Vollgestopfte Klassen, doppelte Wiederholerquote und Spitze bei Abgängern ohne Hauptschulzeugnis

Im Grunde ist eine Schulkarriere in Sachsen eine einfache Rechenaufgabe. Was passiert, wenn ich Kinder aus bildungsfernen Familien genauso behandle wie Kinder, die von Haus aus gefördert werden? Was passiert, wenn ich keine besonderen Förderinstrumente einbaue, sondern sogar noch an Lehrern spare und Stundenausfall produziere? Wie viele Kinder fallen dann bei jeder Weichenstellung durchs Raster?

Die Antwort könnte recht klar sein. Wenn die sächsische Regierung nicht alles täte, die Zahlen zu verschleiern. Mittlerweile spricht sie ja von dem „Erfolg“, die Quote der Schüler, die ohne Abschlusszeugnis die Schule in Sachsen verlassen, auf 8 Prozent gedrückt zu haben. Und das, ohne an der Ausstattung der Schulen das Geringste verändert zu haben.

Eine hat’s nicht geglaubt: die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag, Dr. Cornelia Falken. Sie hat nachgefragt und war entsetzt. Am Abschlussmisserfolg sächsischer Schüler hat sich auch 2013 und 2014 nichts geändert. Die Landesregierung hat nur ein paar neue Zertifikate aufgelegt, die den Kindern zwar bescheinigen, die Schule besucht zu haben – aber ein belastbarer Hauptschulabschluss ist es nicht. 2.348 Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss im Jahr 2014, das wären nach Adam Ries 8,7 Prozent. Eigentlich ein schöner Erfolg, nachdem Sachsen jahrelang über 10 Prozent der Jugendlichen ohne richtiges Zeugnis aus der Schule entließ.

Aber die Zahlen aus Leipzig lassen aufhorchen: 12,9 Prozent der Schüler verließen hier 2014 die Schule ohne Hauptschulabschluss. Seit Jahren liegt Leipzig deutlich über der sächsischen Quote. Eigentlich ist das Alarmsignal genug für das Kultusministerium, dass hier mehr Lehrer und mehr Förderung gebraucht werden – und zwar vor allem in den sogenannten Oberschulen. Doch nichts passiert. Die Klassen sind, ganz ähnlich wie in Dresden, vollgestopft bis zum letzten Platz.

Die Kinder werden in die Klassen gestopft

An den Gymnasien ist der einstmals geltende Klassenteiler von 28 Schülern pro Klasse schon lange überschritten. Im Schuljahr 2014/2015 saßen im Schnitt 31,7 Schüler in den Leipziger  Gymnasialklassen. Und man kann mit einigem Grund annehmen, dass es im Schuljahr 2015/2016 noch schärfer ist, denn Leipzig hängt ja bekanntlich beim Schulbau um Jahre hinterher. Und damit die Kinder dann in die verfügbaren Schulen passen, werden halt die Klassen vollgestopft. Übrigens ohne Aufstockung der Lehrer, wie Cornelia Falken anmerkt.

Rechnerisch sitzen in den Oberschulen nur 23,1 Schüler in den Klassen – was zum Teil auch daran liegt, dass viele Eltern mit aller Macht versuchen, ihre Kinder ans Gymnasium zu bekommen nach dem Motto: Lieber ein Abbruch am Gymnasium mit einem ordentlichen Realschulabschluss, als das Kind in die „Null Bock“-Stimmung der Mittelschule zu stecken. Viele Kinder haben hier schon früh das Gefühl, abgehängt zu sein und zu den Verlierern der Gesellschaft zu gehören. Was auch daran liegt, dass CDU und FDP mit ihrem Schulreförmchen eben nicht geschafft haben, die „Oberschule“ wirklich qualitativ aufzuwerten und die Übergänge durchlässiger zu machen.

Wie hochwertig ist die sächsische Schulausbildung?

Die doppelten Bildungsempfehlungen täuschen nicht darüber hinweg, dass das Gymnasium längst die angestrebte Normalschule ist und hier staatlich vorgesiebt wird, wer eine Chance bekommt – und wer nicht. Dass sich das Gefühl, eh schon ausgesiebt zu sein, dann in etlichen „Oberschulen“ auch im Unterricht austobt und die Qualität weiter verschlechtert, macht das Debakel für die betroffenen Kinder erst richtig perfekt.

Denn auch ein Hauptschulabschluss, den viele der „Oberschüler“ nur mit Ach und Krach schaffen, reicht heute nicht mehr, wenn man wirklich eine attraktive Berufsausbildung anstrebt.

Und die Lehrer leiden übrigens auch darunter. Denn die „Oberschulen“ werden sachsenweit genauso knapp mit Lehrern bestückt wie die Gymnasien. Ergebnis: Ein amtlich vom Kultusministerium festgestellter Stundenausfall von 3,3 Prozent an den Gymnasien und 3,6 Prozent an den „Oberschulen“.

Und es wird in der Statistik auch sichtbar, wie schnell die Kinder dabei durchs Raster fallen. Mit 2,7 Prozent der Schüler, die 2012/2013 die Klassenstufe wiederholen mussten, war Leipzig einsame Spitze. Der Sachsendurchschnitt lag bei 1,7 Prozent.

Und wer sich erinnert: Die Staatsregierung versuchte ja gegenzusteuern, indem sie die Quote der Kinder, die aufs Gymnasium drängen, durch neue Regeln zu drosseln versuchte. Das hat tatsächlich nur zu einem geführt: Die Quote der Schüler, die nur den Hauptschulabschluss schafften, ist gestiegen.

An dieser Stelle machen wir morgen dann weiter.

Dr. Dietmar Pellmann „Grünauer Schriften Nr. 2. Bildungschancen an Leipziger Schulen“, Leipzig 2015. Die Broschüre ist im Wahlkreisbüro von Dr. Cornelia Falken und Sören Pellmann in der Stuttgarter Allee 16 in Grünau erhältlich.

BildungspolitikSchuleOberschule
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