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Die neue Ausgabe der Leipziger Zeitung beschäftigt sich mit Rockern, Kreativen und den Abgründen der Selfie-Kultur

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    Wenn man nur dranbleibt, dann merkt man, wo es in unserer Gesellschaft krankt, kracht und knirscht. Selbst wenn man es so nicht plant und die Autoren der Leipziger Zeitung einfach aufmerksam bleiben in ihren Geschichten. Die neue LZ Nr. 33 liegt heute am Kiosk. Und wir hätten dick und fett drüber schreiben können: „Egoismus macht krank“. Ja, „Brexit“ kommt auch drin vor.

    Aber nur ganz hinten, aufgespießt von Schwarwel und Ilse Schnickenfittich. Quasi als letzter Paukenschlag, nachdem wir uns durch ein ganzes Dutzend Aspekte des heutigen Egoismus gearbeitet haben, gern auch als Selfie-Wahn verspottet.

    Es gibt ja immer noch Leute, die glauben, die ganze Selfie- und Darstellungsflut in den asozialen Netzwerken wäre so eine Art natürliche Präsentationslust des Menschen, die halt nur erst mit den neuen digitalen Mitteln möglich wurde. Aber ist es nicht anders? Funktionieren hier nicht die falschen Märchen einer Gesellschaft, die alles zur Ware macht? Auch den Menschen und seine Daten?

    Und wie viel Verlust an Selbstbestimmung steckt hinter diesem Ausverkauf der Privatheit? Darauf stieß Daniel Thalheim bei der Begegnung mit der Kunst von Inka Perl.

    Aber was hat dieser moderne Exhibitionismus mit der Gesellschaft zu tun? Grenzenlose Freiheit hier – dumpfes „Wir möchten unseren König wiederhaben“ auf der anderen Seite. Ein gefundenes Fressen für Jens-Uwe Jopp, der sich – ganz historisch – mit der menschlichen Hilflosigkeit beschäftigt, ein selbstbewusster Citoyen zu sein – und der damit heillos schwankt zwischen autoritärer Unterwerfung und blinder Besitzgier. Nur weg, raus aus der quälenden Frage, warum eine von Selfies besessene Gesellschaft immer unsolidarischer wird.

    Schüsse auf der Eisenbahnstraße?

    Logisch, dass auch die ins Blatt scheppern. Denn sie haben den so sehr mit ihren Selfies beschäftigten Leipzigern gezeigt, was sie gern ignorieren: Dass überall dort, wo eine Gesellschaft Grauzonen und blinde Stellen zulässt, auf einmal Organisationen Fuß fassen, die im Zwielicht gute Geschäfte machen. Und dann, wenn es Konkurrenz gibt, zu anderen Methoden greifen. Ein Fall, der gezeigt hat, was da in der Bundesrepublik seit Jahren ignoriert wurde.

    Aber ist das Gegenteil einer vom eitlen Selbstbild besessenen Welt nun tatsächlich der piefige Kanzler in Lederstiefeln? So ein grummelnder Nationalismus aus dem Gefühl heraus, dass Freiheit und gleiche Rechte für alle Ursache aller am Stammtisch empfundenen Übel ist?

    Zeigen nicht gerade reihenweise aus der Verantwortung fliehende „Brexit“-Schauspieler, was herauskommt, wenn nur das blanke Ego Politik macht?

    Nicht ganz.

    Denn tatsächlich fehlt es in ganz Europa an etwas völlig anderem: an echter Teilhabe nämlich, echter Solidarität. Das sind Dinge, die die Gier nach Geld nicht herzustellen vermag. Der Nährboden für die dunklen Ressentiments ist in so mancher Statistik nachlesbar – im frisch erschienenen „Leipziger Sozialreport“ (über den Michael Freitag schreibt) genauso wie in einer Liegenschaftspolitik, die den jungen und unangepassten Stadtbürgern die Freiräume nimmt. Was René Loch am Beispiel eines heruntergekommenen und mit viel Aufmerksamkeit besetzten alten DB-Gebäudes beleuchtet.

    In gewisser Weise ist es die Rückseite dessen, worüber sich Leipziger Immobilienentwickler derzeit freuen: Dass es sich wieder lohnt, Lücken in einstigen Leipziger Prachtstraßen mit neuen Visionen zu füllen. Wie am Ostplatz – Daniel Thalheim hat mit dem Leipziger Architekten gesprochen, der hier neue Stadtdominanten wachsen sieht.

    Ein Artikel, der nicht zufällig neben René Lochs „Herzkrank und familienfeindlich“ gelandet ist, einem Artikel zur sächsischen Abschiebepraxis. Wenn ein Land nicht den Mut hat zur Solidarität, wird es feige und grantelig.

    Was geht in der Kreativ- und Kulturszene Leipzigs?

    Dass Sachsen dabei immer wieder mit seinen größten Reichtümern umgeht, als wäre es billiger Schrott, auch das war ein Thema für Daniel Thalheim, der mal in die Leipziger Kreativszene hineingeleuchtet hat – gern gefeiert, aber gern knapp gehalten. Auch das gehört übrigens zum modernen Selfie-Wahn: Wenn lauter Ich-bin-Wers die Kanäle mit denselben sinnfreien Jubelbildern füttern, wird die wirklich kreative Arbeit entwertet. Sind ja auch nur Fotos, Texte, Gigs. Kann doch jeder …

    Da wirkt die Wahl von Skadi Jennicke zur neuen Kulturbürgermeisterin wie ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Sie kennt die Szene, hat sich auch mit den Leipziger Selbstausbeutern beschäftigt, als die Leipziger Spitzenpolitiker sich lieber in Reihe 1 des Gewandhauses fotografieren ließen. Ist ja nicht so, dass die Eitelkeit der Massen ihr Vorbild nicht in der Eitelkeit der heutigen Spitzendarsteller hätte.

    Die sich so gern als Macher zeigen, souverän in einem Reich der genormten Erwartungen.

    Und unverhofft rutschte da auch noch Luther rein, dieser Trumm von Mönch, Theologieprofessor und „Ich kann nicht anders“, der da vor 500 Jahren augenscheinlich an etwas litt, was den Heutigen (zumindest den Sensiblen und Kreativen) durchaus vertraut sein dürfte: der Not, das richtige Leben zu leben und nicht in falschen Situationen zu leiden, an falschen Hierarchien und fremdbestimmten Ritualen.

    Also gibt es nicht nur die Besprechung zu Joachim Köhlers Buch „Luther!“, sondern auch eine doppelseitige Einladung, auf Luthers Spuren durch Leipzig zu laufen und sich was zu denken dabei.

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