Wenn man in ein gesegnetes Alter kommt wie der Leipziger Architekt, Künstler und Autor Bernd Sikora, dann kann man auch Bilanz ziehen für sein eigenes Leben. Was man erlebt hat. Wie man sich geschlagen hat. Und auch: Was man geliebt hat. Und dass seine Liebe eher den schönen Männern galt, das hat er ja in seinem Lebensroman „Aufgewacht“ schon erzählt. Sehr detailliert, sodass man auch einen Eindruck bekam, wie es sich als junger schwuler Mann in der DDR lebte.

Ein Thema, das den Galeristen Tobias Wachter von der Irrgang Fine Arts in Berlin besonders interessierte. Denn dass sich die Erfahrungen von schwulen Männern in Ost und West deutlich unterschieden, ist ja schon länger bekannt. Nur wie sah es dann wirklich aus, wenn ein junger Mensch im Osten seine Homosexualität entdeckte und den Umstand, dass ihn die Körper junger Männer mehr faszinierten als die junger Frauen?

In „Aufgewacht“ schildert Sikora ja, wie er sich in dieser Rolle zurechtfand. Und auch, wie ein einfühlsamer Grafiklehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), an der er studierte, ihm nahe legte, dann doch lieber nackte männliche Körper zu zeichnen, wenn er für schöne weibliche Körper kein rechtes Gefühl hatte.

Und das hat Sikora dann auch getan und im Lauf seines Lebens dutzende junger Männer gezeichnet. Die Blätter wanderten in eine eigene Mappe, die dann auch Tobias Wachter zu sehen bekam. Der Sikora nicht nur ermutigte, seine Lebensgeschichte als schwuler Mann im Osten einmal aufzuschreiben. Gleichzeitig entstand das Projekt einer Ausstellung und dieses Bildbands, der die Zeichnungen aus der Mappe nun auch öffentlich gemacht hat.

Engsichten und Freiräume

Und nicht nur das. Denn im einführenden Interview mit Bernd Sikora leuchtet Wachter auch den Hintergrund aus, vor dem die im Band enthaltenen Zeichnungen entstanden. Da geht es dann nicht nur um zeichnerische Männerakte, sondern eben auch um das Leben eines Leipziger Künstlers, der die Schlenker und Schleifen der DDR-Kunstpolitik mitgemacht hat, die zuweilen hanebüchenen Diskussionen um Moderne, andererseits auch die erstaunlichen Spielräume für neue künstlerische Ansätze zu suchen und zu nutzen lernte.

Denn natürlich geht es hier auch um die Diskussion: Wie konnte man als Künstler in der DDR überleben, wie ging man mit Bevormundung um oder gar Zensur, wenn eine künstlerische Arbeit die engstirnigen Grenzen der Oberen überschritt? Andererseits gab es in der DDR ein dicht gewebtes Netz, in dem die Künstler mit staatlichen Aufträgen versorgt wurden und ziemlich viele Freiheiten hatten in der Umsetzung.

Auch Freunde und Mitstreiter kommen ins Bild. Denn auch das wurde ja in „Aufgewacht“ schon deutlich: Ganz allein auf sich selbst gestellt hatte man auch in der DDR keine Chance, auch nur einen Zipfel seiner Träume zu verwirklichen. Man brauchte Unterstützer, Freunde, Netzwerker. Und Sikora selbst wurde so ein Netzwerker, der sich im Kunstleben der DDR seine eigenen Freiräume schuf und dabei die eigene Sexualität ganz und gar nicht in den Vordergrund rückte.

Verstecken ist keine Lösung

Auch das thematisiert Wachter im Gespräch, verweist insbesondere auf den Künstler Jürgen Wittdorf, der auch in der DDR schon mit homoerotischen Motiven ein großes Publikum erreichte. Aber dieses Bedürfnis hatte Sikora gar nicht, auch wenn er Wittdorf kannte. Aber für ihn war es nicht wichtig, seine Sexualität ins Zentrum seiner künstlerischen Arbeiten zu stellen, auch wenn er sich schon früh dazu bekannte und mit einem bekannten Leipziger Kunstkritiker eine Partnerschaft lebte.

Doch auf Wachters Nachfrage betont er trotzdem, dass man als Künstler letztlich auch nur unbelastet arbeiten kann, wenn man sich nicht versteckte, sondern sich auch gegenüber der Öffentlichkeit ehrlich zeigte. Womit er eigentlich das Grundproblem aller heutigen Diskussionen um Queerness anspricht: wie verklemmt die ganze Diskussion und die konservative Gesellschaft sowieso sind. Lieber wird – abwertend und ausgrenzend – über die Sexualität anderer Leute geredet, statt eine wirkliche Akzeptanz für andere Haltungen, Meinungen und eben auch sexuelle Orientierungen zu entwickeln.

Die Moderne in der DDR

Da war die Gesellschaft in der DDR schon weiter. Weshalb sich ja Wachter so für Sikoras Zeichnungen und Lebensgeschichte so interessierte. Aus der Lebensgeschichte ist ein Roman geworden. Aus Sikoras Zeichnungen dann eine Ausstellung und dieser Katalog, der Zeichnungen aus den Jahren 1962 bis 1994 enthält. Außerdem einen kleinen Essay von Tobias Wachter und Alexander Schug zu Sikoras figürlichem Zeichnen, das die beiden in der „klassischen Moderne“ verorten.

Was ja auch stimmt. Wer sich genauer damit beschäftigt, findet mehrere Bezüge zu den Kunstentwicklungen im 20. Jahrhundert. Was dann auch wieder mit Sikoras Arbeit als Grafiker und auch als Architekt korrespondiert, in der er auch schon in seinen frühen Jahren in der DDR versuchte, die Kunstentwicklungen der Moderne aufzunehmen und in seine Arbeit zu integrieren.

So gesehen ist auch dieser Katalog ein Diskussionsbeitrag zur Kunst in der DDR, die einige manische Experten ja nur zu gern als „Staatskunst“ entsorgt hätten, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, wie die Künstler im eingegatterten Ländchen ihre eigenen Wege suchten und ihre eigenen Freiräume, Kunst zu machen, die ihre Betrachter faszinierte und sich vor den modernen Strömungen im Westen nie verstecken musste.

Im Gegenteil: Da sie immer wieder den Menschen in seinen vielfältigen Beziehungen zur Welt und zum eigenen Leben in den Mittelpunkt stellte, erzählen die Arbeiten Geschichten, die man bei den gefeierten Stars im Westen oft vergeblich sucht.

Tobias Wachter/Irrgang Fine Arts (Hrsg.) „Jungs. Das zeichnerische Werk von Bernd Sikora“ Vergangenheitsverlag, Berlin 2025, 30 Euro.

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