Es ist fast eine Lebensaufgabe, die sich der langjährige Literatur-Redakteur des MDR-Hörfunks Michael Hametner da gestellt hat: Im Gespräch mit (Leipziger) Künstlern versucht er herauszubekommen, was sie beim Kunstschaffen treibt, was sie motiviert, wie Kunst funktioniert und ob man überhaupt drüber reden kann. Mit Detlef Lieffertz hat er jetzt einen besucht, der für eine Richtung steht, die es offiziell in der DDR gar nicht gab: die Pop Art.

Detlef Lieffertz ist für Leipzig noch auf andere Weise wichtig, denn er gehörte zu jener Gruppe von Künstlern und Architekt/-innen, die 1989 – und eigentlich auch schon davor – begannen, um die Rettung der historischen Bausubstanz und die Stadtbauqualität in Leipzig zu kämpfen.

Angela Wandelt gehört zu dieser Gruppe, Bernd Sikora, Peter Guth, Heinz-Jürgen Böhme … Auf sie ging auch die Aktion „Pleiße ans Licht“ zurück. Ohne sie wäre vieles im Stadtumbau der 1990er Jahre anders verlaufen, möglicherweise auch gründlich in die Hose gegangen.Und mal so gesagt: Es ist einfach peinlich, dass kein einziger OBM seitdem auf die Idee kam, diesen Nimmermüden die Ehrenbürgerschaft anzutragen. Vielleicht, weil sie nicht ruhmredig waren und sind. Und auch nicht gefällig. Ihnen waren ihre Aktionen und Projekte immer wichtiger.

Sie haben sich reingekniet wie im Verein Neue Ufer, der inzwischen aber die Waffen gestreckt und die Segel gestrichen hat, weil sich Leipzigs Verwaltung zwar gern ausruht auf den Lorbeeren der neu gewonnenen Flusslandschaft in der Stadt, aber Bürgermitsprache behandelt wie König Krösus.

Freiräume abseits der großen Kunstausstellungen

Natürlich ist das nur ein Thema, das Hametner im Gespräch mit Lieffertz anreißt, den er zu 16 Gesprächen auf seinem Vierseithof nahe Rochlitz besucht hat. Dorthin ist Lieffertz gezogen, auch um sich einen ruhigen Arbeitsort zu schaffen. Irgendwann mag auch ein ausgeglichener Mann wie Lieffertz nicht mehr gegen Mühlen und beratungsresistente Verwaltungen kämpfen.

Auch wenn er mit Heinz-Jürgen Böhme zusammen noch einiges auf die Beine gestellt hat – etwa bei der Restaurierung des Grassi Museums für angewandte Kunst und die eindrucksvollen Ausstellungsgestaltungen. Denn er war ja im Leben nicht immer nur Maler, sogar richtiger ausgebildeter Maler, denn sein Vater betrieb eine Malerwerkstatt.

Aber beim zweiten Anlauf glückte auch die Bewerbung an der HGB, wo er bei Heinz Wagner und Hartwig Eberbach lernte. Und auch wenn er die Professoren mit einer toten Ratte und einer unübersehbar der Pop Art nahen Malerei schockierte, wurde er danach nicht zum enfant terrible der DDR-Kunst.

Ein Punkt, an dem Michael Hametner immer wieder nachhakt, weil es so schwer zu verstehen ist, dass einer wie Lieffertz ungeschoren geblieben sein sollte, wo andere Künstler es mit Ausstellungsverboten und staatlicher Observation und Restriktion zu tun bekamen.

Ein möglicher Grund dafür, dass Lieffertz nicht zum Ziel solcher Kampagnen wurde, ist möglicherweise sein lebenslanges Interesse für angewandte Kunst, was man landläufig auch gern als „Kunst am Bau“ bezeichnet. Da konnte es passieren, dass Lieffertz auf der großen Kunstausstellung in Dresden mit seinen eingereichten Bildern abgelehnt wurde, mit seinen Arbeiten in der angewandten Kunst aber im Katalog gewürdigt wurde.

Dort taten sich, wie er feststellt, Freiräume auf, die durchaus verblüffen. Und Lieffertz und seine Kollegen lernten mit der Gegenseite zu ringen, den Architekten, die für Kunst am Bau nichts übrig hatten und sich nicht reinreden lassen wollten, aber auch den staatlichen Auftraggebern, die nur zu gern schöne Propagandakunst gehabt hätten.

Die sich aber auch erstaunlich offen zeigten, wenn die Künstler mit wirklich eigenen und modernen Ideen kamen. Denn selbst einige der jüngeren Funktionäre tickten ja ganz ähnlich wie diese jungen Künstler, spürten selbst, dass die alten Bilder und Vorstellungen nicht mal zum Selbstbild dieses Landes passten, das so gern modern sein wollte. Das schuf Freiräume. Darüber reden die beiden immer wieder.

Ab wann wird Kunst politisch?

Genauso wie über die Frage, ob man in der DDR unpolitisch sein konnte. Ein spannendes Thema, das Hametner ja auch in seinem Buch „Deutsche Wechseljahre“ streift. Denn die übliche Sicht auf DDR im heutigen zusammengepfriemelten Deutschland ist ja: Es gab nur Mitläufer und Bürgerrechtler. Entweder oder. Nichts dazwischen. Obwohl alle Erfahrung sagt, dass die meisten Menschen immer in diesem Dazwischen leben. Dass man selbst bis zum Schluss für die Idee glühen konnte, die irgendwie in diesem Land steckte, die aber pervertiert und verbrannt wurde.

Oder es tat einem in der Seele weh, wenn die Städte verfielen, so wie es der kleinen kämpferischen Gruppe in Leipzig ging. „Wir haben unser Recht als Bürger in die Hand genommen, damit die Stadt ein lebbarer Ort wird“, sagt Lieffertz. Und gibt dann zu: „Gut, damit war man in der DDR nicht unpolitisch.“

Oder mal so formuliert: Dass 1990 überhaupt Leute da waren, die anpackten und realistische Visionen für eine Stadt wie Leipzig entwickelten, brauchte es diesen selbstverständlichen Bürgersinn auch schon vor 1989. Ein Thema, auf das ja auch Bernd Sikora in seinem großen Lebensbuch „Balanceakte“ einging.

Der Egoismus von heute

Umso erschütternder für Lieffertz, wie dieser Bürgersinn 30 Jahre später wieder abserviert und ignoriert wird: „Die Stadtverwaltung ist verpflichtet, Bürgermeinungen einzubeziehen. Auf dem Papier macht sie das auch. Es kommt im Stadtparlament zu Entscheidungen im Sinne der Bürger, aber später läuft es aus nicht nachvollziehbaren Gründen oft ganz anders.“

Dass es da auch um Interessenkonflikte unterschiedlicher Gruppen geht, ist ihm bewusst. Aber es tobt sich ja da auch noch etwas anderes aus: „Aber abgesehen von diesen schwierigen Konfliktlagen, grassiert heute oft ein Egoismus, der die Interessen der Gemeinschaft ignoriert. Das hat mich mürbe gemacht.“

Aber Hametner begegnet auf dem Vierseithof in Beedeln keinem zermürbten Mann, auch keinem verbitterten Großvater. Immerhin sind beide fast gleich alt, Lieffertz sogar im DDR-Gründungsjahr 1949 geboren, also ebenfalls so ein Hineingeborener, der zwangsläufig lernen musste, mit dem vorgefundenen Land und seinen Funktionären umzugehen. Was eben nicht hieß, sich anpassen und beugen zu müssen.

Davon erzählen auch seine Bilder, mit denen dieser neue Gesprächsband Hametners wieder reich bestückt ist. Wer Lieffertz’ Malerei noch nicht kennt, lernt sie hier kennen und wird erstaunt sein, wie frisch und gegenwärtig alles wirkt – von den frühen Arbeiten in den 1970er Jahren bis in die Gegenwart.

Die Moderne und ihre Schubladen

Über das Wort „modern“ streiten sich die beiden immer wieder. Was nur zu berechtigt ist. Hametners lange intensive Künstlergespräche sind ja auch ein forcierter Versuch, die gängigen Schubladen von Kunstwissenschaft und Kunstmarkt aufzubrechen, die ohne ihre Klassifikationen irgendwie nicht leben können. Und natürlich ist Lieffertz’ Nähe zur westlichen Pop Art unübersehbar. Aber unübersehbar sind auch seine Bezüge zu Max Ernst und Salvador Dalí, also zum Surrealismus.

Die Verwandtschaft liegt aber ganz woanders – nämlich in Lieffertz’ Lust an modernen Mal- und Vervielfältigungstechniken, an Frottage und Collage. Und natürlich in seiner unbändigen Begeisterung für Farbe. Seine Bilder leuchten, frappieren, sind „bunt“, wie es die beiden an einem frechen Spruch von Walter Gropius durchdiskutieren.

Stille Andachtsbilder sind die Arbeiten von Detlef Lieffertz jedenfalls nicht. In ihnen rumort es, manchmal explodiert es auch. Hier arbeitet einer an seinem Bild, bis es knallt – im emotionalen Sinn: Bis er das Gefühl hat, dass es jetzt nicht nur für den Künstler funktioniert, sondern auch für den möglichen Betrachter.

Und in den Gesprächen merkt man, wie viel das mit dem Auge nicht nur für ein lebendiges Stadtbild, sondern auch für stilvolle Biedermeiermöbel und Bauhausstühle zu tun hat. Was vielleicht nur Lieffertz so genau benennen kann, der eben auch weiß, wie sehr Schönheit auch in unserem Alltag eine Rolle spielt. Es ist ja nicht so, dass Künstler nur für eine winzige kunstinteressierte Elite malen, auch wenn das oft so wirkt und der Kunstmarkt von dieser Elite lebt.

Aber alle Menschen haben ein ganz ähnliches Gefühl für Schönheit. Auch die, die nicht mit kunstwissenschaftlichen Phrasen darüber reden können, stattdessen baff und erstaunt auch mal vor Bildern stehen bleiben und nicht mal sagen können, was sie da so in den Bann zieht.

Die lebendigen Rätsel der Welt

So ein wenig spürt man in den Gesprächen, dass Lieffertz genau auf diesen Moment hinarbeitet. Wahrscheinlich genauso wie all die Maler, die im Gespräch auch noch zitiert werden, meist von Hametner als Zitat eingebracht. Und natürlich begegnet man dann auch kurz Neo Rauch, der eigentlich mit einer ganz ähnlichen Intention arbeitet. Es sind wirklich nicht die Künstler, die dafür sorgen, dass wir mit Brettern vorm Kopf durch die Welt laufen. Auch wenn wir – wie in den Bildern von Lieffertz – nicht alles entziffern und entschlüsseln können.

Aber dass wir es entschlüsseln müssen, ist ein Märchen aus dem Schulunterricht. Kunst macht Angebote, in die wir eintauchen können. Manchmal ganz offen, aber dann ist es meist schon plakativ und fesselt auch nicht. Wo es aber dicht und uneindeutig wird, ist etwas angerührt in uns, das wir so gern verdrängen: dass wir ganz genau wissen, dass auch wir nicht alles durch- und überschauen, dass die Welt uns oft genug ein Rätsel ist und gerade da besonders faszinierend, wo sie besonders rätselhaft wird.

Und das beginnt schon bei unserem Menschsein. „Roter Mann, was nun?“ heißt so ein Bild von Lieffertz, in dem er die eigene und damit auch unsere Ratlosigkeit gegenüber dem Leben in Farbe gefasst hat.

In jüngeren Bildern arbeitet er sehr oft mit barocken Vorlagen – insbesondere Kupferstiche des Niederländers Hendrick Goltzius. Bilder, die pure Lebensfreude zeigen, barock aufgeladen. In Lieffertz’ Bildern wirken sie, als würden sie den Rahmen sprengen wollen, uns aus 400 Jahre Entfernung zeigen wollen, was wirklich Lebenslust ist. Dagegen benehmen wir uns alle wie Büßer und Flagellanten, aufs Funktionieren hin optimierte Roboter, die verlernt haben, die Fülle des Lebens zu genießen.

Eigentlich ein Satz, mit dem ich schließen könnte, der aber so in den 16 Gesprächen nicht vorkommt. Denn natürlich ist Kunst immer komplex. Und wird noch komplexer, wenn man dann – wie Hametner – auch noch die Frage nach dem Betrachter und dem Beobachter stellt, gar dem Künstler, der sich beim Beobachten selbst beobachtet. Auch so ein frappierendes Lieffertz-Motiv.

Würdigungen von Weggenossen

Zwischen die Gespräche sind dann auch noch lauter Würdigungen von Lieffertz’ Weggefährten gestreut, die auch noch einen weiteren Blick von außen ermöglichen: Wie wirkte dieser Künstler auf sie selbst? Wie hat er sie bereichert? Das ist wichtig und wird auch viel zu selten getan. Wir sagen viel zu selten einander, wie wichtig wir uns sind.

Ein Aspekt, in dem übrigens auch wieder jene leichte Faszination der Stadt Leipzig in der späten DDR spürbar wird, als man sich in Leipzig „einfach auf der Straße über den Weg lief“. Oder im Café traf. Jeder kannte jeden. Die Stadt war weit weg von der heute erlebten Anonymität, die auch viel mit Abschottung und Abgrenzung zu tun hat. Dem Egoismus, den Lieffertz ansprach.

Wie wichtig da auch ferne und nahe Freunde sind, wird im Gespräch auch angesprochen. Immer wieder kommt Hametner dabei auf ältere und jüngere Arbeiten zu sprechen, versucht sie zu interpretieren und auszuloten. Und Lieffertz versucht, seine Arbeitsweise zu erklären.

Aber das Fazit ist eigentlich ganz ähnlich wie in den anderen Künstlergesprächen zuvor: Was wirklich beim Arbeiten mit Pinsel und Spritzpistole passiert, kann auch der Künstler nicht wirklich erklären. Im Grunde ist jedes Bild ein Annäherungsprozess, eine Suche nach dem Moment, in dem das Bild selbst sagt, dass es jetzt fertig ist. Das passiert meist in einem relativ langen und aufwendigen Prozess. Lieffertz jedenfalls ist kein „Auftragsmaler“, der auf Bestellung malt, was ein Kunde sich wünscht.

Die unerhörte Leichtigkeit der Kunst

„Ich spiele mit den einzelnen Formen“, sagt er an eine Stelle. „Manchmal tagelang oder noch länger. Wenn es am Ende leicht aussieht, wars meist besonders schwer.“

Das würde wohl auch so manche Künstlerkollegin, so mancher Kollege unterschreiben. Ob das Bild dann in eine Schublade passt, die sich die Kunstwissenschaft ausgedacht hat, ist egal. Ob es wirklich gelungen ist, spürt man, wenn man davorsteht. Und nicht gleich loslassen kann, weil man merkt: Ja, da meint einer auch mich. Auch wenn er mich speziell gar nicht meint, sondern das Zeug, das in uns allen rumort, weil wir lebendig sind und aus unseren Lebensrätseln sowieso nicht herauskommen, egal, welcher Mops uns nun gerade wieder erklären will, wie die Welt ist und zu sein hat.

Kunst zeigt uns, dass die Welt so nicht ist. Auch dann, wenn sie – wie die Arbeiten von Detlef Lieffertz – auf dem Kunstmarkt nicht so sensationell gehandelt werden wie das meiste aus der Leipziger Spinnerei, wo Lieffertz auch mal eine Zeit lang sein Atelier hatte, bis ihm das doch zu laut und unruhig wurde und er lieber auf einen Vierseithof zog, der auch Unterkünfte und Workshops für Künstler anbot – bis die Pandemie auch in Beedeln erst einmal Ruhe einkehren ließ. Viel Ruhe, die den Raum schafft, in dem sich Hametner und Lieffertz für 16 Gespräche – und hinterher leckere Mahlzeiten – treffen konnten.

Michael Hametner; Detlef Lieffertz Werkkunstwerk, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021, 25 Euro.

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