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Gymnasium als Zielschule und jeder vierte Leipziger Schulabgänger mit miserablen Berufsaussichten

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    Natürlich ist bei diesem Thema an dieser Stelle noch nicht Schluss. Aber die Leipziger Ratsfraktion der Linken und die Landtagsfraktion der Linken haben erst einmal nur zwei "Grünauer Schriften" zur Leipziger Bildung fertig - eine zur frühkindlichen Bildung, eine zu Allgemeinbildenden Schulen. Und Broschüre Nr. 2 endet mit dem Schulabschluss.

    Das ist im sächsischen Bildungssystem die dritte Schwelle, an der nun noch deutlich mehr junge Menschen scheitern als an den ersten beiden Schwellen: der Einschulung und dann der Bildungsempfehlung in Klasse 4.

    Es gibt zwar noch die zweite Empfehlung in der 5. Klasse – aber für die meisten Kinder sind da alle Messen gesungen. Wer es nicht geschafft hat, mit der 5. Klasse aufs Gymnasium zu kommen, hat sich in der Regel abgefunden oder gleich resigniert. Denn auch wenn seit dem letzten Bildungsreförmchen von CDU und FDP auch noch eine zweite Fremdsprache in den in Oberschule umgetauften Mittelschulen angeboten wird, ist der Prozentsatz der Kinder, die dann in Klasse 5 eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium bekommen, gering.

    Für 2015 hat die Grünen-Abgeordnete Petra Zais im März mal die aktuellen Zahlen zur Bildungsempfehlung abgefragt. Danach bekamen in Leipzig 50,42 Prozent der Viertklässler eine Empfehlung fürs Gymnasium. Das liegt – wie schon in den Vorjahren – überm sächsischen Durchschnitt von 46,53 Prozent. Und auch an der regionalen Ungleichverteilung der Quoten hat sich nichts geändert. So bekamen in der Regionalstelle Bautzen nur 41,37 Prozent der Kinder eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium, in der Landeshauptstadt Dresden hingegen 58,79 Prozent.

    In der 5. Klasse bekommen dann nur noch weitere 2,48 Prozent der Schüler sachsenweit eine Empfehlung, aufs Gymnasium zu wechseln – in Leipzig waren es 2,19 Prozent der Mittelschüler. In Zahlen: 21. Es ist zwar ein kleines Stück mehr Flexibilität, ändert aber nichts daran, dass für die meisten Kinder an der Mittelschule (Oberschule) die Gleise ausgefahren sind und die Motivation, einen guten Abschluss zu schaffen, nicht nur drastisch sinkt, sondern in vielen Klassen das Lernklima deutlich verschlechtert.

    Die 50 Prozent, die da als Bildungsempfehlung für die Viertklässler in Leipzig stehen, werden sich erst in den nächsten Jahren auch in der Zahl der Abiturienten auswirken. Die Jahrgänge, die Dr. Dietmar Pellmann in der von ihm geschriebenen Broschüre erfasst hat, sind ja schon 2004 ans Gymnasium gekommen. 2012 haben sie ihr Zeugnis bekommen. Aber in den vergangenen Jahren ist der Anteil der Kinder an Gymnasien permanent gestiegen. In den 1990er Jahren lag er unter 30 Prozent. Da war die Mittelschule tatsächlich noch die Regelschule. Als die Zahl über 30 Prozent anstieg, begann die sächsische Staatsregierung sehr unruhig zu werden. Die Regeln für die Bildungsempfehlung wurden also mehrmals verschärft in der Hoffnung, den Zugang zum Gymnasium zu erschweren.

    Eigentlich kein falscher Gedanke, wenn man am Gymnasium die Leistungsbesten haben möchte, die auch eine Hochschulkarriere als Ziel haben.

    Aber trotzdem ein falscher Gedanke, denn so eine Auslese funktioniert in der 4. Klasse noch nicht. Viele Kinder haben in diesem Alter noch gar nicht ihr Leistungspotenzial entfaltet. Viele haben bis dahin auch keine Chance, ihr Potenzial zu entfalten, weil die Förderangebote an Sachsens Grundschulen fehlen.

    Das Ergebnis ist: Vor allem Kinder aus bildungsnahen Familien erhalten die Bildungsempfehlung fürs Gymnasium. Und Eltern, die ihrem Kind alle Bildungschancen offen halten wollen, tun alles dafür, dass diese Schwelle auch geschafft wird. Davon profitieren dutzende Nachhilfeangebote in Leipzig.

    Und das wird selbst in der Statistik sichtbar. 2008 schafften 40,9 Prozent der Schulabgänger in Leipzig das Abitur, 2012 sackte der Wert aufgrund der staatlichen „Korrektur“ wieder auf 32,5 Prozent. Dietmar Pellmann wundert sich zwar über die Delle. Irgendwann vergisst man einfach, wie oft die Staatsregierung an den Normen schon herumkorrigiert hat.

    Aber sie hat auch durch die Erschwerung des Zugangs zum Gymnasium die Entwicklung nicht gestoppt, dass immer mehr Eltern mit aller Kraft versuchen, ihre Kinder aufs Gymnasium zu bekommen. Schon 2013 und 2014 war wieder sichtbar, wie der Anteil der Abiturienten an der Gesamtabgängerzahl stieg. 2014 wurden wieder 35,9 Prozent erreicht. Und der Wert wird in den nächsten Jahren weiter steigen, je mehr Kinder aufs Gymnasium gehen.

    Die Mittelschule (Oberschule) ist zu einer Schule geworden, in der sich immer mehr Kinder schon auf dem Abstellgleis fühlen. Entsprechend sind die Abschlüsse.

    Nur 36,7 Prozent der Leipziger Schulabgänger erreichten 2012 einen Realschulabschluss, 2014 waren es 42 Prozent. Macht für 2014 einen Wert von 77,9 Prozent der Schüler, die einen guten Abschluss erreichten, mit dem sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben (Abitur plus Realschulabschluss).

    Dass man mit einem Hauptschulabschluss noch gute Chancen hat, das bezweifelt Dr. Dietmar Pellmann wohl zu Recht.

    12,9 Prozent der Schulabgänger bekamen in Leipzig 2014 einen Hauptschulabschluss bzw. einen qualifizierten Hauptschulabschluss. Und weitere 12,9 Prozent gingen ganz ohne Abschluss ab. Endgültig zeigt an dieser Stelle das sächsische Schulsystem, wie sehr es auf Auslese getrimmt ist. Und während die verantwortliche Regierung gern so tut, als sei das gar nicht so beabsichtigt, bekommen das die Eltern sehr wohl mit und versuchen mit allem guten Zureden, Helfen und Nachhelfen ihr Kind aufs Gymnasium zu hieven. Wobei es dann ziemlich egal ist, ob das Kind dann auch das Abitur schafft, denn selbst ein Realschulabschluss am Gymnasium (den
    2013 fast 10 Prozent der Schulabgänger vom Gymnasium bekamen) ist Gold wert in einer Zeit, in der die ausbildende Wirtschaft vor allem leistungsfähigen Nachwuchs sucht.

    Jugendliche, die nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen haben, stellen sich ganz hinten an, wenn die Lehrstellen verteilt werden. Und Viele haben an dieser Stelle in ihrem Lebenslauf schon auf „Ich will nicht mehr“ umgeschaltet.

    Es gibt auch die Jugendlichen, die zwar (oft aus familiären Gründen) den Weg über die Mittelschule (Oberschule) gehen, hinterher aber nicht klein beigeben und ihr Abitur auf dem 2. Bildungsweg nachholen. 100 junge Leute waren das 2013 in Leipzig.

    Aber eines zeigt Pellmanns Statistik natürlich in aller Schärfe: Wie sehr Sachsen eigentlich eine neue, gut strukturierte Mittel-Schule braucht, die vielleicht mal den Namen Oberschule verdient, weil sie bis zur 10. Klasse Ansporn und Anspruch verbindet, um alle, wirklich alle Schüler zu einem hochwertigen Schulabschluss zu bringen. Eingeschlossen so gute Realschulabschlüsse, die den anschließenden Erwerb des Abiturs ermöglichen.

    Was nicht das Ziel sein muss.

    Denn ein Webfehler des auf Auslese fixierten Bildungssystems ist ja dessen starre Fixierung auf das Abitur als Idealziel, ohne dass es daneben gleichwertige Ziele gibt, die eben nicht zur Hochschule führen müssen, sondern in technische und andere Berufsausbildungen, die wirklich attraktiv sind.

    Sachsen verschenkt eine Menge Chancen mit seinem halbdurchdachten Bildungssystem, das letztendlich sogar in sich widersprüchlich ist. Das wird vielleicht Thema in einem der nächsten Hefte von Dr. Dietmar Pellmann, denn während alles auf das Gymnasium als Idealschule hinzielt, hat ja die sächsische Landesregierung in den letzten fünf Jahren eine regelrechte Aversion gegen die Hochschulausbildung entwickelt. Vielleicht als Reaktion auf heftige Kritik aus den Wirtschaftsverbänden, die leider selbst nicht immer sehen, was sie eigentlich für Nachwuchs brauchen: Sie sehen die Leistungsstarken am Gymnasium und im Studium entschwinden, während ihnen die viel gepriesene Mittelschule (Oberschule) 25,8 Prozent Abgänger hinterlässt, die sie eigentlich für anspruchsvolle Berufe nicht ausbilden können.

    Aber wie gesagt: Die Berufsausbildung wäre Thema für eins der nächsten Hefte aus der Werkstatt von Dietmar Pellmann.

    Dr. Dietmar Pellmann „Grünauer Schriften Nr. 2. Bildungschancen an Leipziger Schulen“, Leipzig 2015. Die Broschüre ist im Wahlkreisbüro von Dr. Cornelia Falken und Sören Pellmann in der Stuttgarter Allee 16 in Grünau erhältlich.

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