München 1938 ist geradezu zum Synonym geworden für den gescheiterten Versuch, einen vom Krieg besessenen Diktator dadurch zu besänftigen, dass man ihm ein Land opfert. Ein demokratisches noch dazu. Nur um dann zu erleben, dass man mit diesem „Friedensvertrag“ die Tore der Hölle erst recht geöffnet hat. Appeasement ist regelrecht zum Schimpfwort geworden. Aber was trieb den britischen Premier Neville Chamberlain tatsächlich dazu, Hitler praktisch alles zu gewähren, was dieser forderte?
Die Geschichte vom Münchner Abkommen wurde bislang überwiegend aus der europäischen Perspektive beschrieben. Meist als Versuch, durch Entgegenkommen den Krieg mit Deutschland hinauszuzögern und – vielleicht – noch ein paar Jahre Zeit für die eigene Aufrüstung zu finden. Gleichzeitig bediente das Abkommen eine Sehnsucht, die damals alle Völker Europas teilten: die Sehnsucht nach Frieden.
Selbst in den beiden faschistischen Diktaturen Deutschland und Italien war von Kriegsbegeisterung keine Rede. Und Neville Chamberlain und sein französischer Amtskollege Édouard Daladier wurden von den Münchnern am Straßenrand gefeiert, als sie zur Konferenz anreisten und mit der Botschaft wieder abfuhren, der Friede sei – vorerst – gesichert.
Nur hatten sie eben Hitler im Grunde alles zugestanden und ihm einen Triumph verschafft, der den Diktator geradezu dazu animierte, fortan jede durch das Völkerrecht gezeichnete Linie zu übertreten und ein Land nach dem anderen zu überfallen. Der Krieg war bestenfalls vertagt. Aber warum versuchte Chamberlain mehrmals, Hitler zu treffen und ihm so etwas wie ein Friedensabkommen abzuringen?
Die Last imperialer Reiche
Die beiden Historiker Christian Goeschel und Daniel Hedinger weiten in diesem Buch den Blick, nehmen die außereuropäische Ebene mit unter die Lupe. Denn München 38 hatte nicht nur Auswirkungen, die weit jenseits Europas sichtbar wurden. Hier sind auch die Gründe zu finden, warum gerade Chamberlain so beharrlich versuchte, Hitler von einem Krieg abzuhalten. Denn Großbritannien und Frankreich waren eben nicht nur Demokratien. Sie besaßen zu diesem Zeitpunkt auch noch riesige Kolonien. Kolonien, die auch ihre Militärreserven banden.
Und in diesen Kolonien – von Indochina über Indien bis Palästina – beobachtete man sehr genau, was in Europa passierte. Längst gab es die ersten Unabhängigkeitsbewegungen. Und in London wie Paris befürchtete man berechtigterweise, dass man seine Imperien verlieren könnte, wenn man jetzt in einen Krieg mit Deutschland verwickelt würde. Eine Zwickmühle, in der Chamberlain noch glaubte, es würden die alten Regeln gelten und Verträge mit einem faschistischen Machthaber könnten länger gelten als die Nacht, in der sie unterzeichnet wurden.
Chamberlain brauchte lange, um zu begreifen, dass er von Hitler einfach über den Tisch gezogen wurde. Dass die neuen faschistischen Regime auf Verträge und Völkerrecht einfach pfiffen. Sie fühlten sich im Aufwind, hielten sich für die Zukunft der Welt. Und hatten ohnehin ganz andere Vorstellungen von der Welt, wie sie sein sollte, als die demokratischen Staaten im Westen.
Dass das „Sudetenland“ für Hitler nur der Anfang war für einen blutigen Raubzug immer weiter nach Osten, das wurde auch all den Menschen, die Chamberlain 1938 noch für seinen „Erfolg“ in München gefeiert hatten, spätestens im Jahr 1939 deutlich.
Ein Triumph für die Faschisten
Aber wie zuvor erwähnt: Goeschel und Hedinger machen in diesem Buch deutlich, wie sehr die Kolonialpolitik die – schwache – Haltung von London und Paris bestimmte, „handelte es sich beim Appeasement doch um einen Versuch der Franzosen und Briten, ihre Imperien zu bewahren, und nicht nur darum, einen Krieg mit dem Dritten Reich zu vermeiden.“
Und gleichzeitig nutzten sowohl Hitler als auch Mussolini die Gelegenheit, um sich als diejenige zu inszenieren, die fortan bestimmten, was in der Welt geschah. „Schamlos wurde hier das bedrohliche Szenario einer neuen, auf Gewalt, Rassismus und Vernichtungskrieg basierenden Weltordnung zur Schau gestellt.“
München war für Hitler nichts anderes als Teil einer Inszenierung. Und gerade Chamberlains Verhalten bestärkte ihn in der Überzeugung, dass weder die Franzosen (die immerhin einen Beistandspakt mit der Tschechoslowakei hatten) noch die Briten eingreifen würden, wenn er sich jetzt ein Land nach dem anderen zur Beute machen würde.
Dass beide Länder dann trotzdem Deutschland den Krieg erklären würden, als die Wehrmacht 1939 Polen überfiel, schien Hitler selbst überrascht zu haben. Doch alle „Blitzsiege“ der Jahre 1939 und 1940 wiegten ihn in trügerischer Sicherheit, er würde mit seinen Raubzügen durchkommen und immer mehr Länder würden der Achse Berlin, Rom, Tokio beitreten.
Aber Goeschel und Hedinger werfen auch immer wieder einen Blick auf den Krieg in China und das Taktiieren der Japaner, die im fernen Asien ganz ähnlich versuchten, ein riesiges Imperium aufzubauen. Hier war es die Schwäche und das zeitweise ebenfalls praktizierte Appeasement der Engländer und Franzosen, die Japan die Spielräume eröffneten, große Teile Chinas zu erobern. Eine Schwäche der alten Kolonialmächte, die das faschistische Moment bestärkte und in Japan jene Kräfte dominieren ließ, die schon immer für Raub und Eskalation gewesen waren.
Die Verachtung der Diktatoren für den Frieden
Das ist die eigentliche Lehre von München: Dass sich Faschisten von Abkommen, friedlichen Gesprächen und Kompromissen nicht beeindrucken lassen. Der Krieg und die Unterjochung Anderer gehörten von Anfang an zu ihrem Denken. Und Zurückweichen interpretierten sie schon als Niederlage und regelrechte Aufforderung, ihre Forderungen noch zu steigern.
Und so steht München 38 eben auch für einen Lernprozess auf demokratischer Seite: dass man Diktatoren mit Friedensverhandlungen nicht beikommt, weil sie diese Sprache schlicht nicht akzeptieren. Die beiden Autoren haben recht, wenn sie am Ende betonen, dass die Ereignisse um München 38 eine Botschaft für unsere Gegenwart haben, in der ja wieder diverse autokratische Regime versuchen, den Gang der Weltgeschichte nach ihrem Willen umzustürzen.
Dabei sind noch nicht einmal alle Folgen der verkorksten Appeasement-Politik von 1938 ausgestanden. Denn im Schatten der Münchner Konferenz fielen weit abseits des Geschehens auch Entscheidungen, die bis in die Gegenwart fortwirken. Dazu gehört auch das Opfern der Zweistaatenlösung in Palästina, weil die „Schutzmacht“ Großbritannien mit diesem Verzicht versuchte, die rebellischen Araber zu beschwichtigen. Auch das ist ein Aspekt von Appeasement, wie die beiden Autoren erläutern, die natürlich auch versuchen, diesen Begriff in seinen verschiedenen Erscheinungsformen zu erläutern.
Denn auch wenn es erst nach München zum allgemeinen Vokabular in den Zeitungen und Parlamentsreden wurde, war es auch schon vorher politische Praxis. Und es kam nicht nur im Politikarsenal der Briten vor, die schon damals eine fast dreihundertjährige Erfahrung hatten damit, mit Kompromissen und „freundlicher Einflussnahme“ die Politik in Europa zu beeinflussen.
Eine Politik, mit der es ihnen über lange Zeit gelang, das Aufkommen einer aggressiven Macht im Herzen Europas zu verhindern. Doch mit einem faschistisch regierten Deutschland funktionierte das nicht mehr.
Falsches Denken in Schwarz/Weiß
Was freilich nicht das Ende von Appeasement in der Politik war. Wobei Goeschel und Hedinger eben auch zeigen, dass München 38 im Lauf des 20. Jahrhunderts oft auch als falsches Etikett benutzt wurde – etwa von den wutschäumenden Gegnern der Entspannungspolitik von Willy Brandt. Denn in diesem kleinen Exkurs in die Zukunft zeigen die beiden Historiker eben auch, dass Politik kein Entweder/Oder kennt. Das sind nur die rabiaten Kategorien der Faschisten, die Entgegenkommen und Verhandlungsbereitschaft schon als Kotau interpretieren.
Weil in ihrem Weltbild einfach kein Platz hat, dass demokratische Regierungen flexibel reagieren können und Konflikte lieber friedlich und einvernehmlich lösen, bevor sie ihren Wählern Aufrüstung und Krieg zumuten. Wenn Kompromisse den Frieden erhalten, werden Kompromisse gesucht.
Dass demokratisch gewählte Regierungen auch falsch agieren können, weil sie die Lage vor Ort völlig falsch einschätzen und die eigene Macht überschätzen, machen ja Beispiele wie Vietnam, Afghanistan und Irak deutlich.
Aber Goeschel und Hedinger machen eben auch minutiös klar, wie befreiend die Nachricht vom Münchner Abkommen damals nicht nur in Europa aufgenommen wurde. Denn die immer grelleren Forderungen Hitlers hatten ja die Angst vor dem Krieg immer weiter gesteigert. Und gerade die Europäer konnten sich noch sehr gut an die Finsternis des Ersten Weltkriegs erinnern. Und sie ahnten, dass ein kriegerischer Konflikt um die Tschechoslowakei rasant zum weltweiten Flächenbrand werden würde. Das war auch den Journalisten in China, Indien, Brasilien und Palästina klar.
Faschismus, Imperialismus, Unabhängigkeit
Man staunt, wie weit die Auswirkungen von München 38 reichten. Was schlicht damit zu tun hat, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs oft nur aus europäischer Perspektive erzählt wird. Und die riesigen Kolonialreiche der Briten und Franzosen einfach ausgeblendet wurden, als hätte ein Krieg in Europa dort gar keine Auswirkungen gehabt.
Aber gerade die Kapitel zu Indien zeigen, wie eng verflochten die politische Welt damals schon war und dass es in Ländern wie Indien eben auch gleichzeitig um die Frage der Unabhängigkeit ging. Und damit um die Entscheidung, wen man nun zuerst bekämpfen sollte – den Faschismus oder den britischen Imperialismus.
Ein sehr erhellendes Buch, das erstmals so konzentriert zeigt, wie weit die Auswirkungen von München 38 reichten. Und wie eng die Spielräume gerade eines Neville Chamberlain waren, der viel zu lange glaubte, er könne mit einem Diktator wie Hitler auf Augenhöhe verhandeln und ihn mit einem Friedensabkommen einhegen.
Was ihn gleichzeitig völlig blind dafür machte, was die Abtretung des „Sudetenlandes“ an Deutschland eigentlich für die Zukunft der Tschechoslowakei bedeutete, die in München gar nicht mit am Verhandlungstisch sitzen durfte. Übrigens genauso wenig wie die Sowjetunion, die ihrerseits einen Beistandspakt mit der Tschechoslowakei hatte.
Es war also längst vorgezeichnet, dass diese „friedliche“ Abtretung massive Folgen haben würde. Die einige Politiker auch in London sahen, die – wie Winston Churchill – gar nicht verstehen konnten, dass man mit dem säbelrasselnden Deutschland so einen unterwürfigen Vertrag schließen konnte.
Die Sehnsucht nach Frieden
Es ist ein Buch, das etwas erzählt, was in der landläufigen Geschichtserzählung gern hinter Vereinfachungen verschwindet: dass solche Ereignisse immer eingebettet sind in internationale Verstrickungen. Und dass die Folgen weit über das verhandelte Objekt – die scheinbar so unwichtige Tschechoslowakei – hinausreichen. Bis hin zu der Frage, ob das Völkerrecht einfach so aufgekündigt werden darf, wenn ein gieriger Politiker meint, er müsse die Grenzen – mit oder ohne Gewalt – verschieben und die Existenz von Nachbarländern infrage stellen.
Auch das ein Aspekt der Gegenwart, an dem sich Diskussionen entzünden, die meist genauso in Ausschließlichkeiten münden. Als läge darin die Lösung. Man wünscht sich ja so sehr den Frieden. Da unterscheiden sich die Menschen des Jahres 2026 in nichts von denen des Jahres 1938.
Nur haben Autokraten ganz andere Vorstellungen von Sieg, Frieden und Macht. Und von den Regeln, nach denen gespielt werden soll. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse von München 38. Was es heutigen Politikern nicht die Bohne leichter macht, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen.
Christian Goeschel, Daniel Hedinger „München 38. Die Welt am Scheideweg“, C.H. Beck, München 2026, 28 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:















Keine Kommentare bisher