Folgen des Klimawandels

Leipziger Forscher untersuchen jetzt die auftauenden ostsibirischen Permafrost-Gebiete

Für alle LeserDie Gemeinde der Klimaforscher hätte die Diskussion, warum die „Klimaerwärmung“ zu Beginn des Jahrtausends scheinbar zum erliegen kam, wohl klugerweiser nie begonnen. Bis heute argumentieren damit die Lobbyverbände der großen Energiekonzerne. Obwohl man dort genauso gut weiß: Es geht um Energie. Und die muss sich nicht nur in warmer Luft aufstauen. Die pulverisiert auch Polarkappen und Permafrostböden.

Auch das Meer heizt sich immer stärker auf, mussten die Forscher mittlerweile feststellen. Das Bild, das lange Jahre die Köpfe dominierte, dass nur die permanente Erhöhung der Lufttemperatur von der Erderwärmung erzählt, ist bei Forschern längst ad acta gelegt. An zu vielen Stellen macht sich gleichzeitig bemerkbar, was geschieht, wenn immer mehr Energie in der Erdatmosphäre steckt. Gletscher verschwinden, Grönland und die Pole tauen ab und den sibirischen Rinderhirten verwandelt sich der Boden unter den Füßen zu Matsch.

Ein Thema, mit dem sich jetzt eine internationale Gruppe von Geo- und Sozialwissenschaftlern unter Beteiligung von Forschern der Uni Leipzig beschäftigt hat. In einer Studie hat sie den Einfluss der derzeitigen Klimaveränderungen auf die Landschaft und die Bewohner der ostsibirischen Permafrost-Gebiete untersucht. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachblatt „Anthropocene“ veröffentlicht.

„Derzeit beobachten wir in Zentraljakutien eine Beschleunigung der Tauprozesse, was wiederum die Lebensbedingungen der Bevölkerung beeinflusst. Dies konnten wir anhand geowissenschaftlicher Daten und anthropologischer Studien nachweisen“, sagt Dr. Mathias Ulrich vom Institut für Geographie der Universität Leipzig, der gemeinsam mit Prof. Dr. Otto Habeck vom Institut für Ethnologie der Universität Hamburg sowie Prof. Dr. Susan Crate von der George Mason University in Fairfax, USA, an der Studie gearbeitet hat.

Der Fokus der interdisziplinären Forschungen lag auf Landschaftsformen in Zentraljakutien (Ostsibirien, Russland), die vor mehreren tausend Jahren durch das Tauen des Permafrostes entstanden sind.

„Diese Thermokarstsenken bilden offene Graslandschaften innerhalb der borealen Wälder und werden seit Jahrhunderten von der einheimischen Bevölkerung, den Jakuten, zur Weide- und Landwirtschaft genutzt“, erklärt Ulrich.

Das Boreal ist eigentlich die Nacheiszeit. Eine Zeit, die für die polnahen Kontinentalgebiete in Sibirien und Kanada heute noch gilt. In der warmen Jahreszeit erwärmen sich zwar die oberen Erdschichten. Aber darunter ist der Boden meist dauerhaft gefroren. Dort, wo es nach der letzten Eiszeit Aufbrüche in diesen Permafrostböden gab, lässt sich auch heue noch studieren, was passiert, wenn sich auch diese Erdschichten erwärmen.

Im Rahmen der Studie wurde nun erstmals in der Kombination von Sozial- und Geowissenschaften analysiert, wie diese Landschaftsformen genau entstanden sind, wie sie sich derzeit und in Zukunft verändern und vor allem welchen Einfluss die derzeitigen Klimaveränderungen auf die Landschaft haben. Untersucht wurde auch, wie die einheimische Bevölkerung in der Vergangenheit und heute mit dieser Landschaft interagiert und wie deren Nutzung in der nahen Zukunft aussehen wird.

„Wir geben in unserer Studie Empfehlungen und zeigen Perspektiven für zukünftige Forschungsansätze auf“, berichtet Matthias Ulrich.

Durch das Mähen der Senken produzieren jakutische Landwirte große Mengen Heu, die für die Fütterung der Rinder während der Monate mit Schneefall nötig sind. Eine rapide Erhöhung der Temperaturen würde zur Versumpfung dieser Flächen führen. Foto: Prof. Dr. Otto Habeck/Universität Hamburg

Durch das Mähen der Senken produzieren jakutische Landwirte große Mengen Heu, die für die Fütterung der Rinder während der Monate mit Schneefall nötig sind. Eine rapide Erhöhung der Temperaturen würde zur Versumpfung dieser Flächen führen. Foto: Prof. Dr. Otto Habeck/Universität Hamburg

Und Otto Habeck ergänzt: „Eine Möglichkeit, die Anpassungsfähigkeit der lokalen Bevölkerung zu stärken, liegt insbesondere darin, dass Forscher ihre Erkenntnisse und Informationen zu möglichen Umweltveränderungen in jakutischer oder russischer Sprache direkt mit den betroffenen Bevölkerungsgruppen diskutieren.“

Gemeinsam mit lokalen Experten empfehlen die Forscher, Bereiche in ländlichen Regionen zu identifizieren, die für Bauarbeiten und landwirtschaftliche Aktivitäten ungeeignet sind, da sie ein hohes Risiko hinsichtlich des Tauens des Permafrostbodens aufweisen, oder angemessene Maschinen und Methoden für die Weide- und Landwirtschaft in besonders sensiblen Bereichen zu verwenden.

Eine zentrale Schlussfolgerung der Studie ist die Erkenntnis, dass die Zukunft des Ökosystems und die Art der Landnutzung in Zentraljakutien – und generell in den subarktischen und arktischen Regionen – nicht nur von der Geschwindigkeit und dem Umfang der Umweltveränderung abhängt, sondern auch – und in nicht geringerem Maße – von globalen, nationalen und regionalen sozio-ökonomischen Faktoren. Hierzu zählen die demographische Entwicklung, der technologische Wandel, die agrarpolitische Dynamik und die kulturelle Bedeutung von Lebensmitteln sowie ländlichen Lebensgrundlagen. Für die zukünftige Forschung ist daher die Kombination von sozial- und geowissenschaftlichen Erkenntnissen und die intensive Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, regionalen Experten, Medien und einheimischen Landnutzern unablässig.

Oder etwas einfacher formuliert: auch die Bewohner Jakutiens müssen sich auf die direkten Folgen der Erderwärmung in ihrem Lebensraum einstellen. Der Boden unter ihren Füßen verändert sich – was Folgen hat für ihre ganze Wirtschaftsweise.

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KlimawandelSibirien
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