Um Geister und Gespenster geht es in diesem neuen Gedichtband des Leipziger Lyrikers Sascha Kokot nicht wirklich. Eigentlich überhaupt nicht. Mit Übersinnlichem hat er so überhaupt nichts am Hut. Auch nicht im Kapitel „Geister“, das es in diesem Buch tatsächlich gibt. Aber da fängt Kokot vor allem jene geisterhafte Technikwelt ein, die uns heute umgibt. Auf zutiefst poetische Weise. Und zeigt damit, dass wir unser Leben hier auf Erden wahrlich poetisch erleben können. Es steckt in uns. Dichter wie Sascha Kokot zeigen es uns.
Im Grunde sind seine Gedichte intensive Gespräche mit dem Leben. Nie ohne Gegenüber. Fast beschwörend, weil er nur zu gut weiß, wie oberflächlich die meisten Menschen durch ihren Aufenthalt auf Erden rasen. Ohne Blick für all die seltsamen Dinge, die uns begegnen.
Ohne Worte dafür, wie atemberaubend es sein kann, am Leben zu sein. Oder – wie im Kapitel „Flocke“ – mitzubangen, wie aus einer kleinen Eizelle nach und nach ein lebendiges Wesen entsteht. Was in diesem Fall besonders dramatisch wird, weil es dieses kleine Wunder nur durch künstliche Befruchtung gibt. Ein Bangen, das viele Eltern kennen, die sich trotzdem ein Kind wünschen.
Und nur scheinbar klingt es wie gedämpfte Emotionen, wenn Kokot diese Reise in das große Bangen beschreibt. Wie ein Tagebuch, in dem die Emotionen hinter scheinbar alltäglichen Beobachtungen schlummern, lauern, warten. So, wie unsere überwältigenden Emotionen immer unten lauern, ganz unten am Grund, weil wir einfach weiterfunktionieren und hoffen, dass es unser Leben nicht aus den Angeln hebt, wenn dann der lang ersehnte Anruf kommt.
wir schreiben ein neues leben
Doch genau das ist der Hallraum, in dem wir spüren, dass das Dasein nicht oberflächlich ist, dass darunter all die Schichten unsers Hoffens und Bangens liegen, die Ahnung, dass es permanent um mehr geht als um das blanke Funktionieren, wie es scheinbar von uns erwartet wird. Mit Kokot spürt man, dass uns etwas mit dieser lebendigen Welt verbindet, das voller Abgründe, Verheißungen und Erwartungen ist. Selbst wenn es so scheinbar sachlich dahef kommt: „wir schreiben ein neues leben / grob eingezeichnet in den kalender / mehr bleistift als hand und fuß / muss es sich noch festbeißen …“
Man merkt, wie dieser poetische Ton hilft, das kaum Benennbare dennoch in Worte zu fassen, es geradezu in die Hände zu nehmen und mit einer Aufmerksamkeit zu betrachten, die die Poesie unserer Welt erst sichtbar macht. Denn Poesie hat immer mit dem Staunen über das Unfassliche zu tun. Und was wäre unfasslicher als das Leben mit all seinen Freuden und Unberechenbarkeiten?
Und Kokot zeigt im Grunde, wie man mit diesem Blick für die Poiesie der Welt lebt. Seine Gedichte sind wie Tagebucheinträge, kleine Monologe, die wie Angebote an die Lesenden sind: Hier, schau her. Das ist sie. Meine Welt. Unsere Welt.
Und das Schöne für die Leipziger: Er lebt in Leipzig. Und macht Leipzig immer wieder zur Kulisse seiner Texte. Besonders im Kapitel „Quartier“, das gleich mit einem Gedicht über die rumpelnde Anwesenheit der LVB beginnt: „Trams gewittern durch die Straßen / diese kolossalen Tiere einer Stadt / grasen an den Haltestellen / wiederkäuen müde Flaneure …“
Man weiß beim Lesen schon: Wir können unsere Stadt alle ganz anders sehen. Lebendiger, bildhafter, wenn wir es nur mit den Augen des Dichters tun. Und seiner Phantasie, der die Bilder immer weiter denkt, wenn er sich gar in das Seelenleben einer Straßenbahn hineinversetzt und ihre Ängste und Träume im Depot.
Das Unerhörte um uns
Das kommt so selbstverständlich daher, dass man fast vergisst, wie sehr wir sonst in Zorn und Frustration auf unsere Stadt und alle ihre Bewohner schauen. Weil wir verlernt haben, bei uns zu sein. Die Augen zu öffnen und den Gedanken den Raum zu lassen, das Unerhörte um uns zu erfassen. Das immer da ist. Ob im Aquarium der Kneipe an der Ecke, wo die Gäste zu Fischen werden, im Raureif am Morgen, im neuen Quartier, dessen Poesie noch zu entdecken ist. Mit Krähen auf den Bäumen und einer schmalen Sichel über dem Küchenholz.
Wir sind verflochten mit dieser Welt, vernetzt, nicht nur durch stille Kabel und gefräßige Serverfarmen irgendwo hinterm Horizont. Auch durch Fäden, die uns mit den Menschen verbinden, die um uns sind, bei uns. Oder gegangen sind. Auch das findet man in diesem Buch, ganz hinten im Kapitel „Nachhall“, in dem der Dichter bildreich mit dem Abschied von der Mutter auch die Erinnerungen seiner Kindheit durchwandert.
All jene Geschichten, die wir im Kopf tragen und die uns vergewissern lassen, dass wir nicht aus dem Nirgendwo kommen, sondern aus Geschichten, die uns mit der Vergangenheit verbinden. Das sind unsere Wurzeln. Und unsere Vorstellung davon, wer wir eigentlich sind.
Auch wenn sich diese Geschichten verändern. Nichts bleibt, wie es war. Es ist auch eine stille Trauer, die in Kokots Gedichten mitschwingt. Eine Trauer, die wir in unserem hektischen Alltag selten zulassen. Wir wissen zwar, dass das Leben an uns vorüberrauscht. Aber wir verdrängen, was es alles mit sich nimmt. Wie wir selbst „erodieren“, während wir altern und den Kindern beim Toben auf der Straße zusehen und das Haus der Mutter all seine Wunden zeigt, als es Zeit wird, es auszuräumen. Und wir nur wenige Dinge zu behalten.
Warten auf den Anruf
Was bleibt von einem Leben? Oder sollen wir einfach mit dieser leisen Neugier auf das, was passiert, die Tage verbringen. Manchmal überrascht von einem Platzregen, der die Stadt flutet. „am laufenden Band wechselnde Kulissen / eben noch flutete Licht unsere Zimmer / nun steht der Hinterhof unter Wasser / am Himmel treiben Gewitter westwärts …“
Nein, sollen sollen wir nicht. Aber Kokot nimmt seine Leser mit in dieses aufmerksame Wahrnehmen des Daseins, dessen Wärme er spüren lässt. Mitsamt seiner Vergänglichkeit. So wie im letzten Gedicht, in dem ein friedlicher November ihn daran erinnert, dass ihn ein Jahr zuvor die Todesnachricht erreichte, was jetzt – in diesem Moment – kollidiert mit dem Warten auf einen Telefonanruf. Das Leben geht weiter. Aber wir wissen nicht, was als nächstes geschieht.
Sascha Kokot „Geisternetze“, Gans Verlag, Berlin 2026, 20 Euro.
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