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Rektorinnenwahl an der Uni Leipzig: Ein Offener Brief und wenig Zuspruch für universitätseigene Kandidatin

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    Die Juristin Eva Inés Obergfell ist nach der Medizinerin Beate Schücking die zweite Frau in der Geschichte der Universität Leipzig, die das Rektorat leiten wird. Die von der Humboldt-Uni Berlin kommende Juraprofessorin setzte sich am Dienstag, 23. November 2021, im Erweiterten Senat der Uni deutlich gegen die universitätseigene Kandidatin Rose Marie Beck durch. Vor der Wahl hatten Studierende der Universität in einem Offenen Brief fehlende Transparenz und schlechte Kommunikation bezüglich des Todes des dritten Kandidaten vorgeworfen. Die aktuell noch amtierende Rektorin Beate Schücking wies die Vorwürfe zurück.

    Zweite Frau nach Schücking, die die Universität Leipzig leitet

    Die Nachfolgerin Beate Schückings als Rektorin der Universität Leipzig heißt Eva Inés Obergfell. Der Erweiterte Senat der Universität wählte die 49-Jährige am Dienstag im zweiten Wahlgang. Obergfell ist Jura-Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und wird ihr Amt als Rektorin am 1. April antreten.

    Ende März läuft die zweite Wahlperiode der aktuell amtierenden Rektorin Schücking aus, die sich nach dem Sächsischen Hochschulfreiheitsgesetz kein drittes Mal zur Wahl stellen durfte. Schücking leitet die Geschicke der Universität seit 2011.

    „Meine Vision ist es, die Universität Leipzig gemeinsam mit ihnen zu einer modernen, innovativen, in ihrer Tradition verankerten Volluniversität des 21. Jahrhunderts zu formen“, mit diesen Worten wandte sich Obergfell zu Beginn ihrer 15-minütigen Vorstellung an die Mitglieder des Erweiterten Senats. Zentraler Baustein ihres Konzepts für ihre fünfjährige Amtszeit ist die Exzellenzentwicklung.

    Exzellenzförderung für die Uni Leipzig als zentrales Ziel Obergfells

    Die Exzellenzstrategie von Bund und Ländern ist eine hart umkämpfte Geldressource deutscher Universitäten, die sich mit konkreten Forschungsprojekten auf sogenannte Exzellenzcluster bewerben können. Über eine Förderung entscheidet die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Die Universität Leipzig scheiterte zuletzt mit ihrer Exzellenzinitiative.

    2018 kam ihr interdisziplinäres Projekt „Adipositas verstehen“ nicht in die zweite Auswahlrunde der DFG.

    Bis 2027 will Eva Inés Obergfell „zukunftsweisende Clustervorhaben unterstützen“, dabei setzt sie auf Interdisziplinarität und KI-Kompetenz. Auf eine Frage aus dem Podium, wie sie nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre Exzellenz erreichen wolle, antwortete die rhetorisch beeindruckende Juristin sehr diplomatisch: „Die Lehre müsse forschungsbasiert getragen werden, wobei angesichts der hohen Lehrdeputate darauf geachtet werden müsse, dass auch Personen, die stark in die Lehre eingebunden sind, Forschungsmöglichkeiten erhalten. Vor dem teils hohen Lehrpensum darf man die Augen nicht verschließen“, so Obergfell.

    Idee eines Netzwerks ostdeutscher Universitäten

    In ihrer Amtszeit von 2022 bis 2027 will Eva Inés Obergfell außerdem die Internationalisierung der Universität Leipzig vorantreiben, mehr Interaktion mit der Stadtgesellschaft schaffen und das Paulinum als architektonisches Zentrum in einem Konzept des „offenen Campus“ etablieren. Ihr schwebt zudem die Idee eines Netzwerks aus ostdeutschen Universitäten vor. Auch will Obergfell Wissenschaftskommunikation und Transferprojekte fördern.

    Ein Beispiel für Wissenschaftstransfer ist die Beteiligung der Uni an sogenannten Großforschungszentren des Bundes. Eines davon entsteht aktuell im mitteldeutschen Braunkohlerevier, um den Strukturwandel zu unterstützen.

    Die Universität Leipzig hatte sich mit drei Projektideen dafür beim Bund beworben, zwei davon kamen in die nächste Runde und werden derzeit zu umsetzbaren Konzepten weiterentwickelt. Obergfell erwähnte die Großforschungszentren explizit in ihrer Präsentation am Dienstag.

    Obergfell kann sich Prorektor/-in ohne Professur vorstellen

    Als zukünftige Rektorin darf Obergfell drei Prorektor/-innen vorschlagen, die dann vom Senat gewählt werden. Obergfell will nach eigener Aussage ein Rektoratsmitglied aus der Medizin vorschlagen. Auch schwebt ihr ein Rektorat vor, das für Digitalisierung zuständig ist. Die Frage, ob sie sich vorstellen könne, eine Person ins Rektorat zu holen, die keine Professur innehat, bejahte Obergfell.

    „Unter der Voraussetzung, dass die erforderlichen Kompetenzen für diese Führungsposition da sind, kann ich mir alle Mitglieder der Universität in diesem Amt vorstellen.“ Das aktuell amtierende Rektorat ist ausschließlich mit Professor/-innen besetzt.

    In einer 30-minütigen Fragerunde wurde Obergfell am Dienstag außerdem auf die potenzielle Weitergabe von Daten über Studierende und studentische Gruppen an Polizei und Verfassungsschutz angesprochen. 2019 war bekannt geworden, dass sich Rektorin Schücking mit dem Verfassungsschutzpräsidenten und dem damaligen Leipziger Polizeipräsidenten getroffen hatte.

    In dem Gespräch ging es auch um die sogenannten Kritischen Einführungswochen (KEW), ein linkes Alternativprogramm zu den regulären Einführungswochen an der Hochschule. Im Rahmen der KEW finden zu Beginn eines jeden Semesters seit vielen Jahren Podiumsdiskussionen, Stadtrundgänge und Workshops statt. „Ich sehe die Universität als freie und offene Einrichtung“, antwortete Obergfell auf die Frage.

    Die Informationsweitergabe an staatliche Sicherheitsorgane habe „hier grundsätzlich keinen Platz“. „Selbstverständlich werde ich aber den rechtlichen Rahmen erfüllen“, ergänzte die Juristin.

    Universitätsinterne Kandidatin erhielt nur sehr wenig Zuspruch

    Eva Inés Obergfell setzte sich im zweiten Wahlgang gegen die universitätsinterne Kandidatin Rose Marie Beck durch, Professorin für Afrikanistik und Dekanin der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Regionalwissenschaften. Im ersten Wahlgang erhielt keine der beiden Kandidatinnen die erforderliche absolute Mehrheit von mindestens 46 Stimmen: Von den 84 anwesenden wahlberechtigten Mitgliedern des Erweiterten Senats stimmten 37 für Obergfell und 22 für Beck. 25 kreuzten „Nein“ an und gaben somit keiner der beiden Kandidatinnen ihren Zuspruch.

    Damit wurde ein zweiter Gang zur Urne nötig, bei der Obergfell schließlich mit 49 Stimmen die nötige absolute Mehrheit knapp bekam. Auf Afrikanistik-Professorin Beck fielen im zweiten Gang nur noch 18 Stimmen. 16 Personen kreuzten „Nein“ an, eine Stimme war ungültig. Der Erweiterte Senat umfasst 91 stimmberechtigte Mitglieder, woraus sich die erforderliche absolute Mehrheit von 46 Stimmen ergibt.

    Zukünftige Rektorin hat Erfahrung in leitenden Uni-Positionen

    Dass sie „von außen“ kommt, also bisher kein Mitglied der Universität Leipzig ist, und nun direkt die wichtigste Führungsposition einnimmt, sieht Eva Inés Obergfell als klaren Vorteil. Von dem „frischen Blick der Außenperspektive“ habe sie in ihrer Laufbahn mehrfach profitieren können.

    Obergfell studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Bielefeld, Straßburg und Konstanz. Sie nahm ein Zweitstudium der Romanistik auf und beschäftigte sich neben ihrer Promotion mit den Medienwissenschaften.

    Im Jahr 2000 wurde sie an der Universität Konstanz promoviert, 2010 folgte die Habilitation. Obergfell war unter anderem als Rechtsanwältin, Wissenschaftliche Assistentin an der TU München und als Lehrstuhlvertretung an der RWTH Aachen, der Uni Mannheim und der Uni Bonn tätig. Seit 2011 ist sie Professorin für Bürgerliches Recht, Gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Humboldt-Universität zu Berlin.

    An derselben Universität war sie auch als Studiendekanin und Prodekanin für Forschung an der Juristischen Fakultät tätig. Bis vor kurzem war sie außerdem Vizepräsidentin für Lehre und Studium an der Humboldt-Uni.

    Dritter Kandidat kurz vor der Wahl verstorben

    Kurz vor der Wahl, am 11. November, war der dritte zur Wahl stehende Kandidat, Ulf Diederichsen von der Universität Göttingen, nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Aufgrund seiner schweren Erkrankung hatte Diederichsen seine Bewerbung am 7. November zurückgenommen. Der Erweiterte Senat hielt zu Beginn der heutigen Sitzung eine Schweigeminute für ihn ab.

    Rektorin Schücking bezeichnete Diederichsens Tod als tragisch. Der Tod eines Kandidaten sei undenkbar in einem solchen Bewerbungsprozess und habe alle Beteiligten erschüttert. „Er war kein Hochschulmitglied, aber ich weiß, dass er sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Universität Leipzig befasst hat und bereit war, seine Arbeitskraft in die Universität zu investieren.“ Schücking hat nach eigener Aussage Briefe mit der Familie des Verstorbenen ausgetauscht.

    Offener Brief wirft Unileitung fehlende Transparenz vor

    Kurz vor der Rektorinnenwahl veröffentlichten Studierende einen Offenen Brief, in dem sie die Umstände der Wahl kritisierten. „Die Bekanntgabe von Diederichsens Tod erfolgte nicht über die Universität, die – ohne sich zu äußern – den Wahlprozess einfach fortsetzte“, steht in dem zweiseitigen Dokument, das auch im Audimax am Dienstag ausgeteilt wurde. Bei der Ankündigung der Anhörung der Kandidierenden auf ihrer Website sei der Tod Diederichsens der Universität nur eine Fußnote wert gewesen, so die Kritik im Offenen Brief.

    Neben dieser „mangelnden Wertschätzung des Menschen“ kritisierte der Brief die „Engführung der Kandidat/-innenliste“ und die „fehlende Transparenz im Wahlprozess“. Unzumutbar kurze Fristen der Anhörung der Kandidierenden und die fehlende Einbindung von Studierenden und des nichtakademischen Personals seien Zeichen fehlender demokratischer Kultur an der Uni.

    Zudem wirft der Brief der Universitätsleitung vor, die Auswahlkriterien, anhand derer Bewerber/-innen bewertet werden, für Studierende, nichtakademische Mitarbeiter/-innen und für die Öffentlichkeit nicht klar zu kommunizieren.

    Im Brief fordern die Studierenden deshalb eine Verschiebung und Neuauflage der Wahl, eine erneute Öffnung der Kandidat/-innenliste und die Überarbeitung des Wahlsystems. Außerdem soll ein „kollektiver Reflexionsprozess über die Strukturen, Werte und Hierarchien der Universität“ angestoßen werden. Unterzeichnet haben den Brief neben Einzelpersonen verschiedene Hochschulgruppen, darunter Amnesty International, Bipoc, der SDS, KompOst und die Kritischen Einführungswochen (KEW).

    Eine Unterstützerin des Briefs meldete sich am Dienstag während der Fragerunde zu Kandidatin Beck am Mikrofon und trug all diese Kritikpunkte vor. Rektorin Schücking schüttelte während des Redebeitrags mit dem Kopf. „Ich muss den Vorwurf der Intransparenz deutlich zurückweisen“, erwiderte sie schließlich. Die Universität habe die Wahl gesetzeskonform durchgeführt und stets versucht, die Abläufe transparent zu machen.

    Der Bewerbungs- und Auswahlprozess ist laut Schücking im Senat nachvollziehbar gewesen. Ihm gehören vier Studierende als stimmberechtigte Mitglieder an. Schücking wies außerdem darauf hin, dass der Senat hochschulöffentlich tage, womit alle Mitglieder der Universität Zugang hätten.

    Schücking weist Vorwurf des unangemessenen Umgangs mit Diederichsens Tod zurück

    Schücking gab sich verwundert über den Vorwurf des Offenen Briefes, die Uni habe bezüglich des Tods von Ulf Diederichsen schlecht und mit mangelnder Wertschätzung für den Verstorbenen kommuniziert. „Wir haben als Unileitung versucht, so klar wie möglich zu kommunizieren, nicht nur in privaten Briefen an die Familie, sondern durch eine Pressemitteilung“, stellte die Rektorin klar.

    Eine kurze Pressemitteilung zum Tod Diederichsens hatte die Universität am 13. November herausgegeben, zwei Tage, nachdem er verstorben war. Am Tag davor hatte Diederichsens Universität in Göttingen die Öffentlichkeit über seinen Tod informiert.

    Die Fußnote zu seinem Tod, von der im Offenen Brief die Rede ist, setzte die Uni am 12. November unter einem Text auf ihrer Website, der ein Monat zuvor veröffentlicht worden war. In dieser Mitteilung wurden die drei damals Kandidierenden vorgestellt und auf eine hochschulöffentliche Vorstellungsrunde am 29. Oktober hingewiesen. An dieser Vorstellungsrunde nahm Diederichsen nicht teil.

    Dass Diederichsen aufgrund seiner schweren Erkrankung aus dem Bewerbungsprozess herausfällt, wusste die Universität spätestens zu dem Zeitpunkt, als er seine Kandidatur am 7. November zurückzog. Dazu gab es weder auf der Website noch auf den Social-Media-Kanälen der Uni eine Information.

    Schückings Stimme war während ihrer Antwort Verwunderung zu entnehmen. „Wie kommen Sie dazu, solche Fragen zu stellen? Warum haben Sie das eine oder andere nicht mitbekommen?“, fragte sie mit Verweis auf die Pressemitteilung. Sie bot den Verfasser/-innen des Offenen Briefs ein Gespräch an.

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