Jeder zweite Lehramtsabsolvent musste 2010/2011 außerhalb Sachsens eine Stelle finden

Es ist zwar ein Blick in die Geschichte. Aber er ist sehr erhellend, was den Umgang des Freistaats Sachsen mit seinem eigenen, an den sächsischen Hochschulen ausgebildeten Lehrernachwuchs betrifft. Am Mittwoch, 2. April, wurde die "Zweite Sächsische Absolventenstudie" vorgestellt. Und auch die Lehramtsanwärter von 2010 und 2011 verrieten, wo sie abgeblieben sind. Und warum.

Das Werk ist über 400 Seiten dick. Die Hälfte sind reine Tabellen. Aber genau da stehen die Zahlen, die die Autoren im Textteil nicht extra aufgeführt haben. Auch wenn sie schon für die Jahre 2010/2011 feststellen können, dass die meisten klugen Köpfe, die an einer sächsischen Universität oder Hochschule ihren Abschluss gemacht haben, auch einen Berufseinstieg in Sachsen gesucht haben. Und viele haben ihn auch gefunden: „Es lässt sich konstatieren, dass zwei Drittel der Absolventinnen und Absolventen mit einer in Sachsen erworbenen Hochschulzugangsberechtigung auch in Sachsen ihre erste Erwerbstätigkeit aufnehmen. Jene Alumni, die ihre Studienberechtigung außerhalb Sachsens erwarben, zeigen eine deutlich höhere Mobilität. Von ihnen stiegen 38 % in Sachsen in das Berufsleben ein und 62 % verließen den Freistaat wieder.“

Aber die Gruppe, für die sich Petra Zais, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag, besonders interessierte, die wurde nicht explizit herausgehoben. Die Zahlen zu dieser Gruppe findet man im Tabellenteil versteckt. Aber sie sind deutlich.

„Nun hat es die Staatsregierung schwarz auf weiß: mit ihrer Sparpolitik nötigt sie erfolgreiche Lehramtsabsolventen geradezu, den Freistaat zu verlassen und anderswo ihr Glück zu suchen“, kommentiert Petra Zais das, was sie da gefunden hat. „Es reicht eben nicht, nur die Studienplätze für das Lehramt aufzustocken und neue Stellen zu schaffen. Man muss den jungen Menschen auch eine Perspektive bieten. Wenn von den Lehramtsabsolventen allerdings 49 Prozent, laut Studie, für die Erstanstellung den Freistaat verlassen, dann ist klar, dass es genau an dieser Perspektive fehlt.“

Die Absolventenjahrgänge 2010/2011 erfuhren schon mit voller Wucht, was die CDU/FDP-Regierung mit ihrer Sparpolitik beim Personal der Landesbediensteten vor hatte. Auch der Schulbetrieb wurde rigide knapp gehalten, die Neueinstellungen wurden drastisch heruntergefahren. Und als aus den Schulen die ersten Alarmmeldungen kamen, weil an fast allen Schulen der Stundenausfall immer stärker um sich griff, brachten es einige Lautsprecher der damaligen Regierung tatsächlich fertig, die 2009 aus dem Amt gewählte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) zu kritisieren, sie habe die Lehrerausbildung nicht ausreichend ausgebaut.

Doch die Zahlen aus der Absolventenstudie sprechen eine klare Sprache: Jeder zweite Lehramtsabsolvent musste den Freistaat verlassen und anderswo einen Einstieg in den gewählten Lehrerberuf suchen. Und das lag nicht vorrangig am Geld, auch wenn Petra Zais diesen Punkt auch benennt: „Der Freistaat hat sich auch in den letzten Tarifverhandlungen wieder einer gerechten Lehrerbezahlung verweigert und damit gezeigt, was ihm seine Lehrerinnen und Lehrer wert sind. Im Ergebnis werden in Sachsen die Lehrkräfte nicht nur je nach Schulform unterschiedlich bezahlt, die Gehälter können auch nicht mit denen anderer Bundesländer konkurrieren.“

Was die Lehramtsabsolventen von 2010 und 2011 keineswegs abhielt, trotzdem zu versuchen, in Sachsen eine Stelle zu finden. 35 Prozent der Lehramtsabsolventen haben sogar ausschließlich versucht, in Sachsen einen Start ins Lehrerleben zu schaffen, weitere 38,3 Prozent haben sicherheitshalber sowohl in Sachsen als auch in anderen Bundesländern Bewerbungen geschrieben. Nur 26,7 Prozent haben erst gar nicht in Sachsen gesucht.

Gefunden haben dann deutlich weniger. Nur 51 Prozent der befragten Lehramtsabolventinnen und -absolventen haben auch einen Berufsanfang in Sachsen machen können, 29,6 Prozent haben den Einstieg in einem der westlichen Bundesländer geschafft. Weitere 16,7 Prozent kamen in anderen ostdeutschen Bundesländern unter, 2,6 Prozent gingen ins Ausland.

Damit waren die Lehramtsabsolventen diejenigen, die die niedrigste Chance hatten, ihr Berufsleben auch in Sachsen zu beginnen. In allen anderen Abschlussarten lag die Quote höher.

Und noch frappierender ist eine Tabelle, die man auf Seite 303 der „Absolventenstudie“ findet. Dort wurde nach den Schwierigkeiten bei der Stellensuche gefragt. Und an erster Stelle der Schwierigkeiten nannten die Lehramtsabsolventen: „Es wurden nur wenige Stellen angeboten.“ Mit 87,7 Prozent der Nennung ist das der höchste Wert unter allen befragten Absolventen. Erst weit dahinter kam als Grund: „Es wurden meist Absolventen mit einem anderen Studienschwerpunkt gesucht.“ (41,2 Prozent) Und erst an dritter Stelle kam die Aussage: „Die angebotenen Stellen entsprachen nicht meinen Gehaltsvorstellungen.“ (21,1 Prozent) Ein Wert, der übrigens niedriger war als in den anderen Abschlussgruppen. Die jungen Lehrerinnen und Lehrer hätten augenscheinlich sogar oft genug Abstriche beim Gehalt gemacht – wenn sie denn in Sachsen überhaupt eine Stelle als Lehrerin/Lehrer bekommen hätten.

Wertschätzung für Lehrer – von der sächsischen Regierung spätestens am Tag des Lehrers immer so gern beschworen – sieht anders aus.

„Und wenn die sächsischen Lehrerinnen und Lehrer von ihrem verbrieften Recht, gegen diese Zustände zu streiken, Gebrauch machen, werden sie von der Staatsregierung hierfür auch noch heftig kritisiert. Wer kann es angesichts dieser doppelbödigen Moral den Absolventinnen und Absolventen verdenken, wenn sie in andere Bundesländer abwandern, wo eine bessere Bezahlung oder gar die Verbeamtung wartet?“, fragt Petra Zais. Und betont: „Wir Grünen treten für eine angemessene und gleiche Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen ein. Bisher allerdings hat die CDU/SPD-Koalition diese Vorschläge abgelehnt. Die heute vorgestellte Studie ist ein weiterer Beleg dafür, dass es ein Umdenken braucht, wenn die Unterrichtsversorgung auch in Zukunft gesichert werden soll.“

SparpolitikLehrermangel
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