernehmen.

Natürlich werden wir die Lösung nicht verraten. Dieser Krimi lädt tatsächlich – anders als viele andere Arbeiten des Genres – ein zum Hinterfragen, sich selbst und das Erlebte infrage zu stellen und hinter die Fassaden zu schauen. Und dabei trotzdem nicht die Zuversicht zu verlieren und mit Janne Stück für Stück ein Rätsel zu lösen, das ganz offensichtlich auch gestellt wurde, damit endlich jemand nachfragt.

Und es ist nicht der einzige Band, verrät die Autorin. Mit „Nach Wehen“ ist auch der Folgeband schon erhältlich, mit dem sie ihre Kommissarin Janne Thomanek in Leipzig auf die Spur schickt, den nächsten vertrackten Fall zu lösen.

Hanka Kross „Hinter Fragen. Ein Leipzig-Krimi“ epubli, Berlin 2025, 15,60 Euro.

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