Wir leben in einer Gesellschaft, in der am Ende nur geschützt ist, was auch einen in Geld zu messenden Wert hat. Das wird jedes Mal deutlich, wenn neue Investitionsvorhaben Wälder, Flussufer, Auen, Biotope aller Art bedrohen. Dann wird jedes Mal mit Arbeitsplätzen, Wirtschaftswachstum und dem Geldeinsatz der Investoren argumentiert. Zerstörte Natur aber hat scheinbar keinen Preis.

Und so muss sich auch die Wissenschaft mit der eigentlich völlig unsinnigen Frage beschäftigen, wie man die Ökosystem-Dienstleistungen mit einem richtigen Preis versieht, damit sie gegen die Wachstumslogik einer naturverschlingenden Gesellschaft aufgerechnet werden können.

Und so beschäftigt sich auch ein Leipziger Wirtschaftsforscher mit der Frage: Kann der Nutzen und Wert von Ökosystemen angemessen bewertet werden?

Weltweit suchen derzeit Regierungen dafür neue Ansätze. Ziel ist es, die Konsequenzen von Naturzerstörung in politischen Entscheidungsprozessen sichtbarer zu machen. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Leipzig hat nun, ursprünglich im Auftrag der britischen Regierung, einen neuen Berechnungsansatz vorgeschlagen. Dieser wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ vorgestellt.

Die Natur als „Dienstleisterin“

Dienstleistungen der Natur, wie das Filtern von Luft und Wasser, das Bestäuben von Nutzpflanzen, der Erholungswert für Menschen oder der Existenzwert von Lebewesen, gehen in teils atemberaubendem Tempo verloren – als Folge von Tier- und Artensterben. Um die Dienstleistungen des Ökosystems besser bemessen zu können, rechnen Staaten die Dienstleistungen der Natur zum Teil in Geldwerte um. Auf der 10. Weltbiodiversitätskonferenz in Japan im Jahr 2010 wurde durch die Staatengemeinschaft beschlossen, dass die Staaten die Werte von Biodiversität in Planungsprozesse integrieren müssen.

Die vorhandenen Methoden zur Berechnung der Werte von Ökosystem-Dienstleistungen berücksichtigen zwar deren heutigen finanziellen Gegenwert, aber nicht, dass die Wertschätzung für die Natur mit der Zeit steigt.

„Das bedeutet, dass Entscheidungsträger bei der Bewertung öffentlicher Investitionen und gesetzlicher Änderungen insbesondere die zukünftigen Werte von Dienstleistungen der Natur nicht angemessen erfassen. Unsere Studie zeigt, dass dies falsch ist und stellt Regierungen eine Formel zur Verfügung, mit denen die zukünftigen Werte von knappen Ökosystemdienstleitungen abgeschätzt und in Entscheidungen berücksichtigt werden können“, so Dr. Martin Hänsel, Juniorprofessor für Inwertsetzung von Natur an der Universität Leipzig und Zweitautor der Studie.

Die Wertanpassung wird maßgeblich von zwei Faktoren bestimmt: Zum einen wird das Einkommen und mit ihm der Wohlstand der Weltbevölkerung schätzungsweise um jährlich zwei Prozent steigen. Die Bereitschaft der Menschen, mehr Geld in den Erhalt der Natur zu investieren, steigt mit wachsendem Wohlstand.

Das knappe Gut Natur

„Zum anderen werden die Dienstleistungen von Ökosystemen wertvoller, je seltener sie werden“, so Prof. Dr. Moritz Drupp von der Universität Hamburg und Erstautor der Studie. „Dass knappe Güter teurer werden, ist ein fundamentales Prinzip in den Wirtschaftswissenschaften – und es greift auch hier. Denn angesichts der derzeitigen Entwicklung müssen wir leider damit rechnen, dass der Verlust von Biodiversität weiter voranschreiten wird.“

Unter Berücksichtigung dieser Faktoren muss der Wert von Ökosystem-Dienstleistungen in heutigen Kosten-Nutzen-Analysen sehr viel höher angesetzt werden als bisher. Wenn lediglich das steigende Einkommen über die kommenden 100 Jahre berücksichtigt wird, müsste der Wert um über 130 Prozent steigen. Noch einmal höher fällt die Wertanpassung für schrumpfende Ökosysteme aus.

Wichtig sei, dass Regierungen die Konsequenzen ihrer Beschlüsse angemessen einschätzen können, da diese die Entwicklung sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können. Dabei soll die neue Methode helfen.

Entwickelt hat sie ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und den USA unter Beteiligung von zwei Autoren der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, Prof. Dr. Martin Quaas und Jun.-Prof. Dr. Martin Hänsel.

„Unsere Studie gibt der ökonomischen Nachhaltigkeitsforschung als zentralem Pfeiler des Zukunftskonzepts unserer Fakultät Rückenwind. Neben der wissenschaftlichen Fundierung geben wir außerdem konkrete Empfehlungen für die ökonomische Bewertung von Natur in der Praxis“, so Hänsel. Das Team berät unter anderem das britische Finanzministerium, das Weiße Haus in den USA und das Umweltbundesamt in Deutschland.

Originalveröffentlichung in „Science“: „Accounting for the increasing benefits from scarce ecosystems

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