Dieses Buch zeigt nicht nur mit seiner Seitenzahl, dass fast neun Jahre Arbeit drinstecken. Begonnen hat alles, so berichtet der beim „The New Yorker“ tätige Wirtschaftsjournalist John Cassidy, mit dem Präsidentschaftswahlkampf 2016, als Bernie Sanders um die Kandidatur bei den Demokraten kämpfte. Es war Sanders’ Wahlkampf, der Cassidy auf die Idee brachte, 300 Jahre Kapitalismus einmal konsequent aus der Perspektive seiner Kritiker zu betrachten. Dass ein egoistischer Milliardär damals die Präsidentschaftswahl gewann, dürfte seinem Vorhaben erst recht Auftrieb gegeben haben.

Denn selten zuvor wurde auch in der amerikanischen Politik so deutlich, wie die Reichen und Superreichen die Politik gekapert haben und Politik ganz allein im Interesse ihrer eigenen Gier machen. Da ist natürlich die Frage: Ist das gesetzmäßig? Ist es eigentlich zwangsläufig, dass die Profiteure des Kapitalismus auch die Demokratie kapern und eine Oligarchie errichten? Steckt das irgendwo in den Grundgesetzen des Kapitalismus?

Eine Frage, die nicht alle Ökonomen bewegt. Die meisten Ökonomie-Lehrstühle sind heutzutage mit Leuten besetzt, die sich diese Frage nicht einmal stellen, die glauben, mit Formeln und Kurven die Konjunkturen des Kapitalismus beschreiben zu können und damit ein objektives Bild der Wirklichkeit zu zeichnen. Sie beraten Thinktanks und Regierungen.

Und trotzdem rollt eine Krise nach der anderen heran, kaum dass die Folgen der letzten Krise irgendwie ausgebügelt wurden. Und mittlerweile zeigen sich auch weltweit die dramatischen Folgen eines völlig entfesselten Kapitalismus, der nicht nur die Ressourcen der Erde plündert, sondern auch unsere Lebensgrundlagen rücksichtslos zerstört. Und seit Jahren geht auch die Kluft zwischen Arm und Reich wieder dramatisch auseinander.

Der viel beschworene Markt richtet es also nicht. Auch wenn das seit Ronald Reagan und Maggie Thatcher von ahnungslosen (oder gekauften) Politikern immer wieder behauptet wird.

Kapitalismus und Demokratie

Das Dilemma ist: Es gibt keine andere Wirtschaftsordnung, die so viel Wohlstand produzieren kann. Der Kapitalismus hat seit seinen Anfängen in England nicht nur die Technik revolutioniert, sondern auch die finanzielle Basis dafür geschaffen, dass moderne Staaten mit einem ausgebauten Sozialstaat existieren können. Gehören also Kapitalismus und Demokratie zusammen? Oder gibt es gar echte gangbare Alternativen, wie es viele Kritiker des Kapitalismus seit Robert Owen, Charles Fourier und Karl Marx immer wieder gehofft hatten?

Alle Experimente dazu sind ja bekanntlich im Lauf der letzten 200 Jahre gescheitert oder sind gar – wie in der Sowjetunion – in eine gnadenlose Diktatur abgerutscht. Und Marx ist eigentlich tot, wenn man dem Mantra der heutigen Mainstream-Ökonomen glauben darf. Was eigentlich nur deutlich macht, dass sie gar kein Interesse daran haben, die Funktionsweise des Kapitalismus zu begreifen, mit der sich Karl Marx beschäftigt hat.

Weshalb es gar nicht überrascht, dass etliche der kritischen Wirtschaftswissenschaftler, die Cassidy in seinem Buch porträtiert, längst wieder bei Marx und Engels anknüpfen, auch wenn sie zu anderen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen.

Denn geplatzt ist ja auch der Traum von Marx und Engels, die „Proletarier aller Länder“ würden sich vereinigen und eine „Diktatur des Proletariats“ errichten, also irgendwie gesetzmäßig die Kapitalisten ablösen. Und dann? Diese Frage haben weder das „Kommunistische Manifest“ noch „Das Kapital“ beantwortet.

Genauso, wie Karl Marx am Ende ratlos vor den immer neuen Krisen des Kapitalismus in seiner Zeit stand, jedes Mal hoffend, jetzt würde der Kapitalismus zusammenbrechen und dann könnten die Proletarier die Macht übernehmen.

Krisen und Globalisierung

Doch das passierte einfach nicht. Im Gegenteil: Krisen haben sich als Wesensmerkmal der kapitalistischen Wirtschaftsweise erwiesen, prägen die Entwicklungen sogar in kurzen und in langen (Kondratjew)-Wellen, die mit immer neuen Technologiezyklen korrespondieren. Da streiten auch die größten Kritikerinnen und Kritiker nicht mehr ab, dass es keine andere Wirtschaftsordnung gibt, die ein derart enormes Innovationspotenzial hat.

Wäre da nicht die ernüchternde Erkenntnis, dass die Früchte des Konjunkturaufschwungs in den letzten Jahrzehnten nicht mehr bei den Malochern, Proletariern, Armen und Niedriglöhnern ankamen. Im Gegenteil: Alle Staaten des kapitalistischen Westens erlebten den Verlust großer Teile ihrer Industrie. Ganze Landschaften in den USA, Frankreich, England und eigentlich auch in Deutschland verwandelten sich in rust belts, in abgehängte Regionen, in denen die alten Fabriken leerstehen und die einst stolzen Industriearbeiter zu einem Heer von Arbeitslosen geworden sind.

Die gefeierte Globalisierung führte dazu, dass Millionen Industriearbeitsplätze in Länder wie China abgewandert sind. Die Arbeiter im Westen stehen also mit der billigeren Konkurrenz in Asien in direkter Konkurrenz. Und sie haben kaum Mittel, sich zu wehren. Sie sind es natürlich auch, die am anfälligsten sind für populistische Vereinnahmung. Erst recht, wenn auch noch Sozialprogramme zusammengestrichen werden und keine neuen Alternativen auf dem Arbeitsmarkt entstehen.

Laissez-faire und Schocktherapie

Und so überrascht es nicht, dass sich viele Ökonomen seit John Maynard Keynes und Karl Polanyi intensiv mit der Rolle des Staates beschäftigt haben, der ja als einzige Instanz in der Lage ist, kapitalistische Auswüchse zu bändigen, Krisen zu mildern und Wohlstand umzuverteilen. Ein Thema, das scheinbar seit dem einflussreichen Wirken von Friedrich August von Hayek und Milton Friedman erledigt schien.

Beide kommen in Cassidys Buch ebenfalls vor, obwohl sie eigentlich nicht zu den Kritikern des Kapitalismus gehören. Im Gegenteil: Beide haben den Laissez-faire-Kapitalismus propagiert, wie er noch im 19. Jahrhundert dominierte, bis Regierungen – wie die in den USA – daran gingen, die wild wuchernden Trusts zu zerschlagen und erste strikte Regeln für den Markt zu erlassen.

Regeln, die nach dem in den 1970er Jahren in die Krise geratenen Keynesianismus Stück um Stück wieder abgeschafft wurden. Und zwar nicht nur in den USA und Großbritannien. Chile ist bekanntlich das erste Experimentierfeld der sogenannten Chicago Boys gewesen, die die wilden Ideen Milton Friedmans im Rahmen der frisch installierten Pinochet-Diktatur umsetzen. Und es blieb nicht bei dieser einen Schock-Therapie, um hier auch Naomi Klein ins Spiel zu bringen, die erstaunlicherweise in Cassidys Buch nicht vorkommt.

Dafür kommen einige namhafte Ökonomen ins Bild, die ganz ähnlich wie Naomi Klein auf die Wirkungen des Neoliberalismus schauen, hinter denen nun einmal das Agieren einer einflussreichen Gruppe von Reichen sichtbar wird, die ihre Vermögen in den Jahren seit der Installation des Neoliberalismus vervielfacht haben.

Und nicht nur Naomi Klein wies ja darauf hin, dass die Instrumente aus dem Werkzeugkasten von Hayek und Friedman auch dort angewendet wurden, wo der einstige Kolonialismus sich im 20. Jahrhundert in den Neokolonialismus verwandelt hat, mit dem weiterhin die Länder im globalen Süden arm gehalten werden, die Ressourcen von den Konzernen des Nordens ausgeplündert werden und Entwicklungsmodelle wie die in China und Indien eher die Ausnahme sind.

Politik für die Superreichen

Es überrascht also nicht, dass auch Kritiker von Rassismus, Sklaverei und (Post-)Kolonialismus in Cassidys Buch gewürdigt werden. Und mit dem mittlerweile regelrecht zum Star gewordenen französischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty wird auch thematisiert, wie sich die Vermögen der Superreichen seit den 1980er Jahren vervielfacht haben, während die Einkommen der unteren Schichten bestenfalls stagnierten.

Die Rezepte dazu kennt man auch aus Deutschland, wo die Spitzensteuersätze für die Hochverdiener genauso gesenkt wurden wie die Steuern auf Erbschaften und Vermögen. Und auch bei der Deregulierung der Finanzmärkte hielt sich Deutschland nicht zurück.

Und so wird etwas deutlich, was in der klassischen Ökonomie einfach kein Thema ist, wo man den Markt und die darauf handelnden Subjekte geradezu für rational und berechenbar erklärt hat: dass der Kapitalismus nur deshalb so lange schlecht und recht funktioniert hat, weil ihm klügere Regierungen immer wieder Regeln und Grenzen gesetzt haben.

Womit man wieder bei dem so gern gezausten Karl Marx wäre, für den schon in seiner Zeit klar war, dass es die „reine Ökonomie“ nicht gibt und alle von ihm seinerzeit als Quelle genutzten Autoren daran scheiterten, die Wirtschaft als Teil der gesamten Gesellschaft zu begreifen.

Spätestens seit Polanyi ist die Politische Ökonomie wieder da und sie wurde von jüngeren Ökonomen auch um Aspekte ergänzt, die bei Marx noch nicht vorkamen: Kritik des Rassismus, des Kolonialismus, des Patriarchats und der massiven Umweltzerstörung und des Ressourcenverbrauchs, die spätestens seit den Arbeiten von Nicholas Georgescu-Roegen und der Publikation „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome diskutiert werden.

Der Markt ist nicht rational

Denn gerade mit diesem Bericht des Club of Rome wurde deutlich, dass ein Prinzip, das die klassischen Ökonomen feiern bis zum Abwinken, schlichtweg unverträglich ist mit unseren Lebensgrundlagen. Das ist das Mantra vom Wachstumszwang, ohne den der Kapitalismus nicht funktioniere. Doch auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen führt das zwangsläufig in die Katastrophe.

Und gerade die massiven Angriffe auf alle Ökonomen und Bewegungen, die auf die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung und des Ressourcenverbrauchs hinweisen, machen deutlich, dass man Kapitalismus nicht als reines und rationales Phänomen betrachten kann. Und schon gar nicht als etwas, was außerhalb von Politik passiert.

Und noch etwas wird deutlich, wenn Cassidy den „Erfolg“ des Neoliberalismus und der Globalisierung in den westlichen Staaten beschreibt: wie die Rückkehr zum Laissez-faire-Kapitalismus rechtsextremen und rassistischen Bewegungen in den Staaten des Westens wieder Auftrieb gegeben hat. Auf einmal wurde die Stigmatisierung von Minderheiten und öffentliche Einwanderungsfeindlichkeit wieder politisches Repertoire.

Und zwar ganz bewusst ging es ja darum, Sündenböcke zu deklarieren für eine Entwicklung, bei der die Verluste von Industriearbeitsplätzen, Einschnitte in die Sozialsysteme und massive Einkommensverluste für große Teile der Working Class für Frustration gesorgt haben.

So lenkt man Umut ab, lenkt ihn auf vermeintliche Sündenböcke und kaschiert damit eine ganz bewusste Politik, mit der der Staat systematisch im Interesse der Superreichen umgebaut wurde.

Reichen-Politik und Marktversagen

Und noch ein Aspekt taucht dabei auf, den dann die bekanntesten Vordenkerinnen des Feminismus artikulierten: die Rückkehr des Machotums in der Politik, das mit extremer Frauenverachtung und uralten Rollenklischees einhergeht. Und das, obwohl auch das auf Hochglanz polierte kapitalistische System ohne die – oft unbezahlte – Arbeit von Frauen nicht funktioniert. Und wie schon bei der Diskussion um die Rolle von Sklaverei und Kolonialismus wird deutlich, dass es immer auch um Menschenwürde und Teilhabe geht.

Um eine Gesellschaft, die für alle ihre Mitglieder funktioniert und nicht nur für die schwerreiche Klientel, die sich ihre spezielle Politik kaufen kann und die ihre Milliarden dazu nutzt, Menschenrechte und soziale Sicherung anzugreifen und zu schleifen, wie das aktuell auch wieder in Deutschland Thema ist.

Man bekommt mit John Cassidy eine zwar umfangreiche, letztlich aber sehr konzentrierte Übersicht über die fundierte Kritik am Kapitalismus und seiner politischen Umsetzung seit 300 Jahren, lernt die wichtigsten Autoren und Autorinnen kennen, ihre Argumente und die Resonanz darauf. Und man sieht, wie die Ideen der Kritiker immer wieder auch politisch wirksam wurden – meist gerade dann, wenn sich die gerade regierenden Politiker nicht anders zu helfen wussten und der berühmte „Markt“ einmal wieder komplett versagte.

Das Versagen der Linken

Womit man dann auch ein Thema der Gegenwart streift, das einigen heutigen Ökonomen zurecht Bauchschmerzen bereitet: das Versagen der linken Parteien im Umgang mit den drastischen Folgen von Neoliberalismus und Globalisierung. Große alte sozialdemokratische Parteien wie Labour in Großbritannien und die SPD in Deutschland wirken geradezu entkernt, als hätten sie völlig vergessen, welche Wurzeln sie einst hatten und dass Ökonomie nichts Unpolitisches ist.

Dass der Kapitalismus also auch klare Regeln und Grenzen braucht, denn er ist – auch wenn das gern anders behauptet wird – kein Selbstzweck. Die Frage ist eher, wie er reguliert werden kann und muss, damit das Leben der Menschheit auch in Zukunft gesichert ist. Und das kann nun einmal nur ein Staat, der nicht das wilde BIP-Wachstum zum alleinigen Maßstab macht, sondern die Zukunftsfähigkeit des ganzen Landes und aller seiner Bewohner.

Logisch, dass Cassidy am Ende die Frage stellt: „Das Ende des Kapitalismus oder ein Anfang?“ Denn wenn der entfesselte Laissez-faire-Kapitalismus nicht eingehegt und auf echte Überlebensziele eingesteuert wird, war es das mit der Menschheit. Dann wird das Ergebnis ein verwüsteter Planet sein mit einer verschwindenden Spezies, die zu blöd war, ihre eigene Vernichtung zu verhindern.

John Cassidy „Der Kapitalismus und seine Kritiker“ Propyläen/Ullstein, Berlin 2026, 39 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar