Da werden wohl etliche Liebhaber der Mini-Bücher aus dem Buchverlag für die Frau ratlos davor stehen: Pfannkuchen verspricht das neueste Büchlein. Aber es sind gar keine drin. Und auch auf dem Cover sieht man keine. Es sei denn, man lebt im Westen oder Norden der Republik und nennt die flachen Dinger aus Eiern, Milch, Mehl und Wasser tatsächlich Pfannkuchen. Es gibt keine lukullische Grenze in Deutschland, die so klar den Osten vom Westen scheidet wie die Pfannkuchen-Eierkuchen-Grenze.

Denn dieses „globale kulinarische Erbe“ verbindet zwar fast alle Völker miteinander, weil sie es in allen möglichen Varianten allesamt in ihrer Küche haben. Aber es hat viele verschiedene Namen. Einige erwähnt Torsten Kleinschmidt: Galettes, Crêpes, Pancakes, Palatschinken, Poffertjes, Eierkuchen, Bliny. Schon diese Aufzählung lässt einen im Geiste durch die jeweilige Küche reisen, der Duft steigt in die Nase, das Wasser läuft im Mund zusammen.

Wikipedia kennt sogar noch viel mehr Namen: Omelette, wie das gute Stück in der Schweiz genannt wird, oder Plinse, wie es in Ostsachsen und der Lausitz heißt. Und darin steckt wieder das slawische Bliny. So erinnern auch die herzhaften Namen aus der Küche an jene Vorfahren, die einst den deutschen Osten bevölkerten und ganz offensichtlich eine leckere Küche hatten. Auch so etwas vererbt sich.

Und da das Rezept so einfach ist, ist es auch schon recht alt. In der römischen Küche ist es schon nachweisbar, wenn auch sehr dem römischen Geschmack angepasst – mit Honig, Traubenkernöl und schwarzem Pfeffer verfeinert. Diese Römer! Diese Griechen! Auch aus dem antiken Griechenland ist ein Rezept für Tiganites überliefert. Man findet es gleich auf Seite 18, gleich zum Start.

Und darf sich dabei vorstellen, ein genießerischer Grieche zu sein, der beim Verspeisen von Tiganites dem jüngsten Gesang eines Burschen namens Homer lauscht.

Vom Apfel-Eierkuchen in die Welt

Aber gerade weil das Grundrezept so einfach ist, hat es die Küchenmeister/-innen rund um den Globus immer zum Experimentieren angeregt, selbst der Teig ist variierbar, kann mal fluffig und dick sein, mal kross, mal herzhaft. Die wichtigsten Grundrezepte führen alle Neugierigen ein in die flache Materie, die dann zu einer kleinen Reise um die Welt wird. Angefangen natürlich daheim, beim einstigen DDR-Fernsehkoch Kurt Drummer, dessen Apfel-Eierkuchen den Reigen eröffnet.

Und danach wird es einfach exotisch mit pinkfarbenen Eierkuchen aus dem Spreewald, dänischen, französischen, isländischen und italienischen Pfannkuchen-Spezialitäten. Bevor es an die niederländischen Poffertjes und die österreichischen Palatschinken geht.

Stimmt. Da muss man erst mal Pause machen. Denn da bekommt man ganz von allein Hunger und hat die Grundzutaten ohnehin immer da. Nur bei den speziellen Zutaten für die Palatschinken wird es schwierig, wenn man Rosinen, Orangeat, Walnüsse und Zimt schon zu Weihnachten verbraucht hat. Aber man kann ja ausweichen – auf polnische Naleśniki, portugiesische Panquecas de aveia oder russische Bliny.

… denn das Gute liegt so nah

Schweden und Spanien zeigen, was man noch für verrückte Sachen mit den Dingern aus der Pfanne anstellen kann, und bei den tschechischen Liwanzen wir deinem ganz heimelig zumute. Warum weiterreisen, wenn man in Prag schon lukullisch glücklich wird? Naja: Vielleicht um es auch einmal mit ukrainischen Benderyky zu versuchen, einem Stapel amerikanischer Pancakes oder abenteuerlichen Rezepten aus Mexiko, China, Peru und Marokko.

Es ist wirklich ein rund um den Globus verbreitetes Kulturgut, auch wenn es die einen gern süß haben als Füllung oder Belag und die anderen lieber Herzhaftes auf den Fladen geben oder gar darin einwickeln. Es ist – wie so oft – das Einfache, das die Fantasie anregt und einen in der Küche eine längere Einkaufsliste schreiben lässt, weil man das alles nun auch einmal ausprobieren möchte. Gleich mal antik mit den Rezepten aus Rom und Griechenland.

Denn wann kann man schon mal mit brutzelnder Pfanne eine solche Zeitreise machen? Zum Beispiel in die Küche von Klytaimnestra und Agamemnon … obwohl: Sie wird dem Schwerenöter wohl die Tiganites lieber vorenthalten haben, weil der Kerl unbedingt in den Krieg ziehen wollte wegen eines anderen Weibsbilds.

Bleiben wir also lieber bei den Tiganites, Bliny und Palatschinken. Oder Eierkuchen mit heißen Äpfeln. Wer eine gute Küche und lauter pfiffige Eierkuchenrezepte hat, braucht in keinen Krieg zu ziehen. Eierkuchenfreunde wissen das.

Torsten Kleinschmidt „Pfannkuchen, Pancakes & mehr“ Buchverlag für die Frau, Leipzig 2026, 6 Euro.

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