Wie lernen wir eigentlich überleben, wenn es uns unsere Eltern nicht beigebracht haben? Wenn sie gar, wie Irmas Mutter, selbst mit den Schatten ihrer eigenen Kindheit zu kämpfen haben? Die manchmal schwere Traumata sind, die jede menschliche Beziehung zerfressen? Eigentlich scheint es Irma geschafft zu haben, als sie nach einer kurz entschlossenen Flucht aus Zeugland, der Wohnkommune weit draußen vor der Stadt, eines Tages nicht nur vor dem Theater in der großen Stadt steht, sondern tatsächlich in der Hauptrolle auf der Bühne.

Wobei sie am Ende immer mehr die Frage beschäftigt: Spielte sie die Rolle? War es nicht nur die wütende Rolle ihrer Mutter, in die sie da schlüpfte? Oder das, was Taron Capla, der Regisseur, der sie in die Rolle gesteckt hat, in ihr sehen will? Scheinbar geht es um kaputte Mütterbilder in Irmas Geschichte.

Eine Familiengeschichte, die bis in die DDR-Zeit zurückreicht, als die Mutter von Irmas Mutter aus dem Land floh und ihre Töchter im Kinderheim landeten. Schon das eine traumatische Geschichte, die vieles von dem erklärt, was Irma mit ihrer Mutter erlebt.

Eingestreut in diese Geschichte der Flucht aus einer Beziehung, deren kaputte Grundlage Irma erst nach und nach begreift. Dazu muss man wohl wirklich erst weggehen und lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Die eigenen Stärken kennenlernen. Und lernen, das eigene Selbstbild nicht (mehr) von anderen bestimmen zu lassen. Denn dass Irma an Taron gerät, hat auch damit zu tun. Denn Taron ist nicht nur ein begabter Regisseur, er ist auch einer jener Typen, die in der jüngeren Vergangenheit ungehemmt ihre Macht über Untergebene ausleben konnten. Man nennt es Missbrauch.

Aber Franziska Hauser erzählt es aus weiblicher Perspektive. Und man ahnt schnell, dass die Sache vertrackt ist. Denn nicht nur bei Frauen geht das alles ineinander über – Liebe, Attraktion, Vertrauen, Abhängigkeit.

Und was Irma mit Taron erlebt, ist eine solche Abhängigkeitsbeziehung, in der sie lange, viel zu lange akzeptiert, dass Taron sie ausnutzt, herrisch behandelt und auf der Bühne sogar fertigmacht, weil er – wie ganz offensichtlich viele mehr oder weniger mächtige Männer in unserer von Hierarchien durchsetzten Gesellschaft – die Menschen um sich herum nur als „Material“ behandeln. Nicht nur, wenn es um das Ausfeilen von Rollen kaputter Frauen auf der Bühne geht, sondern auch im richtigen Leben.

Lernen, nicht davonzulaufen

Diesem heftigen Leben, in dem sich Liebe oft genug mit Abhängigkeiten verbindet. Und man merkt es zu spät. Oder eben frau. Und sieht dann mit den erschrockenen Augen Irmas, wie Taron sich entpuppt und seine ganze Aggression herauslässt. Nicht nur gegen Irma, die auf einmal ein Kind von ihm bekommt, mit dem er nichts zu tun haben will.

Sondern auch gegen Blanda, deren Rollen Irma irgendwie geerbt hat, und die nun im Krankenhaus liegt, schwer an Krebs erkrankt, dabei, das Sterben zu lernen, wie sie sagt, als Irma sich im Krankenhaus zu ihr durchkämpft.

Denn anders als Taron nimmt Irma ihre Freundschaften ernst. Sie weiß zwar um das belämmerte Verhältnis zu ihrer Mutter, das sich auch nach Irmas Weggang nicht ändert. Aber in der Gemeinschaft in Zeugland hat sie eben doch erfahren, dass es Menschen gibt, die nicht kneifen und die Vaterrolle eben auch annehmen, wenn überhaupt nicht klar ist, wer tatsächlich der Vater dieses Kindes ist.

Denn um die genetische Vaterschaft geht es nicht. Das brauchen nur die Patriarchen und Machos. Es geht um Verantwortung, Empathie und die Bereitschaft, füreinander da zu sein, wenn man (Mann)  gebraucht wird.

Es geht in Franziska Hausers Buch eben nicht nur um die Rolle der (abwesenden) Mütter und Irmas Angst, ihr könnte ein ähnliches Schicksal beschieden sein. Es geht eigentlich sogar viel stärker um Vaterrollen und Männerbilder.

Und am Ende auch um eine bekloppte Gesellschaft, die gerade die Menschen, die mit ihrem Leben eh schon heillos überfordert sind, mit bürokratischen Schikanen hinhält, kurzhält und dabei die ganze Verachtung an den Tag legt, die Politiker gegen Menschen „ganz unten“ haben.

Männerbilder und Existenzängste

Wobei Irma eben erlebt, wie schnell man ganz da unten landet, wenn man den Rollenerwartungen gefühlloser Männer nicht genügt. Das betrifft nicht nur Taron, der irgendwie selbst nicht begreifen will, welche Rollenmuster er selbst abliefert und wie er die Menschen um sich herum manipuliert.

So wird Franziska Hausers Buch eigentlich ein aufmerksamer, fast erschrockener Blick in unsere Gesellschaft, in der alte, nie hinterfragte Männer-Bilder dominieren und dabei systematisch Existenzängste schüren bei allen, die von solchen ganz auf sich fixierten Typen abhängig sind.

Oder in den bürokratischen Systemen landen, in denen sich diese Verachtung „starker“ Männer für schwache Mitmenschen manifestiert.

Aber Irma bekennt sich zu ihrem Baby. Es ist der Punkt, an dem sie begreift, welche dummen Spiele nicht nur Taron mit ihr gespielt hat. Und dass man trotzdem nicht allein bleibt, weil es tatsächlich Menschen gibt, die anrufen, wie der Chef der Schauspielschule, wo Irma gerade frustriert ihren Studienplatz abgemeldet hat.

Wer sagt einem das schon, dass so eine Einrichtung für einen da sein will? Und es tatsächlich um einen selbst geht und nicht um die Bestätigung der Vorurteile anderer Leute?

Die Stelle fällt auf, weil sie davon erzählt, was in unserer Gesellschaft alles unter die Räder gekommen ist, seit zutiefst versteinerte Männer ihre rabiate Verachtung für Schwächere – und vor allem Frauen in ihren Notlagen – in Politik und Gesetze gekübelt haben.

Wer sagt uns eigentlich, wer wir sind?

Franziska Hauser entlässt ihre Leser nicht ohne Hoffnung. Auch wenn sie sie einfühlsam mitnimmt in die zunehmend bedrückendere Situation von Irma, als diese lernt, wie schnell ein Baby einen zum Außenseiter einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft macht.

Die Hoffnung hat am Ende einen Namen. Und das hat auch mit Männern zu tun, die Irma ernst nehmen und sie nicht in eine Rolle zu zwängen versuchen. Ihr stattdessen – wie Bert, einer ihrer Zeugland-Väter – jenen Teil ihrer Kindheitsgeschichte erzählen, den sie aus der Rolle der stets zurechtgewiesenen Tochter nicht hat sehen können.

Was eine der Stärken von Franziska Hausers Roman ausmacht, in dem sie – einfühlsam und mit zutiefst menschlichem Humor – auch zeigt, wie sehr wir alle in unseren „angelernten“ Kindheitsrollen stecken und uns oft genug kleinmachen lassen, obwohl andere in uns viel besser  unsere Stärken und Besonderheiten sehen.

Nur muss einem das irgendwann eben auch gesagt und gezeigt werden. Damit fängt wirkliche Anerkennung an. Und die Ausbildung jener Stärke, die Irma am Ende all das überleben lässt: das Wissen darum, dass sie nicht das ist und sein muss, was Taron (und andere Typen) in ihr sehen wollen.

Oder wie sie es haben wollen, weil die junge Frau so man besten zu manipulieren ist und ein Verhältnis akzeptiert, das eigentlich mit Liebe nichts zu tun hat. Eher mit der Schwäche eines Mannes, der aus der eigenen Rolle des wütenden Macho nicht herausfindet und mit jeder jungen Schauspielerin immer wieder dieselben Spiele spielt.

Was Irma auch offen sagt, genau an dem Tag, an dem es überfällig ist: dem Tag der Beerdigung ihrer Freundin Blanda. Und es reißt die Leser mit, weil es auch eine Menge Wahrheit über unsere Gesellschaft enthält, in der einige dieser inwendig kaputten Männer wieder meinen, uns ihr dämliches Macho-Verhalten als vorbildlich anpreisen zu müssen.

Franziska Hauser Am Ende der Kleinigkeiten Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2026, 26 Euro.

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